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DM Lead 2019: Lucia Dörffel und Jan Hojer gewinnen in Hilden

09.11.2019, 22:28 Uhr

Am Samstag, den 9. November 2019, kämpften die besten deutschen Lead-Kletterinnen und -Kletterer um die Meistertitel. Am Ende lachten Lucia Dörffel und Jan Hojer vom obersten Podiumsplatz in die Menge.

Die Bergstation: Wettkampf-Mekka im Westen

Das Kletter- und Boulderzentrum „Bergstation“ in Hilden bei Düsseldorf ist eine bekannte Größe im nationalen Wettkampfzirkus: Bereits 2017 – im Jahr der Eröffnung der Bergstation – fand eine Deutsche Meisterschaft im Lead hier statt. Ein Jahr darauf war das Zentrum dann Schauplatz der Deutschen Meisterschaft Speed. Nun ist die Kletterelite erneut zu Gast.

 

Mit 17 Meter Wandhöhe und einem Überhang von sechs Metern gehört die Wettkampf-Wand zu den Längsten in Deutschland – aber nicht zu den Steilsten. Sechs Meter sind selbst im nationalen Vergleich nicht zu viel. Für Chef-Routenbauer Luke Brady ist diese Wandstruktur trotzdem optimal: „Hier kannst du mal richtige Bewegungen abfragen – es ist einfach toll.“ Und so wagte man dann auch etwas Seltenes: Eine der beiden Quali-Routen der Damen verlief zu zwei Dritteln über eine geneigte Platte – erst auf den letzten vier Metern ging es in den Überhang.

 

Den rund 500 Zuschauerinnen und Zuschauern in der Halle wurde neben starken sportlichen Leistungen und heißen Beats noch mehr geboten: Lichtinstallationen und Animationen an der Wand sorgten für zusätzliche Unterhaltung. DAV-Delegate Ricardo Schumann: „Man merkt einfach, dass alle, also Helfer, Betreiber und Athleten, für diese Veranstaltung hier brennen. Hilden ist einfach immer eine Wahnsinns-Show!“

 

Damen-Quali: Tops müssen sein

Mit zwei 7b+ (UIAA IX-) waren die beiden Qualifikations-Routen der Damen relativ leicht. Route 1 führte relativ früh durch einen Überhang und an großen Volumen nach oben. Route 2 war in die oben bereits erwähnten Platte geschraubt. Bei der meist positiven Wandneigung war weniger Kraft als Balance und Feinfühligkeit gefragt.

 

Und so sah man dann auch viele Tops: In Q1 wurde 21 Mal der Umlenker geklippt, in Q2 immerhin noch neun Mal. Von den insgesamt 31 Starterinnen durften die besten 26 ins Halbfinale. Mit dabei: Die beiden Top-Favoritinnen Afra Hönig (DAV Landshut) sowie Alma Bestvater (DAV Weimar). Und auch die amtierende deutsche Lead-Meisterin, Frederike Fell (DAV Freising), konnte sich für die nächste Runde qualifizieren. Zwei Top-Begehungen schafften sie aber nicht, hier zeichneten sich vor allem Newcomerinnen wie Lea Büsgen (DAV Frankfurt/Main), Romy Fuchs (DAV München-Oberland) oder Catrin Gorzellik (DAV Reutlingen) aus. Auch die 19-jährige Lucia Dörffel vom Sächsischen Bergsteigerbund konnte sich für die nächste Runde empfehlen. Das ist auch keine Überraschung, klettert die amtierende Deutsche Meisterin im Bouldern doch in diesem Jahr ihre beste Saison.

 

 

Herrn-Qualifikation: Klettermeter sammeln!

Bei den Herren hatten die Routenschrauber eine ähnliche Strategie gewählt: Mit zwei 7c+-Bewertungen (UIAA IX+) waren auch diese Routen eher leicht geschraubt. Routenbauer Joseph Wetzel: „Wir wollten, dass die Athletinnen und Athleten möglichst viele Klettermeter machen müssen. Auf diese Weise hatten sowohl die Besten als auch Newcomer die Chance, eine Runde weiterzukommen.“

 

Q1 bestand aus kleinen Leisten, während Q2 athletischer geschraubt war. Auf Höhe der vierten Zwischensicherung befand sich zudem ein dynamischer Risikozug, „er sollte die Athleten etwas nervös machen“, so Wetzel. Der Zug bestand aus einem New-School-Weiterleiter nach rechts, der dann mit einer Hand abgestützt werden musste.

 

Die vier Favoriten Yannick Flohé (DAV Aachen), Chris Hanke (DAV Ringsee), Jan Hojer (DAV Frankfurt/Main) und Martin Tekles (DAV Achental) ließen sich aber nicht irritieren. Sie kletterten souverän in beiden Routen bis zum Top. Mit ihren zwei Tops waren die vier Herren aber nicht alleine: Auch Kim Marschner (DAV Schwäbisch Gmünd) und Lars Hoffmann (Alpinclub Hannover) konnten zwei Mal die Umlenker einhängen. Komplettiert wurde das Feld der Halbfinalisten von 20 weiteren Athleten, darunter auch zahlreiche Youngsters wie Cedric Lluc Milles (DAV Frankenthal) und Moritz Muß (DAV Frankfurt/Main), die beide erst 16 Jahre alt sind.

 

Halbfinale der Herren: Die Favoriten rocken die Halle

„Jetzt wird’s deutlich technischer“, erklärte Routenbauer Joseph Wetzel zu Beginn des Halbfinals im Livestream. Sowohl die Damen als auch die Herren dürfen ab dem Halbfinale ihre Route vor Beginn sechs Minuten lang von unten studieren. „On sight“ nennt sich dieser Klettermodus. In der Qualifikation hingegen wird im "Flash"-Modus geklettert. Das bedeutet, dass die Routen zuvor beliebig lange von unten angeshen werden dürfen. Zudem gibt es Videos, in denen die Linien vorgeklettert werden.

 

Im Halbfinale wurde kräftig ausgesiebt: Von den 26 Besten dürfen laut Reglement nur Acht in die letzte Runde vorrücken. Drei der vier Favoriten konnten sich durchsetzen und kletterten souverän bis zum Top – oder in die unmittelbare Nähe. Chris Hanke und Yannick Flohé schafften das Top, Jan Hojer und Kim Marschner (DAV Schwäbisch Gmünd) kletterten immerhin bis zum vorletzten Zug. Die restlichen Finalplätze gingen an Lars Hoffman, Jonas Brandenburger (DAV Wuppertal), Max Kleesattel und Markus Jung (DAV Rheinland-Köln). Vor allem Brandenburger lieferte mit seinen 18 Jahren einen hervorragenden Wettkampf.

 

Halbfinale der Damen: Liebesgrüße aus Bayern

Der Anfang der Damen-Linie war noch recht gemütlich geschraubt, doch dann begann schon die Anstrengung: Immer wieder mussten die Frauen Schleifen und Umwege klettern, die viel Kraft aus den Unterarmen saugten. Am Ende – als wäre es noch nicht genug – folgte ein Mantle mit einem Sprung an ein großes Volumen.

 

Gerade die „jungen Wilden“ aus Bayern kamen mit der Route sehr gut zurecht: Von den acht Finalistinnen stammten fünf aus Bayern. Die erst 19-jährige Romy Fuchs (DAV München-Oberland) kletterte – wie auch Lucia Dörffel – sogar bis zum Top. Dahinter platzierten sich Frederike Fell auf Platz drei, Roxana Wienand (DAV Aschaffenburg) auf 4, Catrin Gorzellik (5), Sandra Hopfensitz (DAV Augsburg) und Magdalena Schmidt (DAV München-Oberland) auf 6 und Käthe Atkins (DAV Frankfurt/Main) auf Platz 8. Magdalena Schmidt zeigte erneut ihre Fähigkeiten und bewies Nervenstärke: Die erst 15-Jährige klettert in diesem Jahr schon im zweiten Finale einer Deutschen Meisterschaft. Bei der DM Olympic Combined in diesem Jahr belegte Magdalena den 5. Platz.

 

 

Finale der Herren

Mit Spannung wurde das Duell der beiden Top-Favoriten Yannick Flohé und Jan Hojer erwartet: Beide haben in drei Wochen in Toulouse die Möglichkeit, sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu qualifizieren. Das Problem: Im Kontingent ist für das deutsche Herren-Team nur noch ein Platz frei. Die DM Lead drei Wochen zuvor kann als erster Stimmungstest der beiden gesehen werden. 

 

Doch beim Lead geht es primär nicht um die Konkurrenz zu anderen Teilnehmern, sondern um den Athleten und seine Performance an der Wand. Für die Finalroute hatten die Routenbauer die Schwierigkeiten erneut erhöht: Mit 8b+ (UIAA X+) wurde die Route von Chef-Schrauber Luke Brady bewertet. Die Crux befand sich etwas unterhalb der Mitte: Dort lag ein Henkel auf einem Volume, an dem man zuerst mehrfach Schwung holen musste, um dann einen Sprung nach rechts zu wagen. "High-Risk-Move" nennen sowas die Routenbauer. Max Kleesattel wurde dieser Teil zum Verhängnis.

 

Hatte man diesen Teil geschafft, ging es zuerst kleingriffig, dann auch sloprig an großen Volumen weiter. Markus Jung (DAV Rheinland-Köln), mit 32 der älteste Teilnehmer im Finale, zeigte eine tolle Leistung: Er fiel erst bei Zug 34, im obersten Viertel der Tour. Noch weiter kam der Youngster Jonas Brandenburger, bis Zug 36. Lars Hoffmann, Gewinner der letzten sechs Norddeutschen Meisterschaften im Lead-Klettern, erreichte ebenfalls Griff 34. Kim Marschner fiel hingegen etwas früher und reihte sich mit Zug 31 zwischenzeitlich auf Rang 4 ein. Ihnen allen wurde in verschiedenen Höhen eins zum Verhängnis: sie rutschten von einem Tritt ab.

 

Jan Hojer kam als Drittletzter aus der Isolation. Für den derzeit erfolgreichsten deutschen Kletterer war die Route kein Problem: Er erreichte als Erster den Top-Griff – und das in unter drei Minuten Kletterzeit. Eine stramme Vorgabe für seine Hauptkonkurrenten Chris Hanke und Yannick Flohé: Sie mussten ebenfalls toppen. Chris Hanke kam als Nächster an die Reihe. Auch er kletterte schnell und präzise bis kurz unterhalb des Top-Griffes. Doch er konnte den Sprung zum finalen Griff nicht halten und überließ damit Anderen die Goldmedaille. Wer würde es sein? Nurmehr Yannick Flohé konnte Hojer den obersten Podiumsplatz streitig machen. Der Lokalmatador kletterte sehr souverän in den obersten Wandbereich, dann rutschte auch ihm unglücklich der Fuß weg.

 

Das Podium:

  1. Jan Hojer
  2. Christoph Hanke
  3. Yannick Flohé

 

Alle Ergebnisse der Herren finden Sie hier.

 

Finale der Damen:

Bei den Damen führte die Route durch den steilsten Teil der Wettkampf-Wand. Ein besonderes Feature war ein weiter Sprung an guten Griffen, bevor es durch einen steilen Wand-Teil in eine Riss-Kombination ging. Auch bei den Damen nahmen die Schwierigkeiten im Finale deutlich zu: Etwa 8a+ (UIAA X-) musste man on sight klettern können, um zum Top-Griff zu kommen.

 

Dieser Riss-Kombination fiel Sandra Hopfensitz zum Opfer. War man durch diese Stelle gekommen, ging es an großen abschüssigen Volumen weiter durch die pumpige Route. Käthe Atkins kam noch über den Riss hinaus, dann rutschte ihr bei Zug 35 der Fuß weg. Ähnlich ergingen es der jüngsten Starterin, Magdalena Schmidt, und Catrin Gorzellik, der amtierenden deutschen Vize-Meisterin im Olympic-Combined.

 

Als Erste meisterte Roxana Wienand diese Stelle. Sie fiel erst bei Zug 37+. Frederike Fell, die aktuelle Deutsche Lead-Meisterin, war in diesem Jahr lange verletzt und bestritt nur einen weiteren Wettkampf – im April. Dafür zeigte sie eine tolle Leistung und beendete ihr Finale bei Zug 35+.

 

Nachdem sowohl Alma Bestvater als auch Afra Hönig nicht im Finale dabei waren, galt Lucia Dörffel als Top-Favoritin. Die amtierende Deutsche Meisterin im Bouldern ließ nichts anbrennen und fiel erst beim Sprung zum Top aus der Wand. Verdient landete sie auf Platz 1. Danach kam nur noch Romy Fuchs. Die 19-Jährige kletterte in diesem Jahr bei keiner Deutschen Meisterschaft mit – zeigte sich aber heute in eindrucksvoller Form. Als letzte Teilnehmerin startete sie in die Route, ließ die Risse hinter sich – scheiterte aber an den abschüssigen Slopern, die danach folgten.

 

Das Podium:

  1. Lucia Dörffel
  2. Roxana Wienand
  3. Frederike Fell

 

Alle Ergebnisse der Damen finden Sie hier.

 

Fazit des Bundestrainers Maxi Klaus

Es war ein guter Wettkampf, die Damenroute im Finale war sehr gelungen und von Beginn an fordernd. Die Herren-Route dagegen war zwar für das Publikum gut anzusehen aber etwas zu leicht für den Leistungsstand unserer Athleten. Das Halbfinale der Herren und Damen war dafür sehr gut geschraubt. 

 

Bei den Herren haben wir mittlerweile Leute dabei, die an der Weltspitze mitklettern können, bei den Damen sind wir im Lead in Deutschland aber momentan leider weit weg von der Weltspitze, da hoffen wir auf die Nachwuchsathletinnen, die heute auch auf dem Podium standen.

 

Aber grundsätzlich bin ich zufrieden mit dem Wettkampf, vor allem auch mit der Ausführung: Hilden ist jedes Mal wieder ein Highlight. Die Helferinnen und Helfer bringen viel Engagement mit, um den Wettkampf und den Leistungssport allgemein zu unterstützten!

 

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Das wichtigste Utensil beim Klettern? Neben dem Gehirn als wichtigstem Muskel wohl die Schuhe. Aber Kletterer bedienen sich noch weiterer hilfreicher Utensilien bei ihrem Sport.

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Was ist Lead-Klettern?

Die Sportart als Wettkampf

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Lead, also das Klettern mit Seil, wird auch als Vorstiegs- oder Schwierigkeitsklettern bezeichnet. Es ist die traditionellste Disziplin des Kletterns. Hier geht es darum, eine definierte Route in einer vorgegeben Zeit möglichst sturzfrei zu durchklettern – beziehungsweise höher als die anderen Starterinnen und Starter zu kommen. Seit mittlerweile über 30 Jahren hat sich das Leadklettern als Wettkampfsportart etabliert – 1989 ging der erste Weltcup über die Bühne. Zu Beginn fanden die Wettkämpfe noch am Fels statt, beim „Rockmaster“ im italienischen Arco beispielsweise, einem der ältesten Sportkletterwettkämpfe überhaupt. Inzwischen aber werden Wettkämpfe in Hallen an bis zu 20 Meter hohen Kunstwänden durchgeführt. Für diese Disziplin ist vor allem Ausdauer und Kraft nötig. Daneben sind eine ausgefeilte Technik und eine gute Taktik gefragt, um an der Weltspitze mitklettern zu können. Zunehmend sieht man bei den Leadwettkämpfen aber auch spektakuläre Sprünge oder Bewegungen, wie die „Figure Four“, bei dem mangels Tritt das Bein über den Unterarm gehängt und aus dieser Position weitergezogen wird.   Das Niveau beim Leadklettern ist mittlerweile sehr hoch, bei den Deutschen Jugendmeisterschaften beispielsweise sollte die männliche Jugend A den 9. UIAA-Grad beherrschen. Bei der Deutschen Meisterschaft der Senioren liegen die Schwierigkeiten bereits bei UIAA 10/10+, international sogar noch höher: Bei den Weltcups werden Touren bis zum UIAA-Grad 11-/11 geklettert.