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Klettern im Tal der Durance

Tausende von Seillängen in allen Gesteinen, Himmelsrichtungen und Höhenlagen, dazu blühende Wiesen und hohe Eisgipfel – das Durancetal bei Briancon ist ein zu Unrecht vernachlässigtes Kletter-Kleinod mit Wetterbonus. Mehr Infos zum Artikel in DAV Panorama 4/2018

Zum Namen Dauphiné

Die Dauphiné ist mehr als nur eine der spektakulärsten Hochgebirgsregionen der Westalpen. Sie ist ein historischer Landstrich im Südosten Frankreichs, der erst während der französischen Revolution in die heutigen Départements Isère, Drôme und Hautes-Alpes aufgeteilt wurde. Der Begriff geht ursprünglich auf das Dauphiné de Viennois (Delphinat von Vienne) zurück, einen eigenständigen Feudalstaat, der zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert zum Königreich von Burgund gehörte. Ab dem 12. Jahrhundert verpassten sich die Herrscher selbst den Titel Delfinus („Delfin“), der ins Französische übertragen „Dauphin“ lautete. Nach der Überschreibung sämtlicher Besitztümer an den französischen Thronfolger im 14. Jahrhundert wurde die Dauphiné faktisch Teil des Königreichs Frankreich. Seither ist es auch Brauch, dass der jeweilige französische Kronprinz bei seiner Geburt das Paragium über die Region sowie den Titel „Dauphin“ erhält. Der Delfin ist auch heute noch das Wappentier der drei vorgenannten Départements. Die größten Städte der Region sind Grenoble (über 500.000 Einwohner), das westlich des Vercors liegende Valence (60.000 Einwohner), das an die Provence grenzende Gap (40.000 Einwohner) und das im Osten, nahe der italienischen Grenze gelegene Briançon (12.000 Einwohner), der größte Ort im Haut Val Durance, wo die beschriebenen Klettergebiete liegen.

 

Das bei uns als „Dauphiné“ bezeichnete Gebirge mit der Barre des Écrins (4102 m), dem südlichsten Viertausender der Alpen, und der berühmten Meije (3983 m) wird im Französischen meist als „massif des écrins“ bezeichnet.

 

Anreise

Aus Bayern am besten übers Churer Rheintal und den San-Bernardino-Tunnel nach Mailand und Turin, dann über Oulx und den Col de Montgenèvre nach Briançon.

Von Baden-Württemberg eher über Basel, Bern und Genf nach Chambéry, dann durchs Maurienne zum Montgenèvre oder über Grenoble und Col du Lautaret nach Briançon.

Imposanter, aber auch viel kurviger, ist die Strecke über den Col du Galibier.

Die Klettergebiete liegen im Val Durance und in vielen Seitentälern weit voneinander verstreut, deswegen ist ein fahrbarer Untersatz vor Ort praktisch unentbehrlich, wenn man verschiedene Spots kennenlernen möchte oder wegen Sonne und Schatten unterschiedliche Ziele braucht.

 

Unterkunft

Ferienwohnungen und Apartments sind zahlreich vorhanden. Entweder man bucht über die bekannten Internetplattformen oder wendet sich an das „Office de Tourisme de Briançon“ (www.france-voyage.com, info[Klammeraffe]ot-Briançon[Punkt]fr), das auf seiner Internetseite eine Liste von Unterkünften führt.

Für Menschen, die lieber campen möchten, gibt es als zentrale Ausgangspunkte Campingplätze zum Beispiel in L‘Argentière-La-Bessé (www.camping-les-ecrins.com) oder La Roche-de-Rame (www.campingleverger.com). Besonders idyllisch sind die etwas abgelegenen Campingplätze in Ailefroide (www.ailefroide.fr) und im Tal von Freissinières (www.camping-freissinieres.fr).

 

Verpflegung

Bestens nach französischer Lebensart. Im Zentrum von Briançon geht es etwas sehr touristisch zu, viele gute Restaurants. Die nettesten Lokale und urigsten Bars findet man aber oftmals ab vom Schuss in den Seitentälern. Supermärkte und Läden gibt es überall, die größten natürlich am Rande der Ballungszentren. In den Seitentälern machen viele Betriebe im Frühjahr spät auf und im Herbst zeitig dicht, dann ist es als Selbstverpfleger auf dem Campingplatz besser, wenn man schon im Tal eingekauft hat.

 

Beste Zeit

Im Haut Val Durance kann man im Prinzip das ganze Jahr über Klettern, da es sogar für den Winter südseitige Sektoren mit viel Sonne gibt (z.B. Montdauphin). Ideal ist ein Aufenthalt aber im Sommer, da viele schattige oder hochgelegene Sektoren perfekte Möglichkeiten bei hohen Temperaturen bieten und die Bandbreite der Möglichkeiten dann am größten ist, vor allem, wenn man Mehrseillängenrouten klettern will. Auch Frühjahr und Herbst sind sehr gut geeignet, insbesondere für die längeren südseitigen Wände (Paroi des Lys, Le Ponteil, Grande Falaise de Freissinières) oder Sektoren.

 

Kletterführer

  • Yann, Martine et J.J. Rolland: Escalade en Briançonnais, Haut Val Durance, Queyras (Französisch und Englisch), letzte Auflage 2015, beinhaltet alle Klettergebiete rund um Briançon.
  • Für alpine Sport- und Abenteuerkletterer: „Oisans Nouveau, Oisans Sauvage – Livre Est“ von Jean Michel Cambon. Die Führer gibt es in vielen Sportgeschäften in und um Briançon sowie im Maison de la presse in L‘Argentière-la-Bessée. Im Internet findet man unter http://Briançonescalade.free.fr Informationen zu vielen der Gebiete.
  • Die drei Bände des Topoguide (www.topoguide.de) beschreiben jeweils eine gute Auswahl von Routen im Durancetal, mit ausführlichen Topos und subjektiven Eindrücken.
  • Der Allgäuer Bergführer Stefan Neuhauser (www.bergfuehrer-sn.de) lebt vor Ort, bietet diverse Touren (Klettern, Mountainbike, Canyoning) an und vermietet ein kleines Appartement.
 

Ausrüstung

Viele der Routen sind lang, es empfiehlt sich ein 70-80-Meter-Seil mitzunehmen. Für die Mehrseillängenrouten braucht man ein 60m-Doppelseil fürs Abseilen. Ein kleiner Satz Keile/Klemmgeräte ist für die eine oder andere Route manchmal angenehm, generell sind aber auch die langen Routen sehr gut abgesichert (bis auf die echten Alpinziele). Da die Felsen oft hoch oder schattig gelegen sind, sollte man vor allem in der Übergangszeit wärmere Kleidung dabeihaben. Im Tal hat es viele schöne Seen, darum im Sommer die Badesachen nicht vergessen.

 

Die besten Felsen

Mehrseillängenrouten:

  • Aiguille Dibona (Granit, südseitig, ca. 10 SL, 3000 m): ästhetischer Gipfel mit sanierten Klassikern und modernen Plaisirrouten; etwas weitere Zufahrt von Briancon.
  • Chemin du Roy (Kalk, süd-/westseitig, bis 7 SL, 1700 m): gut abgesicherte Mehrseillängenrouten über der Lautaret-Passstraße
  • Tête d’Aval (Kalk, südseitig, bis 15 SL, 2000 m): Fantastische Riesenwand mit tropflöchrigen Neoklassikern wie Ranxerox oder Mémoire d’eau. Links unterhalb gibt es eine Reihe neuer kürzerer und leichterer Routen.
  • Tenailles de Montbrison (Kalk, ca. 10 SL, 2000 m): Minigebirge mit Türmchen, teils eher plattige Kletterei, schöner Blick übers Tal.
  • Ailefroide (Granit, alle Expositionen, bis 20 SL, 1500 m): riesiges Gebiet mit vielen ordentlich gesicherten Riss- und Reibungsrouten, aber auch harten Einseillängenfelsen. Einige ausführlichere Beschreibungen, ergänzend zu den Topos in den Führern, hat Roland Brömme auf alpenvereinaktiv.com eingestellt.
  • Fournel (Kalk, südseitig, bis 6 SL, 1300 m): eher fußtechnische Plattenrouten der Grade VI bis VII, aber auch Myriaden von Tropflöchern
  • Le Ponteil (Kalk, süd-/westseitig, bis 8 SL, 1600 m): außergewöhnlich griffiger Fels mit Routen im VI. bis VIII. Grad; die Schlüsselstellen lassen sich gelegentlich mit einem Griff in den Haken entzaubern.
  • Paroi des Lys (Kalk, süd-/ostseitig, bis 10 SL, 1900 m): meist anspruchsvolle, ausgesetzte Routen der Grade VII bis VIII.

Sportklettern:

  • Paroi de la grotte de Plampinet, im Vallée de la Clarée (Kalk, westseitig, 1600 m): fantastische Strukturen (großgriffige Überhänge) im Bereich VII-VIII
  • Les Ayes (Kalk, süd-/westseitig, 1600 m): vier Sektoren, von fußtechnischen Platten im VI. Grad bis zu Fingerleisten im VIII.
  • Rocher Baron (Quarzit, süd-/westseitig, 1400 m): ungewöhnlicher Fels, rau und griffig, mit schöner Aussicht, Grad VI-VIII
  • Les Traverses / La Vignette (Kalk+Feuerstein, süd-/westseitig, 1200 m): einzelne Felsen mit netten Routen an außergewöhnlichen Felsstrukturen, die an gefurchte Baumrinde erinnern.
  • Freissinières – La Grande Falaise (Kalk, südseitig, 1400 m): Riesiges, klassisches Massiv mit Ein- und Mehrseillängenrouten unterschiedlichen Charakters, teils sogar regensicher. Quer durch die Wand zieht ein Klettersteig.
  • Le Pouit (Kalk, südseitig, 1300 m): teils abgespeckte Klassiker, dazwischen neue Routen, vom VI. bis IX. Grad, auch nette klassische Mehrseillängenrouten wie die „Dalles à Kaki“ (4 SL, V-VI)
  • Mont Dauphin (Konglomerat, alle Expositionen, 1000 m): Ungewöhnliche Strukturen, schattseitige Sommerwände, Südseiten für kalte Wintertage. Von V bis X ist alles geboten.
  • Rue des masques (Konglomerat, nordseitig, 1000 m): weit talauswärts gelegenes, schattiges Sportklettergebiet mit großartiger Lochkletterei für heiße Sommertage, Niveau ab VII.
 

Weitere (Berg-)Sportmöglichkeiten

Klettersteige: Teilweise sind die Ferratas im Durancetal gebührenpflichtig, aber meist lohnt sich das. Zwei Klassiker: Croix de Toulouse (KS C, gegliedertes Kraxeln zum Aussichtsgipfel über Briancon); Freissinières (KS C-D, querend durch die Riesenwand mit ein paar luftigen Stellen). Zwei moderne Highlights: Gorges de la Durance (KS D-E, supersteil und mit drei Hängebrücken durch die enge Schlucht); Voie des Balmes (KS D, sportlich-luftig)

 

Wandern: Mit der lokal erhätlichen ign-Wanderkarte (1:25.000) findet man jede Menge Ziele; ob von Ailefroide zur Glacier-Blanc-Hütte oder von diversen Pässen zu einsamen Gipfeln und Seen.

 

Bergtouren: Gipfel wie Meije, Barre des Écrins und Mont Pelvoux zieren jedes Tourenbuch von versierten Hochtouristen. Kenner finden dort auch anspruchsvolle alpine Klettereien an langen Graten (Pelvoux) oder Wänden (Meije-Südwand, Écrins-Südpfeiler) – bis hin zu schwersten alpinen Nordwandunternehmungen in nicht immer allerbestem Fels, dafür mit selbst mühsam zu organisierender Absicherung.

 

Mountainbiken: Vor allem die alten Militärstraßen im Gebiet des Montgenèvrepasses bieten viel Auslauf. Rennradler können auf den hohen Pässen Tour-de-France-Luft schnuppern.

 

Canyoning: Vielfältige Möglichkeiten; die Bergführer im Tal bieten regelmäßig Führungen an.

 

Winter: Die Täler von Fournel und vor allem von Freissinières gehören zu den bekanntesten Eiskletterspots Frankreichs, vor allem die Wand von Gramusat ist legendär. Weitere kleinere Gebiete gibt’s im Umland. Verhältnis-Infos: conditions.ice-fall.com

Im Glacier-Noir-Kessel stehen Nordwände, die sich mit den härtesten Brocken von Chamonix messen dürfen. Und der örtlich erhältliche Führer „Ascensions en Neige et Mixte“ von Sébastian Constant (www.sebastien-constant.com) listet auch jede Menge gemäßigter Ziele für die Wintersaison auf – wenn man nicht lieber die berühmten Skitourenhämmer unter die Felle nimmt. Am Ruhetag geht’s dann an die Südwand von Montdauphin oder ab mittags nach St. Crépin.