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Interview mit Yannick Flohé

01.04.2019, 11:01 Uhr

Yannick Flohé war im vergangenen Jahr der Shootingstar der Wettkampfszene. Der zweifache Deutsche Meister (Bouldern und Speed) hatte sich nach seinem Abitur im Jahr 2017 voll auf das Klettern konzentriert und gezielt an seinen Schwächen gearbeitet. Das hat sich für den 19-jährigen Essener gelohnt: 2018 erzielte Yannick auch international sehr gute Platzierungen und war bei einigen Worldcups im Halbfinale am Start. Yannick gilt bei den deutschen Herren neben Jan Hojer und Alexander Megos als Anwärter für die Olympischen Sommerspiele in Tokio 2020.

Wie lange kletterst du schon und wie bist du zum Klettern gekommen?

Seit ungefähr 13 Jahren. Meine Eltern klettern auch beide und waren im Nationalkader. Die haben mich dann schon sehr früh in die Kletterhalle mitgenommen. Ich war damals so ungefähr sechs Jahre alt. Richtig ernsthaft und konsequent trainiere ich jetzt seit etwa fünf Jahren.

 

Hast du eine Lieblingskletterdisziplin? Wo liegen deine Stärken?

Das ist definitiv das Bouldern. Und meine Stärke? Ich würde sagen: steile Kraftboulder und große Griffe.

 

Wie kamst du zum Wettkampfklettern?

Ich habe spontan bei einem Kids-Cup in Essen mitgemacht, das war vor ungefähr acht Jahren. Damals war ich eigentlich nur mit meiner Familie in der Halle oder am Fels klettern – an Wettkämpfe habe ich nicht gedacht. Na ja, und den Kids-Cup habe ich dann gewonnen und habe danach bei den Landesmeisterschaften teilgenommen. Das war der Beginn. Ich bin dann immer mehr in das Wettkampfklettern reingerutscht.

 

Bist du auch am Fels unterwegs? Und wenn ja: hast du einen Lieblingsspot und was war deine wichtigste Begehung?

Ich bin schon auch ab und an am Fels. Mein Lieblingsgebiet ist Margalef in Spanien. Und die Begehung, die für mich etwas ganz Besonderes war, war meine erste 8c. An der habe ich länger rumprobiert. Die Tour ist in Südfrankreich und heißt „Clin d´oeil au paradis d´en face“, auf Deutsch heißt das „Augenzwinkern angesichts des Paradieses“.

 

Hast oder hattest du ein Vorbild?

Mein Vorbild ist der Norweger Magnus Midtbo. Der hat von sich Videos gepostet, in denen man ihn beim Krafttraining sieht, beispielsweise wie er einarmige Klimmzüge macht. Das hat mich voll motiviert, auch so zu trainieren. Momentan beeindruckt mich auch besonders Tomoa Narasaki. Er hat einen extrem coolen Style – mit viel Schwung, aber trotzdem elegant.

 

Stichwort Olympia: Was kommt dir als Erstes in den Sinn?

Klettern wird olympisch… und ich möchte dabei sein.

 

Road to Tokyo: Wie trainierst du? Und wie wichtig ist der Kopf dabei?

Momentan mache ich ziemlich viel Speed-Training. Aber sonst ist mein Training so ähnlich wie in den Vorjahren: Im Winter eher boulderlastig, daneben auch Ausdauertraining. Ansonsten versuche ich locker zu bleiben und bin das vom Kopf her bislang auch noch. Ich bin ja noch jung und wenn es jetzt nicht klappt, ist es nicht wirklich schlimm. Es gibt auch danach noch viele andere Wettkämpfe.

 

Hast du eine Lieblingsmusik, die du beim Trainieren hörst?

Ich höre Hip-Hop oder Rap. Das ist immer eine Mischung. Aber eine Lieblingsband habe ich nicht.

 

Wie stimmst du dich auf den Wettkampf ein? Hast du ein Ritual, bevor du an die Wand gehst?

Ich höre gerne Musik, mobilisiere und dehne viel, nehme mir viel Zeit für mein Aufwärmprogramm. Ein bestimmtes Ritual habe ich aber nicht. Ich mache nur immer meine Schuhe vor jedem Boulder gründlich sauber.

 

Wie gehst du mit Niederlagen um?

Niederlagen kann ich ganz gut wegstecken. Ich habe so etwas schnell vergessen. Ich denke nicht ewig darüber nach und sage mir, dass es nicht so schlimm war, diesen Wettkampf verkackt zu haben. Ich wechsle schnell in meinen Alltag und trainiere ganz normal weiter. Das funktioniert ganz gut, meistens läuft es beim nächsten Wettkampf dann ja auch wieder viel besser. Bei der WM in Innsbruck im vergangenen Jahr habe ich mich beispielsweise ziemlich über mich geärgert, mich danach aber dann richtig auf die kommenden Wettkämpfe gefreut. Und bei „Adidas Rockstar“ und „E4 Legends“ lief es dann ja auch wieder gut.

 

Deine Ziele für 2019?

Mein Hauptziel ist, bei den Boulder Worldcups ins Finale zu kommen. Ich hatte im vergangenen Jahr gute Qualis, aber im Halbfinale lief es dann immer nicht mehr optimal. Das wird dieses Jahr hoffentlich anders werden. Im Lead möchte ich grundsätzlich besser werden: Ich bin eigentlich kein Leadkletterer und möchte meinen Fokus mehr darauf richten, also beispielsweise meine Ausdauer verbessern. Und beim Speed möchte ich unter die sieben Sekunden kommen, meine momentane Bestzeit sind 7,62 Sekunden. Wenn das alles klappt, dann könnte ich es schaffen und mich in der Gesamtwertung der Worldcups unter den besten 20 Kletterern platzieren. Dann hätte ich im kommenden Jahr eine große Chance, in Tokio starten.

 

Und in zehn Jahren: Halle oder Fels?

In zehn Jahren? Da werde ich eher am Felsen zu finden sein. Die Halle werde ich dann wahrscheinlich satthaben.

 

Ist es ein Ziel für dich, vom Klettern leben zu können?

Klettern ist momentan mein Lebensinhalt, aber ich werde nicht mein komplettes Leben darauf fokussieren. Für mich ist es nicht das Ziel, vom Klettern zu leben, das wäre unrealistisch. Momentan konzentriere ich mich auf die Qualifikation für Tokio. Aber ich werde kommendes Jahr auch probieren, nebenher ein Studium zu starten und werde das hoffentlich gut mit dem Klettern verbinden können.

 

Interview: Gudrun Regelein