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Winterbericht 2020/21 des SLF

Schneereich und viele Lawinenunfälle

06.04.2021, 09:57 Uhr

Ein schneereicher Winter liegt größtenteils hinter der Schweiz. Sowohl die Neuschneesummen als auch die Schneehöhen, mit Ausnahme des westlichen Mittelandes, waren insbesondere unterhalb der 2000-Meter-Grenze überdurchschnittlich. Auch die Anzahl an Lawinen mit Personenschäden war mit 215 rund doppelt so hoch wie normalerweise an einem 30. März. Insgesamt starben 27 Personen in Lawinen, was deutlich über dem langjährigen Mittel von 18 Todesopfern bis Ende März liegt, so die Auswertung des WSL-Institut für Schnee-und Lawinenforschung SLF.

Die Verhältnisse im Winter 2020/21 im Überblick

In der Schweiz lag 2020 schon früh im Herbst an Nordhängen in hohen Lagen verbreitet Schnee. Im Westen und Norden war diese Schneedecke dünn und im trockenen November bildeten sich Schwachschichten, die zu Lawinenauslösungen führten. Nur im Süden war der Herbstschnee Anfang Dezember bereits mit so mächtigen Schneeschichten überdeckt, dass Lawinen kaum im Altschnee ausgelöst wurden. Mit den häufigen Schneefällen im Dezember und Januar war die Lawinensituation anhaltend kritisch. Mitte und Ende Januar, sowie Mitte März fielen im Norden große Schneemengen.

 

In zwei ausgeprägten Lawinenperioden im Januar gingen viele große und sehr große, Ende Januar auch einzelne extrem große spontane Lawinen nieder. Am 29. Januar musste gebietsweise vor sehr großer Lawinengefahr (Stufe 5) gewarnt werden. Der Februar zeigte sich eher trocken und sehr mild. Vor allem in Graubünden war der bodennahe Altschnee anfangs noch störanfällig, ansonsten nahm die Gefahr von trockenen Lawinen ab. Gleitschneelawinen gingen bereits im Dezember und Januar vereinzelt, im Februar vermehrt ab. Infolge der mächtigen Schneedecke nahmen diese teilweise sehr große Ausmaße an. An Sonnenhängen war die Lawinensituation ab Mitte Februar frühlingshaft mit günstigen Verhältnissen jeweils am Morgen und einem Anstieg der Gefahr von Nass- und Gleitschneelawinen im Tagesverlauf. In der letzten Februarwoche wurde die erste Periode mit Nassschneelawinen an Sonnenhängen bis in hohe Lagen registriert. Ab Mitte März kehrte der Winter zurück mit Schneefall im Norden und Westen bis in tiefe Lagen und kritischer Lawinensituation in der Höhe, besonders im Wallis und in Graubünden. Lawinen brachen vermehrt in oberflächennahen Schwachschichten an. Ende März war die Lawinensituation wieder frühlingshaft.

 

Die Grafik zeigt die Verbreitung der Lawinenunfälle 2020 und 2021 in der Schweiz. Insgesamt ereigneten sich 25 Unfälle mit jeweils einem Todesopfer und ein Unfall mit zwei Todesopfern. Sieben Unfälle ereigneten sich im Dezember 2020, zehn im Januar 2021, drei im Februar und sechs im März 2021. Fünf Unfälle ereigneten sich bei Gefahrenstufe 2 (mäßig), 16 bei Gefahrenstufe 3 (erheblich) und fünf bei Gefahrenstufe 4 (groß). Ein Unfall ereignete sich im Jura.

 

Unfallzahlen in Österreich

Für den Zeitraum 01.11.2020 bis 14.03.2021 meldete das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit 12 tödlich verunglückte Personen (10 Männer und 2 Frauen) auf einer Skitour, davon kamen 8 Personen durch eine Lawine ums Leben. Im Zehnjahresmittel (01.11.2011 bis 31.10.2020) sterben durchschnittlich 21 Alpinisten jährlich auf einer (Ski-)Tour. Insgesamt verunfallten (das sind Tote, Verletzte, Unverletzte) im Winter 2020/21 (bis 14.03.2021) 468 Tourengeher, davon sind 64 % Männer und 36 % Frauen.

 

Klimatologische Einordnung

Viele hochgelegene Regionen wurden aufgrund von häufig feuchter und kühler Witterung bereits im Oktober eingeschneit. Die anschließenden Wintermonate November bis März waren durch einen wiederholten Wechsel von sehr warmen und kalten Perioden, aber auch durch sehr niederschlagsreiche Perioden gekennzeichnet. So wurden an rund zwei Dutzend Stationen nördlich des Alpenhauptkammes die für Januar größten Neuschneesummen seit 1968 registriert. Die über die fünf Monate November bis März gemittelten Messwerte der MeteoSchweiz-Stationen ergeben für die ganze Schweiz überdurchschnittliche Temperaturen. 

 

Für Neuschnee sind weniger die durchschnittlichen Werte, sondern die Kombination von Niederschlag und genügend kalten Temperaturen verantwortlich. Mehrere solche Kombinationen sorgten von Anfang Dezember bis Mitte März für teilweise größere Neuschneemengen bis in die Niederungen beidseits der Alpen.

 

Lawinengefahr

Bis Ende März war die Verteilung der Gefahrenstufen im Winter 2020/21 wie in der Grafik anbei dargestellt. Perioden mit anhaltend und verbreitet großer Lawinengefahr (Stufe 4) gab es zwischen 14. und 16. Januar sowie 28. und 31. Januar, wobei in letzterer auch die Tage mit gebietsweise sehr großer Lawinengefahr (Stufe 5) enthalten sind. Am 15. und 16. März war die Lawinengefahr im Norden und Westen noch einmal verbreitet groß (Stufe 4).

 

Gründe für die oben erwähnte hohe Anzahl von Lawinenunfällen und Todesopfern im Hochwinter können sein:

  • Schwacher Altschnee: Die bodennahen, aufbauend umgewandelten Schichten sowie Schwachschichten im mittleren Bereich der Schneedecke bildeten ein langanhaltendes, ausgeprägtes Altschneeproblem. Die meisten schweren Unfälle wurden dadurch verursacht, auch die acht tödlichen Unfälle vom 15. bis 18. Januar, was eine außerordentliche zeitliche Konzentration darstellt.
  • Viel Neuschnee: von Dezember bis Anfang Februar sowie Mitte März war die Situation mit wiederholten Schneefällen nicht nur tageweise, sondern auch wochenweise sehr kritisch. Mit dem ständigen Schneefall und der Bildung von Triebschneeschichten, deren Eigenschaften die Bruchausbreitung begünstigten, wurde jeweils auch das Altschneeproblem wieder aktiviert.
  • Große Lawinen: Lawinen, die im Altschnee ausgelöst wurden, waren oft groß, teils auch sehr groß.
  • Mehr Variantenunfälle: Mehr als die Hälfte der tödlichen Unfälle ereignete sich im Variantengelände. In der langjährigen Statistik überwiegen hingegen die tödlichen Unfälle im Tourengelände. Zudem ereigneten sich fünf tödliche Unfälle im Variantengelände an Tagen mit Gefahrenstufe 4 (groß). Dies entspricht dem Muster, dass im Gegensatz zu den Tourengehern die Variantenfahrer vor allem an Tagen mit höheren Gefahrenstufen verunglücken.
 

Gefahr im Frühjahr: Nass- und Gleitschneelawinen

Sicher unterwegs

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Nassschneelawinen sind ein typisches Frühjahrsphänomen: Sie treten bei steigenden Temperaturen auf. Feuchtigkeit dringt in die Schneedecke ein, besonders an sonnigen Hängen sickert das Wasser bis zum Boden durch - und die Rutschgefahr steigt. Eng verwandt mit der Nass- ist die Gleitschneelawine. Beiden liegen ähnliche Auslösemechanismen zu Grunde: Schneeschmelze durch Sonneneinstrahlung oder Regen bis in Hochlagen tragen dazu bei, dass die Schneedecke immer mehr durchfeuchtet – und so die Verbindung zum Erdboden oder zwischen einzelnen Schneeschichten selbst rutschig wird. Bei Touren ist zu beachten: In der Nacht sollte es kalt genug sein, dass die obere Schneeschicht durchfriert. Ein gutes Anzeichen dafür ist ein sogenannter „Deckel“ auf der Schneeoberfläche, auf dem man gut aufsteigen kann, ohne mit den Ski im Schnee einzusinken. Die Aufbruchzeit sollte so gewählt werden, dass man schon (spät)vormittags auf Firn abfährt – und nicht im total durchnässten Schnee (Sulz) am Nachmittag. 

Alpine Unfall-Bilanz 2020

Alpinunfallstatistik des Österreichischen Kuratorium für alpine Sicherheit veröffentlicht

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Das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit (ÖKAS) hat seine jährliche Alpinunfallstatistik veröffentlicht. 2020 sind insgesamt 261 Personen in den österreichischen Bergen umgekommen, 7466 wurden verletzt gerettet. Damit ging die Todeszahl im Zehnjahresmittel leicht nach unten, die Anzahl der Verletzten stieg im Vergleich zu 2019 um rund 500. Die Bergwacht Bayern verzeichnet ähnliche Ergebnisse. Auch hier ging die Zahl der tödlichen Unfälle erfreulicherweise leicht zurück, ausrücken musste die Bergwacht dennoch häufiger als in vergangenen Jahren. Auch der Einfluss der Corona-Pandemie ist deutlich zu spüren: In Bayern, Österreich, aber auch der Schweiz, waren die Unfallzahlen im März und April aufgrund des Lockdowns vergleichsweise niedrig. 

Lawinenlagebericht: Aufbau, Möglichkeiten und Grenzen

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Egal nach welcher Methode man auf Skitouren entscheidet: Der Lawinenlagebericht ist immer die unentbehrliche Grundlage – und heute so gut organisiert wie noch nie. Thomas Stucki, Gruppenleiter des Lawinenwarndienstes am WSL-Institut für Schnee-und Lawinenforschung SLF erklärt, welche wichtigen Informationen der Bericht enthält und wie man richtig mit ihnen umgeht. Die Lawinenlageberichte alpen- und europaweit werden sich in Aufbau und Inhalt immer ähnlicher. Nachdem vor mehr als zwanzig Jahren die Europäische Lawinengefahrenskala eingeführt wurde, folgten in den letzten zehn Jahren der systematische Aufbau gemäß der Informationspyramide (Abb.1), ein gemeinsames Glossar für Fachbegriffe und eine zunehmend vereinheitlichte Symbolik. Der Aufbau nach der Informationspyramide bedeutet: Das Wichtigste zuerst. An erster Stelle steht die Gefahrenstufe. Darunter folgen weitere Informationsebenen. So wird sichergestellt, dass jeder Anwender das Wichtigste gesehen hat. Je tiefer er in die Information eintaucht, desto besser kennt er die Lawinensituation und desto besser kann er den Spielraum abschätzen, wo bei kritischer Lawinensituation eine Tour mit vertretbarem Risiko möglich ist. Will man sich zum Beispiel im Zuge der optimalen Tourenvorbereitung für Samstag über die Entwicklung der Lawinengefahr während der ablaufenden Woche erkundigen, schaut man bis Mittwoch nur auf die Gefahrenstufe.