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Skitouren mit Bus und Bahn – und es geht doch!

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge zu fahren ist umständlich und unkomfortabel? Von wegen. Michael Vitzthum geht seit 20 Jahren Skitouren und organisiert seine Ausflüge seit zehn Jahren ohne Auto. Hier erklärt er, warum Bus, Bahn und Berg perfekt zusammenpassen.

Wenn Michael am Startpunkt seiner Skitour ankommt, ist der Parkplatz meistens schon komplett voll. Aber das ist ihm egal, denn er ist ohne Auto angereist. Während andere jetzt beginnen würden zu fluchen und sich weiter auf die Suche nach einem Stellplatz machen, schnallt sich der Münchner die Tourenski an und geht los.

 

Statt sich mit dem Auto in den Stau zu stellen, fährt der 48-Jährige öffentlich. Zuerst von München mit dem Zug, dann weiter mit dem Bus. Häufig haben er oder die Gruppe, mit der er unterwegs ist, den Bus für sich allein. „Oft schimpfen Bergsportler, dass es zu wenig Angebote gibt. Umgekehrt gilt aber auch: Wenn die Leute solche Möglichkeiten nicht nutzen, werden die Linien wieder eingestellt“, sagt Michael. Warum sich der ÖPNV bei den Winterbergsportlern nur zögerlich durchsetzt, liegt vielleicht an seiner Reputation.

 

Hartnäckige Öffi-Mythen

„Die Bahn ist teuer und unpünktlich“, „mit dem Zug ist man viel zu lange unterwegs“ oder gar „mit dem ÖPNV in die Berge ist nicht praktikabel“: Viele dieser Mythen halten sich hartnäckig. Dabei können sie leicht widerlegt werden. Stichwort Kosten: Betrachtet man nur den Spritverbrauch, ist das Auto meist günstiger. Werden aber auch die Fixkosten wie Wertverlust, Versicherung und Reparaturen berücksichtigt, gewinnt der Zug haushoch. Was die Fahrtzeit angeht, können Apps fürs Handy helfen, die schnellste Verbindung herauszufinden. Und im Gegensatz zum Auto steht die Bahn nie im Stau und muss sich auch nie lange einen Parkplatz suchen.

Michael nutzt bei der Planung vor allem den DB Navigator, die App der österreichischen Bahn ÖBB und die des Verkehrsverbunds Tirol VVT: „Damit kann ich die Hin- und die Rückfahrt lückenlos im Vorfeld planen.“ Besonders gut funktioniere das in Tirol: „Da ist jede Milchkanne in der App verzeichnet.“

 

Von der Haustür zum Hausberg

Bei manchen Touren ist die sogenannte letzte Meile ein Problem. Nicht immer kann man die Skitour unmittelbar am Bahnhof oder der Bushaltestelle beginnen. „Wenn es nicht so weit ist, gehen wir zu Fuß. Ansonsten teilen wir uns ein Taxi, das wir im Voraus an den Bahnhof bestellen“, sagt Michael. Oft liegen die Haltestellen aber so, dass man direkt loslaufen kann.

Wer ohne Auto anreist, hat außerdem viel mehr Tourenmöglichkeiten. Ganz einfach, weil auch Überschreitungen drin sind. Man muss schließlich nicht zurück zum Parkplatz, an dem das Auto steht, sondern kann an jedem Bahnhof in den nächsten Zug einsteigen und zurückfahren.

 

Bestes Beispiel: die Schweiz! Sie ist bekannt für einen gut ausgebauten und zuverlässigen öffentlichen Verkehr. „Da hält in jedem Dorf einmal pro Stunde ein Bus“, schildert Michael seine Erfahrungen bei den Eidgenossen. Daneben gibt es auf einigen Strecken sogenannte Schneetourenbusse, die beliebte Tourenausgangspunkte anfahren. Allerdings nur, wenn im Vorfeld eine Mindestanzahl an Reservierungen vorliegt. Dadurch wird vermieden, dass die Busse ohne Fahrgäste fahren.

Julia Mrazek arbeitet beim Deutschen Alpenverein im Ressort Naturschutz und Kartografie. „Wer mehrere Tage in den Bergen bleibt, spart nicht nur das CO2 mehrerer An- und Abreisen ein, sondern noch eine weitere wertvolle Ressource: Zeit“, sagt die Verantwortliche des Projekts Bergsport mit Zukunft. Bei dem Projekt geht es darum, Bergsportlerinnen und -sportler für das Thema Umwelt- und Ressourcenschutz zu sensibilisieren.

 

Umweltfreundlich und gesellig

 „Im Zug ist es auch immer geselliger“, findet Michael. Dort kann man sich viel besser unterhalten als im Auto, in dem es oft so laut ist, dass man hinten nicht versteht, was vorne gesprochen wird. Häufig trifft man in der Bahn auch neue Leute und es entwickeln sich gute Gespräche. Und was gibt es besseres, als nach einer anstrengenden Tour mit den Freunden bei einem Bier zusammen im Zug zurückzufahren und den nächsten Ausflug zu planen? „Wer sich gut informiert und gemeinsam mit anderen unterwegs ist, merkt schnell, wie entspannt so ein Ausflug sein kann“, sagt Mrazek.

Neben allen Komfort-, Preis- und Praktikabilitätsfragen steht natürlich noch ein Thema im Mittelpunkt: der Klimaschutz. Die meisten Bergsportlerinnen und Bergsportler verstehen sich auch als Umwelt- und Naturschützer. Trotzdem sind die Parkplätze am Fuß der Berge fast immer voll. Dabei sind die Fahrten der größte Posten in der CO2-Bilanz. Rund 80 Prozent der Emissionen gehen auf die An- und Abreise zurück.

 

Fazit

Beim Wandern und Klettern im Sommer ist es schon länger üblich, im Winterbergsport noch nicht: An- und Abreise mit den Öffentlichen. Doch mit ein bisschen Vorbereitung kann auch die Ski- oder Schneeschuhtour problemlos mit Bus und Bahn organisiert werden. Nicht nur hat man mehr Tourenmöglichkeiten wie beispielsweise Überschreitungen, auch der Umwelt tut man damit einen Gefallen.

 

Die besten Tipps von Michael

Die wichtigsten Apps

Als Michael vor zehn Jahren begonnen hat, nur noch mit den Öffentlichen zu den Startorten seiner Skitouren zu fahren, war das noch beschwerlicher als heute. Zwar gab es damals schon Apps, die bei der Planung geholfen haben. So ausgereift wie sie heute sind, waren sie aber noch nicht. Welche Apps dürfen auf dem Handy nicht fehlen?

  • DB Navigator – Verbindungsabfrage Bahn und Bus, Online-Buchung von nationalen und internationalen Fahrkarten, Regionaltickets wie beispielsweise das Bayern-Ticket oder das Regio-Ticket Werdenfels
  • VVT Smart Ride – Verbindungsabfrage Bahn und Bus, auch grenzüberschreitend möglich (Bayern-Tirol)
  • ÖBB – Online-Buchung von nationalen und internationalen Fahrkarten, Regionaltickets für Österreich, Tageskarten des Verkehrsverbunds Tirol (VVT), Bustickets für den ÖBB-Postbus
  • alpenvereinaktiv – generelle Tourenplanung, Haltestellensuche in der Karte
 

Ticket-Tipps

  • Das Regio-Ticket Werdenfels gilt auch werktags schon vor 9 Uhr. Mit dem Zusatz +Innsbruck, kann man sogar bis dorthin fahren.
  • Bayern-Tickets sind meistens die bessere Wahl als spezielle Tickets (zum Beispiel Regio-Ticket Allgäu-Schwaben oder das Guten Tag Ticket vom Meridian), wenn man noch den Bus und MVV nutzen möchte.
  • In Österreich sind viele Busse (auch Postbusse) während der Skisaison für Passagiere mit Skikleidung gratis. Also rein in die Schneehose und ab in den Bus.
 

Packen wie ein Profi

Wer mit den Öffis in die Berge fährt, muss mit Köpfchen packen. Denn alles, was man mitnimmt, muss man den Berg hoch- und später wieder runterschleppen. Was ist beim Rucksackpacken zu beachten?

  • Überlegen, was man wirklich braucht – beispielsweise nur ein Wechselshirt für die Heimreise, keinen zu großen Rucksack
  • Nicht am falschen Ende sparen – LVS-Gerät, Sonde, Schaufel, Erste-Hilfe-Set und Biwaksack dürfen natürlich nicht fehlen.
  • Skitour-Hack: Skischuhe direkt anziehen oder leichte, faltbare Sneakers für den Rucksack, Stöcke zum Tragen an die Ski klemmen
 

Michael Vitzthum im Interview

Seit 20 Jahren geht Michael Vitzthum regelmäßig Skitouren. Vor zehn Jahren hat er sein Auto verkauft, seither macht er alle seine Ausflüge mit den Öffentlichen. Der 48-jährige Kommunikationsdesigner lebt München. Von dort aus fährt er meistens zuerst mit dem Zug und dann mit dem Bus zum Ausgangspunkt seiner Touren. Ein Gespräch über volle Parkplätze, leere Busse und neue Tourenmöglichkeiten.

 

Lieblingstäler

Wie gut der Start- und der Endpunkt einer Tour mit den Öffentlichen erreichbar ist, ist von Region zu Region unterschiedlich. Michael hat in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen gesammelt und weiß, wo es gut geht und wo es schwieriger ist.

  • Oberstdorf, Kleinwalsertal, Immenstadt, Bad Hindelang, Tannheimer Tal (ab Reutte)
  • Ehrwald, Lermoos, Berwang, Lähn
  • Garmisch, Mittenwald, Scharnitz, Gießenbach, Seefeld
  • Ternseeseer Tal, Schliersee, Spitzing, Bayrischzell
  • Seegatterl, Steinplatte, Chiemgau
  • Aschau, Sachrang (Kampenwand)
  • Berchtesgaden, Ramsau, Lofer, Saalfelden
  • Sellrain, Kühtai, Axamer Lizum, Wipptal bis Brenner mit allen Seitentälern, Ötztal
  • Inntal mit Seitentälern, Zillertal, Achenseeregion, Rofangebirge, Pertisau
  • Kitzbüheler Alpen, Alpbachtal, Widschönau
 

Hilfreiche Links

 

Tourenvorschläge auf alpenvereinaktiv.com