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Tadschikistan - Abschlussexpedition der Kader-Frauen

Lachflash auf dem Dach der Welt

21.01.2017, 15:12 Uhr

Viel Spaß, kulinarische Höhen und Tiefen und jede Menge tolle Touren erlebten die Mädels vom DAV-Expedkader im Pamir. Hier erzählen sie von ihren vier schönen Erstbesteigungen im Ghunt-Tal im Süden von Tadschikistan.

 

Ende August stehen wir mit einen Berg von Taschen am Münchener Flughafen. Fast werden uns beim Check-In die Kocher abgenommen, nach ein bisschen Diskussion kommen sie aber Gott sei Dank doch mit. Schnell zum Flugzeug, und schon heben wir ab.

 

Basislager auf idyllisch grüner Wiese

Im Morgengrauen kommen wir müde in der tadschikischen Haupstadt Dushanbe an. Die Fahrer sind vom vielen Gepäck überrascht, aber dann wird einfach alles aufs Dach gestapelt, und los geht’s. Mit zwei Jeeps holpern wir, mehr oder weniger sanft schlummernd, vierzehn Stunden auf dem staubigen Pamir Highway nach Khorog, der letzten größeren Stadt. Eine sehr nette tadschikische Familie beherbergt uns, während wir vor Ort organisieren. Wahnsinn, was man erreichen kann, ohne ein Wort Tadschikisch, Russisch oder Shughni (Sprache der Pamiri) zu sprechen. Mit einem Lächeln erraten die Einheimischen unsere Anliegen.

 

 

Matthias Poeschel, unser deutscher Kontakt in Khorog, hatte schon im voraus Kontakt zu einer Gruppe von Pamiri-Frauen hergestellt, die zu Trekkingguides ausgebildet werden. Wir finden es super, dass es auch hier Mädels gibt, die sich fürs Klettern begeistern, und haben gemeinsam eine Menge Spaß beim Klettern und Bouldern. Dann geht’s endlich richtig los zum Basislager. In Shadzud im Ghunt Tal laden wir das Gepäck auf Esel, die aus dem Dorf zusammengetrommelt wurden.

 

 

Nicht immer haben sie Spaß am Gehen, aber irgendwann erreichen wir das Basislager, auf einer idyllischen grünen Wiese neben einem Bach. Unser Gemeinschaftszelt beherrscht allerdings das aufrechte Stehen kaum ansatzweise – die nächsten Wochen wird’s kuschelig werden. Dafür haben wir eine echte Expeditionsmama dabei, Sarina, die für unsere reine Frauengruppe als Köchin angestellt wurde. Zwar ist sie völlig unzureichend ausgerüstet. aber sie ist motiviert und lernt schnell.

 

Schnee ist Mangelware

Noch kaum akklimatisiert, verlaufen die ersten Erkundungstouren im Schneckentempo. Im Vergleich zu den Fotos, die wir vom Tal haben, sind die Gletscher leider deutlich zurückgegangen. Schnee ist Mangelware, blankes Gletschereis glänzt an den Gipfeln; weiter unten endlose Geröllmoränen. Per Fernglas entdecken wir dennoch einige potenzielle Ziele. Mühsam transportieren wir unser Material in zwei Hochlager; ein Team startet in den Fels, das andere sucht coole Eislinien.

 

Und schon bald gibt es erste Erfolge; unseren Informationen nach alles Erstbesteigungen. Wie es sich gehört, geben wir „unseren“ Bergen Namen in der Landessprache.

 

Tochka Samba (4977 m): „Atemlos“, „Lachflash Eiskalt Serviert“

(Marie) „Tagebucheintrag Gruppe Lachflash mit den Mitgliedern Dreckspatz Franzi, Samba Dörte und Schusselchen Marie: Nach einer Schneesturmnacht im Hochlager auf 4800 Metern klettern wir über den einfachsten Weg (2 SL, IV bis hart IV+) auf unseren Gipfel, den wir „Tochka Samba“ taufen. Größere Leistungen sind leider wegen Atemlosigkeit nicht herauszuholen.

 

Nach einem Pausetag im Basislager sind wir wieder voll motiviert und wollen die gesichtete Kingline, ein durchgehendes Rissystem auf den Tochka Samba, in Angriff nehmen. Gesagt, getan. Einen Tag lang widmen wir uns bei niedrigen Temperaturen dem Kampf gegen eine fiese Flechte in der ersten Seillänge.

 

Der nächste Tag verspricht warme Stunden, will das Versprechen dann aber doch nicht so recht halten. Franzi gönnt sich die erste Seillänge, noch ist es schattig und saukalt. Schlüsselstelle ist die Schlacht mit dem Flechtenrest bei Cam-Größe 5, danach folgt ein Offwidth. Hier hilft nur ein Haken. Endlich am Stand angekommen, erreicht auch die Sonne die Wand, eingefrorene Hände und Füße können auftauen.

 

Grad als es warm wird, geht’s schon wieder in einen Kamin-Kühlschrank. Nach einer easy Warm-Up-Seillänge ändert sich das Spiel drastisch. Ein schwieriger, teils recht geschlossener Riss bietet einige anspruchsvolle Metern – doch dann hat er wieder perfekte Handgröße und die Kletterei ist der Wahnsinn! Über Blöcke geht’s seilfrei zum Gipfel und die Tour, die wir wegen durchlachter Nächte und Tage „Lachflash, eiskalt serviert“ nennen, ist bezwungen! Schiefes Gipfel-Selfie, Abklatschen und ab zum bereits erforschten Abstieg. Zur Krönung des Tages gibt’s abends im Zelt eine Mousse au Chocolat auf den Erfolg am Tochka Samba, unserem ersten erstbestiegenen Gipfel! Wir sind super happy.“

 

Farihta (5411 m): „Lucia“

(Maria) „Als wir aufbrechen, ist es nicht besonders kalt, aber sternenklar. Mühsam und nicht gerade schnell geht es voran, die Luft ist dünn. Einmal über den Gletscher und schon stehen wir am klaffenden Bergschrund unter der Ostflanke, die uns als die logischste Linie erschien.

 

Als der erste größere Stein vorbeischießt, ergreifen wir die Flucht aus dem zentralen Wandteil und klettern im etwas steileren linken. Das Eis ist erst etwas spröde, Gletschereis eben, aber als die Sonne dann in der Wand steht perfekt zum Klettern.

 

Der Gipfel! Wahnsinn!

Jeder darf mal das scharfe Ende am Seil übernehmen, bis die Wadln brennen. Im oberen Wandteil queren wir auf einen Sattel, um nochmal Sonne zu tanken. Einen Riegel zur Stärkung bringt jetzt keiner mehr runter. Schon beim Gedanken daran wird mir übel.

 

Bis zum Gipfel sollte es nicht mehr als eine Seillänge sein. Susi geht voraus und wühlt sich durch die Gipfelwechte. Kurz darauf sind auch Esther und ich oben. Wir stehen auf dem Gipfel! Wahnsinn! Wir umarmen uns herzlich. Es ist halb vier, bald wird es dunkel. An Eissanduhren abseilend geht es nach unten. Susi trifft zehn von zehn Sanduhren, so kommen wir super voran. Dank Vollmond finden wir den Weg zurück über den Gletscher zum Zelt, wo uns Vroni und Steffi mit warmem Tee empfangen. „Farihta“ soll unser Berg heißen, „Lucia“ (Göttin des Lichts) die Tour, nach Steffis kleiner Tochter Lucia, unserem Glücksbringer.“

 

Als alle wieder im Basislager zurück sind, wird erst mal auf die Gipfelerfolge angestoßen. Da das Wetter dauerhaft gut ist, sind unsere Aufenthalte im Basislager aber eher kurz. Denn auf der abwechslungsreichen Menükarte stehen Buchweizen, Gemüsesuppe, Chinanudeln und zum Frühstück Milchreis oder Grießbrei – mit jeder Menge Öl, Butter und Margarine. Im Hochlager gibt’s wenigstens Trek'n Eat Packerlessen. Also wieder rauf. Dieses Mal in ein anderes Tal, alle zusammen wollen wir auf den höchsten Gipfel des Gebiets. Unter riesigen Rucksäcken kriechen wir abermals die Geröllmoränen hinauf.

 

(Vroni) „Schon beim Losgehen fühlt sich der Rucksack richtig schwer an. Die anderen rennen schon wieder in einem Wahnsinnstempo los, ich muss abreißen lassen. Noch ein Schritt und noch einer. Doch dann merke ich, dass nichts mehr geht. Ich muss mich hinsetzen. Mein Puls rast. Steffi spricht aus, was ich fürchte. Ich muss runter. Damit ist das für mich auch der letzte Versuch gescheitert. Nachdem ich wegen eines Magen-Darm-Infekts in den letzten Wochen immer wieder umdrehen musste, hatte ich mich riesig auf diese Tour gefreut. Doch in der Höhe kann man nichts erzwingen. Die anderen Mädels sind super. Mühsam aufgesparte Leckereien werden mir eingeflößt, um mich wieder auf Vordermann zu bringen. Steffi und Esther kommen mit ins Basislager.“

 

Safed Haikal (5595 m) „Tapfere Krieger“

(Franzi) „Mit gemischten Gefühlen gehen wir nun nur noch zu fünft weiter und schlagen unser Hochlager am Gletscherrand auf. Am nächsten Morgen reißt uns der Wecker um fünf Uhr aus den Schlaf. Bis wir aus dem Zelt kriechen, glänzt unser Gipfel bereits in der Morgensonne. Über den Gletscher geht’s los, zwischen Büßerschnee-Kegeln balancierend, und hinter jeder Kuppe taucht wieder eine neue auf. Auf der dritten Kuppe stehend, haben wir endlich die Gipfelwand vor Augen. Wie sollen wir sie angehen? Der rechte Grat ist die falsche Entscheidung, denn in der Mitte ist eine riesige, unüberwindliche Gletscherspalte. Okay, alles wieder runter und doch mittig durch die Gipfelwand.

 

Susi tanzt über den Bergschrund, und dann gleich 120 Meter am Stück die Gipfelflanke empor; wir folgen als große Seilraupe. Jetzt gibt’s noch einen 50 Meter langen, ausgesetzten Quergang unter der Gipfelwechte, dann stehen wir alle Fünfe auf dem Gipfel, den wir „Safed Haikal“ (Weißer Riese) taufen. Unsere Tour nennen wir „Tapfere Krieger“, Vroni, Esther und Steffi zu Ehren.“

 

Qulla Azhdar (5210 m)

Susi tanzt über den Bergschrund, und dann gleich 120 Meter am Stück die Gipfelflanke empor; wir folgen als große Seilraupe. Jetzt gibt’s noch einen 50 Meter langen, ausgesetzten Quergang unter der Gipfelwechte, dann stehen wir alle Fünfe auf dem Gipfel, den wir „Safed Haikal“ (Weißer Riese) taufen. Unsere Tour nennen wir „Tapfere Krieger“, Vroni, Esther und Steffi zu Ehren.“

 

(Susi) „Erst am Vortag sind wir vom „Safed Haikal“ ziemlich geschafft zurück gekommen. Marie, Maria und Dörte verabschieden sich Richtung Basecamp. Westlich von uns steht der Berg, den wir seinem Erscheinungsbild nach den „Drachen“ getauft haben, und streckt uns seine Flanken zu. Vor sechs Jahren hätten uns wohl schöne Eislinien entgegen geschaut, nun ist es ein Mix aus grauem Eis und brüchigem Fels.

 

Am nächsten Morgen geht es um sechs Uhr los, klirrend stapfen wir durch filigrane Eisstrukturen, „wie ein Elefant im Glashaus“, stellt Franzi fest. Der Anstieg über den Rücken bietet angenehmes Gehgelände, um die Spalten schlängeln wir uns im Zickzack schnell höher. Kurz vor dem Grat wird das Seil ausgepackt, ein paar mal die Haue ins Eis geschlagen, und schon stehen wir bei grandioser Aussicht auf dem Grat. Eisfelder und Blockkletterei führen zur Gipfelwechte. Juhuu, mit 5210 Meter zwar nicht so hoch wie seine Nachbarn, aber dafür war der abwechslungsreiche Anstieg ein richtiger Genuss. Um elf Uhr machen wir uns an den Abstieg, er dauert nicht lange, und am Zelt gibt es erst mal „Gemüse Jambalya“, bevor der nicht so schöne Teil des Tages ansteht: der Weg mit schwerem Gepäck zurück ins Basislager.“

 

Nachdem Steffi, Esther und Vroni schon ein paar Tage vorher das Blockgelände von seiner positiven Seite entdeckt haben und Bouldern gegangen sind, schließt sich der Rest am vorletzten Tag auch noch an. In weiser Voraussicht hatten wir in Khorog noch Drahtbürsten gekauft und putzen nun Blöcke, was das Zeug hält. Angst ist bekanntlich Kopfsache, also polstern wir das Absprunggelände mit Isomatten statt mit Crashpads, so sieht's zumindest sicherer aus. Auch nach drei Wochen Akklimatisation liegen wir nach der nur sehr kurzen Kletter-Anstrengung nach Luft ringend auf – oder eben wieder vor den Blöcken.

 

Das Ende der Expedition steht vor der Tür

Dann warten wir mit gepackten Taschen auf die Esel und ihre Treiber. Als sie da sind, ist der Trubel groß. Es wird ein geselliger Abend am Lagerfeuer, Sarina übersetzt simultan. Auf unsere Beschwerden über das ganze Geröll hier bekommen wir die Antwort, das sei in Ordnung so, die Berge wären schon alt genug. Die ganze Nacht über erinnert uns das Eselgeschrei daran, dass sich die Expedition nun wirklich dem Ende nähert.

 

Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. In Khorog gönnen wir uns alles, worauf wir die letzten Tage verzichten mussten: Obst, Salat, Schokolade. Dann geht's wieder zurück über die Schotterstraße. In Rushan machen wir einen Zwischenstopp in einem Internat, wo 58 Waisenkinder wohnen. Wir bringen ihnen warme Jacken für den Winter mit, die der Verein „Kenial“ durch Spendengelder organisiert hat. Die Freude bei den Kids ist riesig.

 

Fünf Wochen voller Berge und Abenteuer

Am letzten Abend in Duschanbe überzeugen uns Kebab, Mantu (Teigtaschen) und Tomatensalat doch noch von der Qualität der tadschikischen Küche – aber ein paar Stunden später sitzen wir schon wieder im Flieger heimwärts.

 

Das Ende von fünf Wochen voller Berge, Abenteuer und einmaliger Eindrücke. Oder besser gesagt: von zweieinhalb Jahren voller Berge, Abenteuer und einmaliger Eindrücke. Nicht nur die Expedition, auch unsere Kaderzeit geht mit dem Heimflug zu Ende. Es war eine Wahnsinnszeit für uns, in der wir viel gelernt, gelebt und noch mehr gelacht haben. Wir danken unserer Cheftrainerin Dörte, allen Co-Trainern, unseren Sponsoren und natürlich dem DAV! Und sind schon gespannt auf unsere „Nachfolgerinnen“, denn im Sommer 2017 wird der nächste Frauenkader gegründet. Auf geht´s Mädels!

 

Die Touren der Abschluss-Expedition

Tochka Samba (Punkt Samba), 4977 m

Atemlos (250 m , 2 SL, IV); Marie, Franzi, Dörte

Lachflash Eiskalt Serviert (250 m, VII+/VIII-, A0); Marie, Franzi, Dörte

Farihta (Die Göttin), 5411 m

Lucia (500 m, 80°); Maria, Susi, Esther

Safed Haikal (Weißer Riese), 5595 m

Tapfere Krieger (lange Gletschertour, 120 m 60˚); Marie, Franzi, Maria, Susi, Dörte

Qulla Azhdar (Drachengipfel), 5210 m

Gletscheranstieg, 300 m, 60°, III; Franzi, Susi

 

Der DAV-Expedkader Frauen 2016

Esther Baum (Sektion Freilassing)

Marie Hoffmann (Sektion Peiting)

Vroni Krieger (Sektion Trostberg)

Maria Pilarski (Sektion München)

Susi Süßmeier (Sektion Schorndorf)

Franzi Wiele (Sektion Kempten-Allgäu)

Cheftrainerin: Dörte Pietron (Sektion Heidelberg)

Expeditionsärztin: Dr. Stephanie Graßl (Sektion Oberland)

 

 

Mit freundlicher Unterstützung von: