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Der DAV und Antisemitismus

Der Deutsche Alpenverein, der Oesterreichische Alpenverein und der Alpenverein Südtirol haben während eines drei Jahre dauernden Forschungsprojekts ihre jüngere Geschichte wissenschaftlich fundiert aufgearbeitet. Unter dem Titel „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 – 1945“ wurden die Ergebnisse im Oktober 2011 in Buchform veröffentlicht und waren 2011/2012 in einer Ausstellung im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins in München zu sehen. Ein wichtiges Thema ist dabei der Antisemitismus im Alpenverein. Welche Ereignisse waren in dieser Zeit für die Entwicklung der Alpenvereine von Bedeutung? Ein kurzer Abriss:

 

Frühe antisemitische Tendenzen: 1899 - 1921

Ab dem Jahr 1899 führten einzelne Sektionen in Deutschland und Österreich den so genannten Arier-Paragraphen ein: In Deutschland waren dies die beiden neu gegründeten Sektionen Mark Brandenburg und Akademische Sektion München, in Österreich die Sektion Wien, die Akademische Sektion Wien, der Österreichische Touristenklub Wien, der Gesamtverband des Österreichischen Touristenklubs, der Österreichische Gebirgsverein, der Österreichische Alpenklub und die Sektion Austria. Bis zum Herbst 1921 setzten fast alle österreichischen Sektionen nach dem Vorbild der Sektion Austria den „Arier-Grundsatz“ um. Das bedeutete, dass der Alpenverein nur mehr Mitglieder aufnahm, die weder jüdischen Glaubens noch jüdischer Abstammung waren.

Im Frühsommer 1921 wurde die Sektion Donauland gegründet und in den Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DÖAV) aufgenommen. Sie entwickelte sich zur wichtigsten Anlaufstelle für alle jüdischen Mitglieder des Alpenvereins, die aufgrund des „Arier-Paragraphen“ aus ihren Sektionen vertrieben worden waren, aber auch für alle Mitglieder, die mit ihnen sympathisierten. Bereits 1924 war die Sektion Donauland die achtgrößte im Alpenverein, etwa 20 Prozent ihrer Mitglieder waren Nichtjuden.

 

Die „Affäre Donauland“: 1921 - 1924

Die treibenden Kräfte des Antisemitismus kamen aus Österreich: Die Sektion Austria mit ihrem Vorsitzenden Eduard Pichl fand die Unterstützung vieler österreichischer und 13 Münchner Sektionen. Die Folge: An deren Hütten wurden Plakate angebracht, die die Aufschrift „Juden und Mitglieder des Vereines Donauland sind hier nicht erwünscht“ trugen; an einigen Hütten wurden Hakenkreuzfahnen aufgehängt. Eduard Pichl organisierte außerdem den Widerstand gegen die Aufnahme des Vereins Donauland in den Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuÖAV), die dann aber Pfingsten 1921 vom Hauptausschuss des DuÖAV mit 14 zu 12 Stimmen doch befürwortet wurde.

Ende des Jahres 1922 schlossen sich insgesamt 63 Sektionen  zum Deutschvölkischen Block zusammen. Nachdem diese antisemitische Organisation, der die meisten österreichischen und einige Münchner Sektionen angehörten, ihre Forderungen bei der Hauptversammlung 1923 nicht durchsetzen konnte, drohte sie bei der Hauptversammlung 1924 mit der Spaltung des DuÖAV: Um diese zu vermeiden, wurde der Sektion Donauland das Ultimatum gestellt, bis zum Jahresende aus dem Alpenverein auszutreten. Im Gegenzug verpflichtete sich der Deutschvölkische Block, acht Jahre lang keinen Antrag auf die Einführung des „Arierparagraphen“ im Gesamtverband zu stellen. Zudem mussten Hakenkreuze und die antisemitische Hetze auf den Hütten verschwinden. Am 14. Dezember 1924 beschloss die außerordentliche Hauptversammlung in München den Ausschluss der Sektion Donauland. Damit beugte sich die Mehrheit der reichsdeutschen Sektionen den antisemitischen Forderungen des Deutschvölkischen Blocks, um die Einheit des Alpenvereins zu retten. Diese war vielen Sektionen wichtiger als die Tolerierung und der Schutz der Sektion Donauland.

 

DuÖAV im Nationalsozialismus

Der Antrag der Sektion Austria, Juden aus dem Gesamtverband auszuschließen, wurde im Mai 1933 vom Hauptausschuss des DuÖAV abgelehnt. Stattdessen verfasste dieser jedoch eine nichtöffentliche Empfehlung an die reichsdeutschen Sektionen, „bis zu einer endgültigen Regelung dieser Frage keine Juden mehr aufzunehmen“. Nach einem Appell des Reichssportkommissars im Juni 1933 nahmen die meisten Sektionen keine jüdischen Mitglieder mehr auf und führten formal das Führerprinzip ein. Ende 1933 mussten alle Sektionen in den neu gegründeten Deutschen Bergsteiger- und Wanderverband eintreten, so dass dem Alpenverein ein nationalsozialistischer Verband übergestülpt wurde. Nach den „Nürnberger Rassengesetzen“ aus dem Jahr 1935 wurde eine Einheitssatzung für den Alpenverein ausgearbeitet: Die Mitgliedschaft basierte auf dem Reichsbürgschaftsrecht, allerdings mussten nur neue Mitglieder den „Ariernachweis“ erbringen.

Insgesamt war die Leitung des DuÖAV zwischen 1933 und 1938 bestrebt, mit der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland zusammenzuarbeiten. Die Hauptversammlung des DuÖAV 1936 in Garmisch-Partenkirchen trug deutliche Zeichen einer nationalsozialistischen Veranstaltung: Das Juliabkommen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich wurde gefeiert, ein „Anschluss“ Österreichs begrüßt. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im März 1938 wurde aus dem DuÖAV der DAV und der Leiter der österreichischen Landesregierung, Arthur Seyss-Inquart, übernahm die Führung des Alpenvereins.

 

Aufarbeitung des Antisemitismus nach 1945

Mit der Aufarbeitung des Antisemitismus wurde auch bei den Alpenvereinen erst relativ spät begonnen: Nach ersten Veröffentlichungen in den 1980er und 1990er Jahren, die teilweise auch von den Alpenvereinen initiiert wurden, verabschiedete der Deutsche Alpenverein im Jahr 2001 die Proklamation „Gegen Intoleranz und Hass“, in der er das Vorgehen gegenüber seinen jüdischen Mitgliedern verurteilt und sich entschuldigt. Der Oesterreichische Alpenverein organisierte 2002 eine Veranstaltungsreihe zum gleichen Thema. Seit einigen Jahren öffnen die Alpenvereine in Deutschland, Österreich und Südtirol zudem ihre Archive vorbehaltlos der Forschung, im Jahr 2008 einigten sie sich darauf, die Vereinsgeschichte der Jahre 1919 bis 1945 gemeinsam aufzuarbeiten.

 

Weiterführende Literatur

  • Achrainer, Martin: „So, jetzt sind wir ganz unter uns!“ Antisemitismus im Alpenverein. In: Hanno Loewy, Gerhard Milchram (Hrsg.): „Hast Du meine Alpen gesehen?“ Eine jüdische Beziehungsgeschichte. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems (26.4. -4.10.2009), im Jüdischen Museum Wien (16.12.2009 - 15.3.2010) und im Alpinen Museum des DAV in München (März 2010 - Februar 2011), S. 288 - 317
  • Amstädter, Rainer: Der Alpinismus. Kultur, Organisation, Politik. Wien 1996
  • Mailänder, Nicholas: Im Zeichen des Edelweiß. Die Geschichte Münchens als Bergsteigerstadt. Zürich 2006
  • Pollack, Rainer: Gegen Intoleranz und Hass. Die Auseinandersetzung des Deutschen Alpenvereins mit dem dunkelsten Teil seiner Geschichte. In: Friederike Kaiser, Nicholas Mailänder (Red.). „Aufwärts! Berge, Begeisterung und der Deutsche Alpenverein 1945 - 2007. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins (19.7.2007 - 23.3.2008), S. 62-67
  • Zebhauser, Helmuth: Alpinismus im Hitlerstaat. München 1998
 

Proklamation „Gegen Intoleranz und Hass“

Der Hauptausschuss des DAV hat auf der 130. Sitzung im März 2001 in seinem Beschluss zum Gedenken an die Vorgänge um den Ausschluss der Wiener Sektion Donauland und die unseligen Bemühungen, in den Jahren 1920 bis 1933 den Arierparagraphen zwingend für eine Mitgliedschaft in den Sektionen des D.u.Ö.A.V. einzuführen, einstimmig erklärt:

„Der Deutsche Alpenverein e.V. (DAV) bedauert – im Rückblick auf seine Geschichte – ausdrücklich die Vorgänge im damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenverein (D.u.Ö.A.V.), die 1924 zum Ausschluss der Sektion „Donauland“ und in dessen Folge zur Gründung des „Deutschen Alpenvereins Berlin e.V.“ geführt haben. In jener Zeit hat der Alpenverein dem Druck von antisemitisch eingestellten Sektionen nachgegeben und sich nicht schützend vor seine jüdischen und die sie unterstützenden nichtjüdischen Mitglieder gestellt. Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor der Geschichte bekundet der DAV seinen Willen alles zu tun, dass der Ungeist von Intoleranz in jeglicher Form in seinen Reihen keinen Platz mehr finden kann. Die damaligen Geschehnisse widersprachen dem Geist der Toleranz und bergsteigerischen Kameradschaft, dem sich der Alpenverein seit seiner Gründung im Jahre 1869 verpflichtet fühlte. Dass 50 Jahre später einem erheblichen Teil seiner Mitglieder die Bergkameradschaft aus rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen aufgekündigt wurde, ist dem DAV heute Mahnung, sich stets für Toleranz einzusetzen und sich gegen jegliche Form von Intoleranz zu wenden. In einer Zeit, in der in Deutschland wieder Fremdenhass, Gewalt und Intoleranz um sich greifen, gilt es nicht nur den Anfängen zu wehren. Es gilt auch all jener Frauen und Männer des Alpenvereins würdig zu gedenken, die einst Opfer von Ausgrenzung, Intoleranz und Verfolgung geworden sind oder die tatkräftig gegen derartige Entwicklungen angekämpft haben.“

 

Erklärung des DAV-Präsidiums „Für eine offene vielfältige und tolerante Gesellschaft“

Als großer Verband sieht sich der DAV in der Verantwortung, für eine weltoffene Gesellschaft einzutreten, die ihre Kontroversen sachlich, respektvoll und im ehrlichen Bemühen um vertretbare Lösungen für alle Beteiligten führt – für eine lebenswerte Zukunft! Hierzu gab das DAV-Präsidium im Januar 2017 eine Erklärung ab: „Wir treten ein für Freiheit, Respekt und Verantwortung. Für ein offenes und tolerantes Miteinander aller Menschen. Heute, morgen, hier und überall.“