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Der optimierte Lawinenlagebericht

Hilfe bei der winterlichen Tourenplanung

Der Lawinenlagebericht ist nach wie vor die grundlegende Informationsquelle zur Lawinengefahr. Er liefert Beurteilungshilfen für Schneesportler aller Disziplinen; vom Neuling bis zum Experten. Dr. Thomas Feistl vom Lawinenwarndienst Bayern erklärt die neuesten Weiterentwicklungen und den Umgang damit. Illustration: Georg Sojer

 

Wie groß ist die Lawinengefahr? Welches Problem ist dafür verantwortlich? Wo sind die besonders gefährlichen Geländebereiche? Und wie sieht es in der Schneedecke aus? Der Lawinen lagebericht liefert mit seinen vielfältigen Informationen das Fundament für die Tourenplanung und zur Entscheidung vor Ort.

 

Wir Lawinenwarner haben ein großes Ziel: allen Besuchern der winterlichen Gebirge einen komfortabel abrufbaren, immer aktuellen, verständlichen Lawinenlagebericht (LLB) zur Verfügung zu stellen. Dafür arbeiten Expertinnen und Experten aus ganz Europa in der EAWS (European Avalanche Warning Services) zusammen. Durch den guten internationalen Austausch wurden in den letzten Jahren insbesondere die Einheitlichkeit und der Service des LLB deutlich verbessert.

 

Europaweit verwenden die Lawinenwarndienste nun ein einheitliches System, bestehend aus Gefahrenstufen, Lawinenproblemen und beschreibendem Text. Egal in welcher Region man sich gerade befindet: Der LLB beinhaltet die gleichen Symbole und

 

Definitionen, was Verständlichkeit und Anwendungsfreundlichkeit erhöht. Zudem geben die meisten Warndienste ihren Lagebericht inzwischen schon am Nachmittag des Vortags heraus, was die Tourenplanung deutlich erleichtert. Und in immer mehr Ländern steht der Lagebericht auch auf Englisch zur Verfügung und ist mobil besser erreichbar. Altbewährte Bestandteile sind unverändert: etwa die fünf Gefahrenstufen mit den dazugehörigen Farben und die Windrose, die anzeigt, in welchen Expositionen die meisten Gefahrenstellen zu finden sind. Ebenso der Aufbau: Der Lagebericht ist als „Informationspyramide“ gegliedert – Informationstiefe und Komplexität nehmen zu, je tiefer man vordringt (s. erstes Bild, oder die entsprechende PANORAMA-Ausgabe 6/2019 S. 58&59, auch Online). So können Gelegenheits-Skitourengeher schnell das für sie Wichtigste herausziehen, während Experten vielfältige Detailinformationen finden, aus denen sie mit ihrem Hintergrundwissen differenzierte Schlüsse ziehen können. Schließlich wird der LLB nicht nur von Schneesportlern aller Disziplinen genutzt, sondern auch zitiert und verarbeitet, von Medien bis zu Unfallgutachtern und Mitgliedern von Lawinenkommissionen.

 

Die fünf Lawinenprobleme

Die fünf Lawinenprobleme beschreiben typische Situationen, auf die Wintersportler achten sollten und die maßgeblich für die Tourenplanung sind. Sie sind Teil der Beurteilungsstrategien am Einzelhang und bestimmen die Struktur des Lageberichts. Denn das prominenteste Lawinenproblem ist wesentlich für die Einschätzung der Gefahrenstufe. Und wer das Lawinenproblem kennt und versteht, weiß, worauf im Gelände zu achten ist und wie er problematische Zonen erkennen und damit umgehen kann. Mit der Klassifizierung von Lawinenproblemen arbeiten einige Länder schon länger; seit zwei Jahren sind die Symbole und Definitionen in Europa einheitlich.

 

Zum Nachlesen

Avalanches.org, die Internetseite der EAWS, bietet mehrsprachig Hintergrundinformationen zu den hier angesprochenen Punkten Informationspyramide, Gefahrenstufenskala, EAWS-Matrix, Lawinenprobleme und Lawinengrößen (-> Standards), dazu das weltweit umfangreichste Glossar zum Thema Lawinen und Informationen zur Organisation EAWS und den Ergebnissen der letzten Tagungen in Tutzing 2017 und Oslo 2019. Auf einer interaktiven Karte findet man sämtliche nationalen Lawinenwarndienste Europas, zum Beispiel auch den lawinenwarndienst-bayern.de

 

Der Lawinenlagebericht ist nach der Logik einer „Informationspyramide“ aufgebaut: Die wichtigsten Infos kommen zuerst, später die komplexeren. In ganz Europa gilt diese gleiche Struktur:

1. Gefahrenstufe (Wie?)

2. Lawinenproblem (Was?)

3. Verteilung der Gefahrenstellen (Wo?)

4. Detailinformationen (Warum?

 

Lawinengrößen

Seit letztem Winter gibt es fünf einheitliche Bezeichnungen für Lawinengrößen: klein, mittel, groß, sehr groß und extrem. „Kleine“ Lawinen reichen kaum für eine Verschüttung aus, können jedoch im Steilgelände zu Absturz führen. „Mittlere“ Lawinen sind die typischen Skifahrerlawinen, sie können Schneesportler mitreißen und verschütten. „Große“ Lawinen (Anrissflächen 100 mal 100 Meter) haben ein größeres Zerstörungspotenzial, Personen haben hier nur noch geringe Überlebenschancen. „Sehr große“ und „extreme“ Lawinen können größere Gebäude und Waldflächen zerstören oder die Landschaft verwüsten. Sie sind für den Lawinen- und Katastrophenschutz von Bedeutung.

 

Als Beurteilungsstrategie zur systematischen Entscheidungsfindung – von der Tourenplanung bis zum Einzelhang – empfiehlt der DAV das „Lawinen-Mantra“ (mehr dazu in Panorama 1/2020).
 

 

Gefahrenstufe und Matrix

Wie groß die Lawinengefahr(enstufe) ist, hängt von drei Faktoren ab: Wie verbreitet sind gefährliche Stellen im Gelände? Wie leicht können dort Lawinen ausgelöst werden? Und wie groß können sie werden? Um diese Faktoren miteinander zu verrechnen, hat der Lawinenwarndienst Bayern schon lange mit einer „Matrix“ gearbeitet. Diese wurde von der EAWS einheitlich überarbeitet und wird europaweit verwendet.

Neu ist, dass dabei die Größe auch bei solchen Lawinen eine Rolle spielt, die von Schneesportlern ausgelöst werden. Beispielsweise wurde die Situation „Es besteht ein Triebschneeproblem mit vielen Gefahrenstellen im ostseitigen, kammnahen Steilgelände. Hier können Lawinen mit geringer Zusatzbelastung ausgelöst werden.“ bisher mit Gefahrenstufe 3 (erheblich) eingestuft. Wenn diese Gefahrenstellen aber nur kleine Triebschneelinsen ohne Verschüttungsgefahr sind, bewerten wir diese Situation heute mit Gefahrenstufe 2 (mäßig).

 

Wie nutze ich den Lagebericht

Wie viel der Lagebericht bei der Entscheidungsfindung hilft, hängt davon ab, wie weit ich mich in der Informationspyramide nach unten arbeite und wie viel ich davon in die Praxis übertragen kann. Zwei unterschiedlich erfahrene Skitourengeher können also zu unterschiedlichen Touren-Entscheidungen kommen (siehe Aufmacherbild S. 58/59). Ein risikobewusster Tourenneuling wird vielleicht nur die farbige Gefahrenstufe und möglichst noch die Höhengrenze beachten – und dann eine Tour unterhalb der Waldgrenze planen. Eine Skitourenexpertin dagegen, die weiß, dass Rücken oft abgeblasen sind und sich das Problem Triebschnee dann nicht stellt, kann eventuell einen höheren Gipfel anpeilen, der über einen Rücken erreichbar ist. Mit gründlicher Detailanalyse kann sie dann vor Ort entscheiden, ob die Abfahrtsoption durch die steile Nordwestflanke verantwortbar erscheint.

Beide haben in ihrem Rahmen risikobewusst geplant, beide bewegen sich trotzdem in potenziell lawinengefährdetem Gelände. Ein Restrisiko lässt sich im alpinen Gelände nie ausschließen. Selbst eine „geringe“ Lawinengefahr bedeutet nicht „keine“ Lawinengefahr. Im ersten Beispiel droht die Selbstauslösung einer Gleitschneelawine. Der exakte Zeitpunkt der Auslösung ist nicht vorhersagbar; aber vielleicht kann man den Gefahrenbereich umgehen oder die Zeit minimieren, die man sich unterhalb von Gleitschneerissen aufhält. Im zweiten Beispiel kann die Tourengeherin eine Schneebrettlawine auslösen, je nachdem wieviel Triebschnee sich angesammelt hat und wie die Bindung der Schneeschichten innerhalb der Schneedecke aussieht. Ein Blick in die Schneedecke könnte hier nützliche Informationen zur Entscheidungsfindung liefern.

Ob die beiden wieder sicher unten ankommen, hängt am Ende von der Entscheidung am Einzelhang ab. Diese Entscheidung können der Lawinenlagebericht und seine Verfasser niemandem abnehmen. Wir Lawinenwarner können nur auf mögliche Gefahren hinweisen, eine kritische Überprüfung vor Ort ist in jedem Fall geboten. Wer die Frage „Bin ich noch sicher?“ nicht plausibel mit „Ja!“ beantworten kann, mag durch die Entscheidung zu Verzicht oder Umkehr sein Verantwortungsbewusstsein beweisen. Fachwissen und Beurteilungsstrategien können helfen, durch fundierte Begründungen seine Möglichkeiten zu erweitern. Der Lawinenlagebericht als Grundlage dafür hat durch die gesamteuropäische Weiterentwicklung – Lawinenprobleme, Lawinengrößen, einheitliche Sprache, gemeinsamer Ausgabezeitpunkt am Vorabend, klare Struktur und Darstellung in modernen Medien – viel gewonnen.