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Klassenfahrt 2.0 - Schülergruppe macht sich auf den Weg über die Alpen

Acht Schülerinnen und Schüler des Tassilo-Gymnasiums in Simbach haben im September 2018 erfolgreich die Alpen überquert. Unterstützt wurden Sie dabei von der Sektion Simbach des DAV, Ihrem Lehrer Stephanus Haslinger und der Bibliothek des DAV.

 

Wer sich mit auf den Pfad über die Alpen begeben will, kann hier Teil des Weges der Gruppe mitverfolgen und vielleicht sogar die Bergluft riechen und den Fels unter den Füßen spüren.

 

Chronik dieser wirklich besonderen Unternehmung:

 

Februar 2018

 

Es geht los, wir treffen uns nach Stundenplan und entwickeln ein Konzept: Eine „literarische Wanderung über die Alpen“, am besten der alpine Teil des E5 soll es sein. Man will aus eigener Kraft von Deutschland über die Berge nach Italien wandern, dabei Bergromane präsentieren und so dem nachspüren, was die Berge und das Bergsteigen für die Menschen bedeuten.

 

Die Schüler übernehmen die Verantwortung, sie sollen die Quartiere buchen, und wer gebucht hat, führt an diesem Tag die Gruppe. Ein anderer macht Fotos und wieder ein anderer stellt abends "seinen" Bergroman vor. So hat jeder mindestens dreimal während der Überquerung eine wichtige Verantwortung, muss konzentriert bleiben und kann sich nicht ausklinken.

 

Erste Vorbereitungswanderungen werden unternommen. Der Höhenweg nach Julbach und der Schellenberg sind Simbacher Klassiker direkt vor der Schultür. Man kann ausprobieren, wie man eine Gruppe führt. Gar nicht so leicht, das richtige Gehtempo zu bestimmen, und immer diese Ansagen. Machen normalerweise Lehrer und Eltern.

 

Vorbereitungen Frühjahr 2018

Die Teilnehmer sprechen bei vielen Simbacher Firmen und Banken vor, und alle unterstützen das Projekt wirklich großzügig. Hauptsponsor ist die Sektion Simbach. In eigens einberufener Vorstandssitzung wird beschlossen, dass jeder Schüler mit 75 Euro unterstützt und alle mit Funktionsshirts ausgestattet werden. Im Beisein des Schulleiters Edgar Nama überreicht uns Martin Koppmann, der Vorstand der Sektion, diese feierlich.

 

 

Vorbereitungen Juni 2018 - August 2018

Ein weiterer Partner ist die Bibliothek des DAV auf der Praterinsel in München. Frau Sandra Tesauro, Diplom-Bibliothekarin, empfängt uns im wissenschaftlichen Lesesaal und erzählt uns über das Bergsteigen von der Antike bis zur Gegenwart und wie darüber geschrieben worden ist.

 

Im Anschluß suchen sich Alle "ihren" Roman aus. Wir versuchen bei der Auswahl, verschiedene Facetten abzudecken, von den Bergen als idealisierte heile Welt, wo sogar Wunder geschehen, zu Bergen, wo Antihelden scheitern, bis hin zu Bergen, die nur noch als Kulisse dienen.

 

So ist die erste Berghütte, die von den meisten je betreten wird, die "alte" Höllentalangerhütte (505m) mitten in München.

 

 

 

Donnerstag, 13. September 2018

Magdalena Schreiner lotst uns mit der Bahn nach München und über Buchloe nach Oberstdorf. Gespannte Erwartung liegt in der Luft. Weiter mit dem Bus gehts in die Spielmannsau (1017 m) und erst nachmittags um halb vier können wir den Rucksack schultern („Aufsatteln“ sagen wir immer) und endlich bestimmen wir das Tempo, nicht mehr die Fahrpläne.

 

Erst ziehen wir zu ungestüm los. Aufpassen, in den ersten Tagen ganz langsam, Kraft aufbauen, die Leute nicht „aufhaxen“! Dann führt uns Magdalena in den Flow (sagt man heute so). An der wilden Trettach entlang und auf teilweise drahtseilversichertem Hangweg erreichen wir die Kemptner Hütte (1844 m). Am Abend werden die „Bergvagabunden“ (1937) von Walter Schmidkunz besprochen. Wir beginnen also mit dem Klischee, das heute noch wirkmächtig ist: Bergsteiger sind todesmutige Helden. Schließlich liegen wir wie die Sardinen in der Dose im engen Lager. Angekommen.

 

Freitag, 14. September 2018

Monika Früchtl führt uns über das Mädelejoch (1974 m). Ziemlich wolkenverhangen und nebelig, das Ganze. Aber dennoch entsteht immer am Morgen diese Wohligkeit und Zufriedenheit, die nur Berggeher kennen. Die Grenze nach Österreich wird überschritten. Viele Aufkleber auf dem Grenzschild. Den E5 gehen mittlerweile viele, er ist ein wenig der Jakobsweg der Alpen geworden.

 

900 hm Abstieg nach Holzgau, vorbei am Simmswasserfall mit völlig überzogenen Klettersteigen. Die Felsen geben nur noch das Relief ab für das Balancieren auf Eisenklammern und Seilbrücken. Ein kleiner Bus mit todesmutiger Fahrerin bringt uns durch Lech- und Madautal zum Parkplatz der Memminger Hütte. Dann der letzte Anstieg des Tages: anstrengend aber mit sehr gut vorgegebenem Gehtempo gut zu machen. In einem großartigen Kessel steht die Hütte auf 2242 Metern. Wir sind mitten in den Lechtaler Alpen.

 

Auf der malerischen Hüttenterrasse wird dann aus „Der Allesforscher“ (2014) von Walter Steinfest vorgelesen. Was für ein Kontrast zu den "Bergvagabunden": explodierende Wale, jede Menge Tote und skurrile Abenteuer ... die Postmoderne hat scheinbar keinen Platz für Heldentum.

 

Samstag, 15. September 2018

Jessica Diesner bringt uns über die Seescharte (2599 m). Es wird ganz schön alpin, man muss aufpassen. Vielleicht gut, dass die tiefhängenden Wolken oben den Blick ins Inntal nicht zulassen. Denn uns steht der längste Abstieg des E5 bevor: fast 2000 Höhenmeter hinunter nach Zams.

 

Obwohl die Ausblicke grandios sind: Es pfeifen die Komantschen und die Fußsohlen brennen. Mit der Venetbahn erreichen wir unser Quartier, die Zamser Skihütte (1770 m). Dort setzen wir uns zusammen und besprechen „Memsahb im Himalaya“ (1931) von Hettie Dyhrenfurth. In der Männerwelt des Erstbesteigungsalpinismus hatten es die Frauen nicht leicht – trotz Hosen und Bubikopf.

 

Sonntag, 16. September 2018

Lukas Winklhofer führt uns auf den Glanderspitz (2513 m) und über das Wonnejöchl hinunter nach Wenns. Wieder einmal müssen wir mit dem Blick zur Uhr zügig gehen, um den Bus durch das 30 km lange Pitztal nach Mittelberg (1734 m) zu erwischen. Das ist körperlich und mental fordernd, aber wir helfen uns gegenseitig.

 

Der folgende Anstieg ist landschaftlich und alpinistisch ein Höhepunkt der Tour. Vorbei am kühlenden Wasserfall über große, vom Gletscher glattgeschliffene Blöcke geht es hinauf zur höchstgelegenen Unterkunft des Wegs, der Braunschweiger Hütte (2759 m). Atemberaubend ist der Blick auf die Gletscher, denen die allermeisten zum ersten Mal im Leben so nahekommen.

 

„Alte Wege“ haben uns hierhergebracht, und so heißt auch das Buch von Robert Macfarlane (2016), das wir im Matratzenlager besprechen. Ein Roman über das Gehen und was es mit einem macht. Wir beginnen zu verstehen.

 

Montag, 17. September 2018

Marika Klein ganz groß: Sie geht voraus über das grandiose Dach der Tour, das 2995 Meter hohe Pitztaler Jöchl. Es geht ins Ötztal hinunter. Am Rettenbachferner sprühen die Schneekanonen. Alles vorbereiten für den Weltcupauftakt!

 

Einkehren müssen wir in der musikantenstadelisierten „Hühnersteign“. Wir sehen eben beide Seiten der Berge und gelangen zur DAV-Talherberge in Zwieselstein (1450 m). Am Ufer der Venter Ache wird uns aus „Transalp“ (2012) von Marc Ritter vorgelesen. Auf einer Alpenüberquerung will Kommissar Plank den Fall seines Lebens lösen. Neonfarbene Funktionskleidung ersetzt Karohemd. Auch der Leser wird zum Löser und wir erst recht. Wovon? Hauptsache weitergehen.

 

Dienstag, 18. September 2018

Das Frühstück in der Selbstversorgerhütte improvisieren wir: Es gibt Apfel, Handwurst und Müsliriegel, alles kleingeschnitten und appetitlich angerichtet. Was man alles nicht braucht. Heute gehen wir nach Italien – zu Fuß!

 

Lilly Hennersberger überquert mit uns die Passstraße auf das Timmelsjoch (2509 m). Porsches donnern vorbei. Perlenbehangene Damen auf dem Beifahrersitz lächeln etwas unsicher. Es gibt viele Wege über die Berge. Ein langer Abstieg, zuletzt an der Passer entlang, führt uns nach Moos im Passeiertal (1007 m), wo wir in einer Pension unterkommen, wo auch andere Gäste fasziniert den idyllischen Passagen aus Johanna Spyris „Heidi“ (1880) lauschen. Hier ist die Bergwelt noch eine heile und so romantisiert, wie die getriebenen Städter es sich wünschen. Das macht sogar Lahme wieder gehen.

 

Mittwoch, 19. September 2018

Ab heute wird aus dem Bergsteigen ein Wandern. Marika Klein und Jessica Diesner teilen sich die Führung der Gruppe. Der erst 2015 errichtete Schluchtenweg durch das Passeiertal nach St. Leonhard (689 m) hat die alte E5-Trasse längst aus dem Rennen geworfen. Spektakuläre Brücken und an den Fels geschraubte Treppen aus Edelstahl lassen uns die wilde Passer erleben.

 

Von St. Leonhard aus geht es auf schweißtreibendem Wiesenweg bis zur Pfandler Alm (1345 m). Malerisch ist dieser Ort und wichtig für das tirolerische Selbstverständnis, denn hier hat sich Andreas Hofer verborgen gehalten, bis ihn französische Soldaten gefangengenommen haben. Ein Schüler bestellt die Andreas-Hofer-Brettljause und auf einer Sonnenbank wird der englische Erstbesteigungsimperialismus ordentlich aufs Korn genommen. „Die Besteigung des Rum Doodle“ (1956) von William E. Bowman ist eine himmelschreiend komische Satire über eine Zeit, in der es noch „Schicksalsberge“ gab und in der Expeditionen wie wissenschaftliche Feldzüge organisiert waren.

 

Donnerstag, 20. September 2018

Tim Joachimbauer bringt uns hinauf zur Hirzer Hütte (1983 m). Wir sind mittlerweile gut eingegangen. 1000 Höhenmeter im Anstieg fühlen sich an wie ein morgendlicher Spaziergang.

 

Einmal lassen wir uns verleiten, hören auf den Rat der Hüttenwirtin und gehen einen Höhenweg, der uns zur Mittelstation der Seilbahn nach Meran 2000 bringen soll. Der Weg zieht sich aber und wir sehen die letzte Bahn nur noch an uns vorbei nach oben schweben. Gott sei Dank findet sich ein Bus hinauf auf das Plateau und wir müssen nur noch anderthalb Stunden gehen, bis wir die Kirchsteiger Alm (1945 m) erreichen. Zwölf Stunden waren wir heute auf den Beinen. Für ein Buch ist an diesem Abend keine Zeit mehr. Irgendwie ungewohnt.

 

Freitag, 21. September 2018

Jetzt ist klar: Wir werden gemeinsam in Bozen ankommen! Vitus Baumgartner geht voraus auf das Kreuzjoch (2084 m), auf den letzten Gipfel unserer Tour – eigentlich eine Wiesenkuppe. Noch einmal 1000 Höhenmeter Abstieg, aber das ist eher ein Spaziergang durch eine liebliche, parkähnliche Landschaft, wo Kühe und Haflinger friedlich nebeneinander grasen, bis hinunter nach Jenesien (1087 m).

 

Von dort schweben wir mit der Seilbahn hinab ins quirlige und sehr italienische Bozen, wo wir unsere letzte Übernachtung in der Jugendherberge haben, bevor uns der Zug am nächsten Tag wieder nach Simbach bringt. Einkehr in einer Pizzeria, zum ersten Mal anstoßen mit einem Glas Wein. Geschafft.

Mit dem letzten Buch setzen wir uns erst am Rückreisetag in der Jugendherberge auseinander. „Niedergang“ (2013) von Roman Graf. Die Berge als Katalysator für das Scheitern einer Beziehung. Auch unser gemeinsamer Weg ist zu Ende, aber wir verstehen uns gut.