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Weitwandern durch die Allgäuer Landschaft

Von Verena Stitzinger und Antonia Gemein

 

Ein neues Wegenetz verknüpft die vielgestaltige Allgäuer Landschaft mit ihrer spannenden Geschichte. Wer hier unterwegs ist, wird auch die besondere Welt der Gletscher entdecken, die diesen reichhaltigen Natur- und Lebensraum geschaffen haben.

 

Die „Wandertrilogie Allgäu“ ist kein neuer Weitwanderweg, der von A nach B führt. Vielmehr fügen sich hier 876 Kilometer in 49 Etappen zu einem flexiblen Weitwanderwegenetz zusammen, in dem sich Wanderer individuell bewegen können. Die Projekt-Verantwortlichen sind stolz auf die Naturschätze, die man innerhalb dieses Netzes erleben kann. Schließlich gibt es nirgendwo anders in Europa auf solch engem Raum drei verschiedene Höhenlagen: Die Geografie reicht von den eindrucksvollen Gipfeln des Hochgebirges über die niedrigeren Vorberge mit spektakulären Panoramablicken bis zu den Wiesen, Hügeln und Mooren des Alpenvorlandes. Wanderer mit unterschiedlicher Interessenlage, Erfahrung und Kondition können hier fündig und glücklich werden: Sportlich Ambitionierte mit Gipfelwunsch auf der 338 Kilometer langen „Himmelsstürmer- Route“, während Wasserfälle und Seen zur „Wasserläufer-Route“ mit 377 Kilometer Wegstrecke verlocken. Und die 387 Kilometer der „Wiesengänger-Route“ führen im Westen des Allgäus durch Moore und Hügel, im Osten durch Terrassenlandschaft und Moränen. Dem Wegenetz als „Korpus“ wurde auch eine Seele eingehaucht, indem die Wandertrilogie die Besonderheit des Allgäus, seiner Landschaft, Geschichte und seiner Menschen ins Licht rückt.

 

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Buchenegger Wasserfälle, Foto: Allgäu GmbH/Peter Kappest

 

Eine neu gezeichnete Landkarte teilt die Region in neun Themenräume ein, sogenannte „Trilogieräume“: Im „Schlosspark“ begegnen Wanderer dem Märchenkönig Ludwig II. auf Schritt und Tritt, auf den „Glückswegen“ Pfarrer Kneipp; in den „Naturschatzkammern“ werden Moore durchwandert, während in den „Wasserreichen“ der Gletscher tiefe Schluchten hinterlassen hat. Auch die „Panoramalogen“, die „Alpgärten“, „Gipfelwelten“, „Urkrafttäler“ und „Heimatstätten“ laden zu intensiven Entdeckungsreisen ein. Sichtbar wird die Geschichte eines jeden Trilogieraumes im jeweiligen „Portalort“, wo kurze Rundgänge ein Wandererlebnis in Kompaktform bieten. Daneben erfährt man in 13 „Etappenorten“ die Geschichte des Trilogieraumes in neuen Facetten, und zehn „Themenorte“ liefern tiefere Einblicke, in Kaufbeuren beispielweise in das Leben der Heiligen Crescentia. Lebendig werden diese Geschichten in Texten, aber auch über Symbole und Plätze, die behutsam in der Landschaft installiert wurden.

Um uns herum – Gipfel! Beeindruckt schauen wir vom Hochgrat auf seine Nachbarn und weit hinaus bis zum Bodensee. Keine Frage, hier sind wir dem Himmel näher als in unserem Alltag. Genau deshalb haben wir diese Route ausgewählt: Himmelsstürmer wollen wir sein in unseren Wanderferien. Zugegeben, in die Wandertrilogie Allgäu mussten wir uns erst einmal hineindenken: Drei Routen auf drei unterschiedlichen Höhenlagen in neun Trilogieräumen, 49 Etappen mit ihren Portal-, Etappenund Themenorten – und all das lässt sich individuell zusammenstellen. So komplex war unsere Urlaubsplanung selten, und viele eigene Entscheidungen waren gefragt. Freilich ergeben sich somit auch viele individuelle Gestaltungsmöglichkeiten. Je nach Routenwahl kann gemütlich gewandert werden oder sportlich ambitioniert. Und auch die Informationen am Wegesrand lassen sich ganz nach Gusto einfügen, beispielsweise mehr über König Ludwig II. oder über die Moore als Relikte der einstigen Gletscher. Wir haben uns für die Himmelsstürmer-Route über die Gipfel hinweg entschieden und sind zwischen Oberstaufen, Ofterschwang und Fischen im Oberallgäu unterwegs, im Trilogieraum der „Alpgärten“.

 

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Blick von den Bergen über Pfronten über die Hügel und Seen des Schlossparks, Foto: Allgäu GmbH/Klaus-Peter Kappest

 

Mit wachsender Begeisterung lesen wir den Begleittext zur Route: „Das Reich des Himmelsstürmers, es war wie das Leben selbst, voller Höhen und Tiefen, in denen sich immer wieder Wunder versteckten. Über allem stand der Mythos Berg, der grenzenlose Gipfelerlebnisse versprach. Jedem noch so mühevollen Aufstieg folgte ein tiefes Glücksgefühl, eine Erhabenheit, die schon die Gipfelkreuze ausdrückten.“ Dermaßen eingestimmt durchwandern wir die Allgäuer Berge von Oberstaufen nach Balderschwang, amüsieren uns morgens noch über Geschichten vom Kurschatten und dem Butz, der am „Fasnatziestag“, dem Fastnachtsdienstag, seinen Besen durch die Gassen schwingt und die Pest aus den Stuben fegt. Lesen von Johann Schroth, dem Fuhrmann, Naturheiler und Begründer der gleichnamigen Kur, die Oberstaufen so berühmt gemacht hat. Doch schon bald nimmt uns die Natur gefangen auf der Wanderung hinauf zum aussichtsreichen Hündlekopf und wieder hinab zur Weißach. Oft begleiten uns neugierige Ziegen oder junge Rinder ein Stück. Am besten gefällt uns das Allgäuer Braunvieh mit seinen schönen, dunklen, langen Wimpern und hellen, kuscheligen Ohren. Der Naturpark Nagelfluhkette, in dem wir uns bewegen, hat mit 500 Betrieben die höchste Alpdichte im gesamten Alpenraum. Kein Wunder also, dass eine verführerische Einkehr nach der anderen lockt. Wir widerstehen nicht immer – aber immerhin oft genug, um unsere Etappe zu schaffen bis an den Fuß des Hochgrats.

 

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Blick auf Pfronten, Foto: Allgäu GmbH/Klaus-Peter Kappest

 

Am nächsten Tag geht es weiter zum 1834 Meter hohen Gipfel und jenseits hinab nach Balderschwang. Wer möchte, kann abkürzen und ganz entspannt mit der gemütlichen Bergbahn in guten zehn Minuten in die Höhe gondeln. In der Scharte zwischen Hochgrat und Rindalphorn pausieren wir und lassen unsere Finger über den Fels gleiten, auf dem wir sitzen. Das ist also Nagelfluh. Der ungewöhnliche Name bezeichnet ein Konglomerat- Gestein aus vielfarbigen Kieseln und Bindematerial, feinen Sanden und Kalken. Im Allgäu wird er treffend auch Gottesbeton genannt. Bis heute sind sich die Geologen nicht bei allen „einbetonierten“ Kieseln sicher, woher sie stammen. Gesicherte Erkenntnis ist freilich, dass alle Bestandteile einmal von mächtigen Fluss-Systemen angeschwemmt, abgelagert und dann im Verlauf der Alpenfaltung zu diesen Bergen geformt wurden. Hier im Oberallgäu sind auf diese Weise die sogenannten Hörner entstanden, bizarre Gipfel, die aus idyllischen Almwiesen emporwachsen und sich als augenscheinliche Extreme zu einem wohlgefälligen Ganzen fügen.

 

Hier ist König Ludwig II. allgegenwärtig: Seinen Stein gewordenen Traum, das Schloss Neuschwanstein, und seine unerfüllte Vision, das geplante Schloss auf dem Falkenstein, umrahmt eine perfekte Landschaftsidylle mit Bergen, Seen, Wäldern und Wiesen. Fast greifbar begleitet uns der König auf der Wanderung von Füssen nach Pfronten. Schon seine Eltern, König Maximilian II. und Königin Marie, waren viel in diesen Bergen unterwegs. Maximilian hatte als junger Prinz auf einer Wanderung durch sein späteres Reich diese Landschaft so lieben gelernt, dass er beschloss, oberhalb der kleinen Ortschaft Hohenschwangau das gleichnamige Schloss bauen zu lassen. Hier wuchs sein Sohn Ludwig weitgehend auf, der später am gegenüberliegenden Berghang das heute weltberühmte Neuschwanstein errichten ließ. Rund 1,5 Millionen Besucher pilgern jährlich zum Schloss, das nie ganz fertiggestellt wurde. Verblüfft sind wir deshalb, wie einsam wir wandern – nur wenige Kilometer entfernt von diesem märchenhaften Touristen-Magneten. So fühlen auch wir uns privilegiert und atmen majestätisch freie Luft.

 

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe 3/2014 von DAV Panorama