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Interview mit Hannah Meul

01.04.2019, 09:26 Uhr

Hannah Meul ist gerade einmal 18 Jahre alt. Aber sie ist die einzige deutsche Kletterin, die bereits Erfahrungen bei Olympischen Spielen sammeln konnte: Bei den Jugendspielen in Argentinien schrammte Hannah nur ganz knapp an einem Podestplatz vorbei und belegte einen hervorragenden vierten Platz. Besonders beeindruckend war ihr Go im Leadfinale: Nach einem nicht unbedingt optimalen Boulderfinale wollte sie es noch einmal wissen und toppte die Finalroute als schnellste Kletterin. Hannah zählt derzeit zu den ganz großen Talenten im deutschen Wettkampfklettern und ist neben Alma Bestvater eine der beiden Damen im Fokusteam. Eine Teilnahme bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio im kommenden Jahr sei ihr ganz großes Ziel, sagt sie. „Damit würde für mich ein Traum in Erfüllung gehen.“

Hannah, wie lange kletterst du schon und wie bist du zum Klettern gekommen?

Ich klettere jetzt schon seit fast elf Jahren. Meine ältere Schwester war vor vielen Jahren bei einem Kindergeburtstag eingeladen, der in einer Kletterhalle gefeiert wurde. Das hat ihr so Spaß gemacht, dass sie dann in eine Kindergruppe ging. Ich war damals vier Jahre alt und wollte unbedingt auch klettern, durfte aber nicht, weil ich noch zu jung war. Als ich dann sieben Jahre alt war, bin ich in die Klettergruppe von Lara Salzer, der Schwester von Jan Hojer, gekommen. Das hat alles sehr spielerisch angefangen.

 

Hast du eine Lieblingskletterdisziplin? Wo liegen deine Stärken?

Meine Lieblingsdisziplin ist auf jeden Fall das Bouldern. Da bin ich auch erfolgreicher. Also ich mag Lead schon auch gerne, aber beim Bouldern hat man im Wettkampf mehr Versuche und das finde ich gut, das nimmt etwas Druck. Stark bin ich vor allem in technischen Platten, die mag ich auch am liebsten.

 

Wie kamst du zum Wettkampfklettern?

Früher wollte ich eigentlich nie Wettkämpfe klettern. Als ich dann neun oder zehn Jahre alt war, trainierte ich in der Kinderwettkampfgruppe von Lara und Irina. Und die meinten, ich solle das mit dem Wettkampfklettern einfach mal ausprobieren. Ich bin dann tatsächlich mit zehn Jahren das erste Mal bei einem Kids-Cup gestartet. Ja, und das hat mir dann sofort so Spaß gemacht, dass ich danach immer weitermachen wollte.

 

Bist du auch am Fels unterwegs? Und hast du einen Lieblingssport und was war deine wichtigste Begehung?

Ja also ab und zu schon – wenn ich es schaffe und die Schule und die Wettkämpfe es zulassen. Mein Lieblingsgebiet ist Fontainebleau. Bislang hatte ich noch nicht die Gelegenheit, einen Boulder oder eine Route zu projektieren, da ich noch nie länger als eine Woche am Fels war und das Wetter dann oft nicht mitgespielt hat. „Alta“ (fb 7c)und „Symbiose“ (fb 7c) gehören aber zu meinen Lieblingsbegehungen in Bleau. Ich war leider noch nicht in so vielen Gebieten, nach dem Abi ist es für mich deshalb auch ein großes Ziel, zum Bouldern in die Rocklands oder nach Hueco Tanks zu reisen. Da möchte ich unbedingt mal hin.

 

Hast oder hattest du ein Vorbild?

Früher und auch heute noch sind das Jule Wurm und Jan Hojer. Und als ich dann mit internationalen Wettkämpfen begonnen habe: Janja Garnbret, die im Lead und Bouldern nach wie vor absolut dominant ist.

 

Stichwort Olympia: Was kommt dir als Erstes in den Sinn?

Das Ziel jedes Athleten ist zwar, eine Medaille zu holen – aber gleichzeitig gibt es ein großes, sportliches Miteinander.

 

Road to Tokyo: Wie trainierst du? Und wie wichtig ist der Kopf dabei?

Ich habe jetzt viel mehr Einheiten als früher, um in allen drei Disziplinen gut zu sein. Ich weiß, dass es ein sehr anstrengendes Jahr sein wird. Der Kopf ist auch sehr wichtig und spielt eine extrem große Rolle dabei, um die ganze Sache durchzuhalten.

 

Hast du eine Lieblingsmusik, die du auch beim Trainieren hörst? Und hast du – unabhängig vom Klettern - einen Lieblingsfilm?

Also bei Wettkämpfen höre ich eigentlich keine Musik… auch wenn das viele andere Athleten machen. Und beim Trainieren läuft bei mir immer wieder unterschiedliche Musik. Einen Lieblingsfilm habe ich: „Die Bestimmung“ von Neil Burger. Der Science-Fiction-Film spielt in Chicago, das ist kriegszerstört und von einer hohen Schutzmauer von der Außenwelt abgeschirmt. Die Bewohner leben in verschiedenen Gruppen, jede hat einen ganz eigenen Charakter. Und irgendwie erinnern mich die „Ferox“, das sind die Furchtlosen, ein bisschen an uns Kletterer.

 

Wie stimmst du dich auf den Wettkampf ein? Hast du ein Ritual, bevor du an die Wand gehst?

Ich versuche, in eine Art Blase zu schlüpfen, in der ich mich nur noch auf mich selber konzentriere und fokussiere. Ich habe mir dafür bestimmte Atemtechniken antrainiert und meisten klappt es auch. In der Iso versuche ich mir dann vor Augen zu rufen, wie es in dieser Blase ist, da kommt dann auch nichts mehr von außen an mich heran. Und ich habe natürlich ein bestimmtes Aufwärmprogramm, wärme mich bis zu zwei Stunden auf. Mit Yoga und Mobilisieren und dann quere ich ganz leicht an der Wand. Danach mache ich eine Pause und erst dann kommen schwerere Boulder. Ein Ritual habe ich kein wirkliches: Ich versuche nur, gut durchzuatmen und mich in meine Blase zu versetzen.

 

Wie gehst du mit Niederlagen um?

Auf jeden Fall schon anders als früher. Früher hat mich das sehr runtergezogen. Mittlerweile bin ich soweit, dass ich es schaffe, eine Niederlage komplett aus meinem Gedächtnis zu löschen. Ich schaue mir zwar schon noch einmal eine Aufzeichnung des Wettkampfes an, schaue, was gut und was schlecht gelaufen ist und analysiere meine Fehler, aber dann ist auch wieder gut. Dann schließe ich damit ab.

 

Deine Ziele für 2019?

Mich für Tokio zu qualifizieren - das ist mein größter Traum. Und dafür werde ich hundert Prozent geben.

 

Und in zehn Jahren: Halle oder Fels?

Auf jeden Fall Fels. Das, was ich jetzt ein bisschen vernachlässigen muss, möchte ich dann nachholen.

 

Du machst bald Abitur. Hast du schon mal daran gedacht, danach von deinem Sport - als Profikletterin - zu leben?

Ja, ich schreibe bald mein Fachabi. Danach möchte ich mich erst einmal ein bis zwei Jahre ganz auf das Klettern konzentrieren. Ich werde ja sehen, wie es läuft. Vom Klettern zumindest eine Zeitlang leben zu können, wäre natürlich ein Traum. Aber das ist sehr schwierig, gerade auch als Frau.

 

Interview: Gudrun Regelein