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„Frustriert andere anmeckern, das geht gar nicht“

Veronika Krieger betrachtet den Fels als ihr Element – freut sich aber trotzdem auf hohe Eisberge. Das komplette Interview zu Panorama 2/15.

 

Du studierst Maschinenbau - ist das eine ähnliche Männerwelt wie am Berg?

Ich komme generell gut mit Männern zurecht, sie sind manchmal entspannter als Frauen, Zickenkrieg gibt’s da jedenfalls nicht. Auch im Sport, beim Klettern, war ich fast nur mit Jungs unterwegs. Aber ich hab schon auch ein paar Freundinnen.

 

Was reizt dich an der Technik?

Schon in der Schulzeit mochte ich Mathe und Physik. Ich mag Zahlen gerne, und es reizt mich, Rätsel oder Probleme zu lösen. Jetzt bin ich bald fertig mit meiner Masterarbeit, aber ich kann mir eigentlich noch nicht recht vorstellen, die ganze Zeit vor dem Computer zu sitzen.

 

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Veronika Krieger, Foto: Vertical Axis
Was wäre dann eine Berufsperspektive?

Ich habe mich im Studium spezialisiert auf Strömungsmechanik, dazu gehören oft komplexe numerische Simulationen. Vielleicht hänge ich noch ein Masterstudium Atmosphärenwissenschaften dran, das wäre eine reizvolle Perspektive. Außerdem wären nochmal zwei Jahre Studium mit dem Zeitaufwand für den Kader besser zu vereinbaren, als wenn ich jetzt zu arbeiten anfangen würde.

 

Trotz Technik-Studium bist du die Schreiberin im Kaderteam – ist das ein kultureller Ausgleich für dich?

Das ist übertrieben. Ich habe früher schon öfter Texte über unsere Jugendfahrten fürs Sektionsheft geschrieben und fand das immer ganz nett.

 

Als eine deiner Stärken nennst du „Sturheit“ – das ist auch nicht unbedingt frauentypisch.

Meine Sturheit muss im Kleinkindalter ausgeprägter gewesen sein. Ob das eher für Männer typisch ist oder nicht, ist ja eigentlich egal. Jedenfalls ist Sturheit manchmal auch positiv. Nicht positiv ist sie, wenn man auf seiner Meinung beharrt und andere nicht hören will. Gut daran finde ich: Wenn ich mir was in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich’s durch, egal was andere dazu sagen oder ob Schwierigkeiten auftreten. Aber natürlich nicht blind – Gefahren gegenüber bin ich nicht stur, sondern wäge ab.

 

Vor dem Klettern hast du Ballett gemacht. Hilft dir das heute noch fürs Klettern?

Meine Eltern haben mich viele Sportarten ausprobieren lassen, unter anderem auch Turnen und Ballett. Und beim Ballett-Training habe ich in der Turnhalle die Kletterwand gesehen und wollte das ausprobieren, so mit zehn oder elf. Nach den ersten Versuchen habe ich gleich gesehen, dass das für mich passt und habe mich dann fürs Klettern entschieden.

Vom Ballett und vom Turnen her ist mir eine gute Beweglichkeit geblieben, auch ein ganz gutes Körpergefühl habe ich – dafür haben aber auch andere Sportarten eine Rolle gespielt.

 

Ist der Tanz am Fels vergleichbar mit dem übers Parkett?

Für mich bietet Klettern eher mehr Freiheit als Ballett, mehr unterschiedliche Bewegungen. Und man muss auch mal improvisieren. Ein Sportkletterprojekt übe ich zwar auch ein, trotzdem ist jedes Projekt anders. Und im Alpinen kletterst du meistens aus dem Stegreif. Aber als Achtjährige bin ich im Ballett natürlich noch nicht in die Feinheiten reingekommen, wo es sicher auch interessant wird.

 

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Foto: Vertical Axis

 

Was hat dich damals gereizt am Klettern, und spürst du das heute noch?

Gleich beim Probetraining mit einer Freundin in der DAV-Halle habe ich gemerkt, das macht mir Spaß. Ich bin ja als Kind schon immer gerne auf Bäume geklettert, und die bunten Griffe an der Wand waren cool. Die Halle war unser Abenteuerspielplatz.

Auch heute noch hab ich unglaublichen Spaß beim Klettern, sonst würde ich’s nicht mehr machen. Früher war ich fast nur in der Halle und bin nur ab und zu rausgegangen. Mittlerweile ist das Draußensein ein viel wichtigerer Bestandteil. Nur in der Halle zu klettern würde mir irgendwann zum Hals raushängen.

 

Wie lief Deine Entwicklung nach den ersten Schritten?

Ich habe relativ schnell beim DAV-Jugendtraining mitgemacht. Trostberg ist kleine Stadt, da triffst du immer die gleichen Leute, so hat sich eine schöne Gruppe ergeben, in der wir uns gegenseitig gepuscht haben. Fritz Mussner hat ein Stützpunkttraining in Burghausen geleitet, wo ich regelmäßig dabei war, dann habe ich auch bei einigen Wettkämpfen mitgemacht – bayerische Meisterschaften, ein paar Deutschlandcups. Wobei mir bei den Deutschlandcups zu viel Konkurrenzdruck drin war, bei den Bayerischen hast du die Leute gekannt und alles war viel gemütlicher.

 

Klettern ist deine Lieblingsdisziplin – oder fast die einzige?

Tatsächlich habe ich fast gar keine Eis- oder Hochtouren gemacht, fast nur Sportklettern, und ein paar Alpintouren. Sportklettern war mir früher lieber, in den letzten Jahren reizen mich eher die Berge. Ich studiere ja in Erlangen und komme viel in die Fränkische, auch mal für den Nachmittag. Aber die Alpen sind einfach schöner – und höher.

 

Wo magst du noch was lernen? Ist Eis angesagt?

Eisklettern reizt mich auf jeden Fall. Ich habe einmal eine Jugendleiter-Fortbildung zu dem Thema gemacht. Und letztes Wochenende bin ich mit den Kaderkollegen Franzi, Maria und Xari von Innsbruck ins Sellrain zum Wasserfallklettern gefahren. Das war schon cool. Anfang Februar ist unsere Eiswoche in Argentière, da wird sich’s zeigen, wie ich mit schwerem Eis zurecht komme. Aber im Grund glaube ich, dass der Fels mein Element ist.

 

Reizen dich Alpinklassiker, die großen Nordwände?

Im Prinzip schon. Aber nicht in nächster Zeit. Da gehört viel Routine dazu, ich müsste viel schneller werden und das Gelände besser abschätzen können.

 

Was waren Highlights, an die du gerne zurückdenkst?

Kurz nach dem Abi konnte ich in Karlstein eine schwierige Route klettern. Ich war nach Traunstein geradelt und Fritz hatte mich mitgenommen, am Fels waren viele Leute, jeder hat sein Projekt abgehakt – das war eine total motivierende, positive Atmosphäre.

2012 war ich mit einem Kumpel in Schweden zum Tradklettern. Erstmals richtig schwere Kletterei komplett selber abzusichern und auch mal in selbst gelegte Friends zu fallen, das war eine intensive Erfahrung.

Und in die Plattendirettissima an der Kleinen Halt sind wir zu spät eingestiegen, waren erst in der Dämmerung am Wandfuß, mussten drei Stunden durch die Nacht runterlaufen und mit vielen Fahrerwechseln heimfahren; dieser Zustand der totalen Erschöpfung ist auch eine coole Erinnerung.

 

Was braucht es also, damit es ein guter Tag wird?

Es muss nicht eine super schwere Tour sein, es sind die intensiven Erfahrungen: Angst überwinden, abends völlig platt sein, gute Stimmung mit guten Leuten. Im Team sich gegenseitig motivieren, sich freuen für die anderen. Aber frustrierte Leute, die andere anmeckern, das geht gar nicht.

 

Gab’s auch schon weniger schöne Erlebnisse?

Richtig Übles hab ich eigentlich nie erlebt. Einmal sind wir im Herbst am Olperer in ein Gewitter gekommen, waren aber bald vom Grat weg und aus der Gefahrenzone heraus. In der Wießner-Rossi standen wir plötzlich im Hagel und haben gedacht: Jetzt müssen wir schaun, dass wir wegkommen. Da merkt man, dass man ausgesetzt ist, weit draußen und auf sich selbst gestellt. Aber so richtig wild waren diese Situationen eigentlich alle nicht.

 

Wie reagierst du dann? Cool, oder kommt Panik auf?

Ich versuche natürlich, cool zu bleiben. Sicher kann es mal sein, dass Unruhe aufkommt; dann muss man aufpassen, keine Fehler zu machen. Aber ich kann ziemlich gut mit Stress umgehen und mich konzentrieren.

 

Wie gehst du generell mit dem Risiko beim Bergsport um?

Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass Alpinklettern riskanter ist als Sportklettern. Das gehört ja auch zu seinem Reiz. Man muss halt vorher abschätzen, ob man der Aufgabe gewachsen ist. Und spontan in der Situation auch bereit sein zum Umdrehen, falls angebracht.

Generell hoffe ich, dass ich vernünftig bin. Und glaube auch, dass ich nicht „Augen zu und durch“ mache, sondern realistisch bin bei Tourenauswahl und -durchführung.

 

Gehst du voll drauflos auf deinen Touren oder eher vorsichtig?

Auch da ist Alpinklettern ganz anders als Sportklettern. Du musst dich immer kontrolliert bewegen, was natürlich mehr Kraft kostet.

Wenn ein Bohrhaken unter mir ist, traue ich mich schon mal eher, was auszuprobieren. Dagegen mit einem Friend unter mir ist es ein anderes Gefühl, auch wenn ich rational weiß, dass er mich hält, wenn er gut gelegt ist. Das ist Kopfsache und braucht viel Routine, bis es passt. Eine gute Methode ist die Gewöhnung: erst mal reinsetzen, sich ein Stückchen reinfallen lassen – sich annähern und Vertrauen aufbauen.

Dabei ist es eigentlich widersprüchlich: Selbergelegtem Material misstraut man leicht, auch wenn man sieht, dass es eigentlich gut liegt. Einem Bohrhaken dagegen traut man von vornherein viel zu, dabei kann der ja auch durchgerostet sein.

 

Und die Erschöpfung? Gehört sie zwingend zu einem befriedigenden Bergtag dazu?

Ich powere mich halt gerne aus. Das gehört für mich dazu. Es kann auch nur der Zustieg sein: drei Stunden hinlaufen und drei zurück, dann bin ich am Schluss auch fertig, auch wenn die Tour nicht so schwer ist. Klar: Wenn ich nur einen halben Tag Zeit habe, macht man halt was kürzeres und ist dann nicht so erschöpft.

 

Aber wenn du einen Tag Zeit hast und die Wahl zwischen einem harten, langen Grat und Sportklettern mit Picknick in der Wiese?

Dann wähle ich den Grat. Wenn die Möglichkeit da ist, dann die härtere Tour.

 

Auch wieder eine eher „männliche“ Einstellung, oder?

Kann ich schlecht beurteilen. Die Mädels im Kaderteam sind auch so drauf – aber das ist natürlich eine entsprechende Auswahl. Ich mache ab und zu Jugendfahrten für unsere Sektion – da sind die Jungs schon auch mal fauler als die Mädchen.

 

Siehst du denn Unterschiede, wie Frauen und Männer bergsteigen? Mit wem bist du lieber unterwegs?

Vor der Kaderzeit war ich fast nur mit Jungs unterwegs. Die wissen was ich kann, und ich fühle mich gleichberechtigt; mit anderen würde ich gar nicht losziehen. Aber nach außen hin muss ein Mädchen, das mit einem Jungen unterwegs ist, immer beweisen, dass sie nicht die Schwächere ist.

Da hat uns mal bei einer Skitour jemand was gefragt und meine Antworten völlig ignoriert, nur ernst genommen, was mein Kumpel gesagt hat. Dann wollte er sich noch uns anschließen. Das hat mich so genervt, dass ich einfach losgelaufen bin und er nicht mehr hinterher gekommen ist.

Mit einem Mädel zusammen muss man die Gleichberechtigung nicht so beweisen wie gegenüber einem Mann. Jedenfalls hörst Du als Frau, die offensichtlich selbständig unterwegs ist, schon mal erstaunte Sprüche. Aber normalerweise anerkennende.

 

Da könnte man natürlich sagen, auch das ist eine Macho-Perspektive.

So eng muss man das nicht unbedingt sehen. Ich freue mich einfach drüber.

 

Wie ist das Gefühl mit dem Frauenteam des Kaders? Und wie kamst du darauf, dich zu bewerben?

Wie bei den meisten ist das nicht von mir ausgegangen. Ein Freund hat mich darauf hingewiesen, als der erste Frauenkader ausgeschrieben wurde: „Das wär doch was für dich“. Und ich dachte, cool wär das schon, aber ich hab noch nicht genug Erfahrung. Und hab mir gesagt, ich mach noch ein paar Touren und bewerbe mich dann in zwei Jahren. Aber ich konnte dann nicht viel machen, weil ich wegen zwei Schulterverletzungen lange pausieren musste.

Dann, nach langer Pause, habe ich wieder angefangen und war voll motiviert; gerade mit dem Ziel, mich für den Kader zu bewerben, bin ich schnell wieder stark geworden. Dabei war ich mir bewusst, dass ich zwar stark klettern kann, was auch im alpinen Gelände hilft, dass mir aber Erfahrung im Eis fehlt. Ich hab’s halt einfach probiert, weil es altersmäßig mit 23 die letzte Chance war – und bin glücklich, dass es geklappt hat.

 

Und wie ist das Gefühl im Team?

Absolut super! Vor dem Auswahl-Camp in Chamonix hatte ich Bedenken, dass die Woche stressig wird, weil alle in den Kader wollen. Aber vom ersten Tag an war es mit allen zwölf Leuten klar, dass es eine entspannte Woche wird. Und der verbliebene Rest, die sechs, die jetzt im Kader sind, passt auch gut zusammen.

 

Was reizt dich überhaupt am Thema „Expedition“?

Es ist schon dieses komplexe Gesamtpaket. Monatelange Vorbereitung und Training, Material hinbringen; in einem unbekannten Land mit ganz anderen Menschen ankommen; alle Details in kürzester Zeit organisieren in einem Tal, wo kaum noch Zivilisation ist. Dann vier, fünf Wochen am Stück in einem Basislager sitzen, von dort losstarten und irgendwas machen, was noch nie jemand gemacht hat und wo man spürt, dass man weit weg ist von der Zivilisation. Irgendwo im Nirgendwo zu stecken, mit einer coolen Tour im Gepäck – ich glaube, das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Und freu mich schon drauf.

 

Was für ein Ziel könnte Dich reizen?

Obwohl eigentlich der Fels mein Element ist, hat für mich eine Expedition immer mit Eis zu tun. Also würde ich gerne an einen hohen Berg fahren, um sechstausend Meter, mit Schnee und Eis. In welchem Land, weiß ich noch nicht richtig. Nur über Gletscherhänge rauflatschen wäre allerdings nicht wirklich befriedigend, es darf ruhig auch ein bisschen schwerer sein – ist in der Höhe eh alles relativ.

 

Wieviel Zeit investierst du in deinen Sport? Trainierst du regelmäßig?

Wenn ich eins zuwenig mache, dann Pause. Während dem Studium bin ich im Sommer oft vier Tage pro Woche draußen klettern – das geht in der Fränkischen ja gut am Nachmittag. Nur mit Klettern würde mir aber was fehlen, ich brauche auch Ausgleichssport: Laufen, auch Yoga. Eigentlich mach ich fast jeden Tag Sport: pro Woche vielleicht vier- bis fünfmal Klettern, dann bleiben zwei bis drei Tage für was anderes.

 

Hast du bestimmte Tourenziele? Arbeitest du gezielt darauf hin?

Ich habe keine speziellen Ziele im Kopf. Aber was mir in Chamonix gut gefallen hat, war die „Cassonade“ (IX-) an der Falaise de Maladière. Vorher hatte ich im Gebirge nie schwierige Mehrseillängenrouten gemacht, für mich hatten auch alpine Ziele nichts mit vielen Bohrhaken zu tun.

Jetzt habe ich gemerkt, dass das richtig Spaß macht, da kann ich mich voll auspowern. An ein Sportkletterprojekt arbeitest du zwar auch hin, aber bist eher von der Spitzenkraft her limitiert, wenn du einen schweren Zug nicht mehr hinkriegst. Bei schweren Mehrseillängenrouten hat jede Seillänge eine andere Anforderung und oben bist du ganzkörper-platt.

Wahrscheinlich möchte ich auch ein bisschen mehr im Eis machen. Früher haben mir dazu die Leute gefehlt. Bei dem Wochenende mit den Kaderkollegen hab ich jetzt gemerkt, dass es mir schon Spaß macht.

 

Bei den Kaderjungs machen einige den Bergführer. Wäre das was für dich?

So was hatte ich nie im Kopf. Bergsport ist für mich Freizeitbeschäftigung. Mein Studium und die damit verbundenen Berufsfelder interessieren mich; ich brauche auch was für den Kopf, was mich auf andere Art fordert als beim Klettern.

 

Was tust du, wenn du nicht am Berg bist?

Ich spiele viel klassische Gitarre und ein bisschen Jazz, hatte zehn Jahre Unterricht, das gefällt mir gut. Am Lagerfeuer spiele ich seltener, weil ich die Lieder nicht auswendig kann. Aber vielleicht nehme ich die Gitarre mit auf die Expedition.

Zum Lesen komme ich wegen der Masterarbeit gerade nicht so, habe einen ganzen Stapel Bücher daliegen. Bücher, die mich interessieren, haben oft einen etwas wissenschaftlichen Hintergrund. Oder sind Geschichten von Kletterern.

 

Deine Botschaft an Berg-Mädels?

So weitermachen wie es einem taugt. Spaß am Klettern haben, genießen. Sich nicht einschüchtern lassen – weder vom Berg noch von den Männern.