logo-dav-116x55px

Gelungener Start in die Wettkampfsaison: der 1. DJC in Nürnberg hat überzeugt!

25.03.2021, 11:30 Uhr

Wechselnde Hygienebestimmungen, unterschiedliche Trainingsbedingungen, steigende Fallzahlen, der Schutz aller Beteiligten, eine Leichtathletik Hallen EM als Corona-Verteiler… Jede zweifelnde Stimme ist verständlich! Doch was ist mit der Zukunft des Sports, der Bedeutung eines Jugendcups für den restlichen Saisonverlauf, Auswirkungen auf Paris 2024, Auswahlkriterien, die Zukunft und Förderung der Athletinnen und Athleten, Zwischenziele, Wertschätzung...? Bei objektiver Betrachtung gibt es eine Bedingung, die gewährleistet sein muss, um ein solches Leistungssportevent durchzuführen: Der Schutz aller Teilnehmenden! Ohne ein umfassendes Hygieneschutzkonzept unmöglich. Ein Wettkampf ohne Publikum, ohne Eltern, verteilt auf zwei Tage, mit viel Platz, FFP2 Maskenpflicht, und vielen weiteren Vorgaben musste es werden. Ein Wettkampf, der einen perfekten Ablauf und eine enorme Disziplin voraussetzt! Der Deutsche Jugendcup in Nürnberg war DER Testlauf für den weiteren Verlauf der Saison 2021. Und er hat überzeugt! Nicht nur in Bezug auf die Organisation und die Durchführung, sondern vor allem auch hinsichtlich der Leistungen der Athletinnen und Athleten.

 

 

 

 

Jugend B

In der Qualifikation der Jugend B männlich setzten sich Finn Altemöller (DAV Rheinland-Köln) und Johann Söhngen (DAV Frankfurt/Main) mit vier TOPs vom Rest des Feldes ab. Besonders war im Vergleich zu vorherigen DJCs, dass die Qualifikation im Intervallmodus geklettert wurde. Neben der Vermeidung von Kontakten, konnten einige der jungen Athletinnen und Athleten so auch den für sie bis dato unbekannten Finalmodus kennenlernen. Im Gegensatz zur sonst offenen Qualifikation, werden die Athleten hier isoliert und absolvieren die Boulder einzeln und nacheinander in definierter Reihenfolge. Zusätzlich ist ein Zeitlimit von fünf Minuten für jede Runde definiert. 

In der Finalrunde zeigte Söhngen erneut seine Stärke und kletterte souverän auf den ersten Platz. Auch Timo Ossig (DAV Allgäu-Kempten) konnte bis zum Ende Ruhe bewahren und kletterte als Einziger neben Söhngen M4. Mit drei TOPs und vier Zonen zog er an Altemöller vorbei und sicherte sich den Vizetitel.

Bei der weiblichen Jugend B zeigten die Athletinnen ein homogeneres Niveau. Zehn Ahletinnen mit jeweils vier TOPs qualifizierten sich für das Finale. Angeführt von den drei gleichplatzierten Finja Dopheide (DAV Dortmund), Mia Guttenberger (DAV Bad Tölz) und Charlotte Schiefer (DAV Schwaben) war noch keine klare Tendenz für das Finale erkennbar.

In diesem hatte dann Annika Müller (DAV Augsburg) mit vier TOPs und sieben Versuchen den nötigen Biss und erreichte den ersten Platz. Dicht gefolgt von Guttenberg und Schiefer auf Platz zwei und drei. Auch hier zeichnete sich ein konstantes Niveau mit vier TOPs bei fünf Athletinnen fort.

 

Jugend A

„Wo ist denn die Stimmung hin???“, fragte unser Moderator an Tag zwei nach der Qualifikation.

Wie bestellt, so geliefert.

TOPs in letzter Sekunde, Hooks, bei welchen selbst die Boulderschiris die Augen schließen, unglaublicher Wille, Einsprüche und Fair Play - Willkommen in der Jugend A!

 

In der Qualifikation der weiblichen Jugend A gab es jedoch erstmal einen moralischen Dämpfer. So reichte ein TOP bereits aus um ins Finale einzuziehen. Mit zwei Bouldern dominierten Marina Hermann (DAV München-Oberland), Lili Cornely (DAV Rheinland- Köln), Anna-Lena Wolf (Generation Rocklands) und Nuria Brockfeld (DAV Osnabrück) die Qualifikation.

In der Finalrunde hieß es: nochmal drauflegen. Nach zwei sehr physischen Problemen, von welchen ersteres ohne TOP blieb, hieß es in zwei Platten Ruhe zu bewahren.
Anna Maria Apel (DAV München-Oberland) ist nicht grundlos Nachwuchsathletin im Bundeskader und riss sich zusammen. Mit Start der letzten Minute stieg sie erneut in F4 ein, meisterte die Zone und konnte mit dem Schlusssignal den TOP-Griff halten. Damit sprang nicht nur die Halle auf, sondern auch Anna auf Platz eins. Die Halterin des Speed–Rekords im Jahr 2020 scheint mit Zeitdruck umgehen zu können.

Anna-Lena Wolf musste dagegen nach einem gültigen Einspruch zu einem grenzwertig gegebenen TOP als letzte Starterin nochmals an F3. Mit kühlem Kopf konnte sie jedoch den Boulder im ersten Lauf erneut klettern und sicherte sich somit Platz zwei. Platz drei ging mit gleicher Wertung, aber mehr Versuchen an Nina Ulitzsch (DAV Reutlingen).

 

 

Die männliche Jugend A startete mit einem steilen Sloperboulder in den Wettkampf. Mit M2 dann auch hier ein moralischer Deckel, ein hartes Leistenproblem – ungeklettert. Insgesamt acht Athleten konnten sich am Ende mit drei TOPs vom Rest absetzen.

In der Finalrunde zeigte Thorben Perry Bloem (DAV Braunschweig) seinen unbändigen Willen, konnte sich an M4 trotz zweier Ausrutscher halten und sicherte sich somit den Titel. Dass dieser aber unter wohlwollenden Bedingungen zustande kommen sollte, war dem jungen Mann aus dem Norden eine Herzensangelegenheit. Er nutze die Restzeit, schnappte sich die Bürste und putze für Emil Zimmermann (DAV Freiburg-Breisgau, Platz 4) noch mal ordentlich alle Griffe. Das nennen wir wahres Fair Play. Danke dafür, Thorben!

Mit einem riskanten Hook zwischen zwei Volumen und Griff ließen Leander Carmanns (DAV Rheinland-Köln) und Florian Schweiger (DAV Ringsee) alle Anwesenden zittern. Beide blieben dennoch dran und so kletterten die beiden auf Platz zwei und drei.

 

Mit dem Finale der Jugend A ging nicht nur ein genialer Wettkampf zu Ende, es löste sich auch die Anspannung vieler Verantwortlicher. Der Mehraufwand, die Bereitschaft zur Verantwortung sowie das gegenseitige Vertrauen ist in der aktuellen Zeit eine Seltenheit geworden. Wir möchten uns daher vor allem nochmals beim E4 Nürnberg bedanken. Ohne jede/n Einzelne/n von euch wäre das Event nicht möglich gewesen. Vielen Dank!

 

Nachgehakt

Wir haben nach dem ersten DJC in Nürnberg mit dem Sieger und der Siegerin in der Jugend A gesprochen. Zwei Gesichter, die wir uns für die Zukunft merken sollten. Thorben Perry Bloem und Anna Maria Apel sind beide im Nachwuchskader des DAV und haben bereits eine beeindruckende Wettkampfhistorie. Wir haben beide mit ein paar Fragen zum 1. DJC und ihren Wünschen für die Zukunft gelöchert.

 

Anna Maria Apel

DAV: Wie waren die Trainingsbedingungen für dich als Nachwuchskader-Athletin und den Rest des Teams in den letzten Wochen?

Anna: Für mich waren die Trainingsmöglichkeiten sehr gut. Wir konnten die meisten Hallen mit einem ausgefeilten Hygienekonzept besuchen. Masken und Abstände haben natürlich trotzdem zum Alltag gehört, doch das ist ja mittlerweile selbstverständlich. Auch ein paar Trainingslager des Bayernkaders konnten auf die Beine gestellt werden. Darüber bin ich sehr froh.

 

Der erste Boulder im Finale war ja gleich mal ein ziemliches Brett, ohne TOPs und physisch anspruchsvoll. Was geht einem danach in der Iso durch den Kopf?

Natürlich ganz viel. Man ärgert sich im ersten Moment erstmal sehr über sich selber. Dann denkt man darüber nach, wie es gegangen wäre und ob die anderen Starter es geschafft haben. Um den Kopf für den nächsten Boulder frei zu bekommen, muss man versuchen den Schalter umzulegen und den Boulder abzuhaken. Das ist für mich eher schwierig. Ich bin schnell frustriert und würde am liebsten alles hochkommen.

 

Den Podiumsplatz hast du dir in letzter Sekunde gesichert. Du scheinst unter Wettkampfbedingungen und Zeitdruck sehr gut zurecht zu kommen. Täuscht das?

Naja, ich würde schon sagen, dass ich ein Wettkampftyp bin. Ich mag das Adrenalin und die Atmosphäre. Das pusht mich und hilft mir mich an meine Grenzen zu bringen. Auf der anderen Seite habe ich viel mit Nervosität zu kämpfen und bin immer unfassbar aufgeregt vor und während des Wettkampfs. Der Zeitdruck macht mir eigentlich nicht wirklich Probleme. Klar, man lässt sich manchmal aus der Ruhe bringen, aber er ist auch eine gute Orientierung, wenn man auf der Matte steht. Es hilft ja auch nicht tausend unnötige Versuche zu machen, man muss sich die Zeit einteilen. Das muss natürlich trainiert werden. Zudem motiviert es natürlich, wenn man noch 3 Sekunden auf der Uhr hat und kurz vor dem Top hängt und der Countdown schon läuft. Das ist ja klar.

 

Was nimmst du für dich mit ins Training und die nächsten Wettkämpfe?

Vor allem, dass man auch in letzter Sekunde nicht aufgeben, sondern alles geben sollte. Das hat mir der letzte Boulder auf jeden Fall gezeigt. Außerdem, dass man den Kopf nicht hängen lassen soll, wenn es mal nicht so läuft wie in der Quali. Natürlich bin ich aber auch nicht vollends zufrieden. Wäre ja auch blöd, wenn ich schon perfekt wäre. Ich glaube, ich muss weiterhin an meinem Kopf, vor allem meiner mentalen Stärke, arbeiten. Nervosität mindern, Leichtsinnsfehler vermeiden, die Boulder lesen und manchmal einfacher denken, steht auch auf dem Plan. Natürlich werde ich mich jetzt nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern genauso weiter trainieren und noch mehr. Ein super Gefühl, dass ich eine gute Chance habe in der Jugend A mitzuspielen.

 

Der Klettersport hat in den letzten Jahren einen rasanten Wandel hinter sich und wird sich wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren stark formen. Stimmt die Richtung für dich? Was wünscht du dir für die nächsten Jahren?

Ich denke die Richtung stimmt. Ich wünsche mir, dass der Klettersport populärer wird und mehr Menschen aufmerksam werden. Dadurch erwarte ich, dass wir Sportler auch mehr Unterstützung bekommen und es uns etwas leichter gemacht wird. Außerdem hoffe ich natürlich, dass Klettern weiterhin olympisch bleibt. Das würde unserem Sport sehr gut tun! Speed als Disziplin muss auch zukünftig einen Platz im Wettkampfklettern haben. Vor allem der Dreikampf ist eine Bereicherung für den Sport. Im Großen und Ganzen wünsche ich mir einfach, dass Klettern aus dem Schatten mehr in den Vordergrund tritt.

 

Möchtest du noch was loswerden?

Ich war mit der Organisation des Wettkampfs sehr zufrieden und hoffe, dass es auch weiterhin möglich ist solche zu veranstalten. Auch der Routenbau hat tolle Arbeit geleistet. Danke, dass ein solcher Wettkampf bei so schwierigen Bedingungen möglich gemacht wurde. Ich freue mich auf weitere erfolgreiche, schöne Wettkämpfe in naher Zukunft und hoffe, dass sich die Corona-Situation schnellstens normalisiert. Nicht nur für uns als Athleten, sondern vor allem auch für die Kletterhallen und die gesamte Szene. Außerdem ist es nicht das Gleiche ohne Zuschauer und Stimmung auf den Wettkämpfen.

 

Thorben Perry Bloem

DAV: In letzter Zeit sind leistungssportliche Wettkämpfe seltene Events geworden, die selbst bis wenige Tage vorher noch auf der Kippe stehen. Mit welchem Gefühl bist du auf den Wettkampf gefahren?

Thorben Perry Bloem: Klar da hast du recht, es wurden leider echt viele Veranstaltungen abgesagt und nachdem wir ja schon in 2020 nur einige wenige Wettkämpfe hatten, freute ich mich, wie so viele andere wohl auch, auf ein neues Jahr, in welchem wieder viel abgehen kann. Als es dann dieses Jahr wie im letzten losging und die Wettkämpfe teils abgesagt wurden, fand ich das natürlich schon echt schade. Da aber auch in 2020 wegen der wenigen Events schon so viel Zeit war, hatte ich die Möglichkeit mal etwas mehr an den Fels zu kommen. Daher war ich auf jeden Fall auch für dieses Jahr motiviert, wie auch immer es nun ausgesehen hätte. Nun ja mit dem Wettkampf gestern gings dann ja wieder los. Es war schon irgendwie ein wenig surreal, dass man jetzt wieder vor dem M1 Schild auf der Matte stehen soll. Wir hatten im Voraus auch nicht sehr viele Teamtrainings. Ich wusste daher auch nicht wirklich, wie stark die anderen gerade so sind. Mit den vielen Ungewissheiten habe ich mir vor diesem Wochenende einfach gesagt: Ich lass es auf mich zu kommen, gebe mein bestes und genieße einfach endlich mal wieder das Wettkampffeeling!

 

Das Teilnehmerfeld war nach der Qualifikation mit 7 mal der Wertungen 3T4Z noch recht dicht beisammen. Vor allem in M4 im Finale hast du nochmal stark gekämpft um einen weiteren Versuch zu vermeiden. Hattest du da bereits im Kopf, dass es auch im Finale eng werden könnte?

Ja! Dieses Jahr ist das Starterfeld wirklich taff und das hat sich definitiv auch in der Quali nochmal deutlich gemacht. Ich wusste auf jeden Fall, dass jeder mögliche Fehler vermieden werden sollte. Mit Leander hatte ich ja auch schonmal echt ein Tier vor mir und als der nach drei Minuten schon wieder in die Iso kam, wusste ich, die Versuche spielen eine große Rolle. Ich muss aber auch gestehen, mir war bewusst, dass mein Spannungsbogen in der Konzentration und Kraft schon leicht am Nachlassen war und dass ich mir auch hier keinen Fehlversuch mehr leisten dürfte. Ich hätte die Qualität meiner Versuche nicht mehr hochhalten können. Aber wie schon gesagt, es ging mir nicht zu sehr ums Ergebnis und ich hätte es meinen Mitstreitern genau so gegönnt. Meine Hauptmotivation war wohl den Boulder für mich zu schaffen, um auch persönlich, einen mentalen Erfolg zu verzeichnen und mich quasi selbst zu besiegen.

 

Emil Zimmermann hätte in letzter Sekunde fast noch M4 getoppt und wäre damit an dir vorbeigezogen, konntest du zu dem Zeitpunkt den Wettkampf bereits verfolgen?

Ich war zwar noch in der Einspruchsfrist, aber man bekommt natürlich mit, wer was toppt und ich wusste, dass Emil den zweiten Boulder gemacht hatte. Ich hatte auch eigentlich damit gerechnet, dass er den letzten Boulder klettert. In der Quali ist er ja durch die M4 Platte geschwebt! Ich hatte mich echt schon damit abgefunden, dass er gewinnt. Und wenn man dann so in der Iso sitzt und man hört die wenigen Coaches und Helfer, die da waren immer wieder raunen, da beginnt dann natürlich die Spekulation im Kopf. Was wenn er nicht toppt? Wie steh ich mit meinen Versuchen? Was haben die anderen getoppt? … nun ja wie es halt so ist...

 

Wir hoffen, dass du die Wettkampfkletterszene die nächsten Jahr weiter begleiten wirst. Was wünscht du dir für die Zukunft für dich und von deinem Sport?

Boa ich hoffe einfach, dass das Klettern so bleibt, wie es ist. Das ist ein sau geiler Sport und die Dynamik und Gemeinschaft ist einfach mega!

Ich hoffe, dass diese letzte DJC Saison für mich soweit wie geplant ablaufen kann und dass ich noch viele schöne Erfahrungen mitnehmen kann.

Auf ein gesundes sportliches Jahr für uns alle!