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120 Jahre Verein zum Schutz der Bergwelt

31.07.2020, 11:33 Uhr

Schutz für Natur und Alpenpflanzen: seit 120 Jahren setzt sich der "Verein zum Schutz der Bergwelt" ein. Bedeutend für den Alpenraum ist das heute ganz genauso, wie vor 120 Jahren.

Von der Alpenrose zum Infinity Pool - Gefährdung damals wie heute

Am 28. Juli schaut der „Verein zum Schutz der Bergwelt e.V.“ (VzSB) auf 120 Jahre Engagement für die Alpen und für die Bergwelt insgesamt zurück. Am 28. Juli 1900 gründeten 125 Einzelpersonen und 29 Sektion des damals noch verbundenen „Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins“ DuOeAV den „Verein zum Schutz und zur Pflege der Alpenpflanzen“. Der DuOeAV reagierte damit auf die (Un)Sitte, von den Bergen hand- und rucksackvoll Sträuße der schönsten Alpenblumen heimzutragen. Das wurde auch kommerzialisiert, sodass ganze Wagenladungen von Alpenrosen im großen Stil vermarktet wurden.
Blumen waren damals das „soziale Medium“ für den authentischen Gruß aus den Bergen wie heute das Selfie auf Instagram vom besonderen Ort – beides Formen des jeweiligen Zeitgeistes, mit der Faszination der Bergwelt vor den Mitmenschen zu brillieren – und zu zeigen, wo man war. Heute ist es die nur gefahrvoll erreichbare Gumpe des Königsbachfalls, der tausendfach geteilte „Infinity Pool“ oberhalb des Königsees, sodass die Verwaltung des Nationalparks Berchtesgaden um Schutz von Leib, Leben und Natur sorgen muss. Vor 110 Jahre war es unser Verein, der mit der Gründung eines 83 km² großen „Pflanzenschonbezirks Berchtesgadener Alpen“ am 1. Juli 1910 in der Sorge um die Alpenblumen die Keimzelle dieses Nationalparks initiierte. Diese 110 Jahre wurden am 1. Juli diesen Jahres coronabedingt im kleinen Kreis mit dem Umweltminister Torsten Glauber, dem Leiter des Nationalparks Berchtesgaden Dr. Roland Baier und Vertretern von Landkreis und Kommunen auf dem Wimbachschloss im Wimbachgries gefeiert.

 

Eng verbunden mit dem Alpenverein

Der Auftrag des Vereins war von Anfang an: Die Faszination und Qualität des Naturraums Bergwelt soll erhalten bleiben, für sich selbst, aber auch für den Tourismus, so dass sich dessen Dynamik nicht gegen die Natur und damit gegen ihn selber wendet: Der Tourismus soll eben nicht zerstören, was er sucht, indem er es findet. Das gilt auch für die Alpenvereine, deshalb wurde er aus ihrer Mitte gegründet. Über mehrere Namensänderungen ist der heutige „Verein zum Schutz der Bergwelt“ diesem Auftrag treu geblieben. Viele seiner Mitglieder sind Expert*innen aus den einschlägigen Professionen von der Botanik bis zur Forstwissenschaft, die Mitgliedschaft vieler Alpenvereinssektionen zeigt seine – kritisch-solidarische – Verbundenheit zum Deutschen Alpenverein und den anderen Alpenvereinen, insbesondere Südtirols und Österreichs. Seine Mitarbeit als „anerkannter Naturschutzverband“ übt er meist dezent im Hintergrund in Gremien und in Stellungnahmen in öffentlichen Verfahren aus, so dass er mehr von den Insidern geschätzt als in der Öffentlichkeit bekannt ist.
Er hat aber ein Organ, mit dem er sich immer wieder in den öffentlichen Diskurs einbringt, sein Jahrbuch! Dieses erscheint mit Unterbrechungen seit 1900 und ist ein historisches Dokument, in dem es die Probleme der Zeitläufte in den Alpen schier lückenlos dokumentiert.

 

Erfolgreicher Schutz gegen die Erschließung des Watzmanns

Gerade in Zeiten des Umbruchs wurden wegweisende Veröffentlichungen publiziert, die den Natur- und Landschaftsschutz im alpinen Raum in seinen Grundsätzen reflektieren und dessen „Framing“ verändert haben. Es sei hier das Jahrbuch 1968 genannt, in dem von Helmut Karl der Bayerische Alpenplan mit dem Titel „Seilbahnen in die letzten ruhigen Bereiche der bayerischen Alpen? Ein Vorschlag aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes“ zum ersten Mal vorgestellt wurde. Er bot 1968 angesichts des Projektes einer Seilbahn auf den Watzmann die entscheidende Alternative für eine räumlich differenzierte Ordnung des bayerischen Alpengebiets. Die Erschließung des Watzmanns konnte damals auch abgewehrt werden.
Dieser Beitrag im Jahrbuch 1968 ist jener Alpenplan, der 1972 als singuläres raumplanerisches Instrument von der Bayerischen Staatsregierung als Teil des Landesentwicklungsprogramm Bayern implementiert wurde – und im Jahr 2017, also nach 45 Jahren, zum ersten Mal von der Staatsregierung aufgeweicht werden sollte, um den Zusammenschluss zweier Skigebiete am Riedberger Horn in den Allgäuer Alpen zu ermöglichen.
In einer gewaltigen Anstrengung haben alle im bayerischen alpinen Raum engagierten Naturschutzverbände zusammen mit der Öffentlichkeit und Teilen der Landtagsopposition jenen politischen Druck aufgebaut, der 2018 den frisch gebackenen Ministerpräsidenten Markus Söder es für politisch klüger hat erscheinen lassen, diese Änderung wieder zurückzunehmen. Es war der VzSB, der die Überzeugungskraft der Naturschutzverbände gegen dieses Projekt mit seiner juristischen Expertise wesentlich gestärkt hat.

 

Öffentliche Aufmerksamkeit für den Naturschutz

Viele Veröffentlichungen in den Jahrbüchern haben den alpinen Naturschutzdiskurs in seiner Breite und Tiefe befruchtet. Genannt seien die Wald-Wild- und die Waldsterbensdebatte Anfang der 1980er Jahre, die Sonderdrucke zu den letzten Wildflüssen in den Alpen Tagliamento, Lech und Isar, die breite Debatte über die Ambivalenz der Gewinnung „Erneuerbarer Energien“ im Alpenraum im Wesentlichen durch Wasserkraft, oder das Thema „Bergwelt ohne Tabu“, das die durchaus prekäre aufschließende Kraft des sogenannten „sanften Tourismus“ problematisiert. Einige dieser Themen wurden auch in von vielen besuchten Symposien vertieft – und fanden dann wieder ihren Niederschlag im Jahrbuch. Ganz besonders sei in diesem Zusammenhang noch auf zwei Publikation hingewiesen:
Zum einen das letzte Jahrbuch 2019. Hier wurden für einen thematischen Schwerpunkt Fachautoren zusammengeführt, die das beunruhigende Phänomen des Insektensterbens insbesondere für den alpinen Raum beleuchtet haben. Damit wurde ein Kompendium geschaffen, das von Bayerischen Naturschutzfonds als förderwürdig anerkannt wurde.
Zum anderen die einzigartige Monographie „Almen und Alpen. Die Höhenkulturlandschaft der Alpen“ des renommierten Kenners der alpinen Ökologie Alfred Ringler, das der VzSB 2009 herausgegeben hat.

 

Mit Leidenschaft für den Alpenraum

Bei aller Sorge, Wachsamkeit und Verve, mit der der VzSB seit nun 120 Jahren das Geschehen im alpinen Raum begleitet, kommentiert und darin auch interveniert, hat er die Leidenschaft zu seinen Wurzeln, den alpinen Pflanzen bewahrt. Er besitzt und pflegt direkt neben der aussichtsreichen Vorderkaiserfeldenhütte der Sektion Oberland des DAV im Zahmen Kaiser oberhalb von Kufstein einen Alpenpflanzengarten mit über 300 verschiedenen Arten. Dieses kleine Blumenparadies liegt auf 1400 Meter Höhe und ist nach Südwesten geneigt. Gerade im späten Frühjahr und Frühsommer ist es der reizende und lehrreiche Höhepunkt eines Anstiegs über fast 900 Höhenmeter: Ein Highlight, Brotzeit inbegriffen, auch von Mün-chen aus bestens mit dem Zug bis Kufstein erreichbar! Es kann übrigens Jede und Jeder Mitglied werden – besondere Fachkenntnisse kann man auf den Exkursionen in den Bergen, aber auch z.B. in Moore und zu anderen botanische Attraktionen im Voralpenraum erwerben, die der VzSB – neben Führungen (mit Voranmeldung) im Alpenpflanzengarten – anbietet.

 

Quelle: Verein zum Schutz der Bergwelt, Pressemitteilung vom 28.07.2020

 

Weitere Informationen: www.vzsb.de