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Tommy Caldwell: Push

Biographie

26.06.2018, 13:43 Uhr

Es ist sicher eines der besten Bergbücher der letzten Jahre. Schonungslos ehrlich analysiert Tommy Caldwell seine psychischen und körperlichen Achterbahnfahrten durchs Leben, die ihn zum prägenden Bigwallkletterer gemacht haben – und zu einem Familienvater.

„Der Rhythmus, mit dem man sich in den Bergen bewegt, führt dazu, dass die Ecken und Kanten des eigenen Egos abgetragen werden.“ Solche Sätze liest man regelmäßig in „Push“. Tommy Caldwell hat so viele Routen am legendären El Capitan im Yosemite Valley frei geklettert wie kein anderer, seine „Dawn Wall“ ist die schwierigste Bigwall-Freikletterei aller Zeiten. Aber Heldenposen findet man in seiner Autobiographie nicht. Nur minutiöse Beschreibungen der Anforderungen und seines langjährigen Arbeitens, um diese selbstgestellte Aufgabe zu lösen. Vor allem aber ist das Buch eine durch und durch aufrichtig wirkende Selbsterforschung, eine Analyse der Höhen und Tiefen seines Lebens und der Antriebskräfte, die ihn immer wieder weiter gebracht haben. So präzise, anschaulich und inspirierend geschrieben, im besten angelsächsischen Reportagestil, dass man nur ungern eine Lesepause macht.

 

Aufgewachsen in einer liebenden, leistungsorientierten Familie (der Vater war als Bodybuilder Mr. Mid-America), entdeckte der kleine, in der Schule eher hinterherlaufende Tommy sein Talent zum Klettern und zu konsequentem Training. Er schildert, wie er als Kletter-Wunderkind seine große Begabung entdeckt: Freiklettern in den Bigwalls des El Capitan. Er berichtet von seinen Problemen, eine Freundin zu finden, und von seinem Glück mit Beth Rodden, die ihm auch in den Bigwalls Partnerin ist. Bei einer Kletter-Expedition in Kirgisistan wird ihr Team von Rebellen entführt – um ihnen zu entkommen, müssen sie sich von ihrem Bewacher befreien:

 

„Die Kraft in meinem Innern ist zu einem Monster herangewachsen …Mit der Wendigkeit einer Bergziege nähere ich mich Su, pirsche mich lautlos durch die Dunkelheit. … Mein Fuß tritt einen Stein los. Er dreht sich abrupt zu mir um. Unsere Blicke treffen sich. Ich greife nach dem Gurt der Waffe, den er sich über die Schulter gehängt hat. Ich ziehe daran, so fest ich kann, und stoße dann seine Schulter nach hinten. Sein Körper kippt rückwärts in die Dunkelheit, er zeichnet sich im Mondlicht scharf ab. Su stößt einen überraschten, angstvollen Schrei aus. Mit einem abscheulichen, dumpfen Aufprall schlägt er auf einem Felsband auf und stürzt dann in den Abgrund. Einen Augenblick lang höre und spüre ich gar nichts. Dann wird mir schwindlig. … Ich klettere und renne das letzte Stück zum Gipfel hinauf, wo ich allein und keuchend stehen bleibe. Dann sacke ich in mich zusammen und kauere am Boden, mache mich so klein ich kann. Schluchzend wiege ich mich hin und her. Alles, was ich in mir zurückgehalten habe, strömt jetzt aus mir heraus.“

 

Dann sägt er sich beim Heimwerken den linken Zeigefinger ab. Konsequentes Training und Beths Unterstützung bringen ihn zur alten Leistungsfähigkeit zurück, und die Erkenntnis: „In den schwierigeren Routen sind die Griffe oft so winzig, dass man sie sowieso nicht mit allen vier Fingern greifen kann. Bei diesen Zwei- oder Drei-Finger-Griffen war ich besser als die anderen, denn mehr hatte ich an der linken Hand ohnehin nicht zu bieten.“ Doch dann scheitert die Beziehung mit Beth – auch wenn sich herausgestellt hat, dass ihr kirgisischer Entführer überlebt hatte: Das traumatische Erlebnis konnte Beth nicht überwinden. Die Trennung führt überdies zu einer Krise mit dem Vater, dem stärksten Antreiber und Motivator der Kindheit und Jugend.

 

Tommy findet ein neues, motivierendes Ziel, die Dawn Wall am El Capitan, unvorstellbar kompakt: „Wenn man sich dem El Capitan nähert, erkennt man immer mehr Einzelheiten, die aus der Ferne betrachtet ineinander verschwimmen. Dem geübten Auge des Kletterers erscheint der Fels allmählich ersteigbar. Die Dawn Wall aber sieht auch aus drei Meter Entfernung immer noch glatt aus, mit nichts, woran man sich festhalten könnte. Erst wenn man nur noch Zentimeter vom Fels entfernt ist, sieht man die Strukturen, die Feinheiten, die Möglichkeiten.“

 

Was es bedeutet, an derart glattem Fels zu klettern, das schildert er anschaulicher, als es selbst die hervorragenden Filmaufnahmen aus der Epochetour können: „(Kevin Jorgeson) markierte die wichtigsten Unebenheiten mit Magnesia und entwarf so eine mögliche Sequenz. Dann drückte er sanft seine Finger in den Fels, ließ jeden einzelnen Kristall in seine Haut einsinken und überlegte, wie viel Druck er anwenden musste.“

 

Die Arbeit an der Route gibt ihm ein Ziel im Leben, gleichzeitig verliebt er sich neu, söhnt sich mit dem Vater aus. Natürlich nehmen die Schilderungen der Versuche in der Dawn Wall oder von der epischen Überschreitung des Fitz-Roy-Massivs in Patagonien viel Raum im Buch ein. Doch sie sind in keiner Zeile langweilig, weil sie hautnah vorstellbar werden und weil Caldwell auch immer sein eigenes Seelenleben und die Beziehungen zu seinen Mitmenschen und seiner Umgebung analysiert – mit messerscharfer Wahrnehmung und präzisen Formulierungen.

 

Ihm auf diesen Wegen durch die Wände und das Leben zu folgen, ist teilweise spannend wie ein Krimi. Und es ist kaum ein Wunder, dass bei solcher Aufgeschlossenheit und Konsequenz auch Erfolge entstehen. Für die Erstbegehung der Dawn Wall wurden Caldwell und sein Seilpartner Kevin Jorgeson vom US-Präsidenten Obama geehrt. Vielleicht wichtiger für Tommy ist aber das Abenteuer, Vater zu werden. Als er seinen neugeborenen Sohn Fitz (benannt nach dem Fitz Roy) im Arm hält, reflektiert er:

 

„Ich glaube, Beziehungen zwischen Menschen können und sollten dem Prinzip des Abenteuers folgen, nicht beschränkt auf das Klettern, sondern in umfassenderem Sinne: das Unbekannte mit offenen Armen begrüßen. Indem man anderen gegenüber offen bleibt, gewinnt man Wissen hinzu, und die Sicht auf das Leben und die Welt erweitert sich.“

 

Kurzcheck

Spannung
Offenheit
Authentizität

Info

Besonders geeignet für … Menschen mit Interesse an der Gedankenwelt extremer Persönlichkeiten. 

Tommy Caldwell: Push. Ein Leben für die Bigwalls, Malik Verlag, 2018, 448 Seiten, 22,- Euro. 

Link zum Verlag

 

 

 

 

ISBN: 978-3-89029-499-5

Reinhold Messner: Der Eispapst

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„Wie im richtigen Leben“: Ein Drama um „Eifersucht, Neid und Rivalität“ unter Bergsteigern. Wieder einmal steigt Reinhold Messner tief ein in die Frühgeschichte des Himalaya-Bergsteigens und verrät dabei viel über sich selbst. „Das Narrativ zum Bergsteigen ist ebenso wichtig wie das Bergsteigen selbst“, mit dieser steilen Behauptung beschließt Reinhold Messner sein jüngstes Buch. Tatsächlich hat die Menge der Publikationen, in denen der inzwischen Fünfundsiebzigjährige selbst vom Bergsteigen erzählt, längst die Höhe eines respektablen Bücherberges angenommen, den er nun mit dem „Eispapst“ um eine weitere Erzählung vergrößert.   Rund um die Person des Münchner Bergsteigers Willo Welzenbach, der 1934 am Nanga Parbat umkam und in dem Messner, nicht ganz zu Unrecht, einen Vorgänger und Gleichgesinnten sieht, entfaltet der Südtiroler ein Schauspiel von nahezu shakespearschen Ausmaßen. In diesem stehen sich Welzenbach und Paul Bauer gegenüber, beide zunächst Seilpartner bei schwierigen alpinen Unternehmungen und Mitglieder im elitären Akademischen Alpenverein München.   Durch die Erstbegehung zahlreicher eisgepanzerter Nordwände in den Alpen hatte sich Welzenbach zum „größten deutschen Bergsteiger der Zwischenkriegszeit“ entwickelt. Seine Veröffentlichungen, 1935 gesammelt und herausgegeben vom AAVM, gestaltet Messner über lange Strecken des Buches und mit einigen schriftstellerischen Freiheiten um zu lebhaften Vortragsreden. Bauer indes, der den 1. Weltkrieg als Offizier miterlebt hat, sieht im alpinistischen Tun einen „Kampf für Deutschlands Ehre“, dem er seine ganze Energie widmet. Die Bergfreundschaft zwischen den beiden Männern wird schließlich überrollt von einer tödlichen Lawine aus „Eifersucht, Neid und Rivalität“. Auf dem Höhepunkt des Dramas droht Bauer gar damit, Welzenbach zu vernichten bzw., ganz im Stil der Zeit, ihn „an die Wand zu quetschen“. Etwas geschraubt stellt Messner fest: „Liberaler Humanismus und evolutionäres Übermenschengehabe stehen sich also auch im Himalaya diametral gegenüber.“   Wie konnte es dazu kommen? Wesentlichen Anteil daran haben die Zeitläufte, deren Spuren bis in das ferne Berlin reichen und die Messner seitenlang in aller Breite, darin liegt der besondere Reiz des Buches, dokumentiert. Heutige Zeitgenossen können darüber wohl nur den Kopf schütteln. Angeregt durch die Aktivitäten der Briten am Everest, wollten auch die deutschen Bergsteiger der Zwanziger am Ringen um die Achttausender teilhaben. Einige von ihnen glaubten gar, auf diese Weise die Sieger des Weltkrieges auf dem bergsteigerischen Felde übertrumpfen zu können. Zu ihnen zählte Paul Bauer, der 1929 eine leidlich erfolgreiche Expedition zum Kantsch geführt hatte und diese zwei Jahre später fortsetzen wollte.   Demgegenüber verfolgte Welzenbach ganz andere Ziele. Sein Können und seine Erfahrungen im Eis verrieten ihm, der eher sportlich als national dachte, dass der Nanga Parbat das lohnendere und aussichtsreichere Ziel sei. Wenn man nicht auf die finanzielle Unterstützung des Alpenvereins verzichten wollte oder konnte, die im Angesicht einer Weltwirtschaftskrise sowieso nur zögernd und spärlich floss, so waren zwei gleichzeitige Expeditionen zu verschiedenen Bergen völlig ausgeschlossen. Außerdem blockierte das Auswärtige Amt die Unternehmungen, weil man bei den Verhandlungen um die Reduzierung der Reparationsforderungen auf die Zahlungsunfähigkeit der Deutschen setzte und diesen Eindruck nicht durch kostspielige Reisen gefährden wollte. Nicht zuletzt sahen es wohl auch einige britische Kolonialherren nicht ein, warum sie auf ihre Jagdausflüge und Regierungsreisen in die Himalayaberge nur deshalb verzichten sollten, weil ihnen deutsche Bergsteiger wieder einmal die besten Träger und auch die raren Lebensmittel wegschnappten.   So musste Welzenbach, der das große Intrigentheater, das Bauer gegen seine Pläne in Szene setzte, erst spät durchschaute, mehrfach in den sauren Apfel beißen, sich im Kampf um das Geld geschlagen geben und auf eine eigene Expedition verzichten. Erst 1934 gelangte er dann endlich an sein Traumziel, den Nanga Parbat. Allerdings musste er sich dafür der Führerschaft des wenig geeigneten Willy Merkl unterwerfen und eine von ihm eher abgelehnte Aufstiegsroute sowie einen ungünstigen Zeitplan akzeptieren. Diese misslichen Umstände macht Messner für die Katastrophe am langen Grat des Nanga Parbat verantwortlich, wo Merkl, Welzenbach und sieben weitere Bergsteiger starben. Eigentlich ist es müßig, zu fragen, wie Messner es am Ende tut, was passiert wäre, wenn der Alpenverein sofort die Qualitäten Welzenbachs erkannt und ihm alleine, wie zunächst vereinbart, ohne die Zeit mit Querelen zu vergeuden, den Diamir-Zugang zum „Schicksalsberg der Deutschen“ ermöglicht hätte, anstatt opportunistisch auf Bauer und dessen Kantsch-Pläne zu setzen. Immerhin machen die Dokumente das Dilemma der Verantwortlichen deutlich. Messner will daher auch nicht von der Schuld des Vereins sprechen, sondern das Bewusstsein wecken „für diese seine Verantwortung, das ihn stark macht.“   Viele der Dokumente, die Messner heranzieht, sind bekannt. In einigen Teilen kann er jedoch auf eine „Akte Welzenbach“ zurückgreifen, die aus dem Nachlass von Welzenbachs Mutter (1876-1970) stammt und über Anton Schwembauer an den Autor gelangt ist. Was über persönliche Beileidsbekundigungen hinaus aus dieser „Akte“ stammt, bleibt unklar, weil Messner, wie er betont, „keine wissenschaftliche Arbeit“ schreiben wollte und daher konsequent die Herkunft all seiner Quellen verschweigt. Auf dieser etwas heiklen Quellenlage, überwiegend mit Datum versehenen, mehr oder weniger offiziellen Schreiben, beruhen allerdings die Täterprofile, die Messner erstellt.   Während die Äußerungen des umtriebigen Bauer eindeutig seine verschrobene, nationalsozialistische (Beitritt zur NSDAP 1933), denunziatorische, ja antisemitische Gesinnung enttarnen, bleiben echte Charaktermerkmale Welzenbachs eher unscharf und oberflächlich: „Welzenbach war in erster Linie Bergsteiger, kein Vereinsmeier. Seine Freunde waren Alpinisten, keine Intriganten.“ „Gerechtigkeit ist ihm heilig.“ Oder etwas moderner: „Neben großem Kletterkönnen bei den technischen Schwierigkeiten waren Erfahrung und Risikomanagement Voraussetzungen für seinen Erfolg sowie ein außergewöhnliches körperliches Leistungsvermögen.“ Und wenn man liest: Welzenbach „möchte Ideen umsetzen, bergsteigen, davon erzählen, darüber schreiben. Ihm geht es nicht um Macht, er sucht das Abenteuer“, dann meint man, Messner über sich selbst reden zu hören. Wir wissen nicht, was die Zuhörer dachten, als man dem toten „Eispapst“ nachrief: „Er starb für Deutschlands Geltung und Ruhm.“ Heute wissen wir allerdings, dass sie diese und ähnliche Phrasen noch bis zum Überdruss vernehmen mussten, und sind damit gewarnt vor der Vereinnahmung für falsche Ziele. 

Birgit Lutz: Heute gehen wir Wale fangen

Biographie

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Grönland ist ein Land zwischen zwei Welten – dem alten Leben und der digitalen Moderne. Birgit Lutz besucht das faszinierende Land und seine Menschen. In ihrem Buch nimmt sie den Leser mit auf ihre Reise in eine andere Welt. „Wie kann ein Mensch, der hier aufwächst, je anderswo glücklich und eins mit sich sein? In einem Büro? In einer Stadt? Und nicht deshalb, weil es in einem Büro in einer Stadt nun einmal nicht so schön ist. Sondern weil man hier so nah an der Erde lebt. Hier spielt nichts Künstliches mehr eine Rolle, alles ist echt, der Wind, die See, das Eis, das Blut das nach der Robbenjagd über die Felsen läuft.“   Als Birgit Lutz bei einer Expedition das erste Mal nach Grönland kommt, ist sie fasziniert. Sie kehrt mehrere Male zurück in den kalten Norden. Grönland ist ein Land, in dem viele Bewohner noch in Erdhäusern aufgewachsen sind. Doch die Insel hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Auf ihrer Reise begegnet sie Jugendlichen, die zwischen Tradition und Moderne schweben und keinen Platz im Leben finden. Ihr wird deutlich, welche Auswirkungen die schnelle Modernisierung auf das stille Volk hat – das nie gelernt hat, sich zu wehren. Überall sind die Probleme der Insel präsent: Alkohol, Gewalt und Selbstmorde. Birgit Lutz lässt sich tief auf die Grönländer ein. Sie redet mit ihnen über das besondere Leben am entlegensten Ort der Welt. Macht aber auch eigene Erfahrungen mit dem Land. Mit ebenso mitreißenden wie einfühlsamen Beschreibungen und vielen Fotografien vermittelt sie dem Leser die Faszination des Ortes. Das Buch ist nicht nur ein Buch über Grönland, es schildert auch Menschen, die ihre Identität suchen. 

Bernadette McDonald: Die Kunst der Freiheit

Biographie

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„Leben und Berge“ von Voytek Kurtyka verspricht der Untertitel dieses Buches. Geliefert werden faszinierende Geschichten aus einer goldenen Zeit des Superalpinismus – und Zugang zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit. „Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass das Klettern den Kletterer zu körperlichem und geistigem Wohlbefinden, ja zu Weisheit erheben kann, dass aber Preise und Ehrungen den Kletterer zu Eitelkeit und Egozentrik verführen. Wo Preise und Ehrungen regieren, endet die wahre Kunst.“ Mit diesen Worten lehnte Voytek Kurtyka die Einladung in die Jury des Alpinismus-Oscars „piolet d’or“ ab. Schließlich sei der Versuch, Leistungen im großen Alpinismus zu vergleichen, so sinnlos wie die Frage, ob Sex oder Weihnachten besser sei.   Als ihm später der Preis selbst angetragen wurde, zur Würdigung seiner alpinen Lebensleistung, schrieb er: „Unsere Erlebnisse grenzen manchmal an eine Art Erleuchtung, die unser Leben zutiefst prägt … Ich möchte diese kostbaren Momente unberührt belassen.“ Irgendwann gab er dann doch nach, akzeptierte die Auszeichnung und freute sich, bei der Zeremonie alte Freunde und Partner wiederzusehen.   Verdient hatte der charismatische Pole den Preis wie wenige andere: Seine Touren – unter anderem am Changabang, an der „Shining Wall“ des Gasherbrum IV, am Trango Tower, in Seilschaft an Achttausender-Neurouten – sind noch heute bewunderte Marksteine der Alpingeschichte. Seinen Lebensweg von Kindheit und Jugend bis zum (fast) ruhigen Alter (er wurde 1947 geboren) zeichnet Bernadette McDonald mit Empathie und Feingefühl nach; kongenial übersetzt von Robert Steiner, lektoriert von Daniel Anker – ein Dreamteam für eine der inspirerenderen Biographien der letzten Jahre. Die neben packenden Action-Schilderungen vom Berg und philosophischem Tiefgang auch amüsante Zeitgeschichte bietet, etwa zur polnisch-nepalischen Korruptions-Kooperation. 

Andy Kirkpatrick: Ungekannte Freuden

Biographisches Lesebuch

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„Über das Leben, den Tod, das Klettern und alles dazwischen“ verspricht der Untertitel: die besten Blogs des Extrem-Menschen Andy Kirkpatrick. Tough stuff, vor allem aus dem Dazwischen. Andy Kirkpatrick ist einer der stärksten alpinen Schreiber unserer Zeit. Das wurde bei seinem Erstling „Psychovertical“ deutlich, in dem er seinen persönlichen Gang zum Extremalpinismus und vom Legastheniker zum Autor mit einer haarsträubenden Schilderung eines Bigwall-Solos am El Capitan verschränkte. In seinem dritten Band versammelt er ausgewählte Geschichten, die teilweise in Magazinen, teils in seinem Blog erschienen sind. Die Erlebnisse am Berg sind manchmal (scheinbar) primäres Thema, manchmal nur unterschwelliges Fundament – es geht ihm hier vor allem um Menschliches: Angst und Überwindung, Liebe und Scheitern, Tod und Gesellschaft. In prägnanter Offenheit erzählt er von privaten Emotionen, von seinen Kindern und Beziehungen, von Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Abwegen.   Natürlich finden Berg-Aficionados auch Hardcore Erlebnisschilderungen, etwa ein typisches Kirkpatrick-Epic am Frendopfeiler, frostige Freuden in der Trollwand, bedrückende Betrachtungen über unzuverlässige Abseilstände oder vom Vater-Tochter-Ausflug am El Capitan. Immer aber geht es ihm um die Begegnungen mit Menschen, mit ihren Werten und Problemen, und oft stehen sie im Vordergrund seiner Texte, wie etwa Chongo, die Slackline-Legende aus dem Yosemite Valley, der sein Leben an der Grenze zwischen (sozialem) Absturz und Berühmtheit tanzt. 

Holzer/Haselböck: Berg und Sinn

Biographie

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Dass Berge eine Metapher fürs Leben sind, ist eine alte Weisheit. Der Psychotherapeut Viktor Frankl hat seine Erfahrungen aus Berg und Leben in eine weltweit bedeutende Theorie verarbeitet – dieses Buch macht alles lebendig nachvollziehbar. „Man muss sich ja nicht alles von sich gefallen lassen. Man kann auch stärker sein als die Angst“, schrieb Prof. Dr. Viktor Frankl, Psychologe und Erfinder der Logotherapie. Was er als „Trotzmacht des Geistes“ als eine der stärksten Ressourcen der Persönlichkeit definierte, hatte er beim Klettern kennengelernt – es half ihm, vier Konzentrationslager samt Fleckfieber zu überleben.   Obwohl ihn die Höhenangst schüttelte, als er als siebzehnjähriger Gymnasiast erstmals am oberen Rand der Mizzi-Langer-Wand stand, eines Trainingsfelsens bei Wien, sagte er Ja zum Klettern. Es wurde ihm tragende Lebensleidenschaft. Mit Erinnerungen an vergangene und Träumen von künftigen Klettereien überstand er die Tage und Nächte im KZ, wo seine ganze Familie ermordet wurde. Und diese Freiheit: die Perspektive auf das, was einem das Leben vorsetzt, selbst zu wählen, machte er zur zentralen Botschaft seiner Psychotherapie-Methode. 

Helma Schimke: Über allem der Berg

Biografie

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Nach dem Lawinentod ihres Mannes blieb Helma Schimke dem extremen Bergsteigen treu, obwohl sie drei Kinder aufzuziehen hatte. In diesem sehr persönlichen Buch wird ihr „Warum“ verständlich. Die winterliche Watzmann-Ostwand bildet den Rahmen dieses ungewöhnlichen Bergbuchs. Das erste Drittel schildert, wie der Salzburger Richter Konrad Schimke mit zwei Seilpartnern aufbricht, um für eine Expedition zu trainieren; wie er nicht zum vereinbarten Abendessen zuhause zurück ist; wie seine Frau und ständige Bergpartnerin die Bergrettung alarmiert; wie Dutzende Menschen im Schneesturm am Berg wühlen, während Helga zum Zuschauen verdammt auf der Wimbachgrieshütte wartet; wie allmählich die Hoffnung nachlässt, bis sich die Gewissheit verdichtet, dass die drei in einer Lawine gestorben sind.   Im Rest des Buches schildert Helma Schimke, wie sie als alleinerziehende Mutter dreier Kinder und Architektin ihr Leben weiterlebt. Die Berge spielen darin weiterhin eine zentrale Rolle, trotz des Traumas, mit dem sie sie gezeichnet haben. Weiterhin ist sie mit den großen Bergsteigern ihrer Zeit gemeinsam unterwegs, auf Augenhöhe am Seil, findet Geborgenheit in dem Netz dieser Freundschaften und tiefe Freude im Erlebnis am Berg. Bis sie auf den letzten Seiten selbst durch die winterliche Ostwand steigt und erkennt: „Immer wieder ist es wie ein Wunder. Je öfter man zum Berg kommt, umso mehr liebt man ihn. Es ist jedes Mal wie eine Rückkehr in die Heimat. Wie ein Jasagen zu sich selbst.“