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Umstrittenes Wasserkraftwerk Tumpen: Mehr Schutz für Alpenflüsse gefordert

12.10.2020, 12:03 Uhr

Alpenflüsse werden nicht ausreichend vor Verbauung geschützt: "Wildwasser-Erhalten-Tirol", WWF und Bürgerinitiative fordern Tabustrecken für den Wasserkraft-Ausbau.

Wildbäche Tirols in Gefahr

Eine knapp 500 Meter lange Kette aus Menschen, Bannern, Kajaks, Rafts, Angeln und Paddeln formierte sich am Samstagvormittag direkt vor der Baustelle zum umstrittenen Kraftwerk Tumpen-Habichen im Ötztal. Im Zuge ihrer Protestaktion fordern Wildwasser-Erhalten-Tirol (WET), der WWF Österreich und die Bürgerinitiative gegen die Wasserkraftanlage Tumpen konkrete Schutzmaßnahmen für wertvolle Flusslebensräume. „Durch die Untätigkeit der Landespolitik werden die letzten Wildbäche Tirols Schritt für Schritt zerstört. Die Flussverbauung entzieht dem Wildwassersport und dem dazugehörigen Tourismus die Grundlage und belastet wertvolle Ökosysteme massiv“, sagt Organisatorin und WET-Sprecherin Marieke Vogt. „Vor exakt vier Monaten haben wir 22.800 Unterschriften gegen das Skandalprojekt Tumpen-Habichen an die zuständigen Landesräte überreicht. Geändert hat sich bisher nichts. Im Gegenteil, die Baustelle an der Ötztaler Ache wird immer größer. Zusätzlich sollen auch die Venter Ache und Gurgler Ache einem Wasserkraftprojekt zum Opfer fallen und auch das Iselsystem in Osttirol wird zunehmend verbaut.“ Mit ihrer Protestaktion fordern die Vertreterinnen und Vertreter des Naturschutzes, des Wildwassersports und der Wissenschaft wirksame Schutzgebiete und Tabustrecken, um die letzten freifließenden und ökologisch wertvollen Flüsse dauerhaft zu erhalten.

 

Wissenschaft warnt vor negativen Folgen

Flüsse zählen zu den am stärksten vom Artensterben betroffenen Lebensräumen. In ganz Österreich haben jahrzehntelange Fehlentwicklungen diese Ökosysteme stark beschädigt, was zu einem drastischen Artenrückgang geführt hat. „Auch, wenn wir durch lokale Renaturierungen und die Verbesserung der Wasserqualität Erfolge verbuchen konnten, gelten in Österreich rund 60 Prozent der heimischen Fischarten als gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Nur noch 15 Prozent der Flüsse sind ökologisch intakt. Einer der Hauptfaktoren dafür ist der extrem hohe Ausbaugrad der Wasserkraft. Der damit verbundene Lebensraumverlust sowie Kontinuums-Unterbrechungen setzen der Biodiversität massiv zu und gefährden mühsam errungene Erfolge“, sagt Univ. Prof. Gabriel Singer, Gewässerökologe von der Universität Innsbruck, der die Protestaktion im Ötztal unterstützt. „Der Ausbau der Erneuerbaren muss in Zukunft naturverträglich vorangehen. Ansonsten drohen stets neue Belastungen für die bereits stark geschädigte Biodiversität und Morphologie in unseren Fließgewässern.“

 

Was passiert tatsächlich beim Kraftwerksbau?

Kritisches Kraftwerk - Die Hintergründe

Mitte März 2020 wurde an der Ötztaler Ache ohne Vorankündigung mit den Arbeiten für das lange umstrittene Kraftwerk Tumpen-Habichen begonnen. Das Projekt der Ötztaler Wasserkraft GmbH (Gemeinde Oetz, Gemeinde Umhausen, Auer Beteiligungs GmbH, TIWAG-Tiroler Wasserkraft AG) sieht eine Ausleitung oberhalb der Achstürze im Ötztal und ein Stauwehr in Tumpen vor und wäre das erste Kraftwerk in der Ötztaler Ache. Der Wildfluss ist aufgrund seiner besonderen Beschaffenheit und als Austragungsort der Extrem-Kajak-Weltmeisterschaft im Wildwassersport weltbekannt. Während es im Frühjahr aufgrund der Corona-bedingten Ausgangssperren für Kraftwerksgegnerinnen und -gegner unmöglich war, öffentlich zu protestieren, wurde die Baustelle weiter vorangetrieben. Die daraufhin ins Leben gerufene Petition „Stoppt das Kraftwerk Tumpen-Habichen!“ sammelte in kurzer Zeit 22.886 Unterschriften. Gegen die naturschutzrechtliche und wasserrechtliche Bewilligung sind Revisionen des WWF Österreich beim Höchstgericht (VwGh) anhängig.

 

Weitere Infos

Kein Zurück mehr: Pumpspeicherkraftwerk bei Kühtai wird gebaut

Pressemitteilung vom 25. Juni 2020

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Baustelle im Hochgebirge: Bei Kühtai geht ein komplettes alpines Hochtal verloren, sechs alpine Wildbäche werden für immer abgeleitet. In der allerletzten Instanz hat der Verwaltungsgerichtshof in Wien die Revision der Alpenvereine gegen den Baubescheid der „Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz“ abgewiesen. Ein entsprechendes Schreiben ist beim Deutschen Alpenverein am 22. Juni eingegangen. Nach mehr als neun Jahren Verfahrenszeit sind alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft und der Bau des neuen Pumpspeicherkraftwerks im Längental ist nicht mehr aufzuhalten. „Selbstverständlich akzeptieren wir diese höchstrichterliche Entscheidung,“ sagt DAV-Vizepräsident Manfred Sailer. „Im Hinblick auf ein Gelingen der Energiewende halten wir diese Entscheidung trotzdem für falsch und appellieren an alle Verantwortlichen, bei zukünftigen Verfahren die Relation von Naturzerstörung und energetischem Nutzen im Auge zu haben.“

„Stoppt das Kraftwerk Tumpen-Habichen!“

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Unerwarteter Baustart im Schatten der Corona-Krise Eine breite Naturschutz-Allianz fordert das Land Tirol auf, die Verbauung der freifließenden Ötztaler Ache nicht zuzulassen. Im Schatten der Corona-Krise starteten Mitte März im Tiroler Ötztal völlig unerwartet die Bauarbeiten für das seit Jahren umstrittene Kraftwerk Tumpen-Habichen. Konkret plant die Ötztaler Wasserkraft GmbH ein Ausleitungskraftwerk im Ötztal mit einem Staubecken in Tumpen. Der Bau würde nicht nur eine weltberühmte Kajak-Strecke zerstören sondern wäre auch das erste Kraftwerk in der Ötztaler Ache. Solche Wildflüsse, wie die Ache eine ist, sind zu einer Seltenheit geworden. 

Ausbau der Wasserkraft in den Stubaier Alpen

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Der Verwaltungsgerichtshof in Wien hat in höchster Instanz die Baugenehmigung für das Großprojekt "Erweiterung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz" erteilt. Die TIWAG hat mit dem Bau des neuen Pumpspeichers im Längental bei Kühtai begonnen. Zusätzlich werden sechs Wildbäche in den Stubaier Alpen durch Wasserfassungen in den Speicher abgeleitet.