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Alpenkrimis – ein Spiel mit Ikonen und Klischees

Der Leser (öfter: die Leserin) erwartet, im Alpen-Krimi seine Vorstellungen und Bilder alpiner Idylle wiederzufinden. Autoren und Verlage erfüllen diese Erwartungen allzu gerne.

 

Heraus kommen die bekannten Geschichten, in denen die Ermittler nicht nur auf Schritt und Tritt dem Verbrechen, sondern auch allen möglichen alpentypischen Besonderheiten begegnen: die alpine Flora und Fauna ist in vielen Alpen-Krimis sehr präsent, alpine Architektur in Form von Bauernhöfen, Almen und Dörfern allgegenwärtig. Der Dialekt ist ein wichtiges Instrument zum Erzeugen von Lokalkolorit bzw. zur Stilisierung des Konflikts zwischen Heimat/Idylle/Heile Welt und Fremde/Bedrohung/Verbrechen. Die Protagonisten der Krimis, sowohl Kommissare als auch Täter, leben zumeist in einem Spannungsverhältnis zu der sie umgebenden Natur und Landschaft. Der Regionalkrimi versucht, über diese genretypischen Erkennungsmerkmale hinaus dem Leser lokal- oder regionalspezifische Besonderheiten zu bieten. Wiedererkennbare Orts- und Personennamen, ausführliche topographische Schilderungen, regionaltypische kulinarische Spezialitäten: all das steigert den Wiedererkennungswert für die auswärtigen und einheimischen Leser, soll Lust machen, auf den Spuren der Krimihandlung der Lokalgeschichte zu folgen, dient letztlich der Steigerung der Auflage- und der Touristenzahlen.

 

Um so verständlicher ist es, dass manche Krimiverlage inzwischen weniger auf die literarische Qualität ihrer Autoren, als auf die möglichst flächendeckende „Bespielung“ des Alpenraums mit Regionalkrimis achten. Das macht es möglich, zu fast jeder Region des Alpenbogens mindestens einen Krimi, für die populären Tourismuszentren (z.B. Werdenfelser Land, Tegernsee, Südtirol) auch eine Vielzahl von Autoren zu finden. Lokale Tourismusverbände, Verlage und Autoren bilden eine produktive Vermarktungskette. Solange es dem Leser gefällt und sich die Bücher verkaufen, ist dagegen natürlich nichts einzuwenden. Etwas schwieriger wird es vielleicht nur, in der Masse der Titel die durchaus vorhandenen literarischen Perlen und Besonderheiten herauszupicken. Wie lange der Trend zur Regionalisierung anhält, bleibt abzuwarten.

 

Anhand der Bücher-Cover, also der Umschlaggestaltung der Krimis, aber auch ihrer, oft alliterarischen, Titel, lassen sich anschaulich Motivfelder studieren, z.B.: Kuh-Gemse-Hirsch-Murmeltier. Tod am Fels-Tod auf der Hütte-Tod auf der Piste. Gletscherkalt-Kalter Fels-Schattenwand. Mordsviecher-Mordsspaziergänge-Mordsbescherung. Gipfelkreuz-Grabkreuz-Kreuzzug. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Erfindungsreichtum und die Bildsprache der Verlage überraschen immer wieder. Ob der Inhalt der Bücher immer hält, was die Hülle verspricht, muss der Leser selbst herausfinden. (ak)

 

Link: Mordsberge. Beitrag von Stefan Fischer in Panorama 3/2013