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„Ich hätte nie gedacht, dass das klappt!“

27.05.2014, 11:25 Uhr

Rollstuhl und Klettern – ein Widerspruch? Nein, ganz im Gegenteil, sagen Peter Weigel und seine Frau Petra, die seit 2004 an Multiple Sklerose erkrankt ist. In Wuppertal haben die beiden die Gruppe „Die GäMSen“ gegründet, in der MS-Betroffene gemeinsam klettern. Alle 14 Tage treffen sie sich in den „Wupperwänden“. Und bald geht es an den Fels…

 

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Vom Rollstuhl an die Wand: Petra Weigel

Wann hast Du mit dem Klettern begonnen, Petra?

Seit einem Jahr klettere ich intensiv. Vor meiner Krankheit hatte mich der Klettervirus nicht gepackt. 

Das war einfach nicht mein Sport. 

Jetzt nimmt das Klettern einen hohen Stellenwert in meinem Leben ein. Ich hätte nie gedacht, dass das klappt!

 

Was ist für Dich das Besondere beim Klettern?

Wenn ich es bis oben geschafft habe, bin ich immer sehr stolz. Klettern tut mir einfach gut. Der Körper wird gestreckt, alle Muskeln werden angesprochen. In den Tagen danach kann ich besser stehen und gehen. Ich würde gerne öfter zum Klettern gehen, aber das ist schwierig zu organisieren.

 

Peter: Viele Betroffene sagen: „Sport? Was habe ich damit zu tun?“. Wir sagen überspitzt: runter vom Sofa, ran an die Wand! Denn es geht. Und Klettern stärkt neben dem Körper auch das Selbstbewusstsein.

 

Mit welchen körperlichen Einschränkungen lebst Du, Petra?

Ich kann mein linkes Bein nur schwer bewegen und auch der linke Arm ist gelähmt. Leider eifert jetzt die rechte Seite der linken nach. Draußen bewege ich mich im Rollstuhl, drinnen mit dem Rollator. Im Dezember 2013 hatte ich einen schweren Schub, der mich 2 ½ Monate außer Gefecht gesetzt und meine Fitness verschlechtert hat. Aber jetzt klettere ich wieder. Der Anfang ist immer noch mühsam, aber spätestens beim dritten Mal klappt es dann prima.

 

Empfindest Du beim Klettern ein besonderes Risiko?

Risiko? Nein, das empfinde ich gar nicht so. Mal erreiche ich einen Griff nicht und schrappe an der Wand. Aber das ist doch nicht schlimm. Dann sind halt die Klamotten verschrammt. Das ist doch egal.

 

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Die Gämsen beim ersten Klettern im April 2013, Foto: privat

 

Was ist das tolle daran, in der Gruppe zu klettern?

Peter: Dinge in der Gruppe machen einfach mehr Spaß. Und ich habe mir gedacht, wenn ich das eh für Petra mache, kann ich das auch für andere machen.

 

Petra: Ich brauche zwischendurch lange Pausen. In der halben Stunde kann ich mich dann mit anderen austauschen. Und nach dem Klettern trinken wir auch mal einen Cappuccino zusammen…

 

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Olaf und Anna an der Wand, Peter u. Peter beim Sichern, Petra und Björn pausieren.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die Gruppe zu gründen?

Peter: Inspiriert haben mich besonders Youtube-Videos vom Paraclimbing. Über Google habe ich dann die Münchner Gruppe „MS on the Rocks“ entdeckt und Kontakt aufgenommen. Vor der Gründung sind wir dann bei den anderen uns bekannten Handicap-Klettergruppen zu Besuch gewesen. In Neu-Ulm bei der Gruppe „Aktiv mit Handicap“ von Geli Schneider, in Köln bei der Gruppe um Falco Nettekoven, in Bottrop die Gruppe Abenteuer Aufwind von Martin Schmid. Dann ging es ganz schnell. Die DAV-Sektion Wuppertal hat uns sofort unterstützt.

 

 

 

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Petra Weigel, Foto: Privat

Wie werden die Betroffenen beim Klettern unterstützt? Setzt Ihr besondere Techniken ein?

Petra: Wir haben unterschiedliche Sachen probiert, um die Beinkraft mithilfe der Arme zu erhöhen. Angefangen haben wir mit Hundehalsbändern an den Knien. Peter kam dann auf die Idee, Seilschlingen an den Füßen und am Klettergurt zu befestigen. Damit klappt es jetzt sehr gut. Der Sichernde zieht auch immer ein wenig mit. In den ersten Metern muss man mir noch helfen, die Füße zu setzen. Danach kann ich das dann alleine. Oft ist auch ein „Beikletterer“ dabei. Das ist in der Regel unser Sohn Flo. Er greift mal zu und gibt Tipps. Und sein Grinsen macht mir immer Mut…

 

Peter: Wir nutzen zum Sichern von schweren Kletterern mit erheblichen Einschränkungen ein Flaschenzugsystem mit statischem Seil. Dabei kommen die Umlenker von drei Routen zum Einsatz. Die Technik wurde von der Geli in Neu-Ulm entwickelt. Das Gewicht des Kletternden wird dabei halbiert.

 

Wer übernimmt denn das Sichern?

Petra: In erster Linie Peter, unser Sohn und zwei Töchter von weiteren Betroffenen. Wenn die mal nicht können, müssen andere einspringen. Zwei der MS-Patienten können auch sichern. Das ist aber von ihrer Tagesfitness abhängig.

 

Peter: Wir sind immer auf der Suche nach Leuten, die uns beim Sichern unterstützen. In der Halle melden sich ab und zu Freiwillige. Ich denke, auch die Nicht-Betroffenen kommen persönlich weiter, wenn sie sich bei uns ehrenamtlich engagieren. Wir legen auch Wert darauf, dass Familienangehörige dabei sind. Denn wir wollen helfen, die Akzeptanz der Krankheit in der Familie zu steigern.

 

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Lagebesprechung: Christian und Olaf, Foto: Privat

 

Was sind denn die Voraussetzungen zum Sichern?

Peter: Der Kletterschein-Toprope ist bei uns Pflicht. Als Sicherungsgeräte nutzen wir nur Halbautomaten wie Grigri und Smart. Die „schweren Jungs“ bleiben natürlich immer meine Sache.

 

Können bei Euch noch weitere MS-Patienten mitmachen?

Petra: Leider nein. Wir sind schon 23, davon 18 Betroffene. Es stehen schon welche auf der Warteliste.

 

Peter: Hallen haben halt ihre Grenzen. Da wir samstagmorgens klettern, ist es mit den Parkmöglichkeiten schwierig. Und auch in der Halle brauchen wir einfach Platz. Wir würden außerdem mehr leichte Routen benötigen. Die Routen bei uns sind schwer, hier trainieren ja auch Wettkampfkletterer wie Juliane Wurm und Jonas Baumann. Wir machen dann halt „bunt“ und legen zwei Routen übereinander…

 

… und eine extra Halle für Euch? Wäre das die Lösung?

Peter: Nein, wir wollen nicht nur unter uns sein. Da spielt bei den Leuten auch der Ehrgeiz mit: „Mal bei den anderen schauen, was da so geht“. Das kann man nicht auf einer Insel.

 

Welche Pläne habt Ihr derzeit?

Petra: Ende Mai wollen wir ein Wochenende zum Felsklettern in die Sauerlandhütte vom DAV-Wuppertal.

 

Peter: Ja, unsere Intention lautet: in die Berge! Das ist aber nicht einfach zu organisieren. Toiletten müssen zum Beispiel erreichbar sein. Wir müssen immer einkalkulieren, wie belastbar die Leute sind. Zwei Tage reichen da erst einmal. Wir waren schon einmal eine Nacht im Landschaftspark Duisburg. Jetzt steigern wir uns!

 

Und wie finanziert Ihr solche Events?

Wir bekommen Fördergelder nicht nur vom DAV, sondern auch von der Sparkasse, der AOK und der DMSG. Unsere Fahrt wird komplett bezahlt werden. Wir haben auch T-Shirts und Materialien bekommen. Für die Teilnehmer bleibt nur ein kleiner Unkostenbeitrag übrig. Dafür sind wir sehr dankbar, zumal wir in unserer Gruppe auch Frührentner haben, die über wenig Geld verfügen.

 

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Petra und Peter, Foto: Privat

 

Sie sind Kletterer im Raum Wuppertal und möchten „Die GäMSen“ als Sichernde unterstützen? Prima! Bitte melden Sie sich bei Peter Weigel, peter[Punkt]weigel[Klammeraffe]dav-wuppertal[Punkt]de, Tel.: 0202/2462353

 

Mehr Infos unter www.die-gaemsen-wuppertal.de

 

„Die GäMSen“ im Video von Vigo-TV

 

Infos über Multiple Sklerose: www.dmsg.de

 

 

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