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Über den Himalaya. Die Expedition der Brüder Schlagintweit nach Indien und Zentralasien 1854 bis 1858

17.03.2015, 11:03 Uhr

Wer heute an die großen Forschungsexpeditionen des 19. Jahrhunderts denkt, hat meist europäische Heldengestalten vor Augen: Alexander von Humboldt, John Franklin, David Livingstone und Sven Hedin. Selten beruhten diese Reisen jedoch auf den Leistungen Einzelner oder waren nur dem Erkenntnisinteresse abenteuerlustiger Männer geschuldet. Das zeigt die neue Ausstellung im Alpinen Museum am Beispiel der Expedition der Brüder Schlagintweit in den Himalaya. Sie ist ab dem 19. März 2015 zu sehen.

 

Insbesondere macht die Ausstellung deutlich, wie sehr die Ziele, die Forschungsergebnisse und die spätere öffentliche Anerkennung solcher Unternehmungen von verschiedensten Faktoren geprägt waren. Die Erwartungen der Auftraggeber, das Zusammenspiel mit einheimischen Assistenten und die politischen Rahmenbedingungen auf dem indischen Subkontinent sowie in Europa spielten eine entscheidende Rolle.

 

Weitere Gründe, sich mit dieser Expedition auseinanderzusetzen, gibt es viele. So erforschten die Mitglieder dieser Expedition erstmals im Zusammenhang verschiedene Hochgebirgsregionen von Himalaya und Karakorum. Die einmalig umfangreichen Ansichten und topografischen Skizzen von Pässen und Gletschern in Kashmir, Ladakh, Sikkim und Kumaon gehören zu den ersten Visualisierungen dieser Regionen. Bis heute sind sie Quellenmaterial für glaziologische und geografische Studien. Darüber hinaus wird an den über hundert in der Ausstellung gezeigten Blättern sowie den zahlreichen Objekten aus ihren Sammlungen deutlich, wie junge deutsche Wissenschaftler in den 1850er Jahren die Landschaften und die Kultur Süd- und Zentralasiens wahrnahmen und mit diesen auch das deutsche Bild von Indien über lange Zeit prägten.

 

Expedition zwischen Naturforschung und Kolonialismus

Im Herbst 1854 brachen die aus München stammenden Brüder Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit von Southampton Richtung Indien auf. Die jungen Wissenschaftler, 28, 25 und 20 Jahre alt, hatten ein paar Jahre zuvor den schon zu dieser Zeit längst legendären Forscher und Wissenschaftsorganisator Alexander von Humboldt kennen gelernt. Er sorgte dafür, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. und die britische Ostindien-Kompanie sie für eine mehrjährige Forschungsreise nach Indien und Zentralasien in den Dienst nahmen. Offizieller Auftrag war zunächst die Erhebung von magnetischen Messdaten. Die Brüder nutzten die Reisen jedoch zu weiteren umfangreichen Beobachtungen und dem Anlegen von Sammlungen in verschiedensten geografischen, naturwissenschaftlichen und ethnologischen Disziplinen – ganz im Sinne der Humboldt’schen Naturforschung.

 

Höhenrekord und dramatisches Ende

Die Gebrüder Schlagintweit waren bemüht, sich auch ihrem anderen Auftraggeber, der East India Company als der vorherrschenden Kolonialmacht in Indien und einiger angrenzender Regionen im Norden, unentbehrlich zu machen. Ihre Strategie: Die Erkundung von möglichen Wegen über Himalaya und Karakoram, die Kartierung bisher wenig dokumentierter Landstriche und das Sammeln von Bodenproben. Schließlich waren die drei Brüder auch um ihren Ruf bemüht. Dazu sollten Erkundungen in bisher nicht von Europäern begangenen Regionen dienen. Auch dies war wohl mit dafür ausschlaggebend, dass Adolph und Robert Schlagintweit den Kamet im Garwhal-Himalaya bis auf eine Höhe von 6.785 Metern erstiegen und damit einen jahrzehntelang geltenden Höhenrekord aufstellten. Eine Mischung aus all diesen Gründen verleitete vielleicht den Bruder Adolph dazu, die Expedition mit einer Erkundung des politisch höchst unstabilen und bisher auf diesem Weg von Europäern nicht begangenen Turkestans abzuschließen. Dies wurde ihm zum Verhängnis. Ein kurzzeitig herrschender Warlord in der Handelsstadt Kashgar nahm ihn als Spion gefangen und köpfte ihn.

 

Umstrittene Ergebnisse der Expedition

Die Expedition der drei Brüder und ihre Forschungsergebnisse waren von Beginn an umstritten. Die Fronten bestanden zum einen zwischen den in der Tradition Humboldts arbeitenden Wissenschaftlern und denen, die an einer tieferen Betrachtung einzelner Fragestellungen interessiert waren. Praktiker aus den britischen Kolonialbehörden wiederum bewerteten die Ergebnisse der Expedition gänzlich anders als die Wissenschaft. Schließlich ließen sich auch Brechungen entlang nationaler Grenzen ausmachen: In England galt das, was die Schlagintweits erforscht hatten, als zumindest teilweise bekannt und banal. In den deutschen Staaten hingegen wurden die Brüder als Autoritäten geschätzt. Nationalstolz und das aufkommende Interesse an eigenen Übersee-Kolonien ließen sie zu öffentlich gefeierten Helden und Pionieren werden.

 

Zwei Ausstellungen, ein Buch

Das Alpine Museum zeigt in seiner neuen Ausstellung Zustandekommen, Durchführung und Wirkungsgeschichte der Schlagintweit’schen Expedition auf. Eine Auswahl von hundert Aquarellen und zahlreiche Objekte aus den von den Brüdern zusammengetragenen Sammlungen geben auf vielfältige Weise Aufschluss über die Geschichte der Expedition und präsentiert ein faszinierendes Bild der Landschaften Indiens und Zentralasiens vor mehr als 150 Jahren. Ein im Böhlau Verlag erschienenes gleichnamiges Begleitbuch zur Ausstellung vermittelt mit etwa 250 farbigen Abbildungen und einer Vielzahl von Aufsätzen renommierter Wissenschaftler ein in großen Teilen neues Bild der Schlagintweit’schen Expedition (390 Seiten, € 29,90). Eine zweite Ausstellung mit einer Auswahl der Aquarelle, die heute von der Staatlichen Graphischen Sammlung München aufbewahrt werden, ist vom 22. März bis zum 21. Juni im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee zu sehen.

 

 

Umfangreiches Rahmenprogramm

Der DAV hat gemeinsam mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, dem Indien-Institut München, dem Österreichischen Alpenverein, dem DAV Summit Club und mehreren Verlagen ein ambitioniertes Rahmenprogramm erarbeitet.

Dies sind einige Höhepunkte:

  • Die Schlagintweit’schen Aquarelle
    Expertengespräch in der Ausstellung mit der Kuratorin Stephanie Kleidt
    15. April, 18 Uhr, Alpines Museum, Eintritt 4 Euro plus Museumseintritt
    Anmeldung: Nicht erforderlich
  • Hidden Histories. Die Rolle der einheimischen Experten und Helfer in der Expeditionsgeschichte des 19. Jahrhunderts
    Festvortrag in englischer Sprache von Prof. Felix Driver
    22. April, 19.30 Uhr, Alpines Museum, Eintritt frei
    Anmeldung: 089/14003-0 oder alpines.museum@alpenverein.de
  • Die Expedition der Brüder Schlagintweit im Spiegel der aktuellen Forschung
    Symposium in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

23. April, 10-17 Uhr, Plenarsaal in der Bayerische Akademie der Wissenschaften, Alfons-Goppel-Str. 11, München

Weitere Infos und Anmeldung: glaziologie.de/schlagintweit

  • Crossing Bridges. Aktuelle Bergfilme aus Nepal und Indien
    Filmabend in Kooperation mit dem Indien-Institut e.V.
    20. Mai, 19 Uhr, Alpines Museum, Eintritt 10/5 Euro
    Anmeldung: Nicht erforderlich
  • Lesungen
    Geetanjali Shree „Chronistin des Wandels“ (4.11.)
    Uday Prakash „Geschichten von der Schattenseite der Macht“ (16.7.)
    Ilija Trojanow „Der Weltensammler“ (17.9.)
    Infos rechtzeitig unter: alpenverein.de/Kultur/Veranstaltungen-Alpine-Kultur
  • Auf den Spuren der Brüder Schlagintweit in Ladakh, Changtang und Nubra
    Themenreisen zur Ausstellung. Gewinner der Goldene Palme 2015 von Geo Saison
    16. Juli-2. August und 3.-20. September

Infos: www.davsc.de/insch

 

Infos zur Ausstellung

im Alpinen Museum, Praterinsel 5, 80538 München

vom 19. März 2015 bis 10. Januar 2016

 

 

Für weitere Infos und Details wenden Sie sich bitte an Bettina Pauly.

Tel.: 089/337346

Mobil: 0173/9887957 

kulturpr[Klammeraffe]bettinapauly[Punkt]de

 

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