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Hütten in Corona-Zeiten: Wirtsleute ziehen Bilanz

20.09.2020, 08:01 Uhr

Corona fordert seit Beginn des Ausbruchs Anfang 2020 ein großes Maß an Verzicht und Flexibilität von den Hüttenwirtsleuten. Zum Ende der Sommersaison ziehen sie Bilanz.

Kein Sommer wie jeder andere

Durch die Corona-Pandemie gestaltete sich der Bergsommer 2020 für alle Beteiligten anders als erwartet: Die Saison begann für viele Hütten in Bayern und Österreich etwas später als üblich und brachte einige Änderungen mit sich. Besonders die Abstands- und Hygienevorschriften, die zu Beginn der Saison umgesetzt werden mussten, verlangten nach flexiblen Lösungen auf den Hütten. Hinzu kam die Ungewissheit, wann und ob neue Auflagen beschlossen würden. Auch der Gästeansturm nach Ende der Reisebeschränkungen und der Run auf die Alpen durch den Wegfall der üblichen Urlaubsziele überraschte viele Wirtsleute. Dennoch konnten die meisten Hüttenpächterinnen und Hüttenpächter mit viel Kreativität das beste aus der Situation herausholen.

Im Übernachtungsbetrieb sah die Lage aber gerade auf den 67 Hütten in Bayern nicht gut aus: Die Gleichstellung mit Hotels im Tal und die Auflage, dass sich pro Schlafraum maximal zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten aufhalten dürfen, brachte vor allem die Hütten in Bedrängnis, die über große Matratzenlager verfügen. Sie konnten in der Regel ihre Kapazitäten nur zu 25 bis 40 Prozent auslasten. Manche Hütten, wie das Soiernhaus oder die Hochlandhütte, hielten ihre Zimmer und Lager komplett geschlossen.

Die verminderte Bettenkapazität hatte auch Auswirkungen auf die Natur: In diesem Jahr klagten Naturschutzverbände und Nationalparks verstärkt über Wildcamper. Noch ist die Situation in Bayern unverändert, Treffen zwischen dem Deutschen Alpenverein und verschiedenen Staatsministerien im Sommer dieses Jahres bringen für die nächste Sommersaison hoffentlich Erleichterungen. Denn eins ist klar: Corona wird die Hütten und ihre Gäste auch 2021 beschäftigen.

Die 183 DAV-Hütten in Österreich mussten von behördlicher Seite etwas weniger restriktive Abstandsregeln umsetzen – besonders in den Schlaflagern: Hier genügt es derzeit, zu allen Personen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, 1,5 Meter Abstand zu halten.

Auch die Gäste wurden vor neue Herausforderungen gestellt: Die unterschiedlichen Bestimmungen in den Ländern bei Beherbergung und Gastronomie führten oftmals zu Mißverständnissen vor Ort. Zudem ist es bis heute auf manchen Hütten notwendig, einen eigenen Schlafsack und Kissen mitzuführen, weil das Waschen der Bettwäsche nach jedem Gast nicht möglich ist. Auch eine Reservierungspflicht gilt derzeit noch in beiden Ländern. „Das ist natürlich keine Gemeinheit unserer Hüttenwirtsleute, sondern nur die Umsetzung der Verordnungen. Für uns steht der Schutz der Gesundheit von Gästen und Personal an oberster Stelle“, erklärt Miriam Roth vom Ressort Hütten und Wege beim Deutschen Alpenverein.

Unterm Strich kamen vor allem jene Hütten gut durch den Sommer, die hauptsächlich von Tagesgästen besucht werden. Darunter waren übrigens viele Wander-Einsteiger, die ihren Urlaub in den heimischen Bergen statt im nahen und fernen Ausland verbrachten. Problematischer war die Situation hingegen auf den Hütten, die hauptsächlich als Stützpunkt für Ausbildungen oder als Unterkünfte für Hochtouren und Hüttentrekkings wie den E5 genutzt werden: Dort konnten nicht die vollen Übernachtungskapazitäten genutzt werden und die Umsätze gingen stark zurück.

 

Stimmen unserer Hüttenwirtsleute

„Neue Bedingungen, viel Unterstützung und gut zu tun“ – die Hüttenwirte Yvonne und Josef Tremml vom Brünnsteinhaus, 1342m, Bayerische Voralpen

„Vor allem am Anfang war viel los, da Österreich seine Grenzen noch geschlossen hatte“, berichten die Wirtsleute Tremml. „Die Umsetzung des Hygienekonzepts hatte sich nach einiger Zeit gut eingespielt. Es ist jedoch immer noch ein großer zusätzlicher Aufwand, vor allem das Desinfizieren der Räumlichkeiten und das Waschen der Bettwäsche."  Die unterschiedliche Handhabung der Maßnahmen in den Ländern hat auch die Wirtsleute Tremml vor Herausforderungen in der Kommunikation mit den Gästen gestellt. Bedingt durch die Abstandsregelung im Gastraum habe sich auch das Angebot der Übernachtungsplätze um ein Drittel reduziert. „Positiv waren durch das schöne Wetter ein gut laufendes Tagesgeschäft und sehr zufriedene Übernachtungsgäste." Hilfreich war für sie die Unterstützung, nicht nur durch Videokonferenzen des DAV, sondern auch durch Familie, Freunde, Bergwacht und Ehrenamtliche der Sektion, für die sie sehr dankbar sind.

 

„Die Wanderer freuen sich, wenn Sie einen der wenigen Schlafplätze ergattern.“ – Hüttenwirtin Sylvia Socher von der Rappenseehütte, 2091m, Allgäuer Alpen

„[…] Wir können nur ein Drittel unserer Kapazität belegen. Diese Plätze sind auch noch den ganzen September ausgebucht. Die Anzahl unserer Übernachtungen richtet sich nach unserer kleinen Gaststube, in die wir mit 1,50 Meter Abstand nur 70 Gäste unterbringen.“

 

„Trotz einigen Herausforderungen eine gute Saison“ – die Hüttenwirte Barbara Klingseis und Christoph Eder vom Taschachhaus, 2434m, Ötztaler Alpen

Sowohl im Übernachtungs- als auch im Tagesbetrieb haben die Wirtsleute vom Taschachhaus deutliche Einschnitte gespürt: „Bei uns war die Beeinflussung sehr stark, da wir ein striktes Hygiene- und Sicherheitskonzept gefahren sind“ – einschließlich reduzierter Übernachtungszahl. „Die Umsetzung hat gut funktioniert, nur wenige Gäste sahen unsere Maßnahmen kritisch, die allermeisten Gäste waren um die Maßnahmen froh.“ Die Wirtsleute sind erleichtert, dass sie den Betrieb rechtzeitig aufnehmen konnten und so trotz Verlusten einen Strich unter eine positive Bilanz ziehen können.

 

„Einfach kein freies Arbeiten“ – Hüttenwirt Anton Herrmann von der Bayreuther Hütte, 1576m, Rofan-Gebirge

Bis Mitte Juli lief es schleppend für die Bayreuther Hütte: „Aufgrund der Grenzschließung bis 15. Juni haben ausnahmslos alle Übernachtungsgäste in den Pfingstferien storniert.“ Bergauf ging es erst wieder im August. Trotz der Einbußen im Frühjahr konnten sie die Gesamtverluste etwas ausbügeln. Über seine Besucherinnen und Besucher sagt der Wirt: „Die Gäste waren sehr zufrieden, da es ruhiger und entspannter war.“ Auch die Hygienemaßnahmen konnte er problemlos umsetzen, und hat dafür viel positives Feedback erhalten. Doch so eine Saison noch einmal zu absolvieren, meint er, darauf habe er keine große Lust.

 

Weitere Zitate und Rückblicke unserer Hüttenwirtsleute finden Sie in diesem Artikel: alpenverein.de/_aid_35440

 

Ausblick: Wintersaison 20/21

Auch in der kalten Jahreszeit wird sich die Situation der Hütten in den bayerischen Bergen nicht verändern. Allerdings haben auch nur wenige Unterkünfte während des Winters geöffnet. Bergsteigerinnen und Bergsteigern stehen in normalen Zeiten jedoch unbewirtete Winterräume an 12 Hütten in Bayern zur Verfügung, die sie während der Schließzeit für Touren nutzen können. Diese Räume sind in der Regel unversperrt und bieten Schlaf- sowie Kochgelegenheiten.

Das Problem seit Corona: Ohne Aufsicht und Vorreservierung können die in Bayern geltenden Abstandsregeln in den Winterräumen nicht überwacht werden. Deshalb hat sich der Deutsche Alpenverein gegen eine touristische Nutzung in diesem Jahr entschieden. Dennoch bleiben die Winterräume geöffnet, allerdings ohne Decken und Kochmaterial. Schutzsuchende können dort im Notfall also unterkommen, geplante Übernachtungen sind nicht möglich.

 

Für die Winterräume des DAV in Österreich gibt es derzeit noch keine Regelungen, sie werden aber demnächst herausgegeben.