logo-dav-116x55px

Bücher von unterwegs

Reisebericht/Lesebuch

26.06.2018, 13:14 Uhr

Beim Gehen rütteln sich die Gedanken zurecht, heißt es. Was haben uns Menschen zu erzählen, die sich auf weite Wanderungen eingelassen haben?

Stadtleben mit Beruf und Routine sind fad: raus aus dem Hamsterrad, zu neuen Horizonten – das ist ein Motiv, das viele Weitwanderer eint. „Ich suchte Ruhe und authentische Erlebnisse – aber letztlich suchte ich mich selbst“, so das Fazit von Nina Ruhland, die diesen Bruch wohl besonders intensiv gelebt hat: Sie tauschte ihre Festanstellung gegen die Freiberuflichkeit; als Bergwanderführerin führte sie oft Gäste auf dem E5 von Oberstdorf nach Bozen, der einst ihren Freiheitsbedarf geweckt hatte. Nun widmet sie diesem Prototypen der Alpenüberquerungen eine großformatige Hommage, opulent bebildert vom Fotografen Christoph Jorda. Mit Infos und Wandertipps, Erlebnissen und Porträts. Ob das im Titel beschworene Attribut „Traum und Abenteuer“ heute eher „Alptraum in abenteuerlich überfüllten Hütten“ heißen sollte, darüber mag man gerne diskutieren. Dieses Sehnsuchtsbuch wird sicher nicht dazu beitragen, dass der Rummel nachlässt.

 

Wer eine stillere Alternative sucht, kann sich von Rainer Barth inspirieren lassen. Der wollte sich zu seinem 60. Geburtstag „ein besonderes Geschenk machen“ und wanderte von seiner Wahlheimat am Bodensee durch seine Lieblingsberge Dolomiten nach Venedig. 600 Kilometer, ein voller Monat, wetterbedingt auch gelegentlich die „Freuden des Talwanderns“ kostend – sehr persönlich erzählt er von den Erlebnissen auf seiner Route, die für Weitwander-Aficionados durchaus eine attraktive Alternative zu klassischen beschilderten Routen sein könnte. Übersichtskarten, Kilometer- und Zeitangaben (im Text und gesammelt am Buch-Ende) erleichtern das Nachvollziehen – dass es aber beim Wandern um mehr als nur das Zufußgehen geht, belegt der Autor mit anregenden Einschüben zu kulturellen Besonderheiten und der Geschichte der durchstreiften Regionen.

 

Lange Strecken, tiefe Gedanken?

Gleich drei Monate lang war Jörg Wunram auf seiner Auszeit unterwegs, von Maribor nach Monaco; längs über die Alpen statt quer. Der Journalist berichtete per Blog von seinen Begegnungen und (Selbst-)Erfahrungen – im Buch lässt er seinen Rucksack, den „blauen Tiger“, zu Wort kommen: eine Außenperspektive, die dem Tun am Berg manch humorvolle Facette abgewinnt. Denn natürlich kommt dem Rucksack das Treiben und Getriebensein der Zweibeiner reichlich seltsam vor – er stellt aber auch ganz schön zudringliche persönliche Fragen, die der Autor gerne und offenherzig beantwortet.

 

Nicht längs, sondern rundherum waren Gertrude Reinisch und Christine Eberl auf ihren „Grenzgängen“ unterwegs: in 143 Tagen 3800 Kilometer rund um Österreich; zu Fuß, und per Rad – und zusätzlich legten sie noch ein paar Extrarunden per Boot und auf Pferden ein. Großformatige Bilder feiern die Schönheit des Landes, ob alpin oder in den östlichen Niederungen, Kästen liefern Hintergründe zu Geschichte und Politik, und die lebendigen Texte offenbaren Liebe und Entdeckungsfreude, zu Heimat und Menschen.

 

Die Alpen waren nur ein kleiner Abschnitt von Clemens Bleyls Wanderung „In Freiheit zu Fuß durch Europa“: Von Istanbul zum Nordkap marschierte der leitende Ingenieur, um nach seiner Pensionierung einen neuen Lebensrhythmus zu finden. Gesundheits- und wetterbedingt stückelte sich der Weg auf mehrere Etappen, trotzdem waren die 6500 Kilometer angefüllt mit Überraschungen und Begegnungen, die er ausführlich beschreibt.

 

Ob der Weg des Weitwanderns das persönlich Richtige ist, um Abenteuerlust zu erfüllen oder sich selbst zu finden, mag jeder Leser selbst entscheiden – klar wird aus allen Büchern, dass man von einer langen Wanderung als anderer Mensch zurückkommt.

 

Traum und Abenteuer – der E5

Nina Ruhland, Christoph Jorda: Traum und Abenteuer – der E5 

Bruckmann Verlag, 2018

192 Seiten

39,99 Euro

 

Blaue Berge – fernes Meer

 

Rainer Barth: Blaue Berge – fernes Meer

Biberacher Verlagsdruckerei, 2018

168 Seiten

19,80 Euro

 

Der blaue Tiger

Jörg Wunram: Der blaue Tiger 

Selbstverlag, 2017 

252 Seiten

19,40 Euro

 

Grenzgänge

Gertrude Reinisch, Christine Eberl: Grenzgänge 

Schall Verlag, 2017,

336 Seiten

35,- Euro

 

In Freiheit zu Fuß durch Europa

 

Clemens Bleyl: In Freiheit zu Fuß durch Europa

traveldiary verlag, 2017,

264 Seiten

16,80 Euro

 

Besonders geeignet für … Wanderfreunde mit Zeit und Neugier – zumindest zum Nachlesen. 

 

Charly Wehrle: 400 Kilometer Heimat

Lesebuch

Mehr erfahren
Ein etwas anderes Buch vom etwas anderen Wandern: Die Umrundung seiner Heimat Oberschwaben ist für den Hüttenwirt und Autor Charly Wehrle nur Aufhänger für Geschichten zu Land und Leuten. Charly Wehrle hat sich als Hüttenwirt ins Herz vieler Bergfreunde gearbeitet: zuerst auf dem legendären Klettererdomizil Oberreintalhütte, dann auf der Reintalangerhütte am Weg zur Zugspitze, und seit einigen Jahren auf der kleinen Frederick-Simms-Hütte in einem wilden Winkel der Lechtaler Alpen. Seine Bücher über das Leben als Hüttenwirt, über Geschichten rund ums Oberreintal oder auch sein Film über das „Musik-Trekking“ zu seinem Hüttenhelfer und Freund in Nepal haben eine große Fangemeinde. Unprätentiös und auf Augenhöhe schreibt der gebürtige Schwabe, der viel von der Welt gesehen hat und dabei seine Heimat im Herzen trägt. 

Christine Scheel, Gerhard Engel: Weitblick

Reise-Essay

Mehr erfahren
Wenn zwei politisch engagierte und religiös beseelte Menschen ein Buch über eine Alpenüberquerung schreiben, kann es wohl kaum eine schlichte Routenbeschreibung werden. Im Idealfall wird es eine solch engagierte, fachkundige Inspirationsquelle. „Wir bewegen uns im Modus des Flow, in solcher Stimmung ist es Erfüllung zu laufen und in dieser Beschäftigung ganz aufzugehen, mit leichten Gedanken, die fließen wie die Bewegung, locker und zufrieden.“ Christine Scheel, Landtags- und Bundestagsabgeordnete der Grünen, und ihr Mann Gerhard Engel, langjähriger Präsident des Bayerischen Jugendrings, machen jedes Jahr eine Wanderung über die Alpen. 2017 tüftelten sie eine neue Route vom Chiemseezum Lago di Misurina aus: über Kampenwand, Wilden Kaiser, Großvenediger, durchs Gsieser Tal, vorbei an den Drei Zinnen und dem Monte Cristallo – und haben ein bemerkenswertes Buch darüber geschrieben. Denn „über die Berge laufen und Natur erleben … lenkt den Blick über den Tag und uns selbst hinaus“. 

Achill Moser: Unterwegs

Reise-Essay

Mehr erfahren
„In einer sich immer schneller drehenden Welt brauchen wir Natur als Gegenentwurf und Maß unserer Existenz, als Inspirationsquelle und heilende Kraft“, plädiert der weltgereiste Journalist und Buchautor. Wie das funktionieren kann, vermittelt er glaubhaft und engagiert. „Seit Jahrtausenden gibt es zwischen dem Menschen und der Natur ein unsichtbares Band, eine seltsame Verwandtschaft, ein untrennbares Verwobensein. Die Klippe ist nur: Der Zivilisationsmensch hat sich im Zuge der Industrialisierung und Übertechnisierung von der ursprünglichen Natur immer weiter entfernt. Bei seinem fanatischen Streben nach Wohlstand hat er mit seiner Raubameisenmentalität das Ausschlachten natürlicher Ressourcen unablässig vorangetrieben. … Wir leben in entwurzelten Zeiten und stehen kurz vor dem ökologischen Kollaps. Was für ein Selbstbetrug, was für ein Verrat an uns selbst.“   Als „Weltenbummler und Umtriebiger aus Leidenschaft“ bezeichnet sich Achill Moser selbst; lange hat er mit Nomaden in Asien und Afrika gelebt, wanderte durch 28 Wüsten, berichtete darüber als Journalist, Fotograf und Vortragender. In diesem Buch – ist es eine Art Lebensfazit des gut Sechzigjährigen? – philosophiert er darüber, „warum wir Natur und Wildnis brauchen“, und liefert Beispiele aus packenden Naturlandschaften: Wäldern, Flüssen, Wüsten, Meeren und Bergen. Dicht und präsent, sinnlich greifbar, in gutem Reportagestil beschrieben; und auch wenn die Texte oft zwischen poetisch und pathetisch schwanken, machen sie seine tiefe Empfindsamkeit für die Schönheiten um uns herum nachvollziehbar. Und dafür, wie sie durch unseren rücksichtslosen Lebensstil bedroht sind. 

Anselm Grün: Von Gipfeln und Tälern des Lebens

Lese-Buch

Mehr erfahren
Der bekannte Benediktinerpater erzählt in diesem Buch von seinen Wanderungen, die ihn auch auf höhere Berge geführt haben – und zieht Parallelen zum Weg durchs Leben und als Christ. „Ich habe, wie viele andere, in meinem Leben erfahren, dass es letzlich keine Umwege gibt, sondern nur verschiedene Wege zum Ziel, auch wenn diese Wege manchmal verschlungen sind. Selbst wenn wir auf unserem Weg ein Stück zurückgehen müssen, können wir das als Bereicherung erleben.“ Irgendwo zwischen Bauernweisheit und religiöser Philosphie bewegt sich der Benediktinermönch Anselm Grün, dessen Vorträge und Veröffentlichungen viele Menschen lesen. Nun hat er ein Buch vorgelegt, das für Bergfreunde in der Jahreszeit der langen Abende eine anregende Lektüre abgeben könnte – denn darin will er „das Wandern als Bild für den Lebensweg meditieren“. 

Benjamin Eckert (Hrg.): Im Berg Auf Gehen

Lese-Buch

Mehr erfahren
Acht Autoren schildern „spirituelle Wegerfahrungen zwischen Himmel und Alltag“ und wollen damit dazu anregen, über den nächsten Schritt hinauszudenken. „Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann.“ Ein recht optimistisches Zitat des Philosophen und Theologen Soren Kierkegaard stellen die Autoren diesem kleinen Büchlein voran. Ob das in der Lebenspraxis gelingt, muss jeder Mensch und Leser für sich selbst versuchen – Denkanstöße dazu möchte das Lese- und Bilderbuch geben. Wie es im Vorwort steht: „der spirituellen Dimension des Bergwanderns nahekommen“ und darauf deuten, „wie weit das Leben werden kann, wenn es auf das Wesentliche zusammenschrumpft“. 

Alpenvereins-Jahrbuch: Berg 2018

Lese-Buch

Mehr erfahren
Jedes Jahr wieder packt der Klassiker der Alpinliteratur die ganze Vielfalt des Alpinismus zwischen zwei Buchdeckel – journalistisch und fotografisch hochklassig, vielfältig ausgewählt und anregend aufbereitet. „Es geht nicht nur um Erholung, es geht darum, den Alltag zu transzendieren, zu überschreiten, ihm ein Licht aufzusetzen.“ Dieses Zitat des DAV-Vizepräsidenten Rudi Erlacher steht wie als Motto über dem Vorwort zum Alpenvereinsjahrbuch 2018. Es zeigt, dass Bergsport eben „mehr als Sport“ ist. Und weil zum „Alpinismus“ auch die Kultur gehört, um über den Alltagstellerrand zu lugen, gibt es jedes Jahr dieses journalistische Kaleidoskop – viele kleine Lichtlein für den Alltag, wie die Kerzen auf der Geburtstagstorte oder am Weihnachtsbaum. Alpine Edelfedern und -linsen steuern Texte und Fotos zu diesem Sammelband bei, sorgsam kuratiert vom Redaktionsbeirat der drei Alpenvereine aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Sie betrachten das Gebietsthema Großglockner aus ungeahnten Perspektiven; sie durchleuchten die gesundheitsfördernden, aber auch -gefährdenden Potenziale des vertikalen Treibens; sie berichten über markante Entwicklungen und Highlights im Bergsport oder über Probleme des Weitwanderns als Massenphänomen. Es geht um Geologie und Artenvielfalt in den Alpen, um Konflikte mit Radlern oder Erschließungsplänen; spannende Persönlichkeiten werden porträtiert und interviewt, politisch-kulturelle Themen erörtert.