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Alpenvereins-Jahrbuch: Berg 2018

Reisebericht/Lesebuch

15.11.2017, 16:56 Uhr

Jedes Jahr wieder packt der Klassiker der Alpinliteratur die ganze Vielfalt des Alpinismus zwischen zwei Buchdeckel – journalistisch und fotografisch hochklassig, vielfältig ausgewählt und anregend aufbereitet.

„Es geht nicht nur um Erholung, es geht darum, den Alltag zu transzendieren, zu überschreiten, ihm ein Licht aufzusetzen.“ Dieses Zitat des DAV-Vizepräsidenten Rudi Erlacher steht wie als Motto über dem Vorwort zum Alpenvereinsjahrbuch 2018. Es zeigt, dass Bergsport eben „mehr als Sport“ ist. Und weil zum „Alpinismus“ auch die Kultur gehört, um über den Alltagstellerrand zu lugen, gibt es jedes Jahr dieses journalistische Kaleidoskop – viele kleine Lichtlein für den Alltag, wie die Kerzen auf der Geburtstagstorte oder am Weihnachtsbaum.

Alpine Edelfedern und -linsen steuern Texte und Fotos zu diesem Sammelband bei, sorgsam kuratiert vom Redaktionsbeirat der drei Alpenvereine aus Deutschland, Österreich und Südtirol. Sie betrachten das Gebietsthema Großglockner aus ungeahnten Perspektiven; sie durchleuchten die gesundheitsfördernden, aber auch -gefährdenden Potenziale des vertikalen Treibens; sie berichten über markante Entwicklungen und Highlights im Bergsport oder über Probleme des Weitwanderns als Massenphänomen. Es geht um Geologie und Artenvielfalt in den Alpen, um Konflikte mit Radlern oder Erschließungsplänen; spannende Persönlichkeiten werden porträtiert und interviewt, politisch-kulturelle Themen erörtert.

 

So vielfältig wie die Berge

Der Blick der Beiträge geht mal zurück in die Geschichte: ob es die Grenzvermessung zwischen Werdenfels und Tirol vor 250 Jahren ist oder die Erstbegehung der Pumprisse vor 40 Jahren; sie schauen aufs heute (etwa auf die Entwicklung der Bergsport-Wettkämpfe) und aufs morgen – zum Beispiel zur Frage, ob „Biken das neue Skifahren“ wird. Die Perspektive kann global sein – so befassen sich zwei Beiträge mit „Interkulturellen Seilschaften“ und mit sozialer Gerechtigkeit in Pakistan. Andere Essays schauen lokal hin, auf Arbeitsgebiete der Alpenvereine wie etwa den „Naturschutzpark“ am Großglockner oder das Riedberger Horn. Und einige betreffen die Leser ganz persönlich – wie der ganze „BergFokus: Bergsport und Gesundheit“.

ist der Klassiker Alpenvereinsjahrbuch auch dieses Jahr wieder mehr als eine gelungene Zusammenstellung starker journalistischer Beiträge, in einem Format, für das in Magazinen meist kein Platz ist und das eine tiefergehende Durchdringung der Themen erlaubt. Es verspricht Lesespaß für viele Abende, in einem thematischen Universum, dessen Vielfalt so anregend ist wie die Bergwelt selbst. Da mag dem Alltag manch Lichtlein aufgehen. ad

 

Kurzcheck

Fotos
Fundiertheit
Vielfalt

Info

Besonders geeignet für… Menschen, denen Berge mehr bedeuten als event-uelle Herausforderungen

 

DAV / ÖAV / AVS (Hrsg.): Berg 2018, Tyrolia Verlag, 2017, 256 Seiten, 18,90 Euro

 

Link zum Verlag

 

Alexandra David-Neel: Briefe aus Tibet

Reisebericht

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Die ungewöhnliche Reise einer starken Frau in die verbotene Stadt – beschrieben aus ihrer eigenen Live-Perspektive. So wird eine Legende lebendig und greifbar. „Würde man mir eine Million bieten, damit ich das Abenteuer unter denselben Bedingungen wiederhole, dann würde ich wohl ablehnen.“ So schreibt Alexandra David-Néel (1868-1969) über ihren dreijährigen Fußmarsch, der sie, gemeinsam mit einem jungen Mönch, als wohl erste weiße Frau ins verbotene Lhasa führte und quasi zu einer französischen Nationalheldin machte. In „Mein Weg durch Himmel und Höllen“ hat sie die legendäre Reise beschrieben, nun liegen ihre Briefe vor, in denen sie ihrem Mann von unterwegs berichtet. In klaren, meist nüchternen Worten, aber mit einer Prise Humor und genau beobachtet. Sie berichtet freizügig von ihrem rigorosen Umgang mit den „Wilden“, von der Angst vor Räubern, von Krankheit, Kälte und Mühsal – und legt damit eindrucksvoll Zeugnis ab, „was der Wille einer Frau vermag.“ 

Christian Zott (Hrsg.): Heimat? Ammertal!

Tal-Monografie

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Ein Unternehmer finanziert ein Buch über sein Herkunftstal. Ist das ein Ausdruck von Heimatliebe? Oder eines schlechtes Gewissens, fortgegangen zu sein? Vordergründig geht es ums Ammertal. Aber dann doch um Christian Zott, der mit 50 Jahren aus der Führungsposition seines Unternehmens zurücktrat und seinerzeit als Teilzeit-Geschäftsführer durch Europa wanderte. Der in seinem eigenen Verlag diesen Titel in Auftrag gab. Als Autor beauftragt er den Hamburger "World Press Award"-Fotografen Hans-Joachim Ellerbrock, während eines Jahres das Tal und Protagonisten in Wort und Bild zu portraitieren. 

Charly Wehrle: 400 Kilometer Heimat

Lesebuch

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Ein etwas anderes Buch vom etwas anderen Wandern: Die Umrundung seiner Heimat Oberschwaben ist für den Hüttenwirt und Autor Charly Wehrle nur Aufhänger für Geschichten zu Land und Leuten. Charly Wehrle hat sich als Hüttenwirt ins Herz vieler Bergfreunde gearbeitet: zuerst auf dem legendären Klettererdomizil Oberreintalhütte, dann auf der Reintalangerhütte am Weg zur Zugspitze, und seit einigen Jahren auf der kleinen Frederick-Simms-Hütte in einem wilden Winkel der Lechtaler Alpen. Seine Bücher über das Leben als Hüttenwirt, über Geschichten rund ums Oberreintal oder auch sein Film über das „Musik-Trekking“ zu seinem Hüttenhelfer und Freund in Nepal haben eine große Fangemeinde. Unprätentiös und auf Augenhöhe schreibt der gebürtige Schwabe, der viel von der Welt gesehen hat und dabei seine Heimat im Herzen trägt. 

Christine Scheel, Gerhard Engel: Weitblick

Reise-Essay

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Wenn zwei politisch engagierte und religiös beseelte Menschen ein Buch über eine Alpenüberquerung schreiben, kann es wohl kaum eine schlichte Routenbeschreibung werden. Im Idealfall wird es eine solch engagierte, fachkundige Inspirationsquelle. „Wir bewegen uns im Modus des Flow, in solcher Stimmung ist es Erfüllung zu laufen und in dieser Beschäftigung ganz aufzugehen, mit leichten Gedanken, die fließen wie die Bewegung, locker und zufrieden.“ Christine Scheel, Landtags- und Bundestagsabgeordnete der Grünen, und ihr Mann Gerhard Engel, langjähriger Präsident des Bayerischen Jugendrings, machen jedes Jahr eine Wanderung über die Alpen. 2017 tüftelten sie eine neue Route vom Chiemseezum Lago di Misurina aus: über Kampenwand, Wilden Kaiser, Großvenediger, durchs Gsieser Tal, vorbei an den Drei Zinnen und dem Monte Cristallo – und haben ein bemerkenswertes Buch darüber geschrieben. Denn „über die Berge laufen und Natur erleben … lenkt den Blick über den Tag und uns selbst hinaus“. 

Achill Moser: Unterwegs

Reise-Essay

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„In einer sich immer schneller drehenden Welt brauchen wir Natur als Gegenentwurf und Maß unserer Existenz, als Inspirationsquelle und heilende Kraft“, plädiert der weltgereiste Journalist und Buchautor. Wie das funktionieren kann, vermittelt er glaubhaft und engagiert. „Seit Jahrtausenden gibt es zwischen dem Menschen und der Natur ein unsichtbares Band, eine seltsame Verwandtschaft, ein untrennbares Verwobensein. Die Klippe ist nur: Der Zivilisationsmensch hat sich im Zuge der Industrialisierung und Übertechnisierung von der ursprünglichen Natur immer weiter entfernt. Bei seinem fanatischen Streben nach Wohlstand hat er mit seiner Raubameisenmentalität das Ausschlachten natürlicher Ressourcen unablässig vorangetrieben. … Wir leben in entwurzelten Zeiten und stehen kurz vor dem ökologischen Kollaps. Was für ein Selbstbetrug, was für ein Verrat an uns selbst.“   Als „Weltenbummler und Umtriebiger aus Leidenschaft“ bezeichnet sich Achill Moser selbst; lange hat er mit Nomaden in Asien und Afrika gelebt, wanderte durch 28 Wüsten, berichtete darüber als Journalist, Fotograf und Vortragender. In diesem Buch – ist es eine Art Lebensfazit des gut Sechzigjährigen? – philosophiert er darüber, „warum wir Natur und Wildnis brauchen“, und liefert Beispiele aus packenden Naturlandschaften: Wäldern, Flüssen, Wüsten, Meeren und Bergen. Dicht und präsent, sinnlich greifbar, in gutem Reportagestil beschrieben; und auch wenn die Texte oft zwischen poetisch und pathetisch schwanken, machen sie seine tiefe Empfindsamkeit für die Schönheiten um uns herum nachvollziehbar. Und dafür, wie sie durch unseren rücksichtslosen Lebensstil bedroht sind. 

Bücher von unterwegs

Reiseberichte

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Beim Gehen rütteln sich die Gedanken zurecht, heißt es. Was haben uns Menschen zu erzählen, die sich auf weite Wanderungen eingelassen haben? Stadtleben mit Beruf und Routine sind fad: raus aus dem Hamsterrad, zu neuen Horizonten – das ist ein Motiv, das viele Weitwanderer eint. „Ich suchte Ruhe und authentische Erlebnisse – aber letztlich suchte ich mich selbst“, so das Fazit von Nina Ruhland, die diesen Bruch wohl besonders intensiv gelebt hat: Sie tauschte ihre Festanstellung gegen die Freiberuflichkeit; als Bergwanderführerin führte sie oft Gäste auf dem E5 von Oberstdorf nach Bozen, der einst ihren Freiheitsbedarf geweckt hatte. Nun widmet sie diesem Prototypen der Alpenüberquerungen eine großformatige Hommage, opulent bebildert vom Fotografen Christoph Jorda. Mit Infos und Wandertipps, Erlebnissen und Porträts. Ob das im Titel beschworene Attribut „Traum und Abenteuer“ heute eher „Alptraum in abenteuerlich überfüllten Hütten“ heißen sollte, darüber mag man gerne diskutieren. Dieses Sehnsuchtsbuch wird sicher nicht dazu beitragen, dass der Rummel nachlässt.   Wer eine stillere Alternative sucht, kann sich von Rainer Barth inspirieren lassen. Der wollte sich zu seinem 60. Geburtstag „ein besonderes Geschenk machen“ und wanderte von seiner Wahlheimat am Bodensee durch seine Lieblingsberge Dolomiten nach Venedig. 600 Kilometer, ein voller Monat, wetterbedingt auch gelegentlich die „Freuden des Talwanderns“ kostend – sehr persönlich erzählt er von den Erlebnissen auf seiner Route, die für Weitwander-Aficionados durchaus eine attraktive Alternative zu klassischen beschilderten Routen sein könnte. Übersichtskarten, Kilometer- und Zeitangaben (im Text und gesammelt am Buch-Ende) erleichtern das Nachvollziehen – dass es aber beim Wandern um mehr als nur das Zufußgehen geht, belegt der Autor mit anregenden Einschüben zu kulturellen Besonderheiten und der Geschichte der durchstreiften Regionen.