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"Ich battle mich mit meinem Körper" – Paraclimberin Jacqueline Fritz im Interview

11.01.2022, 07:20 Uhr

„Man muss einfach machen, worauf man Lust hat – man lebt nur einmal.“ Das sei so eine Art Motto für sie, sagt Jacqueline Fritz (Sektion Karlsruhe). Auf das Klettern zumindest hat sie große Lust: Die 36-Jährige ist erfolgreiche Paraclimberin und Bergsteigerin – sie war der erste Mensch, der 2016 auf nur einem Bein die Alpen überquerte. Ihren größten Erfolg beim Klettern feierte Fritz 2019 bei der Paraclimbing-Weltmeisterschaft im französischen Briançon. Damals holte sie, die in der Klasse AL-2, der für beinamputierte Frauen, startet, sich die Bronzemedaille im Leadklettern. Im vergangenen Jahr gewann Fritz dann beim letzten Weltcup in Los Angeles Bronze.


Früher war Jacqueline Fritz eine ambitionierte Balletttänzerin, sie tanzte auf Leistungsniveau – bis sie im Alter von 15 Jahren beim Training umknickte. Die Diagnose: Bänderriss im Sprunggelenk. Eine Operation folgte, doch die Verletzung wurde schlimmer. Nach einer achtjährigen Leidensgeschichte wurde ihr schließlich das rechte Bein knieabwärts amputiert. Für sie brach damals eine Welt zusammen. Aber Jacqueline Fritz gab sich nicht auf, sie kämpfte sich ins Leben zurück. Und entdeckte schon in der Reha die Berge und kurz später das Klettern für sich. 

 

Jacqueline, hast du am Ende deiner eher durchwachsenen Saison 2021 eigentlich noch mit einer Medaille beim Weltcup in Los Angeles gerechnet?

Nee, ich habe mich mega gefreut, dass ich überhaupt noch einmal die Chance bekommen habe, hinfahren zu dürfen. Im Kopf hatte ich mit der Saison schon nahezu abgeschlossen, aber es lief dann richtig gut. Es waren absolut meine Routen – also eher überhängende. In denen läufts bei mir meistens besser als in senkrechten Routen… ich habe nämlich ein ganz gutes Kraftpotenzial und eine gute Ausdauer.

 

Bist du insgesamt mit dem vergangenen Wettkampfjahr zufrieden?

Also ich bin mit meiner Leistung zufrieden. Gerade auch, weil ich bei den internationalen Wettkämpfen einer anderen, stärkeren Startklasse als meiner zugeordnet wurde. Das lag daran, dass bei AL-2 nicht die eigentlich notwendige Zahl an Athletinnen am Start war. Deshalb musste ich bei RP-3 mitklettern, das ist die Klasse für Menschen mit neurologischen oder physiologischen Einschränkungen. Meinen Konkurrentinnen fehlen also keine Gliedmaßen, die können laufen. Und sie sind dadurch ein bis zwei Grade stärker als ich.

 

Wie hast du überhaupt das Klettern für dich entdeckt?

Das lag an einer Postkarte, die ich bei der Heimfahrt von der Reha nach meiner Beinamputation im Allgäu am Bahnhof entdeckte. Das war vor ungefähr zwölf Jahren. Die Karte zeigte einen Kletterer im Riss. Drunter stand: Kämpfe für deine Ziele. Das Witzige war, dass dem Kletterer auch das rechte Bein fehlte. Ich habe mir damals die Karte gekauft und mir gedacht, dass ich das auch einmal ausprobieren möchte…  und habe in Karlsruhe in einer Kletterhalle angerufen. Ich bekam dann gleich einen Kurs geschenkt – und bin dabeigeblieben. Ich fand das Klettern sofort mega cool, das hat mir total getaugt. Der Sport passt einfach gut zu meinem Leben.

 

Was fasziniert dich so besonders am Klettern?

Die absolute Konzentration, die man beim Klettern haben muss, da geht es nur um diesen Moment. Wenn du beim Klettern an deine Steuererklärung denkst, dann klappt das nicht so gut (lacht). Es ist aber nicht nur der Kopf, es ist der ganze Körper, der beansprucht wird. Klettern ist für mich kein Freizeitvertreib, es ist dafür viel zu anspruchsvoll.

 

 

Wie bist du dann in den Bundeskader gekommen?

Das war unspektakulär. Ich wollte damals – das war 2017 – gerne einmal bei einem Wettkampf mitmachen. Und ein Bekannter von mir, der damals schon im Team war, meinte, ich solle einfach den Bundestrainer anrufen. Das tat ich dann auch und er sagte nach unserem Telefonat, ich soll einfach mal beim nächsten Wettkampf starten. Na ja, ich habe dann auch mitgemacht und diesen internationalen und den nächsten nationalen Wettkampf gewonnen und durfte dann noch im gleichen Jahr bei der Weltmeisterschaft in Innsbruck mitklettern. So bin ich dann auch in den Kader gekommen, das war damals noch eine andere Zeit.

 

 

Wie trainierst du?

Wir haben mit dem Kader vier bis fünf Trainingstreffen im Jahr, das sind eigentlich viel zu wenige. Daneben trifft man sich mit Teamkollegen noch privat zum Klettern. Und in Karlsruhe habe ich bei meiner Sektion einen eigenen Trainer, mit dem ich dreimal die Woche treffe. Ich habe natürlich auch einen Trainingsplan. Ansonsten gehe ich bis zu fünfmal die Woche ins Fitnessstudio und bouldere mit Freunden – entweder in der Halle oder am Fels.

 

 

Würdest du dich selber als leistungsorientiert beschreiben?

Beim Sport ja, da setze ich mir Ziele und dann battle ich mich mit meinem Körper. Ich möchte bei mir selber Fortschritte sehen, ärgere mich, wenn ich sie nicht erreiche. Also ich kann schon beißen, bis die Wand komplett verblutet ist… aber ich ticke jetzt nicht komplett aus, wenns nicht klappt – so extrem ist es nicht. Ich kann mich sehr gut kontrollieren. Aber ich möchte erfahren, wie weit ich es mit meinem Körper schaffe. Es gibt eine Französin, die bei den Wettkämpfen sehr stark auftritt und besser ist als ich. Mit ihr messe ich mich, schaue, wo ich stehe und was noch möglich ist.

 

 

Was sind deine Schwächen und was deine Stärken?

Also an Technik fehlt es mir. Ich mag das Bouldern, das mir da helfen würde, nicht so gerne. Daran muss ich noch arbeiten. Mein linkes Bein ist komischerweise mein schwächster Körperteil. Ich setzte den Fuß nicht wirklich präzise und arbeite deshalb viel mit Kraft. Andere Schwäche ist mein sehr langsamer Kletterstil, das sollte schneller laufen. Und Stärken sind die schon erwähnte Ausdauer und meine Fähigkeit, Schmerz zu ignorieren und zu beißen. Ich komme vom Ballett, ich habe es gelernt, Schmerzen auszuhalten.

 

Was hast du für Ziele?

Mein größter Wunsch wäre die Teilnahme bei den Olympischen Spielen. Das wäre so cool, das ist mein großer Traum, für den ich alles hintenanstellen würde. Aber dafür müsste das Paraclimbing erst noch zu einer olympischen Disziplin werden – noch ist es das nicht. Ich hoffe auf Paris. Daneben wäre es natürlich auch cool, bei der Weltmeisterschaft nach Bronze auch noch Gold und Silber zu gewinnen.

 

 

Welche Wünsche hast du als Paraclimberin?

Wir sind genauso Leistungskletterer, für uns ist der Aufwand nur oft noch viel höher, als für die Athletinnen und Athleten im Nicht-Paraclimber-Bundeskader. Die meisten von uns müssen arbeiten, dazu kommt, dass wir einen geschädigten Körper haben. Die Resonanz – auch vom Verband – ist aber leider nur sehr gering. Über uns wird beispielsweise kaum berichtet und das macht uns traurig. Wir fühlen uns nicht wahrgenommen, nicht ernstgenommen, nicht gewollt. Wenn du beispielsweise einem Spitzenkletterer die Augen verbinden würdest oder er ohne Arm klettern müsste, dann würde auch er keine Route im zwölften Grad mehr klettern können. Wir leisten mindestens genauso viel wie die sogenannten normalen Leistungskletterer, aber wir finden kaum Beachtung. Im Vergleich zumindest fallen wir hinten runter, obwohl wir genauso für dieses Land bei Wettkämpfen antreten.

 

Und wie erlebst du als Kletterin mit nur einem Bein die Kletterszene?

Für mich als Person klappt die Inklusion. Ich sehe meine Behinderung nicht als Hindernis – ich gebe dem aber auch nicht so viel Raum. Und ich gehe relativ offen damit um. Wenn ich in der Halle klettern bin und ein Toprope brauche, dann bitte ich darum. Es ist sicher auch immer eine Frage der Einstellung und wie man auf jemanden zugeht. Aber beim Klettern ist das zumindest für mich kein Thema oder Problem. In anderen Bereichen ist unsere Gesellschaft, was die Inklusion angeht, aber leider noch nicht so weit.

 

 

Wie geht’s 2022 mit dir weiter?

Ich möchte bei so vielen Wettkämpfen wie nur möglich mitmachen – und würde mir gerne bei mindestens einem Weltcup eine Medaille holen. Zwei wären natürlich auch cool. Und wenn eine andere Farbe als Bronze im Spiel wäre, wäre es noch besser (lacht). Ansonsten würde ich mich gerne um einen Grad verbessern und draußen am Fels coole Projekte angehen.

 

Interview: Gudrun Regelein

 

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Briançon , Frankreich Beim Paraclimbing-Weltcup in Briançon am 26.07.2017 erreichte das deutsche Paraclimbing-Team wieder mehrere Podest Plätze. Trotz neuer starker Konkurrenz in der neurologischen Klasse RP-1 konnte der Weltmeisterschaftszweite vom Vorjahr, Nils Helsper, im Finale knapp den starken israelischen Starter Mor Michael Sapir auf den zweiten Platz verweisen. Weltmeister Korbinian Franck landete nach starkem Fight in den selektiven und teilweise sehr tritt arm geschraubten Routen auf Rang 4. Michael Füchsle bestätigte seine heuer schon mehrfach gezeigten guten Leistungen in der RP-2 und erreichte mit Bronze seinen zweiten internationalen Podest Platz in 2017. 

Was ist eigentlich Paraclimbing?

Stichwort: Paraclimbing

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DAV Panorama erklärt kurz und knapp das Wichtigste zum Thema "Paraclimbing".