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Dotter/Wedrac: Der hohe Preis des Friedens

Sachbuch

04.09.2019, 10:14 Uhr

Marion Dotter und Stefan Wedrac dokumentieren die Teilung Tirols 1918-1922 und erzählen von den Folgen für die Bevölkerung.

Wer heute von Südtirol spricht, denkt dabei kaum mehr an ein „Land im Leid“, wie noch der linksliberale Journalist Claus Gatterer sein Herkunftsland bezeichnete. Bereits im Vorwort kommen die Autoren des vorliegenden Bandes zu dem Schluss, dass Österreich und Italien hundert Jahre nach der Teilung Tirols „die Schwierigkeiten der Südtirolfrage letztlich überwunden (haben). Man fand, wie der Vergleich mit den jüngsten Autonomieproblemen anderer Staaten zeigt, zu einer zufrieden stellenden, vernünftigen Lösung.“ Die gut und ausführlich dokumentierte Darstellung, die als Ableger des von drei österreichischen Universitäten und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften initiierten Forschungsprojekts „Die rechtliche Bedeutung des Vertrags von St. Germain“ entstanden ist, berücksichtigt neben den großen politischen und militärischen Zusammenhängen der Jahre 1918 bis 1922 besonders auch die alltagsgeschichtlichen Aspekte der Teilung. Bei allem sind die Autoren um eine ausgeglichene Wertung der Vorgänge bemüht.

 

Zunächst werden das Kriegsende und die Besetzung Nordtirols durch Bayern und Italiener gewürdigt. Offizielle Berichte über die erbarmungswürdige Lage der k.u.k. Armee in den letzten Kriegstagen wirken jeder möglichen Dolchstoß-Legende entgegen: „Es fanden sich Leute, die ohne Hose und Unterwäsche, nur mit einem kurzen Mantel bekleidet auf Posten stehen mussten.“ Nach dem Waffenstillstand führte die Auflösung bzw. Rückführung der Armee zu anarchischen Zuständen. Plünderungen und andere Gewalttaten waren an der Tagesordnung. Um der Gefangennahme durch die Italiener zu entgehen, sprangen Soldaten auf fahrende Züge: „Allein um Innsbruck fand man bis zum 6. November 1918 entlang der Brenner-Bahn 237 Leichen.“

 

Die knapp zweijährige Besetzung Nordtirols durch Italien wird als relativ friedlich und moderat beschrieben und dies auf die liberale und demokratische Regierung im Nachkriegsrom zurück geführt. Von den Ergebnissen der Pariser Friedensverhandlungen waren jedoch beide Seiten bitter enttäuscht. Hatten sich vor allem die Österreicher von den Versprechungen des amerikanischen Präsidenten Wilson einen gerechten Frieden erhofft, vertrauten die Italiener darauf, die im Londoner Vertrag vom 26. April 1915 zugesicherten Gebiete, u.a. Istrien und Dalmatien sowie Tirol bis zur Brenner-Grenze, zu erhalten, weswegen sie überhaupt erst in den Krieg gegen ihren (ehemaligen) Verbündeten eingetreten waren. Wilson war in Paris geneigt, Italien die Brenner-Grenze zuzugestehen, wenn es seinerseits auf eine Gebietserweiterung in der Adria verzichtete, um den neu geschaffenen Staat Jugoslawien nicht zu verprellen. Vergebens bat die österreichische Delegation darum, davon abzusehen, „das Land Andreas Hofers zu zerstückeln und Südtirol endgültig der Fremdherrschaft zu unterwerfen“, vergeblich bot sie die militärische Neutralisierung Tirols an. Für die Brenner-Grenze bzw. die alpine Wasserscheide argumentierte Italien vor allem strategisch, und das umso mehr, als Tirol im Nachkriegsösterreich bestrebt schien, sich wie das übrige Deutschösterreich dem Deutschen Reich anzuschließen, womit dem fragilen italienischen Nationalstaat ein mächtiger Nachbar entstanden wäre. Einige Ultra-Nationalisten, wie der Proto-Faschist Ettore Tolomei, verwiesen auf die Ausdehnung des Römischen Reiches oder auf das Königreich Italien unter Napoleon.

 

 

Wenn der Dachfirst zur Grenze wird

Hinsichtlich Südtirols gab Wilson schließlich nach, obwohl die USA an das Londoner Protokoll nicht gebunden waren. Außerdem spielte für ihn das berühmte „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ im Falle Südtirols keine wesentliche Rolle, weil es bei der Neugründung der zahlreichen europäischen und orientalischen Nachkriegsstaaten in weit größerem Maßstab wie selbstverständlich mit den Füßen getreten wurde. Umso ausführlicher geht das Buch auf die konkreten Auswirkungen der Teilung ein, etwa die familiären oder wirtschaftlichen Konsequenzen, oder auf die Arbeit der international besetzten Grenzkommissionen, welche zwischen 1920 und 1923 circa „20.600 Grenzmarkierungen“ zu setzen hatte. Ein Brenner-Gastwirt stellte z.B. fest, dass die geographische Wasserscheide durch sein Gebäude verlief: „Der Dachfirst war die Wasserscheide – ein auf die Südseite des Daches fallender Tropfen gehörte der Adria, und der knapp neben ihm auf die Nordseite des Daches gefallene Tropfen dem Schwarzen Meere.“

 

Da Italien von seinen Verbündeten alimentiert wurde, war indes die Lebenssituation der Südtiroler deutlich besser als die der Österreicher. Trotzdem gab es zahlreiche Konflikte, etwa um das Schulwesen oder die Beamtenschaft. Mit dem aufkommenden Faschismus spitzte sich dann allerdings die Lage zu. Aus dem übrigen Italien machten sich faschistische Horden auf den Weg, um in der neuen Provinz Präsenz zu zeigen und die einheimische Bevölkerung zu terrorisieren. Am 1. Oktober 1922 kam es zum gewalttätigen Aufmarsch der Faschisten in Bozen, was gleichsam zur Generalprobe für den späteren „Marsch auf Rom“ wurde. Nach der endgültigen Machtübernahme durch Mussolini erfolgte die weitgehende Italienisierung des öffentlichen Lebens und dann auch, nach dem Hitler-Mussolini-Abkommen im Jahre 1939, der Versuch einer ethnischen Flurbereinigung. Damit war Südtirol zum Spielball der Diktatoren geworden.

 

Das Schicksal Tirols und seiner Teilung ist somit, lautet das Resümee der beiden Autoren, beispielhaft dafür, „wie Bevölkerungen in den Sog der Ereignisse jenes Jahrhunderts gezogen wurden, das nicht zu Unrecht als Zeitalter der Extreme bezeichnet werden kann.“ Deshalb ist es zugleich auch eine Warnung davor, wohin übersteigerte nationale Ansprüche führen können, und es zeigt in aller Deutlichkeit, dass Grenzen nicht gezogen, sondern überwunden werden müssen.

 

Info

Besonders geeignet für … Menschen, die glauben wollen, dass man aus Geschichte lernen kann.

 

Marion Dotter/Stefan Wedrac: Der hohe Preis des Friedens. Geschichte der Teilung Tirols 1918-1922. Tyrolia-Verlag, 2. Auflage 2018, 344 S., 27,95 Euro

 

ISBN: 978-3702237110

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