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Ski-Transalp von Garmisch nach Meran

Eine Transalp per pedes oder Bike – das kann ja jeder! Im Winter dagegen, mit Ski über die Alpen, das verspricht einsames Abenteuer und grandiose Tiefschneeabfahrten. Stefan Herbke (Text, Fotos & Videos) hat eine kreative Route ausprobiert.


"Ganz klar von Nord nach Süd." Für Paul ist die Sache klar. "Es macht einfach mehr Sinn, weil ich dann vom Winter in den Sommer komme, oder anders gesagt: von den Bergen ans ‚Meer’." Über die Route selbst lässt sich diskutieren, doch die Grundrichtung steht für den Ötztaler Bergführer fest. Paul Walser liebt mehrtägige Durchquerungen und ist immer auf der Suche nach ungewöhnlichen, sprich einsamen Touren abseits der Skitouren- Hotspots. "Klar sind auch eine Haute Route oder Venter Runde schön, aber da gibt‘s kein Neuland, da ist alles bekannt", meint Paul. "Der Reiz einer Transalp ist für mich, dass man abseits der Modetouren unterwegs ist und neue Gebiete und Orte kennenlernt." Deshalb lässt er sich gerne für die Idee begeistern, zum Auftakt ganz gemütlich mit der Bayerischen Zugspitzbahn in das kleine Skigebiet unter Deutschlands höchstem Gipfel hinaufzufahren. Dessen Freeride-Möglichkeiten haben sich in der Szene längst herumgesprochen. Neue Welt heißt etwa die legendäre Steilabfahrt vom Schneefernerkopf, die als Schlüsselpassage eine Abseilstelle aufweist. Bevor solche Steilabfahrten Alltagskost wurden, war schon das Gatterl etwas ganz Besonderes. Auf der Suche nach dem Extremen ist diese Variantenabfahrt auf die Sonnenseite der Zugspitze in Vergessenheit geraten, selbst in den endlosen Weiten des Internets gibt es nur wenig Informationen.

 

Powderparadies Zugspitze

Zweigeteilt präsentiert sich der Beginn. Oben unter dem Wetterwandeck sind die beliebten Tiefschneehänge von „Klein Kanada“ reichlich zerpflügt, doch sobald die Spuren links ins Skigebiet zurückziehen, wechselt man ins echte Powderparadies. Unter den Wänden der Gatterlköpfe hält sich der Pulverschnee perfekt, die sanften Hänge sind wunderschön kupiert und Platz gibt es mehr als genug.

 

Die bei der Planung noch offene Frage, wie genau die Querung vom Platt zum Gatterl verläuft, hat sich bei einem Blick vom Gipfel der Zugspitze weitgehend aufgeklärt. So fellen wir auf rund 2020 Metern Höhe unter einem markanten Felsturm mit weißer Wand an und steigen in Richtung eines großen Felsbrockens auf. Eine kurze Querung und dann atmen wir auf: Schräg unterhalb ist das Gatterl zu sehen, alles richtig gemacht. Also Felle runter, ein paar Schwünge, und schon stehen wir in der traumhaften Schneedünenlandschaft unter dem Feldernjöchl. Dahinter versteckt sich noch eine zweite Schneeschüssel, die den Übergang zu den sonnenverwöhnten Hängen auf der Südseite der Gatterlköpfe ermöglicht. Das Skigebiet der Ehrwalder Alm wird nur am Rande tangiert, schon geht es weiter Richtung Coburger Hütte. Anfangs auf einer gespurten Loipe, dann einsam an der Seebenalm vorbei hinein in die faszinierende Schneelandschaft der Mieminger Berge. Unter den Felsgipfeln öffnen sich tief verschneite Kare, die Platz genug bieten, um auch nach einer längeren Schönwetterphase noch unberührten Schnee zu finden. Die Skispuren im Schwarzkar schauen verlockend aus, doch wir ziehen nach rechts und spuren hinüber zur Biberwierer Scharte, hinter der eine auch recht geheimnisumwitterte Steilabfahrt in die Langlehn wartet. Steil und schattig versteckt sich hier unter hohen Felswänden ein Kar, das bei sicheren Verhältnissen zum skifahrerischen Höhepunkt und krönenden Abschluss des ersten Tages wird.

 

„Das Schwierige an der Transalp ist die Suche nach einer Linie, die Sinn macht“, analysiert Paul, „du brauchst Übergänge, die funktionieren. Aufstieg und Abfahrt sind unterschiedlich, was natürlich den Reiz einer Durchquerung ausmacht; andererseits weißt du nie, wie dort die Verhältnisse sind, wie genau das Gelände ausschaut, wo die Gefahrenstellen liegen.“ Die Lifte bei Garmisch-Partenkirchen boten sich als Starthelfer an, Meran als Zielort war schnell gefunden, schließlich steigt die Attraktivität einer Tour mit den Namen.

 

Beide Orte sind zudem gut mit Bahn und Bus zu erreichen und lassen sich mit einer für Skitourengeher interessanten Linie verbinden, die in fünf Tagen von der winterlichen Alpennordseite in den Frühling führt. In Biberwier sind die Wege kurz. Raus aus dem Quartier, rein in den Lift und rauf aufs Marienbergjoch. Die Ideen Transalp und Freeride zu kombinieren, liegt auf der Hand. „Es macht für mich keinen Sinn, über eine Skipiste raufzugehen. Ich geh ja nicht zu Trainingszwecken, sondern ich will eine Tour erkunden.“ So wie Paul denken viele, und deshalb trifft man am Marienbergjoch morgens fast mehr Tourengeher als Pistenskifahrer, so beliebt ist die Grünstein-Umfahrung durch die Mieminger Berge. Doch auf der Transalp berühren wir die Strecke nur kurz. Nach der Abfahrt vom Höllkopf steigen alle über die schweißtreibenden Sonnenhänge der Höllreise in die Grünsteinscharte, während wir abbiegen mit Ziel Stöttltor. Dahinter versteckt sich eine skifahrerisch wie landschaftlich großartige Abfahrt unter den mächtigen Wänden der Griesspitzen. Hin und wieder wird die Stille durch kleine Lawinen gestört, die laut polternd über die Felswände krachen. Doch die stellen keine Gefahr dar, gefährlich sind eher die, die du nicht hörst … Einzelne Schneezungen zwischen den Latschen verlängern die Abfahrt, bei der der Frühling schon ganz deutlich zu spüren ist. Bei der Boasligbrücke ist endgültig Schluss mit Skifahren, weiter aufs Mieminger Plateau geht es nur noch zu Fuß. Doch auch das gehört zu einer Transalp.

 

Kalkkögel als Kulisse

„Im März und April ist es in der Regel am sichersten, da finde ich auch hochalpin gute Schneebedingungen“, sagt Paul, „allerdings muss ich dann akzeptieren, dass ich unten mal zu Fuß gehen muss – aber auch das hat seinen Reiz.“ Als Bergführer wäre für ihn eine Skitourenwoche auf einer Hütte einfacher, „da kann ich mit leichtem Gepäck laufen und habe schnell einen Überblick über die Schneesituation vor Ort.“ Doch statt zur Routine tendiert er zum Abenteuer – und das findet er eher auf einer Skidurchquerung, auch wenn die Verantwortung und der Rucksack etwas größer ausfallen mögen. Mit dem Bus geht es über Innsbruck einmal quer durch das Inntal nach Axams und anderntags mit dem Skibus in die schneesichere Axamer Lizum. Die Kalkkögel als Kulisse sind gigantisch, die Freeride-Möglichkeiten genial – und als Ausgangspunkt für eine Skitour ist der Hoadl auch ganz gut zu gebrauchen.

 

Dennoch sind wir beim Anstieg zum Gamskogel wieder einmal alleine unterwegs, was vielleicht auch an dem dichten Nebel liegt. Die Sicht geht gegen null, so dass wir beim Anstieg über die Adolf-Pichler-Hütte die bizarre Felslandschaft, die mit ihren Türmen und Couloirs an die Dolomiten erinnert, nur erahnen können. Blindflug auch bei der Abfahrt vom Schlicker Schartl über traumhafte Pulverschneehänge ins Skigebiet der Schlick 2000, dafür reicht der Schnee – dank Beschneiung – locker bis Fulpmes im Stubaital. „Das Schönste im Stubai ist der Blick ins Ötztal.“ Bei der Bergstation der Schaufeljochbahn kann sich der Ötztaler Paul den kleinen Seitenhieb nicht verkneifen. Im Grunde könnte er hier mit den Ski runterfahren und wäre schon fast zu Hause. Doch viel interessanter ist für ihn die heutige Schlüsseletappe der Transalp. Zu Dutzenden starten Skitourengeher an diesem Traumtag vom Stubaier Gletscher Richtung Zuckerhütl. Wir lassen den Trubel lieber links liegen und steigen hoch ins stille Gamsplatzl.

 

Oben öffnet sich der Blick auf die einsame Seite der Stubaier Alpen. Während gegenüber am Zuckerhütl längst Platzkarten für die Gipfelrast ausgegeben werden, spuren wir in aller Stille über die zunehmend steile Gletscherflanke unter das Hohe Eis und stapfen schließlich über flache Schneefelder auf die Eiskuppe der Sonklarspitze – neugierig beäugt von einer Gämse, die scheinbar auch die Einsamkeit sucht. Das Zuckerhütl ist zum Greifen nah, und doch liegen Welten dazwischen. Wer sich in die breite Spur zum höchsten Stubaier Gipfel einreiht, folgt der Herde und kann davon ausgehen, das Ziel zu erreichen. Auf der Sonklarspitze dagegen zeigt sich Skitourengehen von seiner ursprünglichen Seite. Keine Spur weit und breit, das Gelände steil und lawinengefährdet, die Route nicht klar vorgegeben. Erst vor Ort zeigt sich, ob der Anstieg über die Steilflanke neben dem Hängegletscher geht oder ob der Umweg über die Siegerlandhütte oder gar über die Windachscharte die bessere Alternative ist. „Gerade bei so einer Tour muss ich sehr flexibel sein“, erklärt Paul, „und unbedingt einen Plan B haben.“ Und den gibt es immer wieder. „Statt der lawinengefährdeten Langlehn kann man von der Ehrwalder Alm auch auf Pisten ins Tal fahren oder am Gamskogel durch das Senderstal aufsteigen“, zählt er auf, „zur Not muss ich halt mal eine Etappe auslassen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum nächsten Übernachtungsort kommen.“ 

 

Weite Gletscherflächen

Auf der Etappe über die Sonklarspitze funktioniert alles wie geplant, auch bei der Abfahrt. Langsam schwingen wir entlang des Grates zu einem Steinmann bei der Felsstufe, die das Gipfelschneefeld vom Übeltalferner trennt. Zu Fuß klettern wir entlang des Sommerwegs über den Ostgrat ab, bis eine Schneezunge die Ausfahrt auf die weiten Gletscherflächen ermöglicht. 

 

Mit Blick auf den Wilden Freiger und hinaus ins Ridnauntal umrunden wir die Sonklarspitze und wechseln flach hinüber zur Schwarzwandscharte - zum Start der langen Abfahrt über die Timmelsalm. Über eine schier endlose Folge großartiger Hänge schwingen wir talauswärts zur Timmelsjochstraße und wechseln mit dem Taxi nach Pfelders. Das Ende der Welt, so könnte man den ersten Eindruck von Pfelders beschreiben. Der verkehrsberuhigte Ort besitzt ein kleines Skigebiet, das aber eher Leute anspricht, die Ruhe abseits der Masse suchen. Und sich nicht bedroht fühlen von den XXL-Hängen, die direkt hinter den Häusern zum Hinteren Seelenkogel und zur Liebener Spitze hinaufziehen - eine fast bedrückende Kulisse. Im Faltschnaltal richtet sich der Blick allerdings nach vorne auf die Schieferspitze, die bei örtlichen Tourengehern recht beliebt ist.

 

Unter dem Gipfelhang biegen wir ab und steigen über unberührte Hänge ins Faltschnaljöchl. Der weitere Anstieg mit Blick auf die unverwechselbare Kulisse der Dreitausender der Texelgruppe ist ein Traum. Die Etappe zeigt einmal mehr, wie fantastisch eine Skidurchquerung sein kann. Und bei Erreichen des Spronser Jochs und dem Blick Richtung Süden meint man, im Dunst das Mittelmeer zu sehen. Das ist natürlich stark übertrieben, und doch fühlt es sich so an. Auch weil Meran ein logischer Endpunkt ist. „In Meran ist Schluss, da sitzt du unter Palmen und trinkst ein Glas Wein“, schwärmt Paul. „Würdest du von Süd nach Nord laufen, dann geht es in die Berge rein und du hörst irgendwo in den Alpen auf, in Kälte und Schnee.“ Doch vor dem Wein steht die Abfahrt über die wunderschön kupierte Landschaft der Spronser Seen. Im Sommer ein beliebtes Wandergebiet, im Winter verirrt sich kein Mensch hierher. Unterhalb der Bockerhütte ist im dichten Wald bald Schluss mit dem Skivergnügen. Doch das stört nicht, die Freude über die gelungene Transalp überwiegt. 

 

Die ersten Gäste mit Ski

Spätestens in Dorf Tirol geht es eh nur noch langsam vorwärts, schließlich erregt man im Meraner Genuss-Wandergebiet mit großem Rucksack und Ski reichlich Aufmerksamkeit und kommt schnell ins Gespräch. Die Neugierde ist groß, vor allem wenn die Leute hören, dass man aus Garmisch-Partenkirchen kommt und in fünf Tagen die Alpen überquert hat. Zum Abschluss gibt es bei fast schon sommerlichen Temperaturen an der Meraner Promenade entlang der Passer einen großen Eisbecher – und einen Wirt, der unbedingt von uns ein Foto machen möchte: „Ihr seid unsere ersten Gäste mit Ski.“

 

Mehr Infos & GPS-Track

Alle Details zur Transalp mit Tourenski von Garmisch nach Meran finden Sie im Tourenportal alpenvereinaktiv.com unter bit.ly/ski-transalp

 

Den GPS-Track finden Sie hier zum Dwonload: