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Antisemitismus und Alpenverein: Im Gespräch mit Nicholas Mailänder

09.05.2022, 15:12 Uhr

Der 1949 geborene Diplom-Pädagoge Nicholas Mailänder war von 1991-1999 beim DAV zuständig für den Aufgabenbereich Klettern und Naturschutz, von 2008-2012 Geschäftsstellenleiter des Kuratoriums Sport und Natur (Dachverband der deutschen Natursportverbände). Darüber hinaus ist er Autor von Werken zur Geschichte des Bergsteigens, wie "Im Zeichen des Edelweiß - Die Geschichte Münchens als Bergsteigerstadt" (2006) oder "Er ging voraus nach Lhasa", eine Biografie des Tibetforschers Peter Aufschnaiter (2019). In diesem Zusammenhang beschäftigte er sich auch intensiv mit der Geschichte des Bergsteigens in Deutschland und Österreich zwischen 1918 und 1945.

„Jüdische Bergsteiger*innen: Bewundert, ausgegrenzt und verleugnet“ am 11.05.2022

Lieber Nicho, wo hat die Idee für die Veranstaltung am 11.05 ihren Ursprung?

 

Tatsächlich hat die Idee, über „Alpenverein und Antisemitismus“ zu informieren und eine Veranstaltung zu organisieren, mehrerer Wurzeln.  Der wichtigste Anstoß kam von einer Hörfunksendung des BR5 aktuell – heute BR24 – im Januar 2020. Die Sendung zum Thema „Explosion des Antisemitismus. Macht Deutschland genug gegen Antisemitismus?“ beeindruckte mich zutiefst. Bis dato hatte ich immer gedacht, wir hätten die Nazi-Vergangenheit gut aufgearbeitet und aus den Fehlern gelernt. Doch jetzt wurde mir klar, dass rechtsradikale Strukturen fest in unserer Gesellschaft verankert sind und eine echte Bedrohung darstellen.

 

 

Wie ging es weiter?

 

Michael Strassmann, der in Bayern 2 für die Sendung „Schalom“ verantwortlich ist, hatte erklärt, dass es keine Sonntagsreden braucht, sondern Aktionen wie  das Video „Dancing Auschwitz“ auf YouTube. Dort tanzt der Holocaust-Überlebende Adolek Kohn gemeinsam mit seinen Enkelkindern vor dem Krematorium der Vernichtungsanlage nach dem Song „I will survive“. Da dachte ich, dass führende Bergsteiger zusammen mit dem Deutschen Alpenverein etwas ähnlich Spektakuläres veranstalten könnten. Wir deutschen und österreichischen Bergsteiger hatten schließlich etwas gutzumachen! Denn mit unseren jüdischen Bergfreund*innen waren wir schon vor der Nazizeit alles andere als gut umgegangen.

Da lag der Gedanke nahe, die Öffentlichkeit durch eine Veranstaltung über diese hochproblematischen Zusammenhänge zu unterrichten und gleichzeitig etwas gegen den heute immer stärker um sich greifenden Antisemitismus zu tun. Die Internationale Paul Preuss Gesellschaft, deren Mitglied ich bin, war begeistert von diesem Vorschlag und nahm Kontakt auf mit dem Deutschen Alpenverein.

 

 

Mit der Thematik "Antisemitismus im Alpenverein" bist du aber schon länger vertraut, richtig?

 

Das stimmt. In den 70er Jahren promovierte meine Frau Liz an der Universität von Colorado. In Boulder lernten wir viele jüdische Bergsteiger*innen und auch ihre Familiengeschichten kennen. Das weckte mein Interesse. 2000 startete dann die Recherche zur Vergangenheit der Alpenvereine für mein Buch „Im Zeichen des Edelweiß“. Nach eineinhalb Jahren Recherche hatten sich viele kleine Puzzleteile zusammengefügt. Es wurde klar, wie sich der Antisemitismus ab den 1890er Jahren sukzessiv in den alpinen Verbänden ausbreitete und schließlich 1924 im Ausschluss der überwiegend jüdischen Sektion Donauland aus dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Martin Achrainer hat diese Zusammenhänge übrigens ausführlich im Buch „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945“ dargestellt. Rückblickend kann man sagen, dass es keinen Stein mehr gibt, unter den nicht geschaut wurde und die Alpenvereine wie kein anderer Sportverein ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben.

 

 

Das heißt, das Wissen um die Vergangenheit bringt eine Verantwortung mit sich und verpflichtet zur Positionierung für das Jetzt und die Zukunft?

 

Definitiv. Der DAV ist gesellschaftlich gesehen eine sehr wichtige und aufgrund seiner Größe auch eine einflussreiche Institution. Das Präsidium des DAV beschloss einstimmig, die Veranstaltung durchzuführen. Sie soll verdeutlichen, dass die Elite des deutschsprachigen Bergsteigens und der Deutsche Alpenverein aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und heute entschlossen Stellung beziehen gegen Judenhass und alle anderen Formen der Intoleranz.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch, Nicho!

 

Jüdische Bergsteiger*innen: Bewundert, ausgegrenzt und verleugnet

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Anlässlich des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ informierten der Deutsche Alpenverein (DAV) und die Internationale Paul Preuss Gesellschaft (IPPG) am 11. Mai 2022 mit einer Veranstaltung über das weithin unbekannte Verhältnis von jüdischen Alpinist*innen und dem Bergsport im deutschsprachigen Raum.