„Die uns umgebenden, unsichtbaren, aber um so mehr fühlbaren Ghettomauern.“ Antisemitismus im Alpenverein

Im Januar 1925 erhielt die Alpenvereinssektion München ein Schreiben, in dem 83 Münchnerinnen und Münchner ihren Austritt erklärten. Darunter befanden sich so prominente Personen wie Dr. Leo Baerwald, Rabbiner der Münchner Hauptsynagoge, und mehrere Mitglieder der Familie Feuchtwanger. Dem vorangegangen war die Praxis des Sektionsvorstandes, keine Jüdinnen und Juden mehr in die Sektion aufzunehmen. In der Sektion Rheinland-Köln war schon 1921 zehn Anwärtern jüdischer Herkunft die Aufnahme verweigert worden. In Hamburg und Berlin führte die Frage um das Abstimmungsverhalten der Sektionsvorstände in der sogenannten Donaulandfrage, dem Ausschluss der vorwiegend aus jüdischen Mitgliedern bestehenden Sektion Donauland aus dem Alpenverein im Dezember 1924, zu tumultartigen Sitzungen. In beiden Sektionen trat eine große Anzahl von Mitgliedern aus, darunter in Hamburg der Bürgermeister Dr. Carl Wilhelm Petersen.

Was war passiert? Wieso kam es im Deutschen Alpenverein schon lange vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten zur Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden? Die Geschichte dazu wurde in den letzten 15 Jahren von verschiedenen Seiten aufgearbeitet. Zum 150. Jubiläum stellte sich der DAV jedoch die Frage, inwieweit die zugrundeliegenden Ideologien den 1950 neu gegründeten Deutschen Alpenverein weiter prägten.

Ursprünglich waren Jüdinnen und Juden in vielen Sektionen fester Bestandteil. Der Alpenverein wollte „alle Verehrer der erhabenen Alpenwelt in sich vereinigen“ (Zeitschrift DAV, Bd. 1, I). Dies entsprach dem Zeitgeist während der Gründung des Deutschen Alpenvereins im Jahr 1869. Mit der Verfassung des neu gegründeten Deutschen Reiches 1871, 1867 bereits in der k. u. k.-Monarchie, waren Jüdinnen und Juden erstmals rechtlich mit Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften gleichgestellt. Bereits im Gründungsjahr des Vereins trat beispielsweise der jüdische Notar Dr. Ignaz Ortenau (1830-1883), Rechtsberater des späteren Prinzregenten Luitpold, in die Sektion München ein.

Eine Veränderung im Verein zeichnete sich in den 1890er Jahren ab. Seit diesem Zeitpunkt erhielt der Verband Anträge von Sektionen, die in ihren Satzungen einen „Arierparagraphen“, also den Ausschluss von Jüdinnen und Juden, einführen wollten. Auch das ist ein Abbild der damaligen Zeit, in der mit den Christlich-Sozialen des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker eine explizit antisemitische Partei gegründet und das deutsche Vereins- und Verbandswesen zunehmend antisemitisch ausgerichtet wurde. In Österreich verbreitete Georg von Schönerer mit den Alldeutschen höchst effektiv eine ähnliche Ideologie. Insbesondere die damals jüngeren Alpenvereins-Mitglieder waren von zeitgenössischen nationalistischen, antisemitischen und völkischen Ideen beeinflusst, die vor allem in den akademischen Sektionen Verbreitung fanden. Die erste Sektion, die sich mit einem „Arierparagraphen“ in der Satzung gründen wollte, war 1891 die Akademische Sektion Graz. Als deutsche Sektionen folgten, soweit bekannt, 1899 die Sektion Mark Brandenburg und 1910 die Akademische Sektion München. Die Gremien des Alpenvereins, die über die Satzungen zu befinden hatten, genehmigten „Arierparagraphen“ in der Regel nicht, da sie als politisch und damit vereinsschädlich galten. Positionen völkischer Ideologie verbreiteten sich insbesondere in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg dennoch rasant. So zu erkennen in einem Antrag an die Hauptversammlung im Jahr 1913. Die Publikationen des Alpenvereins sollten in einem symbolischen Bekenntnis zum Deutschtum zukünftig in deutschen Lettern, der Fraktur, gedruckt werden. Mit zwei zu einem Drittel der Delegierten wurde der Antrag – noch – abgelehnt.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs und später die Niederlage sorgten im Alpenverein für eine veränderte Stimmung. Mit Beginn des Krieges stellte er die Vereinspublikationen auf Fraktur um. Und auf der ersten Nachkriegssitzung des Hauptausschusses im Oktober 1919 kam der „Arierparagraph“ in den Sektionssatzungen erneut auf die Tagesordnung. Der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses plädierte für eine Abschaffung des Verbots mit dem Argument: „Die antisemitische Bewegung sei nun einmal da, stärker als je, und diese Bewegung würde auch im Alpenverein immer mehr in Erscheinung treten“. Der Erste Vorsitzende des Alpenvereins, Reinhold von Sydow, sprach sich zwar deutlich gegen die Abschaffung des Verbots aus, doch im Mai 1920 hob es der Hauptausschuss „mit überwiegender Stimmenmehrheit“ auf.

Insbesondere in Wien hatte dies fatale Folgen. Hier hatte sich der Antisemitismus nach dem Zusammenbruch der k. u. k.-Monarchie stark ausgebreitet. Mit Hilfe einzelner Agitatoren, unter anderem Walter Riehl, dem führenden Politiker der österreichischen Nationalsozialisten, der sich die „Reinigung der Touristenvereine“ auf die Fahne geschrieben hatte, wählte die Sektion Austria im Februar 1921 einen völkischen Vorstand mit dem Antisemiten Eduard Pichl an der Spitze. Alle anderen Wiener Sektionen waren zu diesem Zeitpunkt bereits antisemitisch ausgerichtet. Jüdinnen und Juden sowie diejenigen, die die neue Ausrichtung der Vereine verurteilten, traten aus. Eine große Zahl von ihnen sammelte sich zur Gründung einer neuen Sektion. Im März stellten sie den Antrag, als Sektion Donauland in den Alpenverein aufgenommen zu werden.

Auf der Verbandsebene des Alpenvereins war damit die Frage, wie sich der Verein zum Ausschluss von Jüdinnen und Juden stellte, zurück. Schon das Aufnahmeansuchen führte zu Auseinandersetzungen. Über dreißig österreichische Sektionen sowie der Münchner Ortsausschuss, die Vertretung der Münchner Sektionen, protestierten. Mit einer knappen Mehrheit beschloss der Hauptausschuss trotzdem die Aufnahme. In den folgenden Jahren setzte sich der Streit fort. Rund zwanzig Sektionen, vor allem in Österreich, verwehrten als weiteres Druckmittel seit Sommer 1921 Jüdinnen und Juden sowie Mitgliedern der Sektion Donauland den Zutritt zu ihren Hütten und ließen sich trotz Verwarnungen des Verbandes nicht von diesem Verhalten abbringen. Die Vereinsleitung suchte nach einem „Kompromiss“. Donauland solle freiwillig austreten, die Gegner dafür auf politische Agitation auf Verbandsebene verzichten. Schon dieser „Kompromiss“-Vorschlag war ein einziger Affront, der von der Sektion Donauland abgelehnt wurde. Am 14. Dezember 1924 verabschiedete eine extra dafür einberufene außerordentliche Hauptversammlung des Alpenvereins im Deutschen Theater in München schließlich den Ausschluss mit 95 Prozent der Stimmen. Damit waren zwar die verbandsinternen Auseinandersetzungen beigelegt, doch die Antisemiten hatten die große Mehrheit des Verbandes auf ihre Seite gezogen und es geschafft, den Antisemitismus im Verband endgültig zu etablieren sowie den Alpenverein nach außen eindeutig völkisch und antisemitisch zu positionieren.

Zeitungsausriss mit Meldung über Hakenkreuze an der Radstädter Hütte, mit handschriftlichem Kommentar eines Hauptausschuss-Mitglieds. Österreichischer Alpenverein, Archiv und Museum

Ein Kommentar im „Jüdischen Echo“ gibt die Bedeutung der Entscheidung unter den Ausgeschlossenen wieder:

„Das schlimmste ist nicht, daß die Juden aus dem Alpenverein hinausgedrängt werden. Wir sehen, daß unter der fortschreitenden Vergiftung der ‚Völker deutscher Zunge‘ durch die Judenhetze unser Lebenskreis, die uns umgebenden unsichtbaren, aber um so mehr fühlbaren Ghettomauern immer enger einschließen.“ (Anonym, „Der arische Alpenverein“, in: Das Jüdische Echo, Nr. 30, 25.7.1924)

In der Folge bildeten sich in Berlin und München zusätzlich zum Alpenverein Donauland in Wien eigenständige Alpenvereine mit vorwiegend jüdischen Mitgliedern, deren Aktivitäten sich wenig von denen einer herkömmlichen Alpenvereinssektion unterschieden. Gemeinsame Ausflüge, Vortragsabende, ein Publikationsorgan und der Hüttenbau gehörten dazu. Die eingangs erwähnten Sektionen in Köln und Hamburg hatten sich gegen die Einführung von „Arierparagraphen“ entschieden, die Hamburger sogar einen Juden in ihren Aufnahmeausschuss gewählt, doch Jüdinnen und Juden traten, dies wissen wir zumindest von der Kölner Sektion, kaum noch ein.

Der jüdische Rechtsanwalt Moritz Bing.
Dr. Moritz Bing auf Bergtour in den Westalpen, Aufnahme aus einem seiner Fotoalben. Der Rechtsanwalt Dr. Moritz Bing (1875–1947) war seit 1906 Mitglied der Sektion Rheinland–Köln. 1934 führte die Sektion einen „Arierparagraphen“ ein, 1936 mussten die letzten Jüdinnen und Juden austreten. Bing emigrierte mit seiner Familie 1938 in die Schweiz. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Zwar konstatierte der Anwalt Georg Franz Bergmann in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung: „In Oesterreich herrscht bei acht Zehnteln der Sektionen der Arierparagraph, die deutschen Sektionen nehmen in ihrer Mehrzahl wie auch vor dem Kriege Juden auf.“ (Georg Franz Bergmann, „Vom Wesen des Alpinismus und von jüdischen Bergsteigern“, in: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung, H. 6, 1.4.1928). Doch viele Sektionen, die noch keinen „Arierparagraphen“ in ihren Satzungen verabschiedet hatten, praktizierten diesen über zum Teil geheime Abstimmungen in den sektionseigenen Aufnahmeausschüssen.

Warum aber bildete der Alpenverein einen so fruchtbaren Nährboden für Antisemitismus und völkisches Denken? Hier wie dort fanden sich zivilisationskritische Grundhaltungen und antimoderne Ressentiments, beispielsweise in der Begeisterung für das vermeintlich „volkstümliche“ Leben der bäuerlichen Gesellschaft und dem Erlebnis des unerschlossenen Hochgebirges. Das Naturbild in seiner Kontrastierung zwischen „Hochland“ und „Flachland“, also idealisierter harmonischer Natur in den Bergen und „kleinlicher egoistischer Uneinigkeit“ in der durch die Moderne geprägten Ebene, war grundsätzlich offen für die völkische Ideologie.

Karikatur Der judenreine Alpenverein
„Der judenreine Alpenverein“, Karikatur von Paul Humpoletz. In: Der Götz von Berlichingen, Nr. 51, 1924. Österreichischer Alpenverein, Archiv und Museum

Doch vor allem das In-die-Berge-Gehen selbst und insbesondere das ambitioniertere Bergsteigen, das „Bergsteigen schärferer Richtung“, wies in besonderem Maße Schnittmengen auf. Hier konnte Gemeinschaft mit vermeintlich Gleichgesinnten erlebt und Tugenden wie Stärke und Kampfesmut bewiesen werden. Die Gründe, warum die Einzelnen in die Berge gingen, wurden dabei als etwas „Höheres“, „Unbeschreibbares“ bezeichnet, das nur die verstehen könnten, die es fühlten. Diese Gefühlsgemeinschaft sorgte bei nicht wenigen für eine Empfindung des „Auserwähltseins“, einem Kernelement völkischer Ideologie. Vor allem aber bekam das Bergsteigen einen über den Einzelnen hinausreichenden, nationalistischen Sinn zugeschrieben, wie Gustav Müller, Sprecher der Bergsteigervereinigung im Alpenverein, auf der Hauptversammlung im Jahr 1922 deutlich machte:

„Ja, in den Bergen thronen noch die Ideale. Dort ist Erkenntnis der Bedeutungslosigkeit des eigenen Ichs. Dort paaren sich Demut und Mut, dort straffen sich Sinn und Trachten zum unbeugsamen Willen, dort lernt sich herbes Müssen und Ausharren im Kampf, […] dort sind Seele und Kraft, dort gilt nur der Wert um seiner selbst willen, nicht die Maske, dort ist das Land des uneigennützigen Kampfes, dort lodert das Feuer der Liebe zur Heimat. Aus diesen Schätzen, Alldeutschland, hole dir Willen, Mut und Kraft zum Kampf um dein Sein, dort, Jungdeutschland, stähle Arme, Sinne und Willen, nähre deine Seele und schmiede deine Wehr!“ (Zeitschrift des DuOeAV 1922,1-9).

1927 beschloss der Alpenverein eine umfassende Satzungsänderung als Resultat aus den Diskussionen der vorangegangenen Jahre. Die Ziele des Vereins wurden erweitert um drei Punkte, nämlich die Förderung des Bergsteigens, das Erhalten der „Schönheit und Ursprünglichkeit“ der Ostalpen sowie die Pflege und Stärkung der „Liebe zur deutschen Heimat“. Das Bergsteigen schärferer Richtung, Naturschutz und deutschnationale Erziehung waren in einen Dreiklang gebracht worden.

Während des NS-Regimes

Das NS-Regime wurde von vielen Sektionen in ihren Vereinsberichten offiziell begrüßt. Der Deutsche und Oesterreichische Alpenverein behielt zunächst seine Eigenständigkeit, doch die reichsdeutschen Sektionen wurden in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) eingegliedert. Fast alle bisher näher untersuchten reichsdeutschen Sektionen führten nun „Arierparagraphen“ ein, die zumindest neu aufzunehmende Mitglieder betrafen.

Wie sich die Sektionen in Einzelfällen verhielten und wie groß ihr Handlungsspielraum war, war höchst unterschiedlich. Einzelne Sektionen zögerten Vereinsaustritte, vor allem von langjährigen, verdienstvollen Mitgliedern, so lang als möglich hinaus. Dazu gehörte beispielsweise die Sektion Freiburg, deren „Arierparagraph“ unter anderem ausdrücklich die verschonte, die bereits vor 1914 der Sektion beigetreten waren, im Krieg als Soldat gekämpft oder dort Angehörige verloren hatten. Der ambitionierte Bergsteiger und Kletterer Dr. Robert Liefmann blieb so bis 1938 Mitglied der Sektion.

Karteikarte Dr. Robert Liefmann
Karteikarte der Sektion Freiburg im Breisgau für ihr Mitglied Dr. Robert Liefmann. Der Professor für Nationalökonomie war seit 1904 Mitglied. Auf der Karteikarte ist deutlich zu erkennen, dass Liefmanns Eintrittsdatum in die Sektion nachgetragen wurde. Alle Mitglieder, die vor 1914 beigetreten waren, mussten 1933 nicht ausscheiden. 1938 schloss die Sektion ihre letzten jüdischen Mitglieder, darunter Liefmann, aus. Er starb 1941 im Konzentrationslager Gurs. Archiv der DAV-Sektion Freiburg im Breisgau

Auch der Kasseler Lehrer Dr. Otto Hess wurde bis zu seinem Unfalltod an der Ifingerspitze bei Meran im Jahr 1937 als Mitglied der Sektion Kassel geführt. Die Sektion forderte einen Ariernachweis nur für neu eintretende Mitglieder. Doch es gibt auch andere Beispiele. Die Sektion Nürnberg schloss den „Halbjuden“ und späteren Filmemacher Oskar Kühlken 1933 aus. Kühlken war damals einer der besten Bergsteiger der Sektion, leitete zahlreiche Sektionskurse und war maßgeblich an der Organisation der Bergsteiger in der Sektion beteiligt. Unter anderem hatte er regelmäßige „Sprechabende“ mit Berichten über Bergfahrten und theoretischem Inhalt wie Steigeisennutzung und Kartenlesen ins Leben gerufen.

1938 wurde Österreich dem Deutschen Reich „angeschlossen“. Der Alpenverein wurde umgehend gleichgeschaltet und in seiner Gesamtheit dem Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert. Eine Mustersatzung mit „Arierparagraphen“ wurde nun für alle Sektionen verpflichtend. Jüdinnen und Juden waren damit endgültig aus dem Alpenverein ausgeschlossen. Schon 1933 war der unabhängige Deutsche Alpenverein Berlin aufgelöst worden, nun folgte auch der Alpenverein Donauland in Wien.

Nach 1945

In den Jahren nach 1945 wurde der Antisemitismus im Alpenverein und seine Zusammenarbeit mit dem NS-Regime nicht mehr thematisiert. Man „übersprang“ die „dunkle Zeit“ und damit auch das Verhalten des Alpenvereins gegenüber seinen jüdischen Mitgliedern. Die Delegierten distanzierten sich zumindest in ihrer Satzung zur Wiedergründung des Deutschen Alpenvereins 1950 von „Bestrebungen und Bindungen klassen- und rassentrennender sowie militaristischer Art“. Doch die Reaktion auf eine Anfrage an den Verwaltungsausschuss des DAV vom November 1952, wie die „Diffamierung der nicht-arischen Mitglieder wieder gut zu machen“ sei, weist kein Unrechtsbewusstsein, Empathie oder Sensibilität auf. Den Sektionen wurde lediglich empfohlen, den „aus den Sektionen entfernten Mitgliedern mitzuteilen, daß die Mitgliedschaft nicht als erloschen gilt, sofern sie jetzt ausdrücklich wieder aufgenommen wird; von einer Beitragsnachzahlung von 1933/34 bis 1952 wird dann Abstand genommen.“ (Protokoll VA, 25. Sitzung am 28.11.1952, 2-3)

Auf Sektionsebene gibt es nur wenige Quellen. Sie zeichnen ein ähnliches Bild. So versuchte Paul Hübel, der sich 1947 auch gegen die Einsetzung von belasteten Personen bei der Neugründung des Verbandes eingesetzt hatte, seine Sektion Bayerland dazu zu bewegen, jüdische und andere Mitglieder, die zwischen 1933 und 1945 ausgeschlossen worden waren, anzuschreiben und zum Wiedereintritt zu bewegen. Seinem Antrag wurde nicht stattgegeben und stattdessen ein korrigierter Text verabschiedet, der besagte, dass in gleicher Weise auch Nationalsozialisten, also die Täter, die nach 1945 ebenfalls ausgeschlossen worden waren, der Wiedereintritt angeboten werden solle.

Noch 1967 beschloss der Dachverband, ausgerechnet Franz Grassler, mehrere Jahre stellvertretender Kommandant des Warschauer Ghettos, damit zu beauftragen, das Friesenberghaus und die Glorerhütte zu inspizieren, die die letzten Mitglieder des ehemaligen Alpenvereins Donauland dem Deutschen Alpenverein 1967 angeboten hatten. Später wurde der ehemalige Richter, Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und des Rother-Verlags zum Referenten für Öffentlichkeitsarbeit im Alpenverein berufen. Erst 1984 legte Grassler sein Amt nieder. Ein Jahr später fand die Erstaufführung des Films Shoah von Claude Lanzmann statt, in dem auch ein ausführliches Interview mit Grassler zu sehen ist, der als Zeuge auf der Seite der Täter interviewt wurde.

Kontinuitäten

„Wir wissen zu gut, daß die Jüngeren nur etwas erreichen können, wenn sie auf den Werken der Älteren aufbauen.“ (Mitteilungen der Landesarbeitsgemeinschaft der alpinen Vereine in Bayern 1948, 28)

Diese Worte von Albert Heizer, damals Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft, einer der beiden Vorgängerorganisationen des Deutschen Alpenvereins nach 1945, gaben die Denkrichtung des neu zu gründenden Alpenvereins vor. Sie war nach wie vor beherrscht von der Idee des Bergsteigens schärferer Richtung mit Elementen der Gefahrenverherrlichung, Männlichkeit, Kameradschaft und einem radikalen Kulturpessimismus.

Stärker noch als zuvor wurde in den Vereinsorganen und den Hauptversammlungen eine Verinnerlichung von Werten eingefordert, die die Bergsteigenden bei ihrer Tätigkeit erfahren und die ihre Persönlichkeit prägen würden. Diese Werte, oft als „echt“, „wahr“ oder „tief“ beschrieben, galten meist als „nicht in Worte fassbar“. Sie knüpften an die elitäre Gefühlsgemeinschaft der vorangegangenen Epochen an. Aus ihr leitete der Alpenverein eine sich selbst gegebene gesamtgesellschaftliche – zumeist als kulturell bezeichnete – Aufgabe ab. Für Alfred Jennewein, Alpenvereinsvorsitzender von 1950 bis 1958, war das Bergsteigen nach wie vor Mittel gegen eine „überall vorhandene Zersetzung“, das die Menschheit vor ihrem Niedergang bewahren könne: „Ich bin der stolzen Auffassung, daß diesen Kampf um das Menschentum in der Tiefe des Verteidigungsfeldes unser Deutscher Alpenverein führen soll und zu führen auch in der Lage ist.“

Im Vorstand des Alpenvereins verlieh besonders der Zweite Vorsitzende Albert Heizer dieser Gefühlsgemeinschaft Ausdruck. So seien die Bergsteiger „dem Irrationalen verbunden“, würden „einer unsagbaren Sehnsucht folgend hinausstreben aus der Flut des Materiellen hinauf in reine Höhen, in das Geheimnisvolle, […] zum Göttlichen“, um dort „für etwas Ideales [zu ringen]“. Aus dem Zusammenkommen von Bergsteigenden, die diese Empfindungen teilten, setzte sich Heizer zufolge eine „echte Gemeinschaft“ zusammen. Auf diese Weise blieb die vorherige Volksgemeinschaftsideologie in der Nachkriegszeit erhalten, ohne dass offen nationalistische Positionen noch eine größere Rolle spielten.

Schließlich trug vor allem die Alpenvereinsjugend zu einem veränderten Selbstverständnis des Vereins bei. Seit 1952 ist sie im Bundesjugendring organisiert. Dieser fordert von seinen Mitgliedsorganisationen politisches Engagement. Zunächst stand die Jugend dieser Bedingung skeptisch gegenüber, doch letztlich war sie es, die in den 1960er-Jahren erste Debatten über eine Abkehr vom unpolitischen Vereinsverständnis führte und die Forderung nach politischer Betätigung in den Hauptausschuss trug. 

Zusammen mit einem verstärkten Engagement des Vereins in naturschutz- und umweltpolitischen Fragestellungen führte dies 1975 zu einer Satzungsänderung. Die seit 1924 verfolgte Maxime „Der Verein ist unpolitisch; die Erörterung und Verfolgung politischer Angelegenheiten liegt außerhalb seiner Zuständigkeit“ wurde aufgegeben und das Engagement des DAV stattdessen mit „Der Verein ist politisch und konfessionell ungebunden. Die Verfolgung politischer Ziele außerhalb des Vereinszweckes ist unstatthaft“ formuliert. Gerade an der Jugend lassen sich zudem bereits in den 1950er-Jahren erste Ansätze von Vielfaltsdenken und eine Abkehr von bisherigen, auf Gefahren- und Heldentum basierenden Bergsteigeridealen erkennen.

Ein Bewusstsein für den frühen Antisemitismus im Verein, die Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Regime sowie eine erste kritische Beschäftigung damit lässt sich dagegen erst gegen Ende der 1980er-Jahre erkennen. Neben der gesellschaftlich zunehmend geforderten Auseinandersetzung dürfte dafür auch der Umstand verantwortlich sein, dass nun die Generation in die Ämter kam, die die nationalsozialistische Zeit höchstens noch als Kind miterlebt hatte.

Ein Ergebnis daraus ist die Resolution Gegen Intoleranz und Hass, die der Hauptausschuss des Deutschen Alpenvereins 2001 verabschiedete:

„Der Deutsche Alpenverein e. V. (DAV) bedauert – im Rückblick auf seine Geschichte – ausdrücklich die Vorgänge im damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenverein (D. u. Ö. A. V.), die 1924 zum Ausschluss der Sektion „Donauland“ und in dessen Folge zur Gründung des „Deutschen Alpenvereins Berlin e. V.“ geführt haben. In jener Zeit hat der Alpenverein dem Druck von antisemitisch eingestellten Sektionen nachgegeben und sich nicht schützend vor seine jüdischen und die sie unterstützenden nichtjüdischen Mitglieder gestellt. […]“ (Protokoll der 130. Sitzung des HA d. DAV v. 16.-18.3.2001)

Sie war der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit des DAV-Bundesverbandes mit der israelitischen Kultusgemeinde München und einer Aufarbeitung des Themas Antisemitismus durch den DAV, OeAV und AVS sowie diverse Sektionen in ihren Regionen vor Ort. Heute setzt sich der DAV für eine offene, vielfältige und tolerante Gesellschaft ein. Die Basis dazu ist das Bewusstsein für und die Auseinandersetzung mit seiner Geschichte.

Friederike Kaiser, Maximilian Wagner, 2020.

Mehr zum Thema:

  • Martin Achrainer. „So, jetzt sind wir ganz unter uns!“ Antisemitismus im Alpenverein. In: Hanno Loewy, Gerhard Milchram (Hg.). „Hast du meine Alpen gesehen?“ Eine jüdische Beziehungsgeschichte. Hohenems 2009, 288-317
  • Martin Achrainer, Nicholas Mailänder. Der Verein, in: Deutscher Alpenverein, Oesterreichischer Alpenverein und Alpenverein Südtirol (Hg.). Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918-1945. Köln, Weimar, Wien 2011, 193-318
  • Phil C. Langer. „Ein langer und manchmal auch steiniger Weg“. Der Deutsche Alpenverein im gesellschaftlichen Wandel: Kontinuitäten und Brüche nach 1945, in: Friederike Kaiser, Nicholas Mailänder (Red.). Aufwärts! Berge, Begeisterung und der Deutsche Alpenverein 1945-2007. München 2008, 68-75
  • Rainer Pollack. Gegen Intoleranz und Hass. Die Auseinandersetzung des Deutschen Alpenvereins mit dem dunkelsten Teil seiner Geschichte, in: Friederike Kaiser, Nicholas Mailänder (Red.). Aufwärts! Berge, Begeisterung und der Deutsche Alpenverein 1945-2007. München 2008, 62-67
  • Stefan Ritter, Friederike Kaiser, Stephanie Kleidt, Maximilian Wagner. Kontinuitäten. Der Deutsche Alpenverein nach 1945, in: Deutscher Alpenverein (Hg.). Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein. München 2019, 180-191 (hier auch weiterführende Literatur zur Aufarbeitung des Antisemitismus in den DAV-Sektionen)
  • Maximilian Wagner. Das Bergsteigen schärferer Richtung. In: Deutscher Alpenverein (Hg.). Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein. München 2019, 130-141
  • Noch mehr zur Geschichte gibt es im Buch „Die Berge und wir. 150 Jahre Deutscher Alpenverein“. Bestellbar u.a. im Online-Shop des DAV.

Im Titel verwendete Bilder:

Überschriebener Eintrag von Richard Hönigsberger in das Hüttenbuch der Hanselberghütte der Sektion Regensburg, 24. Mai 1934: Königsberger überlebte als Halbjude den Holocaust in Regensburg. Ob er Mitglied der Sektion Regensburg war, die 1934 einen Arierparagraphen in ihre Satzung einführte, ist nicht bekannt. DAV-Sektion Regensburg