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"Es kommt auf die Grundeinstellung an"

Wie ist eure Gruppe entstanden?

Angefangen hat alles damit, dass ein Tölzer Osteopath drei Kindern empfohlen hat, aus therapeutischen Gründen mit dem Klettern zu beginnen. Die Mütter der Kinder versuchten eine Klettergruppe zu finden und landeten irgendwann bei unserer Sektion und dann bei mir. Ich hatte erst mal keine Erfahrung mit integrativer Arbeit und wusste auch, dass ich das nicht alleine stemmen kann. Erster Schritt war mit dem Therapeuten der Mädchen zu sprechen, um zu erfahren, was ich machen darf und was nicht. Das ist überhaupt der wichtigste Tipp: mit den Therapeuten abklären, was individuell bei jedem Kind möglich ist. In unserem Fall war es einfach, denn er meinte, dass die Kinder selbst spüren, was ihnen gut tut. Damals dachte ich noch, die Kinder mit Behinderung probieren das mal ein halbes Jahr aus, dann wird es für sie zu anstrengend. Aber wir haben 2007 begonnen und die drei sind heute immer noch dabei. Inzwischen kam sogar noch ein Junge dazu.

 

Was trägt zum Gelingen so einer Gruppe bei? Gab es auch Schwierigkeiten?

Es braucht ein gutes Gefühl für die Gruppe, Respekt und Akzeptanz für alle. Der normale Leiter-Schlüssel liegt bei 6:1, bei uns war es von Anfang an 4:1, zwei Jugendleiterinnen und ein Jugendleiter für zwölf Kinder. Bei uns gibt es auch noch einen vierten Leiter, der einspringen kann, falls einer der festen drei ausfällt. Inzwischen ist die integrative Gruppe ein fester Bestandteil in der Kletterhalle.

 

Welche neuen Erfahrungsmöglichkeiten boten sich dadurch für die Kinder?

Die Gruppe war von Anfang an als gemischte Gruppe geplant, nie als „Sondergruppe“. Die anderen Kinder profitieren sehr stark von dem Kontakt mit den Kindern mit Behinderung, es ist für sie nichts Außergewöhnliches mehr, sondern ganz normal. Außergewöhnlich sind dagegen die Hilfestellung und die Zusammenarbeit, die in der Gruppe gepflegt werden, jeder kümmert sich und alle denken mit. Franziska und Sabrina steigen bisher nicht vor, aber die anderen Kinder reißen sich darum, wer die Routen einhängen darf. Die Jugendlichen mit Behinderung bekommen auf den Hüttenwochenenden genauso ihre Aufträge und werden nicht ausgegrenzt.

 

Was muss eine Jugendleiterin, ein Jugendleiter für so eine integrative Gruppe können?

Es kommt auf die Grundeinstellung an, die Kinder mit Behinderung zu akzeptieren und achtsam zu sein. Achtsamkeit haben wir alle, Leiterinnen und Leiter wie Kinder, in der Gruppe gelernt. Vor Jahren hatten wir das Glück, bei Hajo Netzer vom Bundes-Lehrteam eine Fortbildung absolvieren zu dürfen zum Thema "Klettern mit Menschen mit Behinderung", das hat uns nochmals ganz neue Spielräume und Möglichkeiten eröffnet. Krissi und Matthias kommen selbst aus dem Stützpunktkader und klettern auf hohem Niveau. Auch für sie hat oberste Priorität, dass jedes Kind individuell nach seinen Möglichkeiten gefördert wird, egal ob mit oder ohne Einschränkung.

 

Und wie geht's den Kindern mit Behinderung heute?

Durch das Antreten an der Kletterwand haben sich die Achillessehnen von Franziska so gedehnt, dass sie keine Operationen mehr braucht. Manja sollte eigentlich ein Metallkorsett bekommen, nun sind sich die Ärzte einig, sie wird keines mehr brauchen, und bald kann der fehlende Lungenflügel mit moderner OP-Technik ersetzt werden. Sie klettert inzwischen bis zum 6. Grad im Vorstieg. Sabrina hat das Down-Syndrom, sie konnte ihre Koordination und die Bewegungsplanung vom Gehirn zum Körper stark verbessern und wird immer selbstständiger. Bene hat als Autist Vertrauen aufgebaut, kann seinen Körper immer besser strecken und traut sich einige Meter abzuseilen.

 

Und wie geht´s weiter?

Wir werden versuchen, die Gruppe auch in den nächsten Jahren in dieser Art weiter zu führen. Zwei Teilnehmer gehen in Kürze auf Jugendleiter-Grundausbildung, wir haben also keine Nachwuchssorgen. Von der Sektion erhalten wir volle Unterstützung, dazu gehört auch ein fester Platz im Jahresheft. 2010 erhielten wir den Regionalen Bürgerpreis der Sparkasse zum Thema "Retten - helfen - Chancen schenken". Auch Trägerverein und Kletterhallenbetreiber unterstützen uns: Menschen mit Behinderung haben freitags freien Eintritt in der Kletterhalle und das Routenschrauberteam baut stets ein paar leichte Routen für uns ein. Wir freuen uns, dass wir in all den Jahren diese Akzeptanz und diesen besonderen Status erreicht haben, nicht nur durch herausragende Kletterleistungen, sondern durch das außergewöhnliche Miteinander.

 

Infos zur Sektion: www.dav-toelz.de