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Achtsam unterwegs in den Ötztaler Alpen

Die Natur auf sich wirken lassen und ganz in sich selbst ruhen - ohne Ablenkung und Stress. Darum geht es in der Kampagne "Spüre dich selbst". Dass Yoga und Bergsport wunderbar harmonieren, beweist die DAV-Sektion Dresden mit einer Mehrtagestour durch die Ötztaler Alpen. Eindrucksvoll beschreiben Ute Zörb-Langen und Dr. Kai-Uwe Ulrich die Herausforderungen, denen sich die Teilnehmenden stellten und nehmen mit auf eine spannende Reise, geprägt von Sonnengrüßen, Tänzen und Momenten der Stille.

Sonnengrüße im Angesicht der aufgehenden Sonne, Dehnungsübungen und Yoga-Asanas zu den Themen Luft, Wasser und Feuer, Meditation auf einer blumenreichen Almwiese, Tanz der 5 Rhythmen in 3.000 Meter Höhe, und „dazwischen“ tiefe Schluchten, schäumende Wildbäche, gruselige Schneefelder, halsbrecherische Drahtseil-Stiegen und sterbende Gletscher: mit der Sektionstour „Achtsam die Ötztaler Bergwelt entdecken“ konnten die Teilnehmenden persönliche Grenzen verschieben, Inspiration tanken, neue Horizonte entdecken, Kameradschaft erleben und für sich erfahren, ungeahnte Herausforderungen mit mentaler Stärke anzugehen. Kurzum:
die Fünftagestour bot weit mehr als eine hochalpine Hütte-zu-Hütte-Wanderung.

 

"Anfängergeist"

Es war eine neue Erfahrung. Auch für uns als Leitungsteam war es ein Novum, die Elemente von hochalpinem Unterwegssein, vier reservierten Hüttennächten, Achtsamkeit und Yoga zu verbinden. Unterwegs im Anfängergeist konnten wir studieren, kombinieren und hatten Entscheidungen zu treffen, gerade dort, wo es holperte, sich Grenzen zeigten oder sich Neues auftat. Dieser „Anfängergeist“, eine Grundhaltung der Achtsamkeit und buddhistischen Meditationspraxis, ermöglichte uns allen mit kindlicher Neugier zu spüren und zu staunen, und öffnete uns den Raum für die Demut und das Reifen. Die Teilnehmenden beschrieben es so: Das Erlebte war ein abwechslungsreicher Querschnitt für das alpine Unterwegssein, von allem etwas, landschaftlich, physisch und mental, überwältigend, ein Abenteuer mit Höhen und Tiefen und Kontrasten.

 

Bergfaszination

Katrin (GRH) erzählte, dass sie besonders den inneren Reichtum der Berge genießt und viele schöne Bilder in die Räume ihrer Seele wanderten. Jochen schilderte: „In der Natur kann ich am besten ich selbst sein“ und Doudou ergänzte: „In der Natur trau ich mir mehr, Fragen zu stellen“. Anke entdeckte für sich das Yoga, „Bergsteigen und Yoga, das passt einfach zusammen“, war ihr Fazit. Susanne faszinierte das Zusammenspiel von den schroffen Bergen und den kleinen filigranen Blumen und Insekten, die sie liebte zu fotografieren. Ute entdeckte die Mikroskop-Funktion ihres Fotoapparates und Egon zeigte sich als freundlicher Gruppenfotograf, der auch den von Katrin (CB) kreierten Gruppentanz filmte. Einen Wanderleiter dabei zu haben, der sich so gut in Botanik und Geologie auskennt, war ein Geschenk, ebenso Katrins (GRH) Kräuterwissen.

 

Eigene Grenzen spüren

Katrin (CB) machte gleich am ersten Tag ihre eigene Grenzerfahrung, indem sie schon bei der ersten Steigung Atemnot spürte. Sie merkte, wie sehr sie die Höhenlage und Kilometer unterschätzt hatte, und lange nicht so trainiert war, wie sie dachte. Wacker kämpfte sie sich hinauf zur Vernagthütte, entlastet von ihrem Rucksack, den andere trugen, und doch beschrieb sie ihr Gefühl: „Es war wie Nahtoderfahrung“. Im Spüren der Grenzen reifte in ihr der Entschluss, ihrem Körper mehr Achtung zu geben. Und mit dem Rauchen aufzuhören. In den nächsten zwei Tagen, in denen sie ihren eigenen Weg ging, fand sie das eigene Maß, lief in dem Tempo und die Weglänge, die ihr zusprachen und merkte, wie sie auch hier ihre Fitness steigern konnte. Das eigene Maß war auch Thema der Anderen, die den mächtigen Aufstieg am ersten Tag als sehr fordernd erlebten. So gab es Protest und wir lernten, dass eine Tagesetappe bei einer solchen Tour nicht über vier Stunden reine Wanderzeit hinaus geplant sein sollte. Beim nächsten Mal würden wir auch eine Yoga-Wander-Tour in einer sanfteren Alpenregion oder in der Sächsischen Schweiz anbieten.

 

Folglich planten wir für den zweiten Tourentag einen leichteren Streckenverlauf. Da die alternative Route über Vent führte, gönnten sich die meisten der Gruppe den Panoramaweg hinüber zum Hochjoch-Hospiz, um von dort durch die Felsenschlucht zum Gasthof Rofen zu wandern. Katrin (CB) und Egon wählten die Aufstiegsroute vom Vortag und waren eine halbe Stunde früher am Rofen, um zu Mittag zu speisen. Zum Abschied von Katrin gab es noch eine Übung im achtsamen Schmecken eines getrockneten Mangostückchens. Dann bogen wir ins Nachbartal ein und mühten uns den schier endlosen Fahrweg zur Martin-Busch-Hütte hinauf.

 

Yoga al gusto

Mit Yoga begrüßten wir das Kaiserwetter zum dritten Tourentag, der uns durch alle Bergklimazonen hoch hinausführte. Zum Ramoljoch waren fast 1.100 Höhenmeter zu überwinden. Wir ließen es gemütlich angehen. Vor dem Aufstieg widmeten wir uns dem achtsamen Hören und spürten den Geräuschen um uns und in uns nach. Wir bestaunten ohrenbetäubende Wildbäche, blühende Weidenbüsche, bunte Bergkräuter und liebliche Almmatten. Dort auf halber Höhe legten wir eine einstündige Mittagsrast ein und hielten Mittagsschlaf oder praktizierten Yoga al gusto: Baum, Tänzer, Krähe, Pfau, Kerze, Kopfstand usw. Weiter oben lockte ein Gletscherbach zum Baden, und alsbald überdeckten Schneefelder den Wanderweg. Die waren zwar nicht steil, doch Kai-Uwe erklärte, was zu tun sei, wenn man ins Rutschen kommt. Es bildete sich mit Egon, Anke und Jochen eine Vorhut, die es hinter sich bringen wollte und den Hüttenwirt bat, das Abendessen warm zu halten...

 

"Keep it simple, Susi"

Im Einfachen die Tiefe finden. Das war Susannes Ansatz bei ihren Yogaübungen, mit denen sie überzeugte. Sie verriet uns in der Abschlussrunde einen von ihrem Freund empfohlenen Leitsatz: KISS - Keep it simple, Susi. Das eigene Maß finden - wie gehe ich mit Grenzen um: Nehme ich sie wahr, sage ich der Grenze von Ferne Hallo, bleibe ihr fern, möchte ich sie achtsam ein wenig erweitern, oder bin ich der, der sie übergeht und dann im Zusammenbruch den Körper rebellieren oder aufgeben erlebt? Egon mit seinen 78 Jahren ging in seinem eigenen stetig bedächtigen Schritt, lief voran bei der Ersteigung des Ramoljochs und faszinierte Ute damit, dass er auch gerne etwas von seinem Tragegewicht abgab, sein Schlafsack im nächsten Rucksack verschwand: Sich selbst fordern ohne einsames, verbissenes Heldentum - welche Kunst.

 

Doudou erlebte ihre persönliche Herausforderung bei den Schneefeldern, die ihr – noch unbekannt im Begehen – gehörigen Respekt abforderten. Erst wollte sie nur noch durchkommen, überwand dann ihre Angst, konnte den Blick heben. Zum Ende gestärkt im Selbstvertrauen bereitete es ihr sogar Spaß, wie Kai-Uwe ihr beim Drahtseil versicherten Abstieg zeigte, wie sie am besten die Füße setze. Auch Susanne spürte die Herausforderung, merkte, wie hellwach ihre Sinne waren, so dass noch in der Nacht auf dem Hochbett ihr Körper sich der Kletterei erinnerte. Sie erlebte die Ermutigung, die darin lag, dass sie spürte, dass Kai-Uwe es ihr zugetraut hatte, dass sie es schaffte - und sie schaffte es mit Bravour. Nicht zu vergessen Jochen, der fast am Ramolhaus (3.006 m) angekommen, obwohl müde, noch einmal zurückging, um den Nachzüglern zu helfen

 

Zwischen Staccato und der Stille

Sehr früh am Morgen zerrte uns ein elektronischer Wecker auf die Terrasse, damit unsere Sonnengrüße die Sonne wecken. Bizarr. Die Sonne tat uns den Gefallen. Nach dem Frühstück lud Ute zum spielerischen Tanz der 5 Rhythmen ein, bei dem 5 Stücke gespielt wurden, zu denen jede*r selbst Bewegung spontan improvisieren konnte, von verhalten bis expressiv, je nachdem wie es einem gerade zumute war. Jede*r die wollte, konnte für sich entdecken, welcher Rhythmus vertraut ist, welcher schwerfällt, welche neue Bewegung entstehen mag zu den Rhythmen, die einem universellen Energiemuster folgen: Fließen (Geburt, weiblich), Staccato (Kindheit, männlich), Chaos (Pubertät, Rhythmen brechend), Lyrik (eigener Stil, Reife) und Stille (Ruhe, Ernte, Tod).

Danach hieß es hurtig Abschied nehmen und zur Piccardbrücke abzusteigen. Diese wurde 2016 mit 138 m Spannweite unweit von der Stelle errichtet, wo 1931 der Stratosphärenballon mit Prof. Piccard und Paul Kipfer notgelandet ist. Nur, dass damals der mächtige Eispanzer des Gurgler Ferners mit ordentlicher Schneeauflage die Landung elastisch abfedern konnte. Heute offenbart das Gelände eine tief gefräste Schlucht. Immerhin: rechts und links davon befinden sich etagenweise farbig marmorierte Gletscherschliffe mit Moortümpeln und viel Wollgras. Unsere Hobbyfotografen waren von der Fülle an Motiven überwältigt. Doch auch die filigran wirkende Hängebrücke mir 16,5 t Stahl wird hinreichend belichtet.

 

Botanische Freuden

Der finale Abstieg ins Langtal und zur Langtalereckhütte machte botanisch große Freude: Gentiana punctata, Alpendost, -helm, -rose, klebrige Primel, Soldanelle, Kerners Läusekraut, Gestutztes Läusekraut, Katzenpfötchen und wer weiß noch was ... Putzig: auf den letzten Metern zur Hütte begann es sanft zu regnen. Georg freute es: Seine Gäste lassen sich von ihm verwöhnen. Und er bietet uns geräumige Zimmer für die Nacht. Als Katrin (CB) wenig später zu uns stößt, hat sie nicht nur viel zu berichten, sondern endlich die Gelegenheit, ihre Choreografie des Guppentanzes mit uns allen zu erproben. Da wird sogar die liebe Sonne neugierig und blinzelt an den Wolken vorbei uns zu.

 

 

Teamgeist

Das Miteinander in der Gruppe wuchs mit dem Teilen von schönen Erfahrungen, Annehmen von Konflikten und Überwinden von Schwierigkeiten. Nicht Konkurrenz, sondern gegenseitiges Bereichern. Spüren was ich und der/die andere braucht. Immer häufiger machten in den Pausen die Kekstüten, Nussdosen oder Mangoscheiben die Runde. Auch Ankes Gespür und Fähigkeit, darauf zu achten, dass keiner im Gespräch ausgeschlossen ist, umrundete das Miteinander. Kai-Uwe nahm für sich mit: „Ich muss nicht gleich sagen, dass ich es dann ganz lasse, wenn einem was nicht gefällt.“ Gerade Ute war fasziniert von den Prozessen und den Entwicklungen. In ihr reifte der Wunsch, die Ausbildung zum DAV Wanderleiter zu absolvieren, ein Gedanke, den nicht nur sie hatte. Auch die Idee, eine spezielle Yoga-Wanderung für Frauen anzubieten, wurde geboren.

 

Fazit

Die gelebten Momente der Achtsamkeit: das Sein im Moment der Gegenwart, dem Jetzt und Hier; zu spüren, was ist und dabei alles zulassen, was entstehen mag; willkommen heißen, was kommt, und nicht bewerten. Im Einklang mit der Natur und uns selbst die vielseitigen Landschaftsgegensätze genießen und unseren Blick immer wieder nach innen richten. Dabei unsere Sinne wecken, wenn wir den Zirbenduft riechen, unsere Lebensfreude teilen, wenn uns die Sonne anlacht, in Bewegung kommen, wenn wir den Berg erklimmen, unseren Rhythmus finden, wenn wir unseren Atem beobachten, den Energiefluss spüren, wenn wir das kühle Bergwasser trinken. Auch der weitere Text der Tourenausschreibung liest sich jetzt in der Vergangenheitsform: Wir wanderten durch die alpine Bergwelt des hinteren Ötztals, atmeten frische Höhenluft, trainierten unseren Kreislauf und bestaunten die Natur in Dankbarkeit für den Gastraum, den sie uns bot.

Tipps, Angebote und ein Bergpodcast „Achtsam in die Berge“ offeriert auch die DAV Kampagne „Spüre dich selbst“.

 

Infos zur Tour: Ötztaler Alpen - von Vent nach Obergurgl

Je nach Hüttenbelegung kann es ratsam sein, die Tour in umgekehrter Richtung zu gehen. Die Wege sind gut markiert und mittelschwer mit wenigen schweren Passagen. Im Frühsommer Restschneefelder, daher besser Ende Juli bis September. Gipfeltouren mit leichter Kletterei (II) möglich, jedoch dafür extra Zeit einplanen.

Anfahrt

Gute Zugverbindung nach Ötztal Bahnhof, von dort per Bus nach Vent oder Obergurgl. Bei PKW-Anreise Parkgebühren einkalkulieren.

Karten, Führer

Alpenvereinskarte Ötztaler Alpen 1:25.000: AV 30/1 Gurgl, AV 30/6 Wildspitze;

Freytag&berndt 1:50.000: WK 251 Ötztal Pitztal Kaunergrat Wildspitze

Rother Wanderführer von Mark Zahel: „Ötztal“ und „Trekking im Ötztal – Pitztal“

Tourismus-Info

Ötztal Tourismus, Achweg 5, A-6450 Sölden, Tel. +43(0)57200 200, info[Klammeraffe]oetztal[Punkt]com, oetztal.com

Hütten

Vernagthütte (2755 m), vernagthuette.de, Tel. +43(0)664 1412119

Martin-Busch-Hütte (2501 m), hotel-vent.at/martinbusch, Tel. +43(0)664 3043151

Ramolhaus (3006 m), info[Klammeraffe]edelweiss-gurgl[Punkt]com, Tel. +43(0)5256 6223

Langtalereckhütte (2450 m), langtalereckhuette[Klammeraffe]alpenverein-karlsruhe[Punkt]de, Tel. +43(0)664 5268655

 

Etappen der Achtsamkeitstour

 

  1. Vent (1900 m) – Vernagthütte (2755 m), 3½ – 4 Std, ↑ 900 hm, ↓ 50 hm
  2. Vernagthütte – Hochjoch-Hospiz (2413 m) – Hängebrücke Rofen - Martin-Busch-Hütte (2501 m), 7 – 8 Std, ↑ 635 hm, ↓ 890 hm
  3. Martin-Busch-Hütte – Talbrücke (2200 m) – Ramoljoch (3189 m) – Ramolhaus (3006 m), 5 – 7 Std, ↑ 1200 hm, ↓ 700 hm
  4. Ramolhaus – Piccard-Brücke (2400 m) – Langtalereckhütte (2450 m), 4 – 5 Std, ↑ 260 hm, ↓ 830 hm
  5.  Langtalereckhütte – Obergurgler Zirbenwald – Zirbenalm (1996 m) – Obergurgl (1907 m), 2½ Std, ↑ 90 hm, ↓ 610 hm; Bustransfer nach Vent
 

Text und Fotos: Ute Zörb-Langen und Dr. Kai-Uwe Ulrich

 

Achtsam in die Berge

Bergpodcast Folge 29

Mehr erfahren
Folge 29 des Bergpodcasts befasst sich mit dem Thema Gesundheit. Warum ist Wandern so förderlich für die physische und psychische Gesundheit? Darüber spricht Julie Schäfer vom Podcast "Lass quatschen!" mit dem Berg- und Gesundheitscoach Toni Abbattista. Unser Alltag birgt viel Stresspotential. Stress ist nicht immer negativ: Er setzt Energiereserven des Körpers frei und macht uns leistungsfähig. Bis zu einem gewissen Grad. Stehen wir ständig unter (negativem) Stress, kann das ernsthafte Folgen für unsere Gesundheit haben. Für das körperliche und geistige Wohlbefinden ist ein Ausgleich zum Alltag deshalb wichtig – zum Beispiel in Form von Wanderungen. Im Interview spricht Julie Schäfer vom Podcast „Lass quatschen“ mit Berg- und Gesundheitscoach Toni Abbattista über Gesundheit und Achtsamkeit und was das eigentlich mit Bergsport zu tun hat.   Mehr Infos, Tipps und Anregungen rund um gesundheitsorientierten Bergsport liefert die Kampagne „Spüre dich selbst“, die der DAV gemeinsam mit seinem Partner Bergader ins Leben gerufen hat.