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„Wer sagt, was schön ist?“

Eine Begegnung mit Jakob Falkner, 57, Geschäftsführer und Miteigentümer der Söldener Bergbahnen, Mitinvestor der Area 47 und des Aqua Dome in Längenfeld. Der „gut funktionierende, freiheitsliebende Junggeselle“, wie ihn die Wochenzeitung DIE ZEIT in einem Porträt nannte, lebt im Fünf-Sterne-Hotel Central in Sölden. Im Anschluss an seine Wanderung durch das Ötztal sprach DAV-Panorama-Autor Axel Klemmer Ende Mai 2013 mit dem erfolgreichen Unternehmer.

 

Wann hat eigentlich die Erschließung von Sölden, wie es heute ist, begonnen – 1955, als Ihr Vater alle Anteile der Skiliftgesellschaft übernommen hat?

Nein, das war damals noch bescheiden. Ich würde sagen, dass der richtige Aufschwung ab Mitte der 1960er-Jahre kam. Vor allem mit dem Bau der Gaislachkogelbahn. Damals war das die höchste Seilbahn Österreichs, und es gab 1966 eine ganz große Eröffnungsfeier. Sogar der Bundespräsident war mit dabei. Ich war nicht dabei, denn ich war in der Schule. Wenn man sich die Fotos von damals ansieht – heute ist das ja nix Besonderes mehr…

 

Wann haben Sie die Geschäftsführung von Ihrem Vater übernommen?

Ich bin jetzt über 30 Jahre in der Firma. Zuerst war ich Prokurist und dann, so etwa vor 15 Jahren, wurde ich Geschäftsführer. Die Zeit läuft so schnell, ich habe nie geschaut, wann genau das alles war. Eigentlich müsste man öfter innehalten und zurückschauen. Ja, he, was alles passiert ist! Ich habe dafür noch keine Zeit gehabt oder besser: ich habe mir noch nicht die Zeit genommen. Es waren so intensive Jahre, immer von früh bis spät. Wenn du das als Job empfindest, dann gehst du unter.

 

Sie repräsentieren nicht nur den Generationenwechsel im Tiroler Tourismus, Sie übernahmen auch Verantwortung in einer Zeit, als die kritischen Stimmen lauter wurden. Nach der Goldgräberstimmung in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde 1989 eine dreijährige „Nachdenkpause“ bei der Neuerschließung mit Seilbahnen ausgerufen. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Da muss ich gleich etwas klarstellen. Diese Nachdenkpause war für mich gar nicht zu erkennen. Es war halt ein neuer Trend, zu sagen, dass man aufpassen muss, damit es nicht zu viel wird. Aber ich habe immer ironisch die Frage gestellt: Wer muss nachdenken? Die Politiker? Die haben das ja verordnet. Nachgedacht haben wir aber früher auch – und ebenso hinterher. Bei uns ist die Entwicklung kontinuierlich weitergegangen. Es war nicht so, dass nichts gebaut hat werden dürfen, sondern da ist es mehr um die Linie der Zukunft gegangen. Ein sehr starkes Thema war damals auch die Beschneiung. Heute würde man darüber eher lachen, statt ernsthaft von Problemen zu sprechen. Denn was ist Beschneiung? Kein Wunderwerk: Wir machen mithilfe der Technik, was die Natur auch macht.

 

Es heißt immer: Der Gast will das so. Was wollen Sie denn?

Wenn ich heute im Tourismus tätig bin, dann kann ich nicht sagen, was ich will. Das ist mein privates Hobby. Hier geht es ausschließlich um die Kunden, um den Markt. Dass wir selber einfach machen, was uns gefällt, dass wir bauwütig sind und so weiter, das ist eine Irrmeinung. Das gibt uns der Kunde vor! Absolut!

 

Warum kommen die Gäste denn nach Sölden?

Sicher nicht wegen der vielen Technik, sondern weil sie das Skifahren und Snowboarden genießen wollen – und zwar möglichst bequem.

 

Und warum, meinen Sie, sehen manche das kritisch?

Schauen Sie, es gibt da diese verklärte, romantische Sicht: Ich bin der reiche Städter, jetzt komme ich zu den Armen. Und auf einmal haben die Armen auch was. Das läuft und funktioniert. Die sind selbstbewusst. Die nehmen uns sogar Geld ab! Vielleicht zu viel Geld, wie manche meinen.

 

Diese Verklärung gibt es doch aber schon seit Anfang der 1990er-Jahre nicht mehr. Damals wurde die „Piefke-Saga“ ausgestrahlt. Wie fanden sie die?

Ich habe nur eine Folge gesehen, und die auch nur zum Teil. Na ja, ich glaube, es sind halt viele Klischees, die da bedient wurden, ein bisschen verstärkt … Es wäre falsch zu beklagen, dass wir eine rasante Entwicklung im Tourismus gehabt hat. Gott sei Dank hatten wir sie! Ich habe kein Problem damit, ich stehe zu 100 Prozent hinter dem Tourismus, weil ich immer sag: Was wären die Alternativen? Entsiedelung? Stillstand? Rückgang? Oder wäre es besser, wir hätten viel Industrie? Im Gegenteil, ich meine, wir haben so viele Vorteile.

 

Aber wer oder was treibt diese Entwicklung tatsächlich an – das Angebot oder die Nachfrage? Mag der Gast nicht erst etwas haben, nachdem man es ihm gegeben hat? Noch schnellere Lifte, noch wärmere Sitze im Sessellift …?

Das wird sowohl als auch sein. Natürlich, wenn es was Neues gibt, dann nimmt er das gern in Anspruch. Aber Tatsache ist – davon bin ich überzeugt –, dass der Gast Bequemlichkeit wünscht. Und er will alles möglichst sofort. Wenn ich heute von Frankfurt nach Sölden fahre, sitze ich viele Stunden im Auto. Alles in allem verliere ich schon einen Tag allein mit der Anreise. Und bin ich endlich da, sollen die Rädchen alle ineinander greifen. Von der Information über die Anreise zum Aufenthalt und wieder zurück. Da sind alle Marktteilnehmer vor Ort eingebunden, Hotels, Restaurants, Unterhaltung, Seilbahnen. Das ist sehr komplex. Die Frage der Zukunft wird sein, wie man das gestaltet. Ob man die richtigen Märkte sucht, die richtigen Produkte anbietet – das ist nicht anders als in vielen anderen Branchen auch. Man kann da nicht illusionistisch sein, ich sehe das ganz pragmatisch. Wer mitspielen will, muss eine entsprechende Entwicklung anbieten. Ganz einfach: Wenn sie 20 Jahre lang nichts mehr tun, sind sie tot – ach, nicht einmal 20 Jahre, 10 Jahre!

 

Sie sind 1956 in Sölden geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit im Tal?

Ich habe schöne Erinnerungen. Wir waren immer viele Kinder und haben viel unternommen. Blödsinn gemacht, Fußball gespielt. Ich kann mich auch an den ersten Sessellift in Sölden erinnern – wie die Leute da angestanden haben! Unglaubliche Bilder waren das, diese Menschenschlangen.

 

Gefehlt hat Ihnen nichts?

Überhaupt nichts! Ich zähle zu der glücklichen Generation, die sich bedanken darf, dass sie nie Armut erlebt hat, dass es ihr immer sehr gut gegangen ist. Und auch wenn ich höre, dass die Leute keine Zeit mehr haben, und dass sich die Eltern nicht mehr um die Kinder kümmern: Ja, das wird es auch geben, aber es gibt genauso das Gegenteil.

 

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihr Tun als Seilbahnunternehmer Einfluss auf das ganze Tal hat?

Ach, ich sehe das nicht im Sinne von: Jetzt bestimme ich was. Einfluss haben bedeutet für mich, dass ich etwas umsetzen kann. Wenn man was macht und wenn man sieht, dass es richtig ist, dass es funktioniert, dass es angenommen wird, dann gibt das eine gewisse Erfüllung. Wir leben in einer Zeit, in der wir unglaublich viel Bürokratismus haben und wo es immer schwieriger wird, Sachen umzusetzen. Aber im Endeffekt leben wir immer für das, was gemacht wird. Sprechen allein genügt nicht.

 

Wenn Sie sich heute die kleinen Kinder anschauen, die in Sölden aufwachsen: Was hat sich für die geändert?

So ziemlich alles. Schon die Art, wie wir früher Fußball gespielt haben, zwischen den Häusern – da ist schon mal ein Ball ins Fenster geflogen. Dann hat’s eine Watsch'n gegeben, aber das war nichts Schlimmes. Heute würde man wahrscheinlich eingesperrt. Auf der anderen Seite sind die Chancen insofern groß, als sich ein junger Mensch heute in der ganzen Welt bewegen kann.

 

Was bedauern sie am meisten?

Ganz klar dass ich nicht als Jugendlicher oder als junger Erwachsener einige Jahre im Ausland war. Ich habe mir später viel angeschaut, bin zwei Monate in London gewesen und sehr oft in Amerika. Ich habe mir ein gutes Netzwerk aufgebaut, weil mich das einfach interessiert und weil der Übergang für mich teilweise fließend ist. Wenn ich im Urlaub bin, besuche ich Seilbahnkollegen, schaue mir neue Sachen in der Gastronomie und in der Unterhaltung an. Ich finde, dass Tourismus unglaublich spannend ist. Ich habe aber Verständnis für Leute, die das nicht lieben. Man muss dazu geboren sein.

 

Worüber freuen Sie sich?

Wenn wir heute eine Veranstaltung machen mit viel Vorarbeit, wie den „Hannibal“, und wenn man dann sieht, wie begeistert die Leute sind. Oder wie das „Baby“ Ski-Weltcup-Eröffnung gewachsen ist. Ich weiß, was alles dahinter steckt! Oder so ein Projekt wie die neue Gaislachkogelbahn, die 2010 in Betrieb gegangen ist: Da ist die Architektur gut angekommen, und wir haben von der Internationalen Seilbahn-Rundschau ISR eine Auszeichnung gekriegt für das beste Gesamtkonzept. Es ist auch schön zu sehen, wie gut sich die Area 47 oder der Aqua Dome entwickelt haben – der hat Längenfeld noch mal einen Schub gegeben. Das freut mich.

 

Für seinen Erfolg im Tourismus zahlt Tirol einen hohen Preis. Die Beschäftigten laufen am Limit. Der Verein Beratung, Information, Nachsorge (BIN) schätzt, dass etwa 6000 von insgesamt 35.000 Tiroler Tourismusmitarbeitern mit Alkoholproblemen kämpfen.

Knapp 20 Prozent also – wenn ich das auf meine Mitarbeiter runter brechen würde, dann würde ich die Zahlen glatt verneinen. Das sind doch Vermutungen. Woher nimmt denn jemand aus der Stadt eine Zahl, eine Schätzung? Ich weiß es nicht. Danach würde ich sicher auch seit Jahrzehnten als gefährdet eingestuft werden. Ich trinke meinen Alkohol, und ich trinke tagelang nichts. Kein Problem. Mir reichen die Marlboro (lacht).

Dass der Tourismus mit Freizeit und Spaß zu tun hat und dass beim Après-Ski Alkohol konsumiert wird, das ist alles unbestritten. Die Frage ist immer, wie geht jemand persönlich damit um? Mein Leitspruch: Man ist nicht Gast, man ist Gastgeber. Wenn der Gast besoffen ist, dann sollte der Gastgeber nicht besoffen sein.

 

Destinationsmanagement ist ein Lieblingswort von Touristikern. Sölden setzt auf Party, Event, Tempo. Keine Chance, etwas Dampf aus dem Kessel zu nehmen...?

Das stimmt nicht. Wir setzen nicht auf Party, sondern auf Sport und Unterhaltung. Ganz klar. Nehmen Sie nur die zwei Großereignisse: den „Hannibal“ und die Ski-Weltcup-Eröffnung. Der „Hannibal“ ist ganz klar Unterhaltung – aber auf höchstem Niveau. Wir, und da rede ich jetzt für die Bergbahnen und den Tourismusverband, machen nur höher stehende Veranstaltungen. Dass es daneben Partys gibt, gehört auch dazu. Und dass der eine vielleicht ein bisserl übertreibt, das ist auch Tatsache. Es gibt kein Entweder-Oder, nicht nur schwarz und weiß, dazwischen ist ganz viel grau.

 

Sölden kann längst nicht mehr aussteigen, sondern muss die Dosis immer weiter erhöhen. Fühlen Sie sich eigentlich in der Beschleunigungsfalle?

Na ja, also wenn ich mir die Gaislachkogelbahn ansehe: Da haben wir jetzt die dritte Seilbahngeneration in 45 Jahren. Das zeigt mir, wie schnelllebig die Zeit ist. Aber Beschleunigung? Das bestimmen Sie gar nicht selber. Natürlich kann man für sich selber Tempo rausnehmen, das ist eine Frage des Lebensstils und des eigenen Empfindens. Der springende Punkt ist, dass Sie heute allein schon sehr, sehr viel unternehmen müssen, um überhaupt den Stand zu halten.

 

Die Zeit des großen Aufschwungs ist vorbei?

Schon längst. Früher hat man einfach einen neuen Lift gebaut, und wieder waren mehr Gäste da. Heute ist es ein Irrtum zu meinen, dass eine höhere Kapazität mehr Leute bringt. Es bedeutet nur, dass die Leute in der gleichen Zeit doppelt so viel Skifahren. Technologisch hat sich unheimlich viel getan. Sie können sich dem natürlich verweigern und sagen: Ich bin der erste, der nichts mehr macht – bei mir wird entschleunigt, da dauert alles doppelt so lang. Vielleicht wär das ein Nischenprodukt. Aber in einem größeren Skigebiet hätte das keine Chance, glaube ich.

 

Die Zahl der Skifahrenden hat laut dem Institut für Demoskopie Allensbach zwischen 2007 und 2012 abgenommen oder sie stagniert – keine guten Aussichten, oder?

Dann sehen Sie sich mal die Studie „Wintersport Deutschland 2010+“ von Professor Roth an der Sporthochschule Köln an. Mich hat es überrascht zu sehen, wie viel Potenzial da ist.

 

Kinder fahren immer seltener ins Skilager.

Das ist ein ganz wichtiges Thema. Heute haben Kinder und Jugendliche ja andere Probleme – wenn man schaut, wie viel Zeit sie allein am Computer verbringen. Teilweise geht ihnen da die reale Welt verloren. Und dann der gesundheitspolitische Aspekt – Thema Bewegung, Thema Ernährung. Das sind ganz wichtige Zukunftsthemen. Wenn ich Politiker wäre, dann würde ich mich zuerst darum kümmern. Das sind tickende Zeitbomben. Kinder und Jugend in den Schnee, das muss eine zentrale Aufgabe sein, denn was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans auch nicht mehr.

 

Auf die Kinder in Deutschland und in der Schweiz haben Sie keinen Einfluss. Irgendwann sind diese Kinder groß, und sie fahren nicht Ski. Das kann Ihnen nicht egal sein. Weniger Skifahrer und mehr Lifte – was soll das werden?

Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Fest steht: Sicher gibt es einen Verdrängungswettbewerb, und in einem Wettbewerbsumfeld, in allen Branchen, wird es immer auch Verlierer geben. So etwas wie die Unterstützung von Gemeindeliften, das gibt’s ja auch bei uns – damit die Jungen in ihrem Umfeld gleich Skifahren können. Auf der anderen Seite sollen diese Lifte auch wirtschaftlich funktionieren. Diese Spannung ist sicher da. Aber was bedeutet das für uns als Branche? Es gibt vielleicht mehr Zusammenlegungen, eine stärkere Nutzung von Synergien. Aber das lässt sich nicht über einen Kamm scheren. Außerdem, wenn ich bei uns schaue, dann haben wir bisher auch eine extrem deutsch dominierte Marktstruktur gehabt.

 

Das ist nicht mehr so?

Deutschland ist immer noch klar die Nummer eins und Holland als Einzelland die Nummer zwei. Dem stehen aber eben auch neue Märkte gegenüber. Wenn ich den zentral-osteuropäischen Raum und Russland zusammen nehme, dann sind die schon ganz klar an zweiter Stelle. Diese neuen Märkte entwickeln sich und sie sind ausbaufähig. Ich glaube, dass da noch viel in Bewegung kommt. Man darf auch die Demografie nicht aus den Augen verlieren: Es gibt immer weniger Deutsche, und der Anteil der Bürger mit Migrationshintergrund steigt. Insofern ist absehbar, dass dieser Markt rückläufig sein wird.

 

Das Hotel Valentin in Sölden sowie zwei Hotels in Obergurgl wurden 2012 bereits an den russischen Autohändler Mikhail Bakhtiarov und seine beiden Partner verkauft. Einem anderen Söldner Hotelier wurden am Telefon 17 Millionen Euro für sein Hotel angeboten. Weitere Betriebsübergaben in Familienhotels sind nicht gesichert. Ein Zeichen der Erschöpfung?

Das war für die Gemeinde Sölden schon eine völlig neue Situation. Ich habe das auch dem Käufer gesagt, einem Mann jenseits des typischen Russenklischees: Er darf nicht überrascht sein, wenn man das als einen gewissen Bruch empfindet in einem Tal, wo bekannt ist, dass eigentlich nichts verkauft wird. Andererseits kann ich auch die Eigentümer verstehen, die viel Geld bekamen und sich eben sagten: Ich nehme dieses Geld und gestalte die Zukunft für mich anders.

 

In einer großen Reportage im Januar 2013 zitierte der SPIEGEL Herrn Bakhtiarov mit den Worten: „Ich fand die Mischung aus Angst und finanziellem Interesse, die mir entgegenschlug, sehr amüsant – Ein interessanter Widerspruch.“ Das klingt gruslig.

Es gibt bei uns diesen Spruch: Die erste Generation baut’s auf, die zweite hält’s und die dritte verkauft’s. Ein bisserl Wahrheit ist da sicher mit drin. Es wird sicher nicht der letzte Verkauf sein, der Trend ist nicht aufzuhalten. Aber ich bin gegen Allgemeinaussagen. Ich kann nicht für jemand anderen sprechen. Aber wenn ich die Leute sehe, die im Tourismus hart und intensiv arbeiten, dann habe ich nicht das Gefühl, dass jeder zweite daran denkt zu verkaufen. Es wird den einen oder anderen geben, der sich sein privates Leben vermeintlich leichter gestalten möchte, jawohl. Es wird teilweise auch Angst geben, aber ich glaube persönlich, dass in Sölden nicht der große Ausverkauf beginnt. Und das andere werden wir aushalten. Von der Gästestruktur sind wir ja auch internationaler. Es ist die Frage, wie man damit umgeht. In anderen Regionen ist das seit Jahren selbstverständlich.

 

Die Bergbahnen wollte noch keiner kaufen…?

Nein, wir haben auch nicht vor, zu verkaufen!

 

Der Tourismus, den Sie betreiben, ist sehr kapitalintensiv. Andererseits liest man in Fachmagazinen und Sonderveröffentlichungen regelmäßig Beiträge über die „stille Seite“ Söldens: zum Beispiel über die Hüttenrunde über dem Windachtal. „Hart“ im Winter, „sanft“ im Sommer – meinen Sie, das klappt?

Ja natürlich. Unsere Angebote erstrecken sich über das ganze Tal, und Oetz ist ganz anders positioniert als Sölden, Obergurgl ganz anders als Vent. Das ist ja das Schöne bei uns, dass man diese vielfältigen Möglichkeiten hat. Wissen Sie eigentlich, wie schnell Sie hier in der einsamen Natur sind? Tatsache ist, dass wir versuchen, den Sommer stärker zu machen. Dass das ungemein schwierig ist, steht auch außer Zweifel. Aber es gibt auch bei uns Bestrebungen, die Leute zusammen zu holen. Die anderen gibt es natürlich auch, die sagen: Ich mach den Herbst und den Winter, das reicht, da floriert’s. Der Sommer ist mir zu schwierig. Aber unser Bemühen vonseiten der Bergbahnen und des Tourismus ist ganz klar da.

 

In der Area 47 habe ich viele Kinder gesehen, ganze Schulklassen. Bringt man die Kinder im Sommer in die Berge zurück, indem man Ihnen „die Berge“ als einen bequemen, abgezäunten Spielplatz präsentiert? Meinen Sie, die werden später ins Windachtal gehen?

Das sind ganz andere Produkte. Ich bin nicht der Schulspezialist, dass ich das beantworten kann. Dass es schwieriger ist, davon bin ich überzeugt. Kinder machen halt, was sie wollen. Wenn es sexy ist, hast du mehr Chancen. Und die Area 47 ist ein Produkt, das gut ankommt, das Spaß macht, das funktioniert. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch in der anderen Richtung Angebote geben kann. Aber da braucht es einen, der bereit ist, das zu machen und zu entwickeln.

 

Sie gelten als „einer, mit dem man reden kann“. Wie gehen Sie mit der Kritik an Projekten wie der Zusammenlegung der Skigebiete in Ötztal und Pitztal um?

Ich höre da gar nicht so viel Kritik. Es gibt doch zwei Möglichkeiten: Will man jemanden ausgrenzen oder will man ihn einbinden? Ich bin ganz klar für die zweite Möglichkeit. Ich versuche immer im Vorfeld, mit der anderen Seite ins Gespräch zu kommen: Bitte, ihr seid dagegen, schauen wir uns das zusammen an. In diesem Fall geht es um zwei erschlossene Gebiete, direkt nebeneinander. Das ist eine logische Fortentwicklung innerhalb der Erschließungsgrenzen. Das Pitztal wird dadurch sehr gestärkt, was auch zwingend notwendig ist. Und wir können damit den Kunden eine unglaublich tolle Geschichte näherbringen – und zwar in einem schon erschlossenen Raum. Wir reden nicht vom unberührten Pollestal, sondern wir sehen: hier erschlossen, dort erschlossen – häng’ ma’s zamm. Da fehlt mir das Verständnis, wenn jemand sagt: Ihr habt da nichts verloren.

 

Naturschützer sehen das anders.

Man muss eben manchmal weggehen von seinem eigenen Bild. Auch beim Alpenverein habe ich manchmal das Gefühl, dass der sehr egoistisch ist: Für sich und für niemand anderen soll dieses und jenes passieren. Das muss auch nicht sein. Und wenn wir vom Umweltschutz reden: Die Probleme, die wir bei den Bergbahnen zum Teil schon lang bewältigt haben, muss der Alpenverein in einigen Bereichen, etwa bei den Hütten, auch erst bewältigen.

 

Was erwarten Sie von der ersten schwarz-grünen Regierung in Tirol?

Gesellschaftspolitisch war das eine logische Entwicklung. Ich bin sehr gespannt, aber ich glaube, dass man die Ängste, die auf beiden Seiten bestehen, durch eine vernünftige Zusammenarbeit abbauen kann. Als ein „Gegner“ der Grünen habe ich mich übrigens nie gesehen. Parteiendenken geht mir ab, und ich glaube, dass diese Starrheit mehr und mehr aufbricht. Es gibt gescheite Leute und dumme Leute, und Leute, mit denen man mehr oder weniger reden kann. Für mich ist immer entscheidend, ob einer das ehrlich meint, was er sagt. Wenn da ein überzeugter Grüner ist, der konsequent danach lebt, habe ich einen ganz anderen Zugang zu ihm. Wenn er aber nur die grüne Karte spielt und in Wirklichkeit ganz anders handelt, dann ist er bei mir relativ schnell unglaubwürdig. Schauen Sie, wo im Raum Innsbruck die größten Grün-Wähler sind: Da fährt man mit dem Range-Rover oder mit dem großen BMW zur Arbeit – jeden Tag, in jedem Auto eine Person.

 

Wie beurteilen Sie die Einwände des prominenten Volkskundlers, Bergbauern und Tourismuskritikers Hans Haid?

Beim Haid sehe ich das zweigeteilt. Ich schätze ihn für seine kulturelle Arbeit. Aber was den Tourismus betrifft, da haut er nur rein – meiner Meinung nach auf sehr primitive Weise. Für den sind wir Touristiker ja nur Prostituierte und Zuhälter. Das nehme ich nicht ernst, und das nehme ich nicht persönlich. Ich habe mal das Vergnügen gehabt, mit ihm bei SAT.1 zu diskutieren. Ich glaube, es ist mir damals schon ein bisschen gelungen, ihn zu entzaubern.

 

Wie denn?

Ach, das ist schon lange her, da gab es mal auf den Rofenhöfen hinter Vent eine Veranstaltung: „Zukunft 2018“. Ich bin mit einem Freund nach Vent gefahren, und weil wir mit dem Auto nicht weiterfahren durften, sind wir von dort eben hinaufgegangen. Wir kommen also zu Fuß zu den Rofenhöfen – und dann steht da oben das Auto vom Haid. Diese Geschichte habe ich im Fernsehen erzählt. Ihm hat das natürlich nicht gefallen, aber es war so.

 

Was ist ihr Ziel für die nächsten zehn Jahre?

Ich glaube, das Wichtigste ist ein gesunder Wohlstand für die ganze Region. Ja, ich rede vom materiellen Wohlstand! Bei uns in Sölden sehe ich darüber hinaus zwei ganz wesentliche Punkte. Den schon erwähnten Zusammenschluss der Gletscherskigebiete in Ötztal und Pitztal und die Ortsentwicklung.

 

Wie soll die aussehen?

Es sind zwei Tunnels geplant, das sind nur Mittel zum Zweck, der Entwicklung im Ort selber. Fußgängerzone, pflanzliche Gestaltung, die allgemeine Verschönerung…

 

… die Sölden sicher nötig hat. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Sölden mal das „hässlichste Dorf Tirols“ genannt.

Natürlich sind im Ort selbst viele Sünden gemacht worden. Früher hat man auf solche Sachen nicht so geachtet. Das ist auch so ein Punkt für die Zukunft: dass man sich da wesentlich mehr Gedanken macht. Dass da nicht so viel Wildwuchs passiert. Ich habe sehr viel für Architektur und Design übrig.

 

Dann lassen wir mal die Ökologie beiseite und schauen auf die Ästhetik. Wie begegnen sie der Meinung, dass Seilbahnen, Lifte, Großrestaurants und Gletscherstraßen im Hochgebirge schlicht hässlich aussehen?

Ich halte dem entgegen, dass man auch im Sommer die Möglichkeit hat, ins Skigebiet zu gehen, sich das anzuschauen und seine Angst ein bisserl zu verkleinern. Als wir die Verbindung zwischen dem Winterskigebiet und den zwei Gletschern geschaffen haben, hatten wir intensiv mit dem Naturschutz zu tun. Und der hat uns ausdrücklich dafür gelobt.

 

Hätte es die Verbindung nicht gegeben, wäre das Lob sicher noch größer ausgefallen.

Sehen Sie, ich bin der Touristiker, Sie sind – ich sage mal: der Verhinderer. (Lacht.) Da prallen zwei Welten aufeinander. Aber ich habe gute Argumente für die Erschließung. Und ich sage: das Ästhetische ist machbar. Ich habe es immer spannend gefunden, wenn einer etwas schön findet und der andere eben nicht. Und ich kann Ihnen von Diskussionen mit Architekten erzählen, das ist teilweise sensationell … Der eine sagt, was du da machst, ist ein völliger Scheiß, und der andere sagt: Blödsinn, das ist super! Und beide argumentieren natürlich fachlich auf höchstem Niveau! Also: Wer bestimmt, was schön ist?

 

Wenn man auf dem Mainzer Höhenweg über den Geigenkamm steigt, kommt man am Schluss auf dem Parkplatz des Skigebiets am Rettenbachferner raus. Sie sagen, an der Ästhetik kann man was machen. Warum machen Sie dann da nichts?

Da kann man nichts machen. Im Sommer ist der Gletscher eben ausgeapert. Das ist die Natur, die wir beide nicht beeinflussen können. Und dass das ein erschlossenes Gebiet und kein Ruhegebiet ist, steht auch außer Zweifel. Aber auch hier muss ich abwägen: Was ist der Nutzen, was ist der Schaden?

 

Die Fotos von den riesigen, öden Parkflächen und den einplanierten Pisten für die Baufahrzeuge, die zum Beispiel auch im Rahmen der Fotokampagne „Sight Seeing“ der Tirol Werbung zu sehen waren – wie gefallen die ihnen?

Die nehme ich so hin.