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Karakorum-Kingline geklettert

27.08.2018, 12:01 Uhr

Es war eine der ganz großen ungelösten Aufgaben des aktuellen Alpinismus: der Nordgrat des Latok I (7145 m) im pakistanischen Karakorum. Nun gelang den Slowenen Aleš Česen und Luka Stražar mit dem Briten Tom Livingstone die erste Begehung.

30 Versuche scheiterten

Als „Walkerpfeiler des Karakorum“ war der Latok-Nordgrat legendär geworden: rund 100 Seillängen in immer anspruchsvollem, teils richtig schwierigem Gelände bei über 2000 Metern Höhenunterschied, dazu das oft instabile Wetter – eine grandiose Linie mit extremen Rahmenbedingungen. Verblüffenderweise war der erste Aufschlag an diesem Projekt fast bis heute der beste: Die Amerikaner Jim Donini, Michael Kennedy und George und Jeff Lowe waren 1978 schon bis 150 Meter unter den Gipfel geklettert, hatten dann aber einen epischen Rückzug machen müssen, weil Jeff Lowe plötzlich eine Höhenkrankheit entwickelte – sie waren einundzwanzig Tage lang geklettert, zum Abseilen brauchten sie weitere vier Tage.

Danach wurde die Linie rund dreißigmal versucht, von Top-Alpinisten wie Catherine Destivelle, Wojciech Kurtyka, Colin Haley oder den Brüdern Benegas, doch keiner erreichte den höchsten Punkt der Amerikaner. Im vergangenen Jahr hatten die Russen Alexander Gukov und Sergej Glazunov die zweitbeste Höhe (6700 m) erreicht; diesen Sommer waren sie zurück und kamen erstmals weiter als das Amerikanerteam. Wegen Seracgefahr und schlechtem Wetter mussten sie aber umdrehen; Glazunov stürzte dabei tödlich ab, Gukov konnte erst nach weiteren sechs Tagen in der Wand per Heli gerettet werden.

 

"Nicht super schwierig, aber anstrengend"

Das nun erfolgreiche Trio brauchte vom Basislager zum Gipfel und zurück sieben Tage und bewertete die Route (2400 m) mit ED+. „Nicht super schwierig, aber anstrengend wegen der Länge, Höhe und der schlechten Biwaks“, berichtete Livingstone in einem Interview mit dem BMC (www.thebmc.co.uk/tom-livingstone).

 

Für den vom DAV-Partner Mountain Equipment geförderten Alpinisten war es der erste Himalayatrip. Das obere Viertel des Grates umging das Team mit einer großen Rechtsschleife – man könnte also spitzfindig sagen, die eigentliche Aufgabe wäre nicht gelöst. Da sie im Basislager das Drama der zwei Russen miterlebt hatten, ohne selbst helfen zu können, ist ihre Priorität verständlich, „den Berg von Norden zu besteigen, nicht unbedingt streng auf der Gratlinie“. Immerhin war der Gipfel erst ein einziges Mal bestiegen worden, 1979 durch ein japanisches Team von Süden her.

 

"Offene Rechnung" beglichen

Jeff Lowe, Teil des legendären ersten Teams am Grat, hatte die Route als „offene Rechnung der letzten Generation“ bezeichnet. Die Rechnung darf man nun, nach 40 Jahren, als beglichen betrachten – auch wenn Livingstone sagt: „Der Grat selbst bleibt eine Herausforderung für die Zukunft“. Und Jeff Lowe, einer der stärksten und beeindruckendsten Alpinisten der 1970er bis 90er Jahre, ist am 24.8., wenige Tage danach, an einer langjährigen Nerven-Degenerations-Krankheit gestorben.