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Mama auf dem Mont Blanc

Dass Kinder nicht das Ende großer Bergtouren bedeuten müssen – man als Mutter vielleicht sogar den ein oder anderen Vorteil hat, erlebte Britta bei ihrem Projekt Mont Blanc. Knapp ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes stand sie auf dem Gipfel.

Von: Britta Ganz

 

„Wir sehen uns dann in Goûter.“ „Ich will‘s hoffen“, lautet die trockene Antwort des französischen Bergführers, der sich mit ein paar englischen Klienten in Feierlaune an den Abstieg macht. Ich schlucke, schaue in den Nebel und sehe - nix. Ist halt so bei Nebel. Neben mir schüttelt Keni, unser Guide, den Kopf und sagt zu Unai, dem dritten in unserer Runde, und mir: „Keine Sorge. Ich gehe seit zehn Jahren hier hoch. Von mir aus können wir gerne weiter. Wir liegen gut in der Zeit, ihr seid gut drauf, das ist machbar.“

 

Knapp 2.000 Höhenmeter in viereinhalb Stunden

Und damit gehen wir weiter. Es ist 13:00 Uhr und wir sind am Refuge Vallot. Seit wir um 8:30 Uhr am Nid d‘Aigle losgegangen sind, haben wir bereits 1.976 Höhenmeter gemacht und sind am emblematischen Tête Rousse vorbei. Wir haben es geschafft, im Grand Couloir nicht von den Steinen getroffen zu werden, die eine Gruppe beim Abstieg von Goûter losgetreten hat, und haben uns kurz mit der französisch-englischen Gruppe ausgetauscht, deren Guide sich mit den oben beschriebenen Worten von uns verabschiedet hat.

 

Es ist der 27. August 2020, ein Jahr und zwei Monate nach der Geburt unseres Kindes, und ich hätte im Leben nicht gedacht, dass ich, als Breitensportlerin, nach dieser Zeit fit für den Mont Blanc sein würde. Und da dieser ganze Prozess – von Schwangerschaft über Geburt, Stillen und Rückbildung bis zum Tag der Besteigung des Mont Blanc – mich so beeindruckt zurückgelassen hat, möchte ich meine Erfahrung mit anderen sportbegeisterten Müttern teilen. Zusammengefasst: Eine Schwangerschaft und alles, was dazu gehört und danach kommt, muss nicht das Ende der Breitensportlerinnenkarriere sein, sondern kann sogar ganz neue Perspektiven eröffnen. Aber dazu später mehr.

 

Zu dritt auf dem Gipfel des Mont Blanc

Jetzt erst mal zurück auf 4.362 m, wo ich während des weiteren Aufstiegs unaufhörlich am Kommentar des französischen Bergführers knabbere und ihn ausführlich von allen Seiten beleuchte und analysiere. Und Zeit zum Nachdenken gibt es mehr als genug. Der Wind pfeift, unterhalten lohnt nicht. Wir laufen – oder besser stapfen – immer weiter hinter Keni her, vorbei an nebelverhangenen Abgründen. Und da jeglicher Referenzpunkt in dieser milchigen Suppe fehlt, stellt sich das Gefühl eines andauernden Aufs und Abs ein. Es geht hoch und wieder runter und wieder hoch, bis Keni irgendwann fragt, ob es uns gut geht und wir weiterwollen, es fehle nicht mehr viel. Klar wollen wir weiter. Ist ja schon was ganz Besonderes. Niemand außer uns ist unterwegs und das, obwohl mir mehrfach erzählt wurde, dass es auf dem Weg zum Gipfel des Mont Blanc wie auf einer Autobahn zuginge. Und plötzlich beginnt das Spektakel: Der Wind wird stärker, ein Sonnenstrahl tritt durch die dichte Wolkendecke, ein kleines bisschen Blau blitzt hervor. Der letzte Grat zum Gipfel beginnt und mit jedem Schritt reißt die Wolkendecke weiter auf, die Sonne wird stärker, der Himmel blauer. Als wir auf dem Gipfel ankommen, haben wir einen nahezu wolkenlosen Blick in die Schweiz und nach Italien, nur Chamonix ist vom Wolkenmeer bedeckt – wohl einer der beeindruckendsten Momente der Tour. Keni schaut auf die Uhr. Um 8:30 Uhr sind wir am Nid d‘Aigle gestartet, um 12:00 Uhr haben wir uns im Goûter umgezogen, alles Überflüssige zurückgelassen und jetzt, um 15:00 Uhr, stehen wir auf dem Gipfel. Keni ist stolz auf uns. Normalerweise beginnt man die Route nachmittags, mit einer Übernachtung im Goûter und der Gipfelbesteigung dann sehr früh am nächsten Morgen. Und wir haben das mal eben an einem Tag gemacht. Es fühlt sich unglaublich an, dass wir tatsächlich auf dem Gipfel des Mont Blanc stehen. Zu dritt. Im August. Gibt’s nicht oft.

 

Nachdem unser zweites Team angekommen ist und wir uns an den Abstieg machen, kommt uns tatsächlich noch eine Seilschaft entgegen, die den Aufstieg über Italien gewagt hat. Wow! Und dann versinken wir wieder im Nebelmeer. Der französische Guide spukt wieder mal durch meine Gedanken. Unsere beiden Gruppen laufen eng beieinander. Es geht ab und auf und ab. Als wir wieder an Vallot vorbeikommen, wird die Stimmung gelöster und alle reden durcheinander. Um 17:00 Uhr kommen wir in Goûter an, wo ein anerkennendes Nicken des besagten französischen Bergführers, über die Tische im Gemeinschaftsraum hinweg, nicht lange auf sich warten lässt.

 

Vorteile des Mutterseins

Am nächsten Morgen bin ich erstaunlich ausgeruht und fit für den Abstieg, während ich andere über die Höhe klagen höre. Da ist das Muttersein von Vorteil – gewohnt, trotz wenig Schlaf 100 Prozent zu geben und allzeit bereit zu sein. Davon habe ich schon im Training profitiert. Und von einem anderen Umstand, der mir nach anfänglichem Kopfzerbrechen eine ganz neue Perspektive eröffnet hat: Da hier in Frankreich im März und April wirklich alles, was als nicht-essentiell galt, geschlossen war, war eine Vorbereitung im Fitness-Studio tabu. Es half also nur Bergschuhe anziehen, Kind auf den Rücken und lange und möglichst bergauf laufen. Der große Vorteil war, dass wir so als Familie gemeinsam sehr viel draußen sein konnten. Unser Kind hat direkt in der Natur begonnen zu krabbeln und seine ersten Schritte zu tun. So kamen nicht nur der Aufbau von Ausdauer und die Wiederkehr der Kraft im ganzen Körper von ganz allein, sondern auch der Glaube an mich selbst und meine Fähigkeit doch mal wieder etwas Ambitioniertes zu wagen. Und das ist für mich wohl bisher die schönste Erfahrung am Muttersein: Dass es auch mit Kind möglich ist, viel Zeit am Berg zu verbringen, neue Projekte zu planen und umzusetzen – natürlich mit einem gewissen logistischen Aufwand (Windeln, Wechselsachen etc.) und viel Flexibilität (wenn das Kind nicht in den Rucksack will, dann will es nicht und dann heißt es schnell eine kindgerechte Alternative zu finden).

 

Facts zu Vorbereitung und Tour

 

  • August 2020: Mont Blanc
  • August 2020: Akklimatisierung an Castor (4.228 m) und Pollux (4.092 m)
  • April 2020: Konditionsaufbau durch Trailrunning und lange Bergtouren (mit der Familie)
  • Januar 2020: Erste Klettertouren und kurze Wanderungen (mit Kind im Rucksack)
  • Juni 2019: Geburt
  • Vorher: Grundkondition und Verständnis für alpine Gegebenheiten dank der Besteigung von 21 Dreitausendern und 3 Viertausendern

 

Je nach "Vorgeschichte" am Berg sollte frau also auch eine längere Vorbereitungszeit einplanen. Die beste Vorbereitung ist sicher: Gewicht auf den Rücken, Bergschuhe an und lange bergauf laufen.

 

GPX-Track und weitere Infos zur Besteigung des Mont Blanc über den Normalweg findet ihr hier oder auf alpenvereinaktiv.

 

 

Über die Autorin

Britta Ganz ist seit 2011 Mitglied im DAV, Sektion Bonn, und lebt und arbeitet seit 2013 eigentlich in Bilbao. Aufgrund eines Forschungsprojekts ihres Mannes lebt die Familie seit November 2019 für drei Jahre in Grenoble (Frankreich). Auf Instagram setzt sie sich mit ‘Luces de Montaña’ für den Schutzes eines der fragilsten Ökosysteme ein, unserer Berge.