logo-dav-116x55px

Macht Sinn! Macht Spaß! Macht Mut!

Gemeinsam draußen mit und ohne Depressionserfahrung

12.02.2022, 09:34 Uhr

Seit 2012 klärt Sebastian Burger mit der von ihm ins Leben gerufenen MUT-TOUR zum Thema Depressionen auf: Gemeinsam mit von Depressionen betroffenen Menschen ist er dazu mit dem Rad oder wandernd in ganz Deutschland unterwegs, um auf mehrtägigen Etappen ungezwungen Wissen rund um eine der hierzulande häufigsten und meist unterschätzten Krankheiten zu teilen.

Was genau ist die MUT-TOUR?

In kleinen Gruppen sind wir sieben Tage auf Tour, entweder auf dem Tandemfahrrad oder wandernd in Begleitung von Pferden.

 

Mit uns sind Menschen mit und ohne Depressionserfahrung unterwegs und machen gemeinsam nicht ganz alltägliche Outdoor-Erfahrungen. Auf unseren Etappen bieten wir einerseits den Teilnehmenden eine Gelegenheit zum intensiven Austausch. Außerdem halten wir in verschiedenen Orten und kommen zum Beispiel auf Marktplätzen mit interessierten Leuten ins Gespräch und ganz viel auch mit Medien.

 

Was wollt ihr erreichen?

Wir setzen uns für einen offenen Umgang mit Depressionen ein. In erster Linie sind wir ganz klar ein Selbsthilfeverein. Mit unseren Aktionen wollen wir Menschen, die schon mal mit Depressionen zu tun hatten, unterstützen. Das Gemeinschaftserlebnis, die tägliche Bewegung und die Naturerlebnisse während der MUT-TOUR sollen da helfen.

 

Zum anderen wollen wir erreichen, dass Menschen, die noch völlig uninformiert sind, sich dem Thema Depression ganz unverkrampft zuwenden. Viele Teilnehmende sind gewissermaßen Vorbilder, denn sie haben eine Depressionserfahrung gemacht und einen Umgang mit ihrer Situation gefunden. Im Dialog können sie anderen Mut machen und persönliche Handlungsspielräume zeigen – ob das nun Selbsthilfe oder professionelle Hilfsangebote sind.

 

Wie reagieren die Leute unterwegs auf euch?

Ganz klar: anfangs war ich gemeinsam mit den Menschen, die ich begleitet habe, unsicher, wie andere auf uns reagieren würden.

 

Es hat sich aber schnell gezeigt: wenn wir ins Gespräch kommen mit den Leuten, bewegen wir uns sehr schnell auf einer sehr persönlichen Ebene. In all den Jahren habe ich nur sehr selten einen blöden Spruch gehört. Im Gegenteil: ich würde sagen, dass von Beginn an die Menschen sehr verständnisvoll und interessiert reagierten, sogar positiv. Das war anfangs schon etwas überraschend. Wir haben schnell bemerkt, dass wir immer wieder auch Menschen persönlich berühren. Das unterstreicht für uns einmal mehr die Sinnhaftigkeit unseres Unterfangens.

 

Was man schon auch sagen muss: in letzter Zeit, durch Corona waren und sind plötzlich Menschen psychosozialem Druck ausgesetzt, die vorher nie mit dem Thema zu tun hatten. In gewisser Weise ist die Gesellschaft nochmals offener geworden und geht nun etwas bewusster mit psychischen Erkrankungen um.

 

Was genau tut man, um bei euch mitzukommen?

Schreib uns einfach! Im Frühling veranstalten wir Kennenlern-Wochenenden: es geht etwa 400 Höhenmeter auf eine einfache Hütte. Die ist ohne Strom, aber mit WC. Dabei kann man schon mal ansatzweise erleben, wie es auf einer MUT-TOUR ist, bei der wir dann auch ohne Elektrizität unterwegs sind und meist das Zelt aufschlagen. Luxusarmes Gruppenleben, wenige Rückzugsmöglichkeiten, viel Agenda – all das erproben wir gemeinsam. In dieser Situation wird schnell klar, wem das zu viel ist. Und auch, wer zu uns passt und zu wem wir passen.

 

Klingt, als ob nicht jeder mitkann – wo sind eure Grenzen?

Wir verstehen und ganz klar als wichtiges Selbsthilfeangebot. Die MUT-TOUR ist jedoch keine Therapie und bei uns kann man nicht finden, was Ärzte und Therapeuten bieten. Deshalb können wir auch niemanden mitnehmen, der gerade in einer akuten Depressionsepisode steckt. Wir haben dann aber auch noch andere Formate zum Mitmachen.

 

Erzähl mehr!

Wir haben festgestellt, dass es für viele auch ein zu großer Aufwand ist, sich eine ganze Woche für unsere MUT-TOUR frei zu nehmen. Deshalb haben wir auch andere Formate entwickelt: zum einen beispielsweise kürzere Mitfahraktionen während der Tour, außerdem veranstalten wir Netzwerktreffen.

 

Unter dem Stichwort „Einfach dabei sein“ bietet ihr auch Bewegungsspenden. Wie genau funktionieren die?

Ja, die Bewegungsspende ist Anfang 2020 mit Corona entstanden. – Ein niedrigschwelliges Angebot, das alle, die wollen, an der frischen Luft umsetzen können.

 

Was langfristig sehr spannend ist: mit solch einer Bewegungsspende können auch Menschen ihre Verbundenheit zum Projekt zum Ausdruck bringen und mitmachen, die entweder eben zeitlich beschränkte Möglichkeiten haben oder bei denen unsere Routen nicht vorbeiführen. Nicht zu vergessen: die Bewegungsspende ist auch für Leute geeignet, die ansonsten weniger mit Gruppenaktivitäten oder ähnlichem am Hut haben. Man muss ja auch ganz klar sagen: auf der MUT-TOUR mehrere Tage rund um die Uhr gemeinsam mit an und für sich unbekannten Menschen unterwegs zu sein, ist nicht jedermanns Sache.

 

Außerdem haben wir sogenannte Mut-Schnipsel: Das Ganze funktioniert ähnlich wie ein Geo-Cache. Man denkt sich also einen Ort aus, der nicht zu versteckt ist, aber auch nicht zu offensichtlich. Dann macht man sich Gedanken über ein geeignetes Gefäß für einen MUT-Schnipsel. Die Idee dahinter ist: etwas verstecken, was schön ist oder auch Mut macht. Vielleicht ist das ein Rilke-Gedicht, vielleicht ein charmanter Glücksbringer, der einen Moment Freude bereitet, bevor man ihn wieder sicher und für den Nächsten auffindbar verstaut.

 

Nochmal zurück zum Stichwort „Depressionsepisode“: Winterblues, depressive Verstimmung, Depression … wie grenzt man das voneinander ab?

Die Grenzen sind fließend und es gibt das gesamte Von-bis-Spektrum. Ganz leichte Formen können beispielsweise bei saisonal bedingtem Lichtmangel entstehen. Der Weg vom Winterblues zur Dysthymie, also einer leichten aber oft langwierigen Form der Depression, bei der man sozusagen low-level läuft, ist oft kurz. Bei schwereren Formen kommen stationäre Aufenthalte und Psychopharmaka ins Spiel.

 

Wir klären bewusst auch zum leichteren Ende von Depressionen auf, müssen dann aber schauen, dass Depressionen, wie sie verstanden werden, nicht bagatellisiert werden, also nicht jede kleinste persönliche Krise zu einer Depression gemacht wird.

 

Denn es gilt sich zu vergegenwärtigen: bei schweren Depressionen schaffen es Betroffene im Extremfall nicht mal, sich morgens die Zähne zu putzen. Ganz zu schweigen davon, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und sich einen Therapieplatz zu organisieren.

 

Wenn die Energie fehlt, versuchen Betroffene sicher oft, die Situation allein zu lösen?

Mitunter.

 

Was ich aber ganz wichtig finde und was wir gebetsmühlenartig wiederholen: Darüber sprechen hilft. Das gilt für psychische Erkrankungen im Allgemeinen und für Depressionen im Speziellen. Es gibt keine Situation, in der das Sprechen nicht hilft!

 

Was sagt eigentlich die Statistik?

In Deutschland haben etwa zwölf Millionen Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal selbst mit Depression zu tun. Laut aktueller Statistik haben die meisten dieser Menschen nur eine Episode. Etwa 30 bis 40 Prozent haben jedoch mit zwei oder mehr Episoden zu kämpfen. – Letztere sind auch die Menschen, vorrangig zu unseren Mitfahr- und Mitwander-Aktionen kommen. Bei ihnen lässt sich das Thema Depression nicht mehr wirklich ignorieren.

 

Was ist nach eurer Erfahrung das größte Missverständnis in Sachen Depression?

Eines der größten Missverständnisse ist sicher die Dauer der Episoden.

 

Ganz fachlich gesprochen: die Diagnose einer Depression zu erfüllen (und damit beispielsweise auch dauerhaft eine Therapie finanziert zu bekommen), heißt ja noch lange nicht, dass man die ganze Zeit in einer Episode steckt. Episoden kommen und gehen ja. Zwischen den einzelnen Episoden können Tage, Monate oder manchmal sogar Jahre liegen.

 

Wo gibt’s weitere Informationen rund um Depressionen?

Es gibt viele gute Informationen, allen voran von der Deutschen Depressionsliga, die einen noch viel stärkeren Fokus als wir auf allgemeine Aufklärung hat.

 

Auch auf unserer Seite finden sich natürlich Links zu Aufklärungsstellen. Aber der eigentliche Fokus der MUT-TOUR ist eher, die Menschen zu vernetzten und eben auf diese anderen Stellen zu verweisen.

 

Und wann geht’s los zur nächsten MUT-Tour?

Für 2022 sind wir gerade mitten in den Planungen: alle Termine für unsere Vorbereitungstreffen (ab April) stehen bereits. Groß auf Tour – auf insgesamt 12 mehrtägigen Etappen – werden wir dann wieder im Sommer sein. Los geht’s am 18. Juni in Aurich, unseren Zieleinlauf planen wir derzeit für den 10. September in Regensburg.

 

Seit 2016 veranstalten wir neben Tandem-Touren mit dem Rad auch Wandertouren mit Pferdebegleitung. Das heißt: mit der Gruppe werden jeweils zwei Kaltblüter professionell geführt. Sie tragen einen Großteil des Gepäcks und sorgen natürlich unterwegs für zusätzliche Aufmerksamkeit. Außerdem haben wir „reine Wanderteams“. In diesem Jahr soll es zwei Wanderungen in Mecklenburg-Vorpommern geben, eine weitere inder Pfalz.

 

Falls noch jemand Lust hat mitzukommen – neue Teilnehmende sind immer willkommen!

 

Ergänzender Hinweis: Der Kurzfilm "Tandem Tales" der Hamburger Dokumentarfilmerin und Videojournalistin Jasmin Krüger gibt Einblick in die MUT-Tour und stellt Teilnehmende in Gesprächen und gemeinsamen Momenten vor.