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Ameisen im Ballsaal

Wie konnte ich diesen Anblick vergessen: das wunderschöne grüne Val Roseg, die Eisströme von Tschierva- und Roseggletscher, rechts die weiten Gletscherflächen der Sellagruppe und direkt gegenüber das Bollwerk dreier Fels- und Eisberge: die große Eiswand des Piz Roseg, der gezackte Grat des Piz Scerscen und der elegante Piz Bernina, profiliert von der weißen Linie des Biancograts, der jetzt in der blauen Stunde in gleichmäßiger und puderiger Schönheit daliegt. Vor 25 Jahren war ich mit meinen Eltern hier an der Fuorcla Surlej zum Skifahren, heute, an einem strahlenden Frühsommerabend, bin ich zurück.

 

Die Überschreitung der Sella-Gruppe beginnt am nächsten Morgen glorios: strahlender Sonnenschein und blauer Himmel, die Landschaft eine sanft geschwungene, weiße Pracht, vom Piz Glüschaint ein großartiger Rundblick. Aber in der Frühlingssonne verwandelt sich der morgens noch begehbare Harsch in Sulz, unter dem Sella-Gipfel brechen wir selbst mit Schneeschuhen immer wieder knietief ein. Schluss! Zurück zur Hütte, und am gleichen Tag hinunter ins Val Roseg, durch schaumigen Cappuccino-Firn wühlend, gewürzt mit Schweiß und Flüchen. Wir hoffen auf neue Hochtourenziele: Von der Hüttenterrasse der Tschiervahütte aus beobachten wir zwei Seilschaften in der Roseg- Nordostwand. Trotz Sonnenschein erschauere ich beim Anblick dieser kleinen, verletzlichen Ameisen in dem riesigen Eisschild. Vielleicht sollten wir uns vorher lieber ein wenig fit machen …

 

Roseg-Gipfel. Foto: Ralf Gantzhorn
Der Gipfelgrat belohnt mit nettem Fels und Weitblick. Foto: Ralf Gantzhorn
 

Drei Uhr morgens. Ich habe kein Auge zugekriegt. Aufregung. Nervosität. Fröstelnd, nicht nur vor Kälte, trete ich in die sternenklare Nacht hinaus. Drei weitere Seilschaften brechen mit auf zum Piz Roseg. Zunächst im Stockdunklen an der Flanke des Piz Tschierva entlang, dann über loses Blockgeröll auf den Gletscherboden. Ich werde mich nie daran gewöhnen, nachts auf Gletschern herumzulatschen. Man weiß nie, was hinter dem geizig-kurzen Lichtkegel der Stirnlampe auf einen wartet. Am Felssporn des Piz Umur, der Tschierva- und Scerscengletscher trennt, biegt ein Bergführer mit seinem Gast Richtung Scerscen ab; sie wollen die „Eisnase“ machen, die klimabedingt von einem ehemals edlen Zinken leider zu einer platten Boxernase degradiert wurde.

 

In der einsetzenden Dämmerung strahlt das Gletscherfeld ein seltsam durchsichtiges und fast mystisches Leuchten ab. Ralf und die anderen beiden Seilschaften sind derweil schon fast am Fuß der Wand. Ich gelobe, künftig Konditionstraining zu machen, worauf in meinem Inneren ungläubiges Gelächter aufbrandet. Jetzt sind der Gipfel und der verschneite Nebengipfel des Roseg in ein unwirkliches Pink getaucht, dessen Zartheit eher zu Audrey-Hepburn-Filmen passt als in krachlederne Bergwelten. Vom Wandfuß hat man einen recht klaren Blick auf die Wand, die zwar an den steilsten Stellen „nur“ sechzig Grad Neigung hat, aber doch sechshundert Meter hoch und breit ist – das Ameisen-Motiv steigt wieder vor meinem geistigen Auge auf.

 

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Panorama-Ausgabe 4/2012 

 

Info-Block Bernina-Hochtouren

Die Berninagruppe, oft mit südalpin gutem Wetter gesegnet, bietet Hochtouren jeden Kalibers, von der gehobenen Gletscherwanderung bis zu anspruchsvollen Klassikern. Meist sind die Verhältnisse ab Mitte/Ende Juni gut; ab August ist mit mehr Blankeis und ausgeaperten Stellen zu rechnen.


Hüttenöffnungszeiten: Juni bis Oktober.


Talort: Pontresina, 1805 m, an der Straße von St. Moritz zum Berninapass.

Bahnverbindung durch Inntal und Engadin. Per Pkw durchs Engadin oder von Chur über den Julierpass.

Tourist-Info: Via Maistra 133, CH-75094 Pontresina, Tel.: 0041/(0)81/838 83 00, Fax: 0041/(0)81/838 83 10, pontresina[Klammeraffe]estm[Punkt]ch, pontresina.ch


Hütten

 

Touren

  • Piz Glüschaint (3594 m) – La Sella (3584m), Normalwege F, Gletschertouren, 3 Std. v. Coazhütte (1000 Hm), Überschreitung der gesamten Gruppe AD, III-, 7-8 Std.
  • Piz Tschierva (3546 m), F, Gletschertour, 3-4 Std. v. Tschiervahütte (950 Hm)
  • Piz Morteratsch (3751 m), PD, II, 45°, 4-5 Std v. Boval (1250 Hm) oder Tschierva (1150 Hm)
  • Piz Roseg (3937 m), Nordostwand, AD+,55°, III, 7-9 Std. v. Tschiervahütte, 1400 Hm
  • Piz Roseg (3937 m), Eselsgrat, AD, III, 45°, 6-8 Std. v. Tschiervahütte, 1400 Hm
  • Piz Scerscen (3971 m), Eisnase, AD, III, 50°, 7-8 Std. v. Tschiervahütte, 1500 Hm
  • Piz Bernina (4049 m), Biancograt, AD, III, 50°, 7-8 Std. v. Tschiervahütte, 1500 Hm
  • Piz Cambrena (3604 m), Eisnase, PD, 45°, 4-6 Std. v. Diavolezza, 700 Hm
  • Piz Palü (3901 m), Überschreitung O-W, PD, II, 50°, 6-7 Std. v. Diavolezza, 1000 Hm