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„By fair means“ um die Welt

Dass man von Reisen was erzählen kann, gilt vor allem, wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzt. Da müssen sie nicht einmal auf Berge führen. Das gesamte Gespräch zum Interview in Panorama 3/14.

 

Dr. Joachim Jaudas (* 17.10.1941, Sektion Bayerland)

Ist im Remstal aufgewachsen, studierte in München und promovierte als Diplom-Soziologe mit Schwerpunkt Industrie- und Arbeitssoziologie. Nach beruflichen Stationen in Bonn, Frankreich und Bremen betreute er in seiner letzten Berufsphase in München das „Karpatenprojekt“, das Wege aufzeigen sollte, wie man in strukturschwachen Bergregionen Südosteuropas durch nachhaltigen Tourismus Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen kann. Dazu wurden in Rumänien gemeinsam mit einer Umweltgruppe aus der Bergregion Hüttenwarte und -wirte fit gemacht für moderne Standards in der Dienstleistungsorientierung und bei der nachhaltigen Erneuerung von Hütten.

Er sagt von sich selbst, „nie ein ganz großer Bergsteiger“ gewesen zu sein – immerhin genügte er der Definition der Sektion Bayerland als „ausübender Bergsteiger strengerer Richtung“. Highlights waren der Hintergrat am Ortler, die Fahrradlkante im Oberreintal, schwere Vierertouren in den Dolomiten (wie die Delagokante oder der Winklerriss) und die Traversierung der Seealpen und der Cottischen Alpen mit Ski.

Als Freund großer Durchquerungen war es ihm wichtig, die Alpen in ihrer Gesamtheit kennenzulernen. Immer in Nizza startend und in Etappen, die sich mit zwei bis drei Wochen Urlaub realisieren ließen, fuhr er mit dem Fahrrad nach Wien, wanderte bis in die östlichen Tauern und ging auf Ski bis in die Zillertaler Alpen – teils alleine, teils mit Freunden. Ziel war, sich in den Alpen heimisch zu fühlen und unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Menschen kennenzulernen.

In Bremen engagierte er sich zehn Jahre lang im Vorstand der Alpenvereinssektion für Ausbildung und Naturschutz.

 

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Im Gespräch mit einer Gruppe Mönche in Mandalay (Myanmar), Foto: Privat

 

Wo haben dich deine Reisen „by fair means“ hingeführt?

Die erste Reise ging 2008 nach Zentralasien: über Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan nach Kashgar im uigurischen China. Durch das Karpatenprojekt hatte ich Kontakt nach Osteuropa bekommen; meine geografische Orientierung hat sich "gedreht", und mehr und mehr standen Osteuropa und Asien auf meiner Agenda.. Auch die Berge dort lockten mich: Pamir, Tienshan, Karakorum. So habe ich nur mit Marshrutkas (so eine Art Kleinbus, der losfährt, wenn er voll ist) und per Anhalter  auf dem Pamir-Highway "das Dach der Welt" überquert und kam so nach Kashgar in China. Ich war so begeistert, dass ich ich mir dachte: Entweder starte ich jetzt noch ein Projekt, das mich beruflich nach Zentralasien bringt, oder ich höre auf zu arbeiten und reise privat durch Asien.

Zwei Jahre später, 2010, habe ich dann tatsächlich aufgehört. Und es folgten drei Reisen durch Asien und eine Reise um die Welt.

2010 also ging es mit dem Zug von München nach Saigon. Ich hatte herausgefunden, dass es da ein durchgehendes Schienennetz gibt, und so bin ich jeden Kilometer mit der Bahn gefahren. Dabei habe ich auch einen Abstecher nach Tibet gemacht; es hat mich fasziniert, mit der höchsten Eisenbahn der Welt über die endlose Hochfläche am Fuße der Achttausender des Himalaja zu fahren.

Im übrigen bekommt man nirgends leichter Kontakt mit den Einheimischen als beim Bahnfahren, und so habe ich bei den langen Zugfahrten manche Bekanntschaft geschlossen, die auch heute noch weiterlebt. Nach der wochenlangen Reise durch Eurasien und den vielen Begegnungen mit den Menschen in Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Uiguristan, Tibet, China und Vietnam war ich voll infiziert mit dem Asienvirus.

Und so fuhr ich in weiteren Reisen von München auf dem Landweg nach Indien, dann durch Südostasien, mehrmals durch China und Myanmar und schließlich bis nach Indonesien und Timor–Leste am südöstlichsten Zipfel Asiens.

 

Ein paar Höhepunkte?

Davon gab es viele. Zum Beispiel auf dem Weg nach Indien: Am aufregendsten war die Etappe von Persien über Turkmenistan nach Tadjikistan und über den Pamir Highway nach China (komme ich da durch?); am faszinierendsten die Fahrt auf dem Karakorum-Highway von Kashgar nach Pakistan über den Khunjerabpass (4730 m) ins Hunza Tal (Was für Berge! Was für Menschen!); und am wildesten war die Fahrt durchs pakistanische Baltistan auf der in die Bergflanken eingekerbten Schotterstraße hoch über dem tief unten rauschenden Indus (mit Blick auf den Nanga Parbat, keine 30 km entfernt).

 

2012/13 kam dann die Weltreise?

Irgendwann hatte ich mir gedacht, dass ich vom Endziel dieser großen Reisen nicht zurückfliegen sollte, sondern einfach weiter nach Osten fahren, bis ich wieder zuhause wäre. Und zwar so weit wie möglich auf dem Land, und wenn's dort nicht weitergeht, per Schiff übers Meer. Es gibt Frachter, auf denen man mitfahren kann; Agenturen vermitteln das anhand der regelmäßigen Schiffsrouten. Die Mitfahrt kostet rund 100 Euro am Tag; das ist nicht billig, aber man macht dabei an die 1000 Kilometer täglich, hat Vollverpflegung und eine schöne Kabine. Natürlich ist Fliegen nicht nur schneller, sondern auch billiger. Allein auf dem Pazifik (von Adelaide in Australien über Neuseeland und Tahiti nach Mexiko) war ich drei Wochen lang unterwegs – diese Zeit war aber auch angenehm, weil ich die drei Monate Asien verarbeiten konnte: Erinnerungen sacken lassen, Bilder sortieren, Tagebucheinträge ergänzen, mich auf das neue Abenteuer Amerika vorbereiten.

 

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Am Jia-Tsuola-Pass in Tibet (Himalaya), Foto: Privat

 

Wer kann sich denn so viel Zeit nehmen?

So etwas geht nur in bestimmten Lebensphasen, nicht mit sechs Wochen Jahresurlaub. Von den anderen Leuten, die ich auf meinen Reisen getroffen habe, waren einige wenige in der gleichen Situation wie ich, hatten also ihr Arbeitsleben abgeschlossen. Die meisten waren ganz junge Leute, die eine Auszeit zwischen Schule und Ausbildung oder nach der Ausbildung genommen haben. Familien mit Kindern habe ich nie getroffen.

 

Was bedeutet für dich „by fair means“?

Den Begriff habe ich in Analogie zum ethisch sauberen Klettern gewählt. Für Reisen bedeutet das: alles selbst organisiert. Im englischen Sprachraum heißt das „Independent Traveller“ – Reisen auf eigene Faust. Zentral ist dabei, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen und Flüge zu vermeiden. Im Zug, im Bus, im Marshrutka bin ich Reisender unter Reisenden, den Einheimischen gleichgestellt, kein distanzierendes Verhältnis wie Diener/Bedienter. Für eine Weile bin ich einer von ihnen, einer von diesen Reisenden, eine Schicksalsgemeinschaft auf Zeit.

Alles selbst zu organisieren, bringt einen auch nahe an die Alltagsstrukturen des fremden Landes. Man muss Fahrkarten besorgen, muss herauskriegen, wo und wann der Bus fährt. Dazu muss man zumindest ein bisschen die Sprache lernen oder nonverbal kommunizieren. Manchmal ist das mühsam, manchmal verzweifelt man fast – aber dass ich die „Schnauze voll“ gehabt hätte, ist selten vorgekommen, meistens hat’s geklappt. Vieles lernt man auch von anderen, die man auf Reisen oder in den Quartieren trifft, etwa in den Hostels, die ich den Hotels vorziehe, weil sie weniger anonym sind, und weil dort viele anderer "independent travellers" absteigen, die sich gegenseitig mit Ratschlägen versorgen.

 

Wie lassen sich öffentliche Verkehrsmittel von Deutschland aus planen?

Ich mache vor der Abreise nur eine grobe Reiseplanung, informiere mich aber sehr gründlich über das Zielgebiet, um genügend Hintergrundinformationen zu haben für die notwendigen Entscheidungen vor Ort, z.B. wo und wann ich mit welchem Verkehrsmittel fahre. Dort kaufe ich dann auch die Fahrkarte.

Als ich von München nach Saigon gefahren bin, habe ich am Münchner Bahnschalter grade mal eine Fahrkarte bis Lemberg in der Ukraine bekommen; die weiteren Tickets habe ich dann immer wieder vor Ort gekauft. Das ist auch viel billiger, als wenn ich über eine Agentur die Tickets für die gesamte Reise besorgen lasse, was z.B. für die Strecke München – Beijing möglich wäre. Und außerdem gibt es keine Agentur auf dieser Welt, die mir einen Platz reserviert im gelegentlich verkehrenden Fahrzeug von Tadjikisten über den Pamir hinüber nach China! Für die indische Eisenbahn hingegen kann ich von überall über das Internet eine Fahrkarte kaufen; das ist dann ein E-Ticket wie beim Fliegen. Die Planung einer Frachterreise allerdings braucht einen gewissen Vorlauf, und da hilft auch wieder das Internet.

Die Visa müssen teilweise von zuhause aus organisiert werden, weil unterwegs die Ausstellung oft zu lange dauern würde. Wenn man Glück hat, gibt es sie aber auch an der Grenze. Für Pakistan etwa wollte ich mir das Visum in Tashkent (Usbekistan) besorgen, und da hat es geheißen, das Visum gäbe es für mich als Deutschen nur in Deutschland. Aber dann erfuhr ich in einem Internetforum, dass man oben in den Bergen im Hunzatal das Visum auch an der Grenze bekommt. Und so bin ich dann einfach losgefahren und erhielt tatsächlich den Stempel direkt an der pakistanischen Grenze.

Generell sollte man sich nicht zu sehr sorgen – lieber auf das Prinzip vertrauen: Irgendwie klappt das schon. Wer alles im voraus organisiert haben will, gerät leicht in Panik, und dann klappt es auch nicht. Manchmal braucht es etwas Optimismus, es einfach trotzdem zu probieren.

 

Wie viel Ungewissheit bleibt?

Naja, die Ungewissheit macht es ja erst spannend. Man weiß nie so ganz genau, wie man beispielsweise vom letzten chinesischen Dorf in den Bergen von Yunnan über die Grenze in das Gebiet der Shan in Myanmar kommt. Da muss man suchen und fragen und warten.

 

Was gab es an unvorhergesehenen Schwierigkeiten, Gefahren oder heiklen Situationen?

Zu meinem Schutz versuche ich immer – und nicht erst, wenn die Lage brenzlig wird –, mit den Leuten um mich herum Kontakt aufzunehmen. Das bringt "sozialen Schutz", z.B. gegen Diebstahl: Ich gehöre nun zu den anderen, und die passen auf mich auf. Da wirkt der Instinkt der Gastfreundschaft gegenüber Fremden. Ich hatte in diesen Situationen immer das Gefühl, die anderen Menschen haben ein Auge auf mich.

Ja, und dann noch ein Erlebnis: Ich hatte immer einen Vorteil, weil ich auf meinen Asienreisen schon weiße Haare hatte: Dort wirst du als älterer Mensch bevorzugt behandelt – im Bus bietet dir gleich jemand einen Platz an.

Im übrigen fand ich das Risiko nie übermäßig groß, ich war nie in Lebensgefahr. Reisen ist einfach nicht so riskant wie schwere Bergtouren. Am gefährlichsten ist der Verkehr, vor allem in Drittweltländern mit uralten Autos. In Nepal hatte ich einmal einen Verkehrsunfall: wegen eines Busstreiks bin ich per Anhalter gefahren und wurde von einem Motorradfahrer mitgenommen. Der hat in einem Dorf ein Kind angefahren und schwer verletzt; wir sind beide vom Motorrad gestürzt. Zum Glück hatte ich meine Schlafsackrolle vor mir auf dem Schoß; da bin ich draufgefallen, so dass ich nur ein paar Prellungen abbekam.

Die schlechtesten Erfahrungen habe ich eigentlich in Europa gemacht. In Rumänien hat jemand versucht, mir die Einkaufstasche zu entreißen, in der ich meine Kamera versteckt hatte; aber ich habe gekämpft und die Tasche behalten. In Tschechien, gleich hinter der deutschen Grenze, haben mir Einheimische in einem Lokal Killertropfen ins Getränk gemischt und Kamera und Scheckkarte geklaut.

Das Verrückteste in dieser Hinsicht aber war, wie mich Chinesen in Beijing mit einem raffinierten Trick „verhext“ haben. Auf einer Einkaufsstraße hat mich eine Gruppe junger Chinesen angesprochen; sie konnten alle gut englisch, waren freundlich und interessiert, und wir sind gemeinsam einen Kaffee trinken gegangen. Das Lokal haben sie vorgeschlagen. Ich fand es toll, mit Chinesen zusammen zu sein, sie waren sehr gebildet, die Unterhaltung war interessant und ich dachte mir, die lädst du jetzt ein. Als die Rechnung kam, standen über 2000 Yuan (fast 300 Euro) für ein paar Tassen Kaffee drauf – aber sie hatten mich so eingewickelt, dass ich mich zu keinem Einspruch entschließen und mich nicht entziehen konnte. Aus dem teuren Kaffee habe ich gelernt: Am nächsten Tag hat sich die Situation wiederholt, wieder hat mich eine nette Gruppe angequatscht, aber ich bestand darauf, das Lokal selber auszuwählen, und da wollten sie dann nicht mehr mit.

So bin ich also auch mal reingefallen, aber viel öfter ist mir geholfen worden. Etwa nach einer Schifffahrt auf dem Yangtsekiang hatte ich kein Bargeld mehr für den Bus zum Bahnhof – und jemand aus einer chinesischen Gruppe hat mir einfach hundert Yuan (zehn Euro) zugesteckt.

 

Wie geht man damit um, wenn es heikel wird?

Man braucht ein Ventil, das Bewusstsein, dass es immer eine andere Möglichkeit gibt. Auf dieser Welt ist das im Augenblick ziemlich einfach. Ich kann immer jemanden fragen, was ich tun kann; jemanden der englisch versteht, findet man meistens. Außerdem kannst du fast immer mit zuhause telefonieren oder mailen; deshalb habe ich auch grundsätzlich ein Notebook dabei.

Und es gibt immer den Plan B: Mit dem Taxi zum nächsten Flughafen und heim, da bist du fast immer in zwei, drei Tagen zuhause – aus dem hintersten Karakorum brauchst du vielleicht einen Tag mehr.

 

Und wenn du krank wirst?

Offen gestanden: Manchmal muss man auch Glück haben. Ich habe gelegentlich Herzrhythmusstörungen und habe deshalb immer Medikamente zur Selbstbehandlung dabei. Aber spätestens nach drei Tagen muss ich ins Krankenhaus, damit per Elektroschock der normale Herzschlag wieder hergestellt wird. Bei der Weltreise hat es mich auf dem Schiff hinter Australien erwischt – und am dritten Tag, als es eng wurde, hatten wir Zwischenstopp in Neuseeland; ich bin mit dem Taxi ins Krankenhaus, alle Untersuchungen wurden gemacht, ich bekam meinen Elektroschock und konnte abends mit dem Schiff weiterfahren. Glück gehabt! Während der zehn Tage ohne Land in Sicht bei der Überfahrt nach Amerika hätte es den Plan B allerdings nicht gegeben, ein Hubschrauber kommt nicht so weit. Das hab ich verdrängt – und Glück gehabt.

 

Hast Du Angst oder Bedenken vor dem Aufbruch? Und unterwegs?

Das Losfahren ist immer schwierig. Angst habe ich nicht. Aber ich brauche lange, bis ich den richtigen Dreh im Kopf habe. Vor der Weltreise hatte ich mir ein Visum für Russland für Oktober besorgt, was nicht ganz einfach ist, weil man eine persönliche Einladung braucht, die mir eine ehemalige Arbeitskollegin schickte. Aber erst im Dezember war ich bereit zum Losfahren – und das Visum und die Einladung waren abgelaufen. Also musste ich neue beschaffen.

Vor dem Aufbruch, aber auch unterwegs, kommen immer wieder Zweifel auf mit dem Tenor: Trau ich mich? Was kommt auf mich zu? In Petersburg, also schon am Anfang meiner Weltreise, hatte ich so einen „Rückfall“. Ich bekam Herzrhythmusstörungen und dann diesen mentalen Schwächeanfall. Da war ich nahe dran, Plan B greifen zu lassen: mit dem Taxi zum nächsten Flughafen und heim. Überwunden habe ich die Krise, weil mich die Ex-Kollegin für ein paar Tage im Zug begleitet hat; da habe ich mich wieder aufgerappelt, und noch bevor wir am Ural ankamen, war der Puls wieder normal, und es hat sich wieder das Hochgefühl eingestellt: Dieses Reisen, das ist genau mein Ding!

Im übrigen: Wenn man sich zuviel Angst macht, kann man gar nicht mehr verreisen.

 

Ist vielleicht der Kitzel „Fernreisen mit Öffis“ mit dem Abenteuer einer Bergtour vergleichbar?

Auf jeden Fall. Allerdings ist der Kitzel bei einer Bergtour mit Lebensgefahr verbunden – wenn ich zum Beispiel solo durch die Alpspitze-Nordwand gehen wollte, könnte ich tödlich abstürzen. Bei Reisen besteht praktisch nie Lebensgefahr; die Probleme entstehen vor allem, weil sich nicht alles vorausplanen lässt, weil Probleme vor Ort situativ gelöst werden müssen, immer wieder neue Situationen und Überraschungen daherkommen. 99 Prozent dieser Probleme nerven mich aber nicht, sondern ich empfinde sie als Bereicherung, als Herausforderung.

Aggressiv werde ich nur selten. Das Extremste war wohl mal, als in China an der birmanischen Grenze ein Taxifahrer einen überhöhten Preis verlangt hat und mein Gepäck nicht rausgeben wollte. Normal hätte ich diskutiert oder Hilfe bei den umstehenden Leuten gesucht. Aber ich hatte einen anstrengenden Reisetag auf der holprigen Birma Road hinter mir, und der Taxler war ein kleiner Chinese, da hab ich ihn im Zorn einfach umgeschubst. Er hat sich beklagt und sogar die Polizei geholt, aber dann wurde ich wieder ruhiger, konnte die Sache deeskalieren und alles hat sich aufgelöst.

 

Worin liegt der Reiz solcher Unternehmungen?

Im Problemlösen – das hat mich immer gereizt. Auch beim Bergsteigen fand ich es spannend, die Beschreibung aus dem Führer auf die Wand zu übertragen. Immer noch mache ich gerne Touren, die ich nicht kenne, weil ich es reizvoll finde, diese Aufgabe zu lösen.

Beim Reisen ist es dann zum Beispiel das Tüfteln, wie ich von Kashgar in China über den Karakorum ins Industal komme. Das Standardhilfsmittel dabei sind die „Lonely Planet“-Reiseführer und das Fragen, Fragen, Fragen, zum Beispiel bei anderen Reisenden, die aus der Gegenrichtung kommen. Das Recherchieren gehörte auch zu meinem wissenschaftlichen Beruf, und diese Kompetenz kann ich hier weiter nutzen. Bei einer Agentur-Reise, wo alles vorgegeben ist, wo der Reiseleiter sich um alles kümmert, würde mir das entscheidend fehlen.

 

Und worin liegt der Lohn?

Meine Neugier wird befriedigt. Ich lerne andere Menschen, fremde Kulturen kennen, und zwar direkt – nicht aus Büchern und Filmen, nicht vermittelt durch Reiseleiter, sondern durch eigene Erfahrung. Die politischen Verhältnisse, den gesellschaftlichen Wandel – wie etwa in China den Bruch zwischen Modernisierung und Tradition – kann ich auf diesen Reisen durch eigene Anschauung und durch das unmittelbare Erlebnis anders wahrnehmen als aus der Zeitung oder einem Buch. Etwa, wenn ich im Hochgeschwindigkeitszug von Beijing nach Shanghai fahre oder wenn ich durch ein traditionelles Hutong-Viertel in China flaniere. Dort haben die Wohnhöfe keine sanitären Anlagen, es gibt nur öffentliche, offene Klos ohne Tür. Wenn du selbst auf so einem Klo gesessen bist, hast du ein anderes Verständnis von China!

Und das Erlebnis der fremden Kultur schärft im übrigen auch den Blick für die eigene Kultur zu Hause.

Dann gibt es noch etwas, das ich auch vom Bergsteigen kenne: Auch das Reisen ist anstrengend, aber es schafft Zufriedenheit im Rückblick, so nach dem Motto: Das habe ich geschafft. Als ich zum Beispiel nach vielen Wochen und nach 19.000 km Zugfahrt in Saigon angekommen bin und zurückgeschaut habe, was ich alles erlebt habe: Da war ich ganz schön zufrieden und auch stolz, dass mir das gelungen war, dass ich durchgehalten hatte.

 

Fühlst du dich einsam in der Fremde?

Manchmal fühle ich mich schon verlassen und hätte gerne Leute um mich. In solchen Momenten suche ich jemanden zum Reden – in Verkehrsmitteln findet man schnell Kontakt, dann ist das Problem schon gelöst. Wegen der fremden Sprache ist das allerdings nicht immer möglich.

Auch in den Quartieren findet sich oft eine Möglichkeit, an der Einsamkeit etwas zu ändern, etwa mit jemandem gemeinsam etwas zu unternehmen. Junge Leute haben es da einfacher, ältere Menschen sind als Einzelreisende eher die Ausnahme. Andererseits ist die Gemeinsamkeit des Reisens größer als das Trennende des Alters.

Generell muss man natürlich die Einsamkeit in Kauf nehmen, wenn man alleine reisen will. Dafür bietet das Alleinreisen viele Vorteile des direkten Kontakts mit dem fremden Land und seinen Menschen.

 

Ist dir ein besonders schönes Erlebnis in Erinnerung?

Da gibt es viele: Die tagelange Fahrt durch die russische Taiga, fast meditativ; wie ich zum ersten Mal den Mount Everest sah vom Jia Tsuola Pass; wie ich mit dem Rad die Welt der Tempel am Inle-See in Birma durchstreifte; der Sonnenuntergang, den ich in Tikal in Guatemala auf der Spitze einer Maya-Pyramide erlebte; wie ich eine Woche "Urlaub" in der Karibik gewann, weil ich das Schiff von Belize nach Honduras verpasste, das nur samstags fährt. Ein Erlebnis sei kurz erzählt: In Indonesien habe ich den Vulkan Bromo bestiegen, das war zum Schluss ein steiler Weg, oben saßen viele Leute, die auf Pferden raufgekommen waren, und alle haben Beifall geklatscht, als ich zu Fuß die letzten steilen Meter zum Kraterrand hochstieg. Ich war der Älteste am Berg, und alle anderen – Indonesier, Chinesen, Malayen, Russen und andere Europäer – waren begeistert, dass ich es geschafft hatte. Und ich habe den Beifall genossen.

 

Sind dir Bergbesteigungen unterwegs wichtig?

Ich bin ja leider nicht mehr so gut zu Fuß, weil ich ein lädiertes Knie habe Aber in Laos zum Beispiel habe ich ein Klettergebiet besucht und mich dafür einer organisierten Gruppe angeschlossen, weil ich da das Material ausleihen konnte. Und wenn ein kleiner Berg wie dieser Vulkan auf Indonesien am Weg liegt und keine Zusatzausrüstung erfordert, steige ich schon mal rauf. Aber Bergbesteigungen sind kein zentraler Bestandteil meiner Reisen mehr – ich bedaure das.

Die Berglandschaft dagegen fasziniert mich sehr, mehr als die Schifffahrt über die Ozeane. Zum Beispiel waren absolute Höhepunkte meiner Reisen die Fahrt über den Pamir ("Dach der Welt"), mit dem Anblick der Siebentausender – Berge wie Pik Lenin, Pik Kommunismus (heute Pik Somoni) und Mustagh Ata. Oder die Tour durch die Schluchten des Hunza und des Indus, wo ich den Nanga Parbat mit eigenen Augen gesehen habe. Vom Schauen her ist das ein großes Erlebnis, raufkommen würde ich auf diese großen Berge eh nicht. Berge sind einfach was tolles, auch wenn ein bisschen Wehmut mitspielt, dass ich zum Beispiel kein Trekking um den Nanga Parbat herum mehr machen kann.

 

Ist die Begegnung mit Land und Leuten beim Reisen auf eigene Faust intensiver als bei „normalen“ Reisen?

Man ist der Fremde nie stärker ausgesetzt, als wenn man alleine reist. Und wenn man aufgeschlossen und interessiert ist, dann kann man nie mehr erfahren und erleben, als wenn man solo interwegs ist. Auf meiner Weltreise hat mich einen Monat lang Charlotte begleitet, eine Freundin – das war ein anderes Gefühl als alleine.

Als Alleinreisender bekomme ich andererseits manche Zugänge nicht, die ich in einer Gruppe hätte. So bin ich ein halbes Jahr nch meiner Zugreise nach Saigon wieder nach Vietnam gefahren, dieses Mal mit einer von der TAZ organisierten Reise unter dem Titel „Reise in die Zivilgesellschaft“. Wir haben Betriebe besichtigt, Kontakte zu Gewerkschaften und NGOs bekommen – das geht als Individualreisender nicht oder nur durch Zufälle. Und wenn ich Sehenswürdigkeiten anschaue, dann nehme ich auch mal an einer Führung teil.

 

Was rätst Du Leuten, die es dir nachmachen wollen? Was brauchen sie?

Als erstes müssen sie neugierig sein, interessiert am Fremden. Was sie mitnehmen müssen?

Möglichst wenig, Reisen ohne Ballast! Eine Kamera sollte dabei sein, ein Laptop oder Smartphone mit Internetzugang. Noch anspruchsvoller wäre das Reisen natürlich ohne diese Kontakt-Technologie, nur mit traditioneller Kommunikation.

Aber am wichtigsten sind die Einstellungen: zuerst mal Gottvertrauen – dass es schon irgendwie klappen wird. Also, eigentlich meine ich Menschenvertrauen: Unter Menschen löst sich alles irgendwie: Kaum jemand ist bösartig, niemand will dich umbringen.

Außerdem braucht es Organisationstalent, dass man was rauskriegt, auch mal hartnäckig bohren kann. Und man braucht eine Mordsgeduld, um in einer Schlange von 20 Leuten vor einem chinesischen Bahnschalter, der dann vielleicht sogar der falsche ist, die Nerven zu bewahren.

Ein Zitat von Herrmann Hesse aus „Siddharta“ fasst es ganz gut zusammen: „Ich kann denken, ich kann fasten, ich kann warten.“

Und sie müssen Zeit haben! Solche Unternehmungen sind nur möglich mit Open End. Es wird zwar zwischendrin immer wieder mal feste Termine geben, etwa eine Schiffsabfahrt. Aber wenn man zu einem bestimmten Termin wieder zu Hause sein muss, macht man sich leicht zuviel Druck.

 

Und was kostet das Vergnügen?

In manchen Regionen komme ich mit 30 Euro pro Tag aus (10 für die Unterkunft, 10 für die Fahrt und 10 fürs Essen und den Rest). Auf der Weltreise habe ich im Schnitt pro Tag auf dem Land 60 Euro ausgegeben und für die Schiffspassagen 100 Euro. Allerdings suche ich nicht ewig nach dem billigsten Quartier, sondern übernachte auch mal im Hotel. Aber selbst ein schlichter Schlafsaal kostet in einem Drittweltland schnell mal 10 Euro. Ich habe auch Leute getroffen, die mit 20 Dollar pro Tag auskamen, aber da musst du ständig rechnen und knappsen. Per Anhalter wäre es vielleicht noch ein bisschen billiger, aber in Südostasien und Südamerika wird erwartet, dass man als Anhalter zahlt wie für eine Busfahrt. Am billigsten (und sportlichsten!) wäre es mit Fahrrad und Zelt, und essen in der Garküche am Straßenrand.

 

Du lebst mit deinen Reisen ein alternatives Mobilitätskonzept. Fährst du auch in die Berge ohne Auto?

Ich habe gar kein Auto; neulich bin ich für einen Langlauf-Urlaub ins Pustertal mit dem Zug gefahren. Das geht wunderbar. Man muss halt etwas anders planen. Aber schnell mal an die Wand und wieder zurück ist ohne Auto schwierig – zum Klettern fahren wir schon oft mit dem Auto.