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Interview mit Lucia Dörffel - "Sich zu viel Druck zu machen, bringt nichts."

27.01.2020, 14:32 Uhr

Im Gespräch mit dem DAV erzählt die Wettkampf-Kletterin Lucia Dörffel (DAV Sächsischer Bergsteigerbund), weshalb sie 2019 so gut wurde und welche Pläne sie für dieses Jahr hat.

Die 19-Jährige ist zwar keine Newcomerin, mit ihren Ergebnissen im vergangenen Jahr überraschte sie aber nicht nur sich selbst, sondern auch die Wettkampfszene. Die Chemnitzerin wurde nicht nur zweifache Deutsche Meisterin (Bouldern und Lead), sie räumte auch bei den internationalen Jugendwettkämpfen ab. So holte sie sich bei der Jugend-Weltmeisterschaft in Arco Bronze beim Bouldern und in der Combined-Wertung und stand bei zwei Europäischen Boulder-Jugendcups auf dem Treppchen. In Sofia (Bulgarien) gewann Lucia, in Soure (Portugal) wurde sie Dritte.

 

Hättest du eigentlich Anfang 2019 gedacht, dir bei zwei Deutschen Meisterschaften den Titel zu holen?

Nein, gar nicht. Ich war Ende 2018 drei Monate in Asien und dachte eigentlich, dass die Saison nicht wirklich laufen würde. Ich hatte keine Erwartungen, vor allem auch, weil die ersten Trainings zu Hause richtig schwach waren. Beim Bouldern lief gar nichts. Da dachte ich nicht mal ans Treppchen. Beim Lead habe ich gehofft, zumindest die Chance zu haben, unter den drei Besten zu sein. Aber mit zwei Titelgewinnen habe ich definitiv nicht gerechnet.


Du bist auch international sehr gut gestartet: Wo sind für dich die Unterschiede zwischen nationalen und internationalen Wettkämpfen?

National kennst du die Athletinnen und weißt, wie trainiert sie sind. Da fühlt man sich vielleicht ein bisschen wohler und geht mit weniger Druck in einen Wettkampf. International weißt du nicht, wie fit die Konkurrenz ist, das kannst du nur sehr schwer einschätzen. Das bedeutet automatisch eine größere Anspannung.

 

Du bist ein extrem gutes Wettkampfjahr geklettert. Hat das einen bestimmten Grund?

Ich habe nach meinem Abi ein Bundesfreiwilligenjahr im Spitzensport gemacht. Das lief bis Ende August 2019. Ich musste zehn Stunden arbeiten und hatte 30 Stunden Zeit zu trainieren, das war natürlich optimal. Außerdem habe ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal nicht fast nur in Chemnitz trainiert, sondern war in vielen unterschiedlichen Orten und Hallen. Das hat mir sehr viel gebracht.

 

Wirst du im März bei der EM starten und versuchen, dich noch kurzfristig für Tokio zu qualifizieren? Oder ist eher Paris ein greifbares Ziel für dich?

Ich würde sehr gerne bei der EM in Moskau teilnehmen. Aber das bestimmen die Bundestrainer. Es gibt noch einen Lehrgang mit den potentiellen deutschen Starterinnen und dann entscheiden die Trainer, wer nach Moskau fährt. Sollte ich dort dabei sein, muss alles perfekt laufen, um bei den Spielen in Tokio teilnehmen zu können… das ist also alles noch völlig offen, man muss ja gewinnen, um sich für Tokio zu qualifizieren. So gesehen ist Paris für mich eher zu realisieren.

 

Wie wichtig sind die Olympischen Spiele für dich?

Schon wichtig, das ist eben ein krasses Event. Aber es hat nicht die absolute Priorität für mich. In diesem Jahr möchte ich mich auf die Worldcups und European Cups fokussieren und möchte dort eine möglichst gute Leistung zeigen. Also ich hätte schon Lust, bei Olympia zu starten und behalte das im Hinterkopf. Aber das ist ein sehr entferntes Ziel - und vier Jahre bis Paris sind lang.

 

Die Kombination in Paris steht noch nicht endgültig fest. Es wird aber wohl eine kombinierte Medaille und eine Einzelwertung geben. Worauf würdest du dich konzentrieren?

Eher auf die Kombination, die es in Paris wahrscheinlich aus Lead und meiner Lieblingsdisziplin Bouldern geben wird. Das liegt mir viel mehr als Speed.

 

Du hast aber auch im Speed schon gute Leistungen gezeigt, warst beispielsweise 2017 die Deutsche Vizemeisterin im Speed. Trainierst du das inzwischen nur noch, weil du es wegen Combined musst?

Ja, ich trainiere Speed eigentlich nur wegen Combined. Manchmal macht es mir aber auch Spaß, weil man dadurch eine gute Schnellkraft bekommt.

 

Wo siehst du momentan deine größten Schwächen? Und wo deine größten Stärken?

Beim Bouldern sind meine Stärken Leisten, Platten und Bewegungsprobleme – ich habe, denke ich, ein ganz gutes Bewegungsgefühl. Sloper, Zangenboulder und Kraftboulder im fetten Überhang liegen mir dagegen nicht so. Beim Lead kann man immer an der Ausdauer arbeiten. Ja, und beim Speed schaut es momentan mit der Schnellkraft nicht optimal aus, das habe ich nämlich schon lange nicht mehr gemacht.

 

Was sind sonst deine Ziele für dieses Jahr?

Meine Ziele? Ich möchte bei einem Boulder-Weltcup gerne im Halbfinale dabei sein. Und draußen am Fels schwer klettern, möglichst viele schwere Routen projektieren. Also ehrlich gesagt, möchte ich die Saison mit nicht ganz so viel Druck angehen. Ich hatte 2019 ein sehr gutes Jahr und es wird in diesem Jahr wahrscheinlich nicht wieder so super laufen. Das ist immer auch eine ziemliche Kopfsache.

 

Wie groß schätzt du deine Chancen ein, wieder Deutsche Meisterin oder sogar mehrfache Deutsche Meisterin zu werden?

Puh, kann ich gar nicht sagen – will ich auch gar nicht. Wie gesagt, sich zu viel Druck zu machen, bringt nichts. Aber es wäre natürlich schön, wieder auf dem Treppchen zu stehen (lacht).

 

Das Interview führte: Gudrun Regelein

 

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