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Gletschersturz an der Marmolata

Ursachen, Einordnung, Perspektive

04.07.2022, 10:54 Uhr

Am 3. Juli 2022 kam es an der Marmolata in den italienischen Dolomiten zu einem Gletscherabbruch mit verheerenden Folgen. Rund 300 Meter unterhalb des Gipfels des beliebten Dreitausenders brach ein Sérac, ein Turm aus Gletschereis, ab und stürzte als Eis- und Felslawine ins Tal. Viele Bergsteigende wurden mitgerissen, elf Menschen starben (Stand 9. Juli). Wie kommt es zu solchen Unglücken und welche Schlüsse lassen sich daraus für den Bergsport ziehen?

Eindeutiger Bezug zum Klimawandel

„Dieses Ereignis hat einen eindeutigen Bezug zum Klimawandel und belegt die flächendeckenden rasanten Veränderungen in den Alpen“, stellt Dr. Tobias Hipp, Naturschutzexperte beim Deutschen Alpenverein fest. Beim Marmolata-Gletscher sieht man ein starkes Abschmelzen in den letzten 10 bis 15 Jahren, was dazu führt, dass der Zungenbereich nun in einem steilen Felsbereich liegt. Und das ist nur ein Faktor, der zu einer Katastrophe, wie wir sie an der Marmolata gesehen haben, führen kann.

Insgesamt kann man sagen, dass folgende Faktoren zu dem Gletschersturz geführt haben:

  • Klimawandel und Gletscherrückgang: Die meisten Gletscher haben stark an Volumen verloren und sind daher ausgedünnt. Dadurch kann Schmelzwasser leichter in den Gletscher eindringen und hat einen deutlich größeren Effekt als in einem mächtigen, tiefen Gletscher. Das Schmelzwasser innerhalb des Gletschers erzeugt Druck in den Hohlräumen und damit quasi eine Art “Sprengwirkung”.
  • Schneearmer Winter: Insbesondere in Südtirol war der vergangene Winter außerordentlich trocken und schneearm – laut Europäischer Dürrebeobachtungsstelle waren es nur 40 Prozent der Schneemenge des Mittelwerts der letzten zwölf Jahre. Dadurch war der Gletscher komplett aper, eine “schützende” Schneeauflage hat gefehlt. Normalerweise sind Gletscher im Juni noch mit Altschnee bedeckt. Die heißen Temperaturen haben also direkt zu einer erhöhten Gletscherschmelze geführt; normalerweise wäre zunächst der Schnee geschmolzen.
  • Außergewöhnliche und langanhaltende Hitzewelle: Seit ca. einem Monat herrschen in den Dolomiten außergewöhnlich hohe Temperaturen – das letzte Mal Frost in einer Höhe von 3000 Metern gab es am 9. Juni (siehe lawinen.report). Die Temperaturen von rund +10 °C, die seither durchgehend herrschen, sind für die Jahreszeit äußerst ungewöhnlich.
 

Meist ohne Vorwarnung und nicht vorhersagbar

Ereignisse wie der Gletschersturz an der Marmolata oder 2017 der Bergsturz am Piz Cengalo sind kaum bis gar nicht vorhersagbar – die 3343 Meter hohe Marmolata ist eigentlich nicht für Gletscherstürze bekannt. Wenn rechtzeitig Bewegungen am Berg entdeckt werden (was meist zufällig geschieht), dann besteht die Möglichkeit, Hang- und Gletscherbewegungen zu überwachen, um rechtzeitig Wege und Straßen zu sperren oder eine Evakuierung durchzuführen. So wird z.B. die Felsbewegung am Hochvogel in den Allgäuer Alpen mit Millimetergenauigkeit überwacht. In den allermeisten Fällen kommen diese extremen Ereignisse aber ohne Vorwarnung und nicht vorhersagbar.

 

In den bayerischen Alpen sind Eisschlag oder Gletscherbruch eher weniger ein Problem, in manchen Gebieten verschärft sich jedoch die Steinschlaggefahr aufgrund des tauenden Permafrosts.

 

Auswirkungen auf den Bergsport

Es ist davon auszugehen, dass es in den kommenden Jahren aufgrund des anhaltenden Gletscherrückgangs in den Alpen zu ähnlichen Ereignissen kommen wird. Auch das Auftreten anderer Naturgefahren wird im Zuge des Klimawandels wahrscheinlicher und häufiger:

  • Steinschlag: Permafrost hält steile Schuttflächen und Felswände zusammen. Wenn nun die Permafrost-Temperaturen steigen, verschiebt sich die Permafrost-Grenze in höhere Bereiche – die Steinschlaggefahr steigt insbesondere im Hochgebirge.
  • Größere Felsstürze: Gletscher an Wandfüßen von größeren Felswänden haben eine stabilisierende Wirkung, sind quasi eine Art Stütze – Permafrost kann zusätzlich stabilisieren. Sackt der Gletscher am Wandfuß durch Schmelze ab und taut der Permafrost, kann dies größere Bergstürze auslösen (siehe Piz Cengalo im Bergell).
  • Murgänge: Der Klimawandel sorgt für eine Zunahme der Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen, v.a. Starkregen. Starkregen führt zu einer Zunahme von Murgängen (Schlammlawinen). Hier geschieht durch den Klimawandel eine weitere Rückkopplung: durch den Gletscherrückgang im Hochgebirge werden große Schuttflächen freigelegt. Dieses Lockermaterial kann durch die zunehmenden Starkregen mobilisiert werden und als Murgänge ins Tal gehen.
 

Erhöhte Unfallgefahr auf Hochtouren

Schneefreie Gletscher im Frühsommer

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Die Saison für Hochtouren beginnt erst langsam, doch bereits jetzt im Frühsommer muss vor besonderen Gefahren gewarnt werden. Das Unfallrisiko ist derzeit stark erhöht. Darauf weist das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit (ÖKAS) hin. Auf den Gletschern in den Alpen herrschen besondere Bedingungen. Im Winter hat es nicht viel geschneit und die warmen Temperaturen haben dafür gesorgt, dass Schneebrücken auf den Gletschern gar nicht vorhanden oder so schwach sind, dass Spaltenstürze leicht passieren können. Dies bestätigt Alexander Radlherr von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Viele Gletscher in den Alpen sind bereits am Beginn der Saison komplett schneefrei. Bergsteiger*innen treffen außerdem vielerorts auf ausgeapertes Blockgelände. Auch hier ist die Gefahr von Unfällen höher als sonst. Die Gletscherbäche führen bereits so viel Wasser wie im Hochsommer. Normalerweise wird der Abfluss um diese Jahreszeit durch die Schneeauflage gebremst. Das muss bei der Planung berücksichtigt werden. „Vorsicht ist geboten und eine gute Tourenvorbereitung sowie ein Umdenken werden erforderlich“, erklärt Peter Paal, Präsident des ÖKAS. Die Statistik des ÖKAS zeigt: Die Hauptursache bei Unfällen in der vergangenen Saison ist Sturz, Stolpern oder Ausgleiten (48 Prozent). Bei tödlichen Unfällen sind es im 10-Jahres-Mittel 27 Prozent. 8 Prozent gehen auf Spaltenstürze zurück.   Weitere Infos zu Präventivmaßnahmen und Unfallzahlen gibt es auf der Seite des ÖKAS. 

Achtung: Steinschlaggefahr an der Wildspitze

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Laut Mitteilung der Alpinpolizei Imst besteht derzeit eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es in der nächsten Zeit im Bereich des Zustiegs zum Klettersteig vom Mitterkarjoch zu Felsstürzen kommen wird. Es wird dringend dazu aufgerufen, die Route zu meiden und einen alternativen Zu- und Abstieg auf die Wildspitze zu nehmen. Am 25. Juni 2022 wurde eine Gruppe Bergsteiger, die sich im Abstieg von der Wildspitze (3770 m) befand, unterhalb des Klettersteigs vom Mitterkarjoch von Steinschlag getroffen. Vier Personen wurden verletzt. 

Gletscher schmelzen, Permafrost taut

Was die Klimaerwärmung in den Alpen anrichtet

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Der vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt sich bereits auf viele Wetter- und Klimaextreme in allen Regionen der Welt aus – so lautet ein Ergebnis des kürzlich erschienenen ersten Teils des sechsten IPCC-Sachstandsberichts. Die Alpen sind besonders betroffen! Der DAV-Naturschutzexperte Tobias Hipp stellt anschaulich dar, was die Klimaerwärmung in den Alpen anrichtet, und erläutert, welche Folgen das hat: Vegetationszonen verschieben sich, Gletscher schmelzen, Permafrost taut. Die Konsequenzen: Steinschlag, Bergstürze oder auch Überschwemmungen und langfristig Wassermangel wegen ausbleibenden Schmelzwassers.

Gletscher, Naturgefahren und Klimawandel

Interview mit dem DAV-Klimaexperten Tobias Hipp

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Anfang Februar 2021 kamen im Himalaja, im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand, nach aktueller Einschätzung mehr als 200 Menschen in einem riesigen Schlamm- und Schuttstrom ums Leben. Ausgelöst wurde die Katastrophe, die zunächst als Gletscherabbruch galt, durch den Kollaps eines Berghangs: 0,2 Kubikkilometer (200 Mio. m³) Gestein hatten sich demnach aus einer Bergflanke gelöst und sind im quasi freien Fall 1.800 Meter in die Tiefe gestürzt, bevor sie auf dem Ronti-Gletscher aufschlugen und von dort – viel Gletschereis und Geröll mit sich reißend – talabwärts schossen und das Flussbett des Dhauliganga samt dortiger Infrastruktur inklusive Wasserkraftwerken verwüsteten. Die DAV-Online-Redaktion hat mit Tobias Hipp aus dem Ressort Naturschutz und Kartographie beim Deutschen Alpenverein gesprochen. Der Klimaexperte ist studierter Physischer Geograph. Er hat über die Auswirkungen des Klimawandels auf den alpinen Permafrost promoviert.