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Hinter dem Gipfel geht’s noch weiter

Porträt: Steve House

Klettern und Bergsteigen waren für Steve House jahrezehnte lang der zentrale Sinn seines Lebens. Bis ein schwerer Unfall alles veränderte. Ein Rückblick und Ausblick: auf ein großartiges Bergsteigerleben – und neue Werte.

Von Alexandra Albert

 

„Transition“, mit diesem englischen Wort antwortet Steve House auf die Frage, wie er die vergangenen sechs Jahre zusammenfassen würde. Der Mann, der die wildesten Wände Alaskas in Rekordzeiten durchstieg, härteste Erstbegehungen in Kanada und Nepal teils im Alleingang realisierte und der durch eine im Alpinstil eröffnete neue Route in der Rupalflanke des Nanga Parbat 2005 berühmt wurde, befindet sich im Übergang. Wohin? „Es war jahrelang mein Streben, der beste Alpinist zu sein, der ich in meinen Augen für mich selbst sein konnte. Aber das steht jetzt nicht mehr an erster Stelle, wobei ich nicht genau sagen kann, an welcher Stelle das Klettern heute für mich steht. In den letzten sechs Jahren fiel es mir sehr schwer, wieder eine Lebensaufgabe zu finden. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber es war härter als ich dachte. Ich habe das sehr unterschätzt.“ Steve House beschreibt diesen Weg nach seinem Unfall 2010 als steinig. 25 Meter stürzte er in der Nordwand des Mount Temple/Kanada auf ein Band und überlebte schwer verletzt mit viel Glück. Dieses Erlebnis veränderte seine komplette Sicht auf sich selbst, sein Leben und seine Zukunft.

 

Rational Choice Theory

Klar und reflektiert sind seine Worte. Im Gespräch ist er präzise. Es gelingt ihm, jede Frage mit Distanz und sehr viel Innenschau zugleich zu beantworten. Seine Meinungen und Gedankengänge bringt er prägnant zum Ausdruck. Ungewöhnlich intensiv durchdenkt und plant Steve House auch seine alpinistischen Vorhaben. Es liegt in seiner Natur, die Dinge zu durchdenken. Manchmal, so sagt er selbst, habe er den Eindruck, dass ihm das Nachdenken im Weg stehe. Seine Freunde seien der Meinung, er „über“-denke zu viel. Bekenntnisse, Gründe und Motive waren und sind prägend für seine Persönlichkeitsentwicklung. Seine Gedanken folgen wiederholt dem Prinzip der rationalen Entscheidungsfindung.

Steve House führt das Nachdenken zudem auf das viele Alleinsein während seiner Expeditionen zurück. Die Isolation am Berg mit nur ein paar Menschen in unmittelbarer Nähe unterstütze die Selbstreflektion, sagt er. Auf Expeditionen so enorm viel Zeit zu haben, erscheint ihm als Luxus, das Leben dort wie in einem Paralleluniversum: „Manchmal kam es zu richtig langen, tiefgehenden Diskussionen über das Leben, über die Welt, über das, was andere Menschen tun und denken. Nicht immer – natürlich machen wir viel Quatsch, lachen viel, sind ganz normal, aber es kommt vor, dass man über einen längeren Zeitraum an einem Thema dranbleibt. Dafür hat man im Alltag nicht immer Zeit.“ Im Gespräch hält er einen Moment inne und lacht: „Während ich den Kinderwagen hier am Fluss entlang schiebe, scheint das alles sehr, sehr weit weg, obwohl ich weiß, dass es das nicht ist, aber es fühlt sich so an.“

 

Mission statement

Vor einem Jahr ist Steve House Vater geworden. Die Frage, was ihm das Familienleben im Vergleich zum Klettern wert ist, muss man nicht stellen. Sie beantwortet sich von selbst. House erzählt von dem Moment seines Unfalls und dem Filmabspann, der jeden ereilt, der dem Tod ins Auge sieht. Die Zeit bis der Rettungshubschrauber eintraf ermöglichte ihm, sein Leben Revue passieren zu lassen. Umfassend und eindeutig, wie er sagt. Er fragte sich, wie es war, sein Leben. Was ihn glücklich machte. Und was er bereute.

Im Reinen war er schnell mit seiner Kletterkarriere: „Ich habe ganz viel Zeit und Energie ins Klettern gesteckt und sehr viel erreicht, wenn auch nicht alles, was ich wollte, aber ich bin weit gekommen. Dies war immer ein Leitgedanke für mich, meine eigene Philosophie. Alles drehte sich ums Klettern: Ich bin Alpinist, ich wollte immer das Beste geben, alles aus mir rausholen, durch und durch. Das war mein Lebensmittelpunkt. Alles andere drum herum musste diese Prüfung bestehen. Wenn es nicht dazu beitrug, war es nicht wichtig.“ Dies traf einige seiner Partnerschaften. House bereute dies sehr im Augenblick des Wartens auf Rettung. „Ich sagte mir: Wenn ich das hier überlebe und sich die Gelegenheit anbietet, werde ich diese Chance ergreifen, diesen Weg gehen und eine Familie gründen.“

Das Leitbild „An allererster Stelle Kletterer“ verschwamm. Ein neues musste her. Es ist ein Individualisierungsprozess wie aus einem Lehrbuch. Steve House beschreibt sein eigenes Leben und stellt dabei fest, wieviel sich davon tatsächlich ereignet hat und wie viel nicht. Ständig ist er auf dem Weg der Identitätsfindung. Und dabei gelingt es ihm, ein Muster zu entdecken und das gelebte Leben samt verfügbaren und fehlenden Ressourcen zu begreifen. Seine Reflektion und Beschreibungen führen ihn zu neuen Entscheidungen.

 

 

 Die Suche nach dem neuen Sinn setzt sich Stück für Stück wie ein Puzzle zusammen. Nach dem Unfall wagt er den Neuanfang. Wichtig dabei war für ihn die räumliche Veränderung. Er zog von seiner alten Heimat Oregon nach Colorado, als eine Art Prüfung für seine persönliche Weiterentwicklung. „Ich wollte an einem neuen Ort sein, um mich mehr zu öffnen. Ich wollte offener sein, auch anderen Dingen gegenüber, nicht nur dem Klettern. Wenn ich Zuhause bin, passiert es ganz schnell, dass ich zuallererst ans Klettern denke. Ich habe das Talent, dem Klettern immer allererste Priorität zu schenken. Aber zu dem Zeitpunkt wollte ich ganz bewusst zurücktreten.“ In dieser Zeit arbeitet viel in ihm nach.

Für sich die richtige Wahl treffen und ein Commitment zu haben, sind wichtige Aspekte in seinem Leben. Das Scheitern gehört ebenso dazu wie der Erfolg. Für Steve House gibt es viele Möglichkeiten oder Arten des Scheiterns. Dies hat seiner Meinung nach vor allen Dingen mit dem kulturellen Hintergrund zu tun, mit dem, was Scheitern in dem jeweiligen Land bedeutet, wo man lebt. House hebt die Aktualität des Themas hervor, den westlichen Trend: zu erkennen, wie wichtig das Scheitern für uns im Leben ist, dass es uns in einen Prozess führt, dass wir durch das Scheitern lernen und dass es uns auch zum Erfolg führen kann. 

 

„Ich denke, dass da viel Wahrheit drin liegt. Aber in gewisser Hinsicht begibt man sich mit dieser Argumentation auch aufs Glatteis. Wenn du kletterst, dann willst du dein Bestes geben: Du kletterst mit der Hoffnung auf Erfolg und dass es klappt. Aber du denkst beim Klettern nicht darüber nach, was in den letzten zehn Jahren schiefgelaufen ist, und dass dich das jetzt zum Erfolg führt. Das wäre traurig. Und das wären harte zehn Meter vor dem Ausstieg. Ich denke, es ist wichtig zu erkennen, dass Scheitern seinen Wert hat und dass es zur Entwicklung dazugehört, zu jeder Entwicklung von jedem, der sehr gut in etwas werden möchte. Jeder gute Sportler weiß das und hat das durchlaufen und hat das für sich absorbiert und in sein eigenes Wissen und die eigene Intuition integriert. Aber es ist genauso wichtig anzuerkennen, dass man, wenn man erfolgreich sein will, sehr hart arbeiten muss, viel nachdenken, Risiken abschätzen und Ziele anstreben – und dass man auch Abstriche machen muss.“

 

Dabei muss, so House, Leistung am Berg nicht immer eine Konsequenz früheren Scheiterns sein oder eine pädagogische Funktion haben. Überhaupt will er Leistung, den erhofften Erfolg, immer daran gemessen sehen, was man sich selbst zum Ziel gesetzt hat. „Motivation spielt da eine wichtige Rolle, denn sie ist ganz eng an das geknüpft, was du tust und warum du es tust! Ich glaube, viele Menschen sprechen gar nicht über das Warum.“ Für ihn sind Erfolge relativ und stehen stets in Bezug zu dem, was man sich selbst zum Ziel gesetzt hat. „Manchmal bedeutet Erfolg, zu überleben, wenn du beispielsweise auf halbem Weg von einem Sturm überrascht wirst und zusehen musst, wie du heil wieder runterkommst. Und ein anderes Mal stehst du bei Sonnenschein auf einem Gipfel und alles ist perfekt und das ist dein Erfolg.“

 

Die Kunst des Bergsteigens

Wir sprechen über die „Kunst“ des Bergsteigens und darüber, inwieweit ein Alpinist ein Künstler ist – auf seine Art. In seinem Buch „Beyond the mountain“ (deutsch: „Jenseits des Berges“) spricht House wiederholt von der Suche nach dem wahren Ich, dem philosophischen Kern eines jeden Künstlers. Eine neue Form der Echtheit im Alpinismus ist für House ein Motiv, das ihn antreibt. Alles wagen mit nur sehr wenig, so könnte man seinen „Fliegengewichts“-Alpinstil humorvoll beschreiben, gäbe es Gewichtsklassen im Bergsteigen. Transzendenz ist ein weiterer Begriff, den House gern verwendet, um das intensive Gefühl beim Klettern zu beschreiben. Das inflationär verwendete Schlagwort Flow findet in unserem Gespräch keinen Raum.

Bergsteigen ist für House dennoch keine Kunst: „Es ist bis zu einem gewissen Punkt eine gute Analogie, aber keine perfekte. Für mich ist Alpinismus weder Sport noch Kunst, es ist etwas von beidem. Es ist kein Sport, weil es nicht kompetitiv ist und auch nicht als solcher gedacht ist. Ich weiß aber, dass einige Kletterer und Bergsteiger Aspekte des Wettstreits darin erkennen, suchen und leben, etwa in Form von Rekordversuchen. Das ist ein Spiel, das manche spielen wollen, das ist ok, ganz ohne Bewertung, ich bin nicht dagegen. Aber das ist nicht das Herz des Alpinismus. Klettern ist künstlerisch im Sinne von Expression. Es hat mit einem Ausdruck von Gefühlen zu tun, auch wenn die meisten Bergsteiger sich dessen nicht bewusst sind. Und diese Gefühle sind ganz individuell. Ich habe oft unterschiedliche Gefühle, wenn ich dieselbe Route an einem anderen Tag klettere. Ich fühle mich beim Ausstieg immer wie verwandelt. Vielleicht starte ich verärgert oder frustriert oder voller Energie. Das drückt sich alles in meinen Bewegungen aus, das ist mein Ausdruck für diesen Seelenzustand. Danach fühle ich mich, als hätte ich mit einem guten Freund zusammen gesessen und über ein Problem geredet – ich fühle mich besser und erleichtert.“

 

House vergleicht das Bergsteigen mit dem Tanz und erklärt, dass ein Tänzer am Publikum merkt, wenn die Gefühle, die er zum Ausdruck bringt, erkannt und verstanden werden. „Alles was ein Tänzer braucht, ist ein Raum. Ein Alpinist braucht mehr als nur einen Raum, und es gibt viele Dinge, die außerhalb meiner Kontrolle liegen. Sie sind wirklich oft schwer zu managen: das Wetter zum Beispiel oder die Steinschlaggefahr. Was zudem häufig passiert: dass nach einer schweren Unternehmung, wie etwa dem Durchstieg der Rupalflanke, das „Publikum“ gar nicht nachvollziehen kann, was da passiert ist. Dass es das Besondere dieser Aktion und ihres Stils nicht anerkennt oder ausreichend schätzt. Deshalb glaube ich, dass im Alpinismus ganz vieles nicht nach außen hin „dargestellt“ wird – das innere Erleben ist so intensiv, dass es kein Publikum braucht.“

Einen wichtigen Aspekt für seine eigene „Kunst“ führt House auf seinen Charakter zurück: Er sei immer gut darin gewesen, genau zu wissen, wohin er in dem großen Bild des Kletterns, in dem er sich befand, gehen sollte, um noch besser zu werden. Er führt diese Art des Denkens auf sein Auslandsjahr in Slowenien zurück, wo ihn die Bergsteiger mit 18 Jahren ins alpine Klettern einführten: „Ich konnte mir meinen Weg kreieren, dorthin, wohin ich eigentlich hin wollte, was kein konkreter Ort war, eher eine Fantasie, eine Art Traum. Die Rupalflanke und die Makalu-Westwand gehörten dann irgendwann dazu.“

 

House beschreibt in diesem Zusammenhang seinen Zugang zum Himalaya und seine Entwicklung dort. Expeditionen im Himalaya stellten ihm von Anfang an höhere und komplexere Anforderungen, um erfolgreich zu sein, als er es aus den Rockie Mountains oder den Alpen kannte. In der Höhe vergrößern sich alle Schwierigkeiten am Berg, schildert er. 

 

Herausforderung Himalaya

Seine Herangehensweise war immer eine schrittweise. Und das zahlte sich aus: „Ich kam an einen Punkt, wo mich die Routen in Alaska und den kanadischen Rockies nicht mehr herausforderten. Das klingt arrogant, aber ich hatte in diesen Bergen alles gemacht, was ich erreichen wollte. Das forderte mich nicht mehr heraus, weder physisch noch psychisch. Um noch mal auf das Bild mit dem Künstler zurückzukommen: Ich brauchte mehr Raum, um das ausdrücken zu können, was ich leisten konnte.“

Im Himalaya konnte er weitere wertvolle Erfahrungen für sich sammeln. Vor allem seine Geduld wurde extrem auf die Probe gestellt; seine mentale Stärke erfuhr ein perfektes Training: „Viele gehen davon aus, dass sie, wenn der Körper gut akklimatisiert ist, die hohen Gipfel angehen können und ihr Kletterkönnen vom Hausberg einfach nur auf die Höhe transferieren müssen. Das ist definitiv eine falsche Annahme, die oft in Problemsituationen endet. Die Höhe und das Vergessen des mentalen Aspekts führt für viele gute Kletterer zu Schwierigkeiten im Himalaya, vor allem bei langen Touren. Es braucht eine Weile, das zu lernen. Und dieser Prozess ist bedeutend leichter für ältere Bergsteiger als für jüngere. Zumindest konnte ich das bei mir sehr gut beobachten. In der Höhe musst du mit dir selbst sehr geduldig sein. Du musst mit dem ganzen Prozess geduldig sein, denn es gibt absolut keinen Weg, keine Möglichkeit, Dinge zu beschleunigen. Es braucht einfach die Zeit, die es da oben dauert.“

 

Im Himalaya konnte er weitere wertvolle Erfahrungen für sich sammeln. Vor allem seine Geduld wurde extrem auf die Probe gestellt; seine mentale Stärke erfuhr ein perfektes Training: „Viele gehen davon aus, dass sie, wenn der Körper gut akklimatisiert ist, die hohen Gipfel angehen können und ihr Kletterkönnen vom Hausberg einfach nur auf die Höhe transferieren müssen. Das ist definitiv eine falsche Annahme, die oft in Problemsituationen endet. Die Höhe und das Vergessen des mentalen Aspekts führt für viele gute Kletterer zu Schwierigkeiten im Himalaya, vor allem bei langen Touren. Es braucht eine Weile, das zu lernen. Und dieser Prozess ist bedeutend leichter für ältere Bergsteiger als für jüngere. Zumindest konnte ich das bei mir sehr gut beobachten. In der Höhe musst du mit dir selbst sehr geduldig sein. Du musst mit dem ganzen Prozess geduldig sein, denn es gibt absolut keinen Weg, keine Möglichkeit, Dinge zu beschleunigen. Es braucht einfach die Zeit, die es da oben dauert.“

 

Neue Schritte im Übergang

Vor ein paar Jahren lernte Steve House seine heutige Frau Eva kennen, eine ehemalige Nationalkader-Kanutin aus Kärnten, die heute ein erfolgreiches Werbeunternehmen leitet. Die beiden heirateten und bekamen 2016 ihren Sohn Franz. Mehrere Monate im Jahr verbringen sie in Europa mit Kärnten als Basislager. Seine Familie bietet ihm ein neues Fundament für einen anderen Alpinismus. Einen, den er von innen heraus lebt, aber mit Distanz neu betrachtet und umsetzt. „Ich beobachte, wie ich mich weiterentwickle, und erkenne ganz deutlich, dass ich vom Klettern gelernt habe. Ich versuche herauszufinden, was ich gerade lerne, und versuche das anzuwenden. Es ist nicht leicht herauszufinden, worin man noch im Leben gut ist.“

Nach seinem Unfall wurde Steve House bewusst, dass er nichts in seinem Leben für andere getan hatte. Er suchte nach einer Möglichkeit, etwas aus seinem Leben zu teilen und weiterzugeben. „Das einzige was ich wusste war, dass ich ein Experte im Alpinismus bin. Daraus entstand das Projekt Alpine Mentors.“ Ähnlich dem Expeditionskader-Modell im DAV gründete Steve House eine Gruppe für internationale Nachwuchsalpinisten, um ihnen eine andere Perspektive als die rein technisch-taktische Wissensvermittlung anzubieten. „Mit den Alpine Mentors versuche ich weniger Skills zu vermitteln, sondern Entscheidungsfindung. Wobei ich ihnen nicht beibringen kann, die richtige Wahl zu treffen, sondern nur, die entsprechenden Erfahrungen zu sammeln. Es ist oft eine echte Herausforderung, sie Fehler machen zu lassen. Ich bin nicht immer Herr der Lage. Manchmal bin ich die Bezugsperson für den nächsten Schritt, dann sind sie es selbst, dann das Wetter, dann wiederum der Berg. Aber in den Trainingscamps kann ich ihnen helfen, in schwierigen Situationen ihren Pfad zu korrigieren, und sie hoffentlich aufhalten, bevor jemand zu Schaden kommt. Hinterher können sie reflektieren, was sie auf den falschen Weg gebracht hat. Als Gruppe, egal ob am Berg oder im Alltag, hat man immer die Wahl. Und jede Wahl führt zu ganz bestimmten Konsequenzen.“

 

Train smart, climb better!

Der Alpinismus führte House zu neuen Rollen: Lehrer, Autor, Trainer und Geschäftsmann. Gemeinsam mit dem Trainer Scott Johnston veröffentlichte House 2014 das Buch „Training for the New Alpinism“ und gründete daraus resultierend das Projekt „Uphill Athlete“ (uphillathlete.com). Hier können sich ambitionierte und professionelle Bergsteiger, Kletterer, Skitourenrennläufer und Bergläufer von House und Johnston im Training begleiten und ausbilden lassen. Neu ist das laut House nicht: „Das ist ein Trend, der vor langer Zeit begann, in kleinen Schritten. Messner und Habeler und all die Jungs haben für ihre Expeditionen trainiert. Ich denke, der Schritt dahin war wie in anderen Sportdisziplinen folgendermaßen: Man gab ihnen eine Perspektive, als Athlet Karriere zu machen. Also betrachteten sie es als Chance zum Beruf und trainierten, um auf hohem Niveau nachhaltig Leistung zu zeigen. Wir mit Uphill Athlete unterstützen Bergsportler, sich als Athleten zu sehen, wenn sie das wollen. Ich erwarte das von niemandem, dafür gibt es keinen Grund. Aber diejenigen, die sich im Klettern oder Bergsport verbessern wollen und den Rahmen dafür nutzen wollen, haben bei Uphill Athlete die Möglichkeit dazu.“ Die Trainingslehre von Johnston und House greift auf Inhalte des Ausdauersports zurück. „Das wurde alles in der Vergangenheit in viele Richtungen fundiert in der Sportwissenschaft und Sportmedizin untersucht, vor allem in Bezug auf Langzeittraining. Warum sollten wir es nicht auch im Bergsport nutzen?“, erklärt House.

 

House beschreibt seine Rolle als Trainer als Herausforderung. Am Coaching reizt ihn, dass man sich für ein großes Langzeitvorhaben auf kleine Schritte fokussieren muss. Es kommen Bergsteiger zu ihm, die ein großes Ziel für die fernere Zukunft haben. Hier greift er wieder den Gedanken der Lebensaufgabe auf, den er für sich selbst so konzentriert verfolgt. Seiner Meinung nach strukturiert sich alles um die eigene Absicht als Kern in einem Sportvorhaben herum. Diese Herangehensweise gibt House konsequent an seine Athleten weiter. Dies sei aber sehr individuell und extrem dynamisch und müsse immer auf den einzelnen Sportler ausgerichtet sein. „Mich bringt das oft zurück auf meinen eigenen Weg. Ich habe viel in meine Unterlagen geschaut und mich erinnert, wie ich mich in den damaligen Momenten gefühlt habe, und verstehe erst heute, was eigentlich passiert ist mit meinem Körper. Man kann mit Training so viel erreichen und verändern. Und was in der Bergsportszene kaum einer versteht ist, dass es zu erkennen gilt, dass die Besten der Besten am Berg, egal ob Alpinist, Sportkletterer oder Boulderer, eine sehr spezielle Fitness erst über ganz ganz viele Jahre entwickeln konnten.“

House kritisiert, dass die Langzeitentwicklung im Bergsport enorm unterbelichtet wird. Es brauche manchmal eine ganze Dekade, bis Bergsportler dauerhaft Leistung auf hohem Niveau erbringen. Viele seien sehr ungeduldig und wollen innerhalb kurzer Zeit irgendeinen hohen Berg in nur wenigen Tagen besteigen. Solche Erfolge gibt es aber seltenst über Nacht. Talent wird oft überschätzt, so House. Es gehe ihm immer darum, den Athleten zu vermitteln, dass sie Offenheit und Optimismus mitbringen müssen, sich anstrengen zu wollen: „Auch Scott Johnston sagt zu all seinen Sportlern wiederholt, dass sie keine besondere Fähigkeiten brauchen, um weit zu kommen, sie müssten nur bereit sein, sehr hart dafür zu arbeiten.“

 

Was die Zukunft bringt?

Als Athlet würde House sich selbst zur Zeit nicht beschreiben, aber dass er einer war, das sagt er schon. „Ich habe mich zu Beginn als Kletterer nie als Athlet gesehen oder gefühlt, bis ich 1999 Scott Johnston traf.“ Johnston war zu jener Zeit als professioneller Hochleistungs-Trainer in den Sportarten Schwimmen und Skilanglauf tätig, als er zum Kletterpartner von Steve House wurde. Dieses Zusammentreffen, der Austausch und Johnstons Wissen und Erfahrung verdeutlichten House, dass er, so sagt er, „vermutlich tatsächlich ein Athlet war“. „Am Anfang bin ich nicht klettern gegangen, um besser zu werden“, erzählt er. House versucht seine Entwicklung distanziert zu betrachten. Für ihn ist es eine ganz natürliche Evolution des Kletterns, dass es zum Sport wird und Training zum Teil der erbrachten Leistung. Allein die Tatsache, dass Sportklettern sich zu einem Wettkampfsport entwickelt hat und dass sich mehr und mehr Kletterer selbst als Athleten betrachten, spiegelt diesen Prozess der Versportlichung des „Bergabenteuers“ seiner Meinung nach wider. Dass sich das Klettern nun als olympische Disziplin etablieren konnte, ist für House nur die logische Folge. Kritisch betrachtet er in diesem Prozess einzig die Tatsache, dass Speedklettern als obligatorische Teildiszplin mit in den Bewerbungsprozess hineingenommen wurde. Im IOC öffnete dieser Aspekt dem Klettern die Türen. „Sehr schade das Ganze. Das macht mich traurig, ich finde es sogar tragisch“, erklärt House und fährt fort: „Alles in allem ist es jedoch großartig für den Sport, dass Klettern bei Olympia ist, weil das Klettern als Sportklettern zu einer eigenen Sportart geworden ist. Es findet nicht mehr nur noch draußen statt, es geschieht in neuer Form drinnen. Ich finde, das ist ein großartiger Trend, es ist ein toller Sport und es ist offensichtlich, dass ich es liebe.“

 

Eine letzte Frage muss unbedingt gestellt werden: Kehrt Steve House zurück ins Training? „Ja, wenn Franz etwas größer ist. Ich möchte mich gut fühlen, mich wieder stärker fühlen in meinem Körper, um wieder auf einem Niveau klettern zu können, auf dem ich es genieße und mag. Ich verfolge keine großen Ziele. Ich habe getan, was ich für mich tun musste, und ich befinde mich gerade im Frieden damit. Nach meinem Unfall habe ich dafür einige Jahre gebraucht.“ Und was passiert, wenn Franz in seine Fußstapfen tritt? „Da habe ich schon viel drüber nachgedacht. Es wird hart werden für mich, zuzuschauen, wenn er ein Risiko eingehen wird, egal ob am Berg oder anderswo. Ich werde ihn definitiv nicht zum Klettern ermutigen, das steht fest! Wenn er das später mal will, dann werde ich ihn nicht aufhalten. Ich sag’ ihm immer im Spaß, dass ich es ihm verbieten werde, aber mir ist natürlich klar, dass das nicht geht, vor allem, wenn ich mir vorstelle, meine Eltern hätten mir das Klettern verboten, was dann passiert wäre.“ Er lacht: „Ich weiß schon jetzt, dass das auf jeden Fall sehr schwer für mich werden wird.“

 

Steve House in Zahlen und Fakten

Amerikanischer Kletterer, Bergsteiger, Trainer und Buchautor (mehrfach ausgezeichnet für seine alpinistischen und medialen Erfolge) – seine meisten großen Begehungen sind fiese Wände an den wildesten Bergen von Kanada, Alaska, Peru und Pakistan, die in der Szene teils legendären Ruf genießen, außerhalb aber keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken. Ausnahme: Nanga Parbat – aber auch da ist die wahre Leistung nur für Kenner verständlich.

 

  • 1970 geboren und in Oregon aufgewachsen
  • Zum Klettern kam er über seinen Vater
  • Nach seinem Schulabschluss ging er 1988 nach Slowenien für eine „Overseas Experience“; hier tauchte er ein in die Welt des Alpinkletterns und Höhenbergsteigens
  • House studierte Ökologie; erfolgreicher Abschluss 1995 mit dem Bachelor of Science
  • 1995: Mount Rundle, „Two piece Yanks“ (4 SL, WI 7, VIII+) mit Stan Price. Die schwerste Route am kanadischen Eiskletterziel, bis heute nicht wiederholt.
  • 1997: Denali, South Buttress (ca. 4740 m), „Mascioli’s Pillar“ (1200 m, VII, A0, WI 6) in 34 Std. mit Steve Swenson.
  • 1999: Howse Peak, „M 16“ (WI 7+, A2) mit Barry Blanchard und Scott Backes, seine „beste Abenteuerroute überhaupt“.
  • 1999: Abschluss der Ausbildung zum AMGA-IFMGA Bergführer
  • 2000: Denali (6194 m), „Slovac Direct“ (2700 m, VI+, WI 6, M5) mit Mark Twight und Scott Backes in 60 Stunden nonstop. Danach war er „ein Jahr lang psychisch ausgebrannt“.
  • 2001: Mount Foraker (5304 m), „Infinite Spur“ (2800 m, VI+, WI 4) in 25 Stunden hoch und 20 Stunden runter (schnellste Begehung zuvor 7 Tage) mit Rolando Garibotti
  • 2001: Cho Oyu (8201 m) vom Basislager und zurück in 27 Stunden – um diesen „Nonstop-Stil“ kennenzulernen
  • 2004: North Twin (3731 m) Nordwand, „House-Prezelj“ (1500 m, VI+, A2), mit Marko Prezelj
  • 2004: K7 (6942 m) solo auf neuer Route (2650 m, VII, A2, 80°, M6+) in 41 Std. rauf und runter – dafür gab es den Golden Piton von „Climbing“ und den Publikumspreis beim Piolet d’Or.
  • 2005: Nanga Parbat (8125 m) Rupalflanke, Zentralpfeiler (4100 m, M5X, VI+, WI 4) mit Vince Anderson in acht Tagen im Alpinstil. 2006 erhalten die beiden dafür den renommierten Bergsteigerpreis Piolet D’Or.
  • 2007: Mount Robson (3954 m), Emperor Face, „House-Haley“ (1740 m, WI 5, M7) mit Colin Haley in 35 Std. Rundtrip.
  • 2010: schwerer Kletterunfall am Mount Temple/Kanada
  • 2011: letzter von drei Versuchen an der Westwand des Makalu (8462 m); beste Höhe 7000 Meter
  • Steve House ist verheiratet und hat einen einjährigen Sohn. Er lebt mit seiner Familie in Ridgway/Colorado und Kärnten/Österreich.