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„Der DAV muss immer alles unter einen Hut bringen“

(Anmerkung der Redaktion: Dieses Interview ist die Basis für die gekürzte und zusammengefasste Version in DAV Panorama 5/2012, S. 10.)
 
Zum 1. September 2012 hat Olaf Tabor die Nachfolge von Thomas Urban als Hauptgeschäftsführer des DAV angetreten. Vorab äußerte er sich für DAV-Panorama zu seinen persönlichen Gefühlen in den Bergen, zu Kletterhallen und Olympia und zur gesellschafts- und persönlichkeitsfördernden Wirkung des DAV.
 
Was macht Sie glücklich?
An dieser Frage sind schon Philosophen gescheitert. Ich halte mich für einen ausgesprochenen Optimisten, der allermeist zuversichtlich durchs Leben geht. Manchmal gibt es dabei Meilensteine: die Geburt von Kindern, der Hochzeitstag. Aber das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Ich kann‘s nicht klar definieren, und es ist auch kein Muster erkennbar. Oft sind es die kleinen Siege am Rande, der unerwartete Erfolg.
Irgendjemand Schlaues hat mal gesagt: Glück muss entlang der Straße gefunden werden, nicht am Ende des Weges. Deshalb muss man regelmäßig die Etappen anschauen, was man geleistet hat.
 
Sie sehen sich jedenfalls als Ihres eigenen Glückes Schmied?
Nicht immer hat man alle Zügel in der Hand und kann Einfluss ausüben. Oft waren es auch Zufälle, die mich weiter getragen haben. Und manchmal braucht man einfach Glück.
 
Welche Werte sind für Sie von besonderer Wichtigkeit?
Das sind sehr traditionelle Werte wie Ehrlichkeit oder Zuverlässigkeit. Ehrlichkeit hat mich sehr geprägt und ich lege großen Wert darauf. Zuverlässigkeit ist in der Arbeit wie im Privatleben wichtig: mich auf Leute hundertprozentig verlassen zu können, Aussagen nicht anzweifeln zu müssen.
 
Was bedeuten Ihnen Berge?
Berge sind als Bild in meinem Kopf der Inbegriff von Ruhe und Beständigkeit, so unruhig es in den Bergen auch sein kann. Sie sind schon länger da als wir und werden auch länger bleiben. Deshalb haben sie – so wie für andere der Ozean – eine besondere Faszination für viele Menschen, nicht nur für mich. Dieser Einzigartigkeit gegenüber haben wir eine besondere Verantwortung, um den nächsten Generationen ein ähnliches Bild zu erhalten. Denn sie sind sehr sensibel und beinflussbar. Für die Organisation DAV ergibt sich daraus eine besondere Herausforderung, da er die Berge gleichzeitig als Bergsportverband nutzen und als Naturschutzverband schützen will.
 
Und welche Rolle haben die Berge bisher für Sie persönlich gespielt?
Sie waren mir schon immer bedeutsamer als zum Beispiel das Meer; ich habe einen erheblichen Teil meiner Freizeit dort verbracht, beim Skifahren und Wildwasserpaddeln. Aufgewachsen bin ich am Fuß einer großen Bergkette, in El Paso unter den Rocky Mountains in den USA, und seither habe ich immer die Nähe von Bergen gesucht.
 
Welche Gedanken kommen Ihnen zum Schlagwort Alpen?
Analog zum Himalaya, dem „Dach der Welt“, sind die Alpen das Dach Europas, eine ausnehmend schöne und einzigartige Natur- und Kulturlandschaft. Sie ist schützenswert und schutzbedürftig. Die Menschen haben stark eingegriffen und sie geprägt, heute müssen sie mehr denn je aufpassen, diese Schönheit nicht zu zerstören.
 
Haben Sie Erfahrungen im Bergsport? Oder Lust, welche zu machen?
Meine bisherigen sportlichen Leidenschaften Wildwasserpaddeln und Skifahren hoffe ich stärker aktivieren zu können. Das war, bedingt durch meinen alpenfernen Wohnsitz, bisher ein logistisches Problem und stärker beschränkt als gewünscht.
Aber ich würde auch andere Bewegungsformen gerne einmal ausprobieren. Klettern habe ich zwar schon versucht, aber nicht auf erklecklichem Niveau; das würde ich gerne intensivieren. Und auch im Bergsteigen als der wesentlichen und traditionellsten Sport- und Bewegungsform im DAV möchte ich gerne Kompetenzen entwickeln und erweitern.
Natürlich unterscheiden sich oft Anspruch und Wirklichkeit, wenn man in einer Führungsaufgabe für eine Organisation tätig ist und kaum Zeit hat, selbst aktiv zu sein. Ich hoffe auf einen guten Mittelweg zwischen den Aufgaben, die mir mein Beruf stellen wird, und dem Sport, den ich treiben kann. Auf jeden Fall werde ich versuchen, Widerstand zu leisten, um nicht nur Verwaltungsbergsteiger zu sein.
 
Mit welcher Motivation kommen Sie als „Mann des Sports“ vom Hochschulsportverband zum DAV?
Ich wäre mir da gar nicht so sicher, ob ich tatsächlich so hundertprozentig ein „Mann des Sports“ bin – auf jeden Fall nicht im klassischen Sinn. Natürlich komme ich aus einer Sport-Organisation, da liegt diese Definition nahe. Aber bei mir war noch eine andere Schnittstelle dabei, nämlich das Hochschulwesen: die Verbindung von Sport und Bildung, die politische und strategische Führung, Themen wie Bildungspotenziale und Management-Serviceoptimierung. Das ist mehr, als von einem reinen „Mann des Sports“ zu erwarten wäre.
Der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband ADH hat Multisportcharakter und hat mir Einblick in viele Sportarten geboten. Doch mein Aufgabenbereich war weniger von Sport geprägt. So habe ich manche Facetten entwickelt, die nicht rein sporttypisch sind.
Das zweite große Feld des DAV, der Natur- und Umweltschutz, war in meinem letzten Beruf zwar nicht so zentral. Aber meine universitäre Ausbildung – ich habe Biologie und Geografie studiert – wies eigentlich in diese Richtung; meine Laufbahn hat sich dann durch Zufälle davon weg entwickelt. Jetzt schließt sich der Kreis, und ich werde diesen Teil meiner Ausbildung wieder ins Spiel bringen können.
Meine Motivation heißt also: Die Verortung als „Mann des Sports“ soll meine Arbeit nicht dominieren. Ich möchte als Generalist alle Bereiche abdecken und alle nötigen Kompetenzen entwickeln, um den Verband in seiner ganzen Breite gut zu vertreten.
 
Worin sehen Sie die wesentlichen Bedeutungen des DAV? Und was ist der DAV für Sie?
Ich beobachte die Entwicklung des DAV schon seit geraumer Zeit mit Hochachtung: Er hat ein vorbildliches Image, eine sinnvolle Struktur und leistungsfähigen Service. Die Mitgliederentwicklung des DAV findet in der deutschen Sportwelt allerhöchste Beachtung. Sie ist ein Musterbeispiel für Weiterentwicklung von NGOs (Nichtregierungsorganisationen).
Für die Beliebtheit des DAV gibt es keine monokausale Erklärung: Die Menschen finden vieles interessant, vor allem die Sportart Klettern mit dem neuen Boom der künstlichen Kletteranlagen als wesentlichstem Faktor. Aber es ist auch das Angebot an Bewegungsformen für die ganze Familie; sie stillen ein Bedürfnis der Bevölkerung nach mehr Bewegung in der Natur. Dabei gelingt dem DAV der verantwortungsvolle Balanceakt sehr gut, Menschen zum Rausgehen in die Natur zu motivieren, sie dort aber auch verantwortlich zu lenken. Das ist eine ganz spezielle Herausforderung und ein Alleinstellungsmerkmal des DAV, gleichzeitig Motor für Bewegung und Sport in der Natur zu sein, aber auch Verantwortung für den Erhalt der Natur zu tragen.
Für mich persönlich sehe ich im DAV ein Arbeitsfeld, in dem viele Dinge zum Tragen kommen, die ihn alleinstellen. Er ist Träger einer sich intensivierenden Entwicklung von Sport in der Natur. Er ist Anwalt der Berge, wie es andere Organisationen nicht sein können. Und die Bundesgeschäftsstelle als Dienstleister der Sektionen erfüllt ihre Funktion vorbildlich, nicht viele andere Organisationen im Sport haben so gute Verwaltungsstrukturen.
 
Wo sehen Sie die künftige Positionierung des DAV?
Das ist ein Blick in die Glaskugel; weil das immer schwierig ist, bin ich da lieber zurückhaltend, zumal mir an vielen Stellen noch Hintergrund-Kenntnisse fehlen.
Im Moment sehe ich das so: Durch seine Größe und zunehmende Bedeutung kann und soll der DAV eine selbstbewusstere Rolle spielen für die Zukunftsthemen des Sports. Ein ganz zentrales Thema dabei ist der Sport in der Natur ohne Verlust von Ressourcen. Der DAV fördert die Sensibilisierung dafür. Dabei ist er Vorreiter und hat es schon weit gebracht; er sollte dran bleiben und seine Meinungsführerschaft behalten.
Eine weitere Aufgabe ist, mit einzelnen Bergsportarten olympisch zu werden; das hat besondere Bedeutung in der Sportlandschaft, auch international.
Gesellschaftlich ist der DAV schon heute als Kompetenzträger akzeptiert, zum Beispiel wenn es um Bergunfälle oder um Stellungnahmen zu Umweltfragen geht. Er ist ein gefragter Medienpartner für Informationen und akzeptierter Gesprächspartner auch für die Politik, wo er unaufgeregt seine Positionen vertritt und dafür hoch angesehen ist.
Eine wichtige Zukunftsaufgabe ist auch die Bildung. Der DAV kann nicht nur bergsportfachlich ausbilden, sondern auch informelle Bildung vermitteln: etwa Umweltverantwortung, soziale Kompetenzen und Persönlichkeitsentwicklung. Und das nicht nur in der Theorie: Der Bergsport ist ein erstklassiges Medium, um all diese Facetten umfassender Bildung auch zu erproben und selbst zu erfahren. Dieses persönliche Erleben ist wichtig, wenn Bildung nachhaltig „hängenbleiben“ soll, vor allem bei Kindern und Jugendlichen; Schule und Gesellschaft können das kaum mehr leisten.
 
Zum Thema Olympia: Welche Chancen und Gefahren sehen sie, wenn Bergsportarten wie Klettern oder Skibergsteigen olympisch werden?
Jede Medaille hat zwei Seiten, auch die olympische. Olympia ist eine Herausforderung, schon die Bewerbung der Sportart Klettern um Aufnahme ins olympische Programm birgt beachtliches Entwicklungspotenzial und bringt für eine Organisation eine Dynamik, die ausstrahlen wird. Der Bergsport wird dadurch bekannter, verbreiteter und anerkannter. Und wird noch größeres Gewicht erhalten in der nationalen und internationalen Sportlandschaft.
Aber Öffentlichkeit und Bekanntheit können auch dazu führen, dass Erwartungs- und Leistungsdruck entsteht, eine Abhängigkeit vom Medaillenzählen. Die Medienpräsenz kann Fluch und Segen gleichermaßen sein. Olympia ist auch ein Geschäft, das negative Punkte mit sich bringt: Doping, Manipulation, Kommerzialisierung.
Wenn Bergsportarten ins olympische Programm kommen, könnte das zu einer Schwerpunktverschiebung im DAV führen. Dann könnte es sein, dass das künftige Leitbild anders aussieht und die Identität sich verändert. Auch die Ressourcen müssten anders eingesetzt werden. Dies muss innerhalb und außerhalb der Organisation diskutiert werden.
Ich glaube, dass es ein richtiger Weg ist, zu versuchen, eine olympische Organisation zu werden. Aber den Weg dorthin muss man behutsam gehen und intensiv moderieren. Wenn man möglichst alle Menschen mitnimmt, kann es ein positiver Weg für den DAV sein. Ein leichter Weg ist es auf keinen Fall. Die wesentlichen Zukunftsaufgaben – ressourcenschonender Natursport, Bildung – werden sicher nicht darunter leiden.
 
Wie kann der DAV künftig den Spagat zwischen alpiner Tradition und Urbanisierung (Schlagwort Kletterhallen) gestalten?
Das ist eines der zentralen innerverbandlichen Zukunftsthemen für den DAV. Doch aus meiner Sicht schafft der DAV diesen Spagat schon jetzt, obwohl die Bereiche in der Tat völlig unterschiedlich sind und Konfliktpotenzial bergen.
Allein die Mitgliederentwicklung zeigt, dass darin viel Dynamik steckt. Es gibt aber keine Alternative und kein Entweder-Oder; die zwei Bereiche müssen sich verzahnen, ergänzen und nicht gegenseitig blockieren. Es muss eine Symbiose geben aus Massenentwicklung und Ressourcenverantwortung. So können künstliche Anlagen ein Erfolgsrezept sein, um Bewegungsströme naturverträglich zu lenken. Und auch an künstlichen Anlagen kann man Menschen für ein ethisch verantwortliches Verhalten sensibilisieren. Auf diese Art gelingt es dem DAV, seine traditionellen Werte auch auf Disziplinen zu übertragen, die gar keine Natur mehr brauchen.
 
Können Sie schon künftige Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit im DAV benennen?
Auch das ist noch schwer zu prognostizieren. Aber einiges ist absehbar: zunächst einmal das operative Management der Bundesgeschäftsstelle gemeinsam mit den Geschäftsbereichsleitern – für die Serviceorientierung und strategische Ausrichtung, die vom DAV erwartet wird. Mit der Hauptversammlung Ende des Jahres steht der Abschluss des Leitbildprozesses an; nach der intensiven Vorarbeit ist dafür eine gute Mehrheit zu erwarten. Danach müssen möglicherweise Strukturen angepasst und ggf. umgesetzt werden.
Mein inneres Interesse ist die Serviceorientierung; sie ist vor allem für die Sektionen wichtig – und sie will ich weiterführen und optimieren. Meine zentralen Steuerungsaufgaben für den Verband kann ich derzeit noch nicht benennen. Ein Hauptgeschäftsführer muss Generalist sein und im Verbund mit den Kompetenzträgern aus den Geschäftsbereichen und Ressorts Schwerpunkte erkennen und bearbeiten. Jedenfalls habe ich mir selbst auferlegt, mit größter Offenheit in diese Schwerpunktfindung hineinzugehen und meine Rolle so zu finden, wie es für die Organisation am besten scheint.
 
Welche Rolle spielt der Hauptgeschäftsführer in der Führung des DAV?
Vor Beginn meiner Tätigkeit und Kenntnis der Abläufe kann ich nur so viel sagen: Der Hauptgeschäftsführer ist der Kopf der Geschäftsleitung, deren Mitglieder jeweils eigene Kompetenzen, Erfahrungen und Kenntnisse haben. Meine Aufgaben kann ich nicht als Einzelperson bewältigen, sondern nur im Team und mit guter Kommunikation.
Meine genaue Rolle werde ich erst noch finden müssen, abhängig von den Kolleginnen und Kollegen. Erkennen kann ich, dass vergleichbare Aufgaben zu meiner jetzigen Position übertragen werden können: Dazu gehören Personalfragen, Management und Service.
Strukturell muss der Hauptgeschäftsführer Gremienbeschlüsse umsetzen oder umsetzen lassen, mit größtmöglichem Erfolg. Außerdem hat er eine strategische Beraterfunktion für die ehrenamtlichen Gremien; inhaltlich muss ich mich noch hineinarbeiten.
Auf einem Arbeitsfeld möchte ich mich aus eigenem Interesse engagieren: in der politischen Lobbyarbeit. Dabei werde ich versuchen, die ausgeprägte Position des DAV zu erhalten und auszuweiten. Anzusprechen sind alle Ressorts; zu Sport und Bildung bringe ich ein Netzwerk mit, aus dem sich Ansätze für gute Synergien ergeben. Das politische Ressort Umwelt- und Naturschutz ist ein wichtiges Feld für den DAV; um hier erfolgreich aufzutreten, braucht es Erfahrung und Einlernen.
 
Von welchen Ihrer Stärken und Erfahrungen kann der DAV profitieren?
Meine Tätigkeitsfelder bisher und für den DAV haben große Überschneidungen, die nicht offensichtlich ins Auge springen: Management, Personalführung, Serviceoptimierung, Umsetzung von Gremienbeschlüssen, strategische Beratung.
Aber das ist keine Einbahnstraße. Auch ich kann vom DAV profitieren und neue Spielfelder gewinnen, auf denen ich mich entwickeln kann und will. Dann wird sich zeigen, dass ich tatsächlich mehr bin als nur ein Mann des Sports. Ich möchte nicht eindimensional arbeiten, sondern mich auch in andere Bereiche einarbeiten und dort Akzente setzen.
 
Haben Sie sich ein Motto gesetzt für Ihre neue Aufgabe beim DAV?
Ich möchte deutlich machen: Ich bin nicht nur ein „Mann des Sports“, verstehe mich nicht so und möchte auch meine inhaltliche Arbeit nicht so prägen. Ich habe mich ganz bewusst und deshalb für diese Stelle beworben, weil ich mich mit meinen Vorkenntnissen in weiteren Themenfeldern einarbeiten und profilieren möchte.
Deshalb möchte ich keine Vorprägung fördern und keine Festlegung auf „eher Bergsport oder Naturschutz“, „eher Tradition oder Moderne“. Der DAV muss immer alles unter einen Hut bringen, sonst wird er seine Identität nicht behalten können.
 
Olaf Tabor
*3.2.1971 in El Paso, Texas, USA, verheiratet, drei Kinder. Studierte Biologie, Geografie und Sportwissenschaft, von 2003-2012 Generalsekretär des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes.