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„Du siehst was und sagst: Da will ich rauf!“

Susi Süßmeier hat sich das Bergsteigen selbst beigebracht – und dabei ihre eigene Stärke entdeckt. Das komplette Interview zu Panorama 1/15.

 

Du hast dir das Bergsteigen mit einem Kumpel selbst beigebracht – war das nicht gefährlich?

Ich war in einer Klettergruppe der Naturfreunde, wir sind ein-, zweimal im Monat zusammen klettern gegangen, im Sommer draußen, im Winter in der Halle. Fast jeden Sommer ging es für ein paar Tage ins Blautal, einmal sind wir auch Klettersteige gegangen. Mit 18 habe ich die ersten Mehrseillängenrouten gemacht.

Der Wunsch, bergsteigen zu gehen, kam irgendwie von selbst. Als ich den Führerschein hatte, habe ich einen Kletterkameraden gefragt, ob er mit zur Zugspitze will. Kartenlesen konnte ich von den Eltern. Wir sind durchs Höllental problemlos auf die Zugspitze gestiegen, haben im Münchner Haus übernachtet und uns dann überlegt, was jetzt der interessanteste Weg zurück zum Auto wäre. Klar: über den Jubiläumsgrat! Das war dann aber nicht so easy, wie wir uns eingebildet hatten. Die ersten Stunden, wo man sehr exponiert und ohne Sicherung im brüchigen Fels klettern muss, da kam mir das Gehen am Grat vor wie Balancieren auf einem Drahtseil, nach vier Stunden war ich psychisch ziemlich hinüber. Aber wir sind durchgekommen, auch wenn’s ein bisschen länger gedauert hat: Erst nach zehn Stunden waren wir an der Alpspitze, dann sind wir noch zu Fuß ins Tal und nachts heimgefahren – die Kondition war ganz gut.

 

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Susanne Süßmeier auf der Fiamma Spazzacaldeira (Bergell), Foto: Archiv Süßmeier

 

Hm, nicht ganz so vorbildlich…

Wir hatten niemanden, der uns sagte: „das ist zu gefährlich“. Und wir hatten niemanden, der uns zeigte, wie es geht. Außerdem waren wir damals so motiviert, dass uns Ersteres nicht aufgehalten hätte und das Zweite nicht hinderte.

Im Nachhinein betrachtet, hätte da schon mehr schief gehen können – wir hatten keine alpine Erfahrung (außer einmal Klettersteig gehen) und daher auch keine Reserven, falls etwas schief gehen würde. Aus damaliger Sicht hat uns nichts davon abgehalten, Sportklettern konnten wir wesentlich schwerer und Kondition hatten wir auch. Dass so ein Grat etwas anderes ist als ein beschilderter Wanderweg, Klettersteig und Sportklettern merkte ich dann ziemlich bald. Das ausgesetzte Gelände und der brüchige Fels zehrten an meinen Nerven und ich war richtig froh, als wir auf der Alpspitze ankamen… Aber wir haben es überlebt und es hat uns keineswegs die Motivation genommen, ganz im Gegenteil.

 

Wie ging’s dann weiter?

Im Jahr drauf war ich in Neuseeland, bin aber nur normal gewandert und geklettert. Daheim kam dann die Frage: Was machen wir jetzt? Und irgendwie sind ein Sportkletterkollege und ich auf die Idee gekommen, den Dom im Wallis zu besteigen. Das ganze Zeug fürs Eis mussten wir uns zusammenleihen, aber es hat prima geklappt: Wir haben einfach geschaut, wie es die „richtigen Bergsteiger“ machen. Und haben natürlich auch deren Fehler nachgemacht, zum Beispiel statt der lehrmeinungshaften 12-15 Meter Seilabstand zwischen zwei Personen auf dem Gletscher nur gesprächigere 4-6 Meter. Statt für den Normalweg haben wir uns kurzer Hand für den Festigrat entschieden, der sah „interessanter“ aus, und standen nach den üblichen 6 Stunden glücklich (und von der Höhe fertig) am Gipfel.

 

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Susanne Süßmeier im Elbsandstein, Foto: Vertical Axis
Hast du deine Touren heute besser im Griff als diese ersten Abenteuer?

Will ich hoffen :-)

2010 bin ich zum Studium nach Innsbruck gezogen und habe erst richtig gemerkt: Kletterkönnen und Kondition sind nur ein kleiner Teil des Bergsteigens. Wir kauften uns Seiltechnikbücher, übten daraus Spaltenbergung am Balkon und zogen wieder los. Dabei stellten wir dann fest, dass die Orientierung, das Übertragen der Tourenbeschreibung ins Gelände, viel Übung braucht…

Einiges zur Orientierung habe ich bestimmt beim Soloklettern an alpinen Graten gelernt. Da gibt es keinen, mit dem man über den „richtigen Weg“ diskutieren kann, und im weglosen Gelände wird der Weg von der logischen Linie, dem eigenen Kletterkönnen und dem Kopf (Psyche) bestimmt.

Bis heute war ich viel unterwegs und habe einige Ausbildungen gemacht. Es hat sich mittlerweile ein auch ein Gefühl für Touren entwickelt. Bei vielen Touren weiß ich jetzt: „da kann mich nicht wirklich etwas überraschen, ich kenne solches Gelände und fühle mich dort wohl.“ Und auf die Touren, wo ich das nicht habe, wo ich das Gelände (noch) nicht einschätzen kann, geh ich nur mit Leuten, die erfahren sind und für sich die Frage mit der Einschätzung (Eigenkönnen) positiv beantworten oder mich überzeugen, dass das Gelände auch für mich nichts unüberwindbares aufweisen wird und wir es versuchen können. Dabei denke ich zum Beispiel an „Scotch on the rocks“ an den Geierköpfen, an die ich mich mit der Maria eigentlich nicht hingetraut hätte. Dann war aber eine Kollegin dort und meinte, dass sie sich ganz sicher sei, dass wir das können… und sie hatte recht.

 

Der Wohnort Innsbruck und die dortige Szene haben dich also weiter gebracht?

Unterschiedlich. 2011 habe ich mich mit Franzi, die auch im Kader ist, Freunden angeschlossen, die von der Geraer Hütte zum Schrammacher wollten. Die Jungs haben viel im leichten Gelände gesichert, wir sind einfach so hinterhergestiegen; trotzdem hat das alles viel zu lange gedauert und wir haben’s irgendwann abgebrochen. 2012 habe ich die Tour dann mit Max gemacht, der am Dom dabei war. Seither war ich vor allem klettern in Mehrseillängenrouten, kaum noch auf Eis- und Gletschertouren.

So richtig Erfahrung im „weglosen Gelände“ habe ich aber hinter meiner Haustür an den westlichen Gipfeln der Nordkette gesammelt: Dort gibt es wunderschöne Grate mit Dreier- und Viererstellen, zu denen ich mich 2012 gelegentlich alleine auf den Weg machte. Wo es lang geht, entscheidet die Linie, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und ab und zu sagt einem ein Schlaghaken: Da war schon mal jemand vor dir – mit Seil und Partner….

Generell gibt es ja zwei Sorten von Bergsteigern. Die einen haben viel Respekt und Angst, machen Kurse, kaufen sich die neueste Ausrüstung. Die anderen sind voll motiviert, sorgen sich nicht viel und gehen einfach los. Beides ist nicht wirklich gut. Ich bin eher optimistisch unterwegs, war immer eher der „ich geh einfach mal los“-Typ. Und rausbekommen werde ich das wohl nie ganz. aber das Know How und damit das Einschätzungsvermögen wächst ja… Heute bremst mich die Unsicherheit vielleicht sogar zu sehr: etwa wenn ich bei manchen Touren unbegründet lange zögere, vor allem, wenn der Partner/die Partnerin „nur“ gleichstark oder schwächer ist. Dann habe ich Angst, sie irgendwo hinein zu ziehen.

 

Tja, das alte Balanceproblem zwischen zu sorglos und zu vorsichtig – wo ziehst du die Grenze beim Umgang mit dem Risiko?

Ist Risiko nicht oft nur subjektive Einschätzung? Hätte ich mich am Festigrat am Dom unsicher gefühlt, wären wir nicht hoch gegangen. Vielleicht hatten wir eben eine „falsche“ Einschätzung unseres Risikos…. Ich denke mir bei jeder Tour: Sie ist es nicht wert, dafür zu sterben. Also plane und mache ich nur, was sich sicher anfühlt. Dann kann eine Klettertour auch schon mal am Einstieg scheitern, wenn ich das Gefühl hab, da bring ich mich um, falls ich vor dem ersten Haken stürze. Und ein anderes Mal bin ich mir des hohen Risikos bewusst, vertraue aber auf meine Fähigkeiten, dass ich das kann. Zum Beispiel beim Alpinklettern, wenn man lang nichts legen kann und genau weiß: Wenn ich dort jetzt stürze, dann komm ich um eine Verletzung wahrscheinlich nicht herum. Oft hängt es von der Tagesverfassung ab, ob ich ja oder nein sage.

Ich bin auch gerne alleine auf Tour. Dabei mache ich mir natürlich schon Gedanken ums Abstürzen. Aber ich mache ja keine schlimmen Sachen. Trotzdem lege ich schon zuhause einen Zettel hin, wo ich unterwegs bin, für den Fall, dass….

In der Aktion denke ich dann nicht darüber nach was passieren kann, sondern mache was zu tun ist. Mental, im Kopf, bin ich ziemlich stark – so fahre ich auch mal mit Ski steilere Sachen ab. Aber nur, wenn ich mich wohl fühle. Wenn mir das Risiko zu hoch wird, spüre ich das und verzichte. In einemTeam ist das natürlich schwieriger, weil jeder eine andere Einschätzung haben kann. Generell finde ich: Wenn sich einer unwohl fühlt, wird umgedreht, sofern das dann ungefährlicher ist.

Manchmal hab ich eine Idee, welche Tour mich reizen würde. Und wenn dann der passende Moment kommt, dann fühlt sich alles „richtig“ an. So was wie den Bumillerpfeiler würde ich zwar als Tour gern gehen, aber die eisschlaggefährdete Zone am Einstieg schreckt mich derzeit zu sehr ab. Mit etwas mehr Erfahrung werde ich das vielleicht besser einschätzen können, oder zumindest das Gefühl haben, dass ich es kann. Und dann werde ich das Risiko vielleicht in Kauf nehmen, denn dann ist es subjektiv ja kleiner.

 

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Abfahrt vom Zuckerhütl, Foto: Archiv Süßmeier

 

Wenn du auf Touren Fehler gemacht hast – ziehst du Lehren daraus?

Ich rede sehr gerne nach der Tour über die Taktik, ob sie richtig war und alles gepasst hat. Oft bin ich mit Maria unterwegs – und danach fragen wir uns eigentlich regelmäßig: Was hätten wir besser machen können, was war nicht gut? Früher habe ich viel Jugendarbeit gemacht, wo so etwas dazugehörte, und auch durch die Lehramtsausbildung bekommt man Anstöße, wie man systematisch über Verbesserungen nachdenken kann.

Manche Bergsteiger wissen immer was sie tun, andere gehen einfach drauflos. Fürs erste bin ich noch nicht weit genug, das zweite versuch ich zu vermeiden.

 

Bist du auf deinen Touren mit Vollgas unterwegs oder eher vorsichtig?

Kommt drauf an, was es ist. Bei manchem trau ich mich ewig nicht, auch wenn es kein Problem wäre. Ein andermal sehe ich keine Bedenken. Die Frage ist ja: Passt das Gefühl angesichts der äußeren Faktoren? Je mehr man macht, je mehr Erfahrung man hat, desto besser kann man’s einschätzen. Wenn’s was neues ist, wird das Einschätzen schwieriger.

 

Bist du mehr mit Männern oder Frauen unterwegs? Was sind die Unterschiede?

Früher war ich viel mit Jungs unterwegs, letztes Jahr ziemlich viel mit Mädchen. Das ist total lässig, als Frauenseilschaft unterwegs zu sein. Dass man als Frauenteam immer noch bewundert wird, ist dabei nur ein netter Faktor, aber nicht wichtig. Ende Juli bin ich mit einer Freundin aus Tirol eine Woche geklettert, dabei haben wir nie eine Frau am Vorsteigen gesehen, alle waren nur Anhängsel.

Eigentlich ist es mir egal, ob ich mit Frauen oder Männern unterwegs bin; mit Männern ist es aber manchmal komplizierter. Zum Beispiel muss man oft erst die Beziehung klären. Natürlich ist ein Mann oft der Stärkere, konditionell wie im Kletterkönnen, da hast du immer eine Reserve, einen Vorsteiger, wenn’s zu wild wird. Manchmal wirst du allerdings auch überfahren und sie wollen den „Hauptteil“ machen. Aber es gibt auch kollegiale. Einer zum Beispiel hat mich konsequent ermuntert: „komm, steig das vor, das kannst du“. Oder im Bayerischen Traum, da war ich mit einem Freund unterwegs, den hauptsächlich die schwierigen Seillängen gereizt haben, da habe ich für mich die psychischen Längen als Aufgabe genommen.

Mädchen sind meistens gleichstark; man ergänzt sich leichter. Du weißt, jeder hat seine Stärke, man macht als Team nur das was man kann. In Chamonix war ich zusammen mit Maria und Ricki – da war jede gleich stark, jede trägt ihren Teil zum Gelingen bei. Das ist ein unheimlich schönes Gefühl, weil man selber viel stärker sein muss, mehr gefordert ist. Und du hast keinen Joker in Reserve, der den Rucksack oder das Seil trägt. Außerdem sind Mädchen einfühlsamer und die Gespräche sind anders.

 

Wie ist dann das Gefühl mit dem Frauenteam des Kaders?

Ich glaube, dass wir ein gutes Team werden, auch wenn wir bisher noch nicht viel gemeinsam gemacht haben. Maria und Franzi habe ich eh schon vorher gekannt. Wir sind alle ganz unterschiedlich, und jede von uns hat ihre besonderen Stärken, ich glaub, das passt gut zusammen und wir können auch viel voneinander lernen! Im Sommer haben wir die Esther in Salzburg zum Sportklettern besucht, bei der Vroni in Franken waren wir auch schon gemeinsam klettern. Ich war nie so die motivierte Sportkletterin, jetzt durch die starken Mädels im Kader habe ich Motivation bekommen und angefangen, auch mal drei-, viermal in ein Projekt einzusteigen.

 

Wie hat dir das DAV-Treffen im Elbsandstein gefallen?

Das war voll cool, die spannende Absicherung mit Knotenschlingen. Die Fotosession hat ja einige Zeit gedauert, danach waren wir alle heiß auf den Fels und hatten richtig Spaß beim Klettern. Es hat mir ziemlich getaugt, mal was neues zu sehen, von allein hätte es wohl noch eine Weile gedauert, bis ich da mal hingefahren wäre. Das was ich vor allem mitgenommen habe von dort ist: „geht nicht gibt’s nicht.“ Bei einer Tour war der Fels schmierig und rutschig, Magnesia verboten, die Absicherung weit und die Schwierigkeit für mein Kletterkönnen gar nicht allzu leicht – und trotzdem haben wir‘s gemacht und voll Spaß dabei gehabt!

 

Was reizt dich am Thema „Expedition“?

Mich reizt nicht die hundertste Begehung einer noch so namhaften Route. Sondern der Gedanke: Du siehst was und gehst da hoch. Nicht um selber eine Linie zu hinterlassen, mit einer Erstbegehung im Führer zu stehen, sondern das Gefühl: Geil, da will ich rauf. Hinter meiner Haustür im Karwendel gibt’s so viele Möglichkeiten, die nur in alten AV-Führern zu finden sind. Ich lese aber nicht lange rum, sondern geh einfach da rauf, wo’s logisch aussieht. Da bist du auf dich gestellt, weißt: Es gibt nicht den richtigen oder falschen Weg, nur Möglichkeiten. Ich mag es, meinen eigenen Weg zu suchen, etwas zu entdecken. Das ist es, was mich an einer Expedition reizt: hingehen wo noch keiner war; wo du gehen kannst, wo es dir taugt, und nicht zwangsläufig da wo es Haken hat.

 

Wieviel Zeit investierst du in deinen Sport?

Momentan bin ich ziemlich motiviert und würde am liebsten jeden Tag Klettern gehen oder etwas unternehmen, wäre da nicht das Studium, das ja auch Spaß macht aber seine Zeit fordert. Klettern gehe ich ungefähr jeden zweiten bis dritten Tag. Wenn die Zeit ausreicht, gehe lieber raus an den Fels, bei schlechtem Wetter auch drytoolen, sonst halt in der Halle. Ausdauersport habe ich früher fast jeden Tag gemacht, im Moment gibt’s leider immer wieder Gründe, keinen zu machen: keine Zeit, krank,… Bei großen Bergtouren mag ich „runde Sachen“, mit Zustieg und Biwak, wo der ganze Tag ausgefüllt ist, dafür brauchst du eine gute Ausdauer. Das reizt mich auch an Expeditionen: Du bist lange unterwegs und musst alles geben.

 

Woher kommen Wünsche und Ideen für Tourenziele?

Da gibt es viele Möglichkeiten: Man ist ja gut vernetzt und sieht dann Bilder, die andere aus ihren Touren mitbringen. Oder man sieht was aus einer Nebentour. Meistens ist es so: Mir springt was ins Auge, wo ich sage, da mag ich hin, und dann schaue ich im lokalen Führer nach. Maria, mit der ich oft unterwegs bin, liest viel in Führern, schwärmt mir davon vor und schon hab ich gleich wieder zehn neue Wünsche.

 

Was gefällt dir am Bergsport?

Er ist wahnsinnig vielseitig: Sportklettern, Mehrseillängenrouten, Alpinklettern, Hochtouren, Eisklettern, Mixedklettern,…. Man kann auch leicht alleine unterwegs sein, und du kannst dich voll auslasten. Man kann immer noch neues entdecken, sogar teilweise ganze Spielarten. Und dann das Draußensein. Es gibt nichts schöneres als die Morgenstimmungen am Berg. Letzten August habe ich insgesamt gerade mal drei Tage in meiner Wohnung übernachtet, sonst immer im Auto oder draußen.

Dann auch die Reduktion: Du hast nur ein paar Sachen dabei – schon am Auto, im Biwak erst recht. Ganz normale Sachen kriegen da einen unheimlichen Wert, zum Beispiel ein Schluck Wasser am Stand oder die Gipfelschoki – und das Radler nach der Tour im Tal. Früher habe ich Handball gespielt, da wirst du zwar in die Halle verbannt, aber deine Cola oder Semmel kriegst du spätestens nach einer Stunde. Der Unterschied zu manch anderen Sportarten ist auch, dass wenn man sich für eine Tour entschieden hat, man die Schwierigkeiten so annehmen muss, wie sie kommen. Beim Mountainbiken zum Beispiel kann ich einfach absteigen und eine Passage herunter schieben oder zumindest davor anschauen, wenn ich mich nicht getraue, sie gleich zu fahren. Und wenn die Kondition nicht mehr reicht, dann kann man wieder bergab rollen oder die Bahn heim nehmen. Hängt man dagegen in einer langen Tour, ist ein Rückzug oft nicht so leicht. Und natürlich gefällt mir das Abenteuer am Berg, dass ich mir Herausforderungen nach eigener Art suchen kann.

 

Was waren Highlights, an die du gerne zurückdenkst?

Der Festigrat am Dom 2010 war schon eine gewaltige Sache. Es war unsere erste Hochtour und wir waren eigenständig am Weg. Wir sind am Abend von Stuttgart auf den Furkapass gefahren zum Akklimatisieren und am nächsten Tag auf die Domhütte aufgestiegen. Von dort aus ging es dann auf den Gipfel und anschließend bis ins Tal retour, an den Muskelkater nach 3000m Abstieg erinnere ich mich noch heute, an die Blasen von den nagelneuen Schuhen ebenfalls. Dagegen ist zum Beispiel in Chamonix die Tour-Ronde-Nordwand eine schöne Eisroute, aber durch den leichten und schnellen Zustieg mit der Seilbahn eben keine „ganze Sache“.

Heuer haben wir die Cassin am Badile geklettert, Anfang August, die Woche davor hatte es ständig geregnet, am ersten sonnigen Tag sind wir rein, die Tour war klatschnass, entsprechend lange haben wir gebraucht, um acht Uhr abends am Gipfel haben wir uns spontan für die Variante Gianettihütte statt Abseilen entschieden und mussten am nächsten Tag dann fünf Stunden mit dem Kletterzeug mehr oder weniger am Gurt durch Regen und Gewitter zurückwandern und noch das Biwakzeug holen. Von dieser Tour bin ich überglücklich zurückgekommen, weil ich voll gefordert war.

Das vermisse ich ein bisschen beim normalen Alpinklettern mit kurzem Zustieg. Lange Aktionen sind mir einfach am liebsten. Früh aufstehen und erst abends zurück.

 

Und welche Disziplin ist dir am liebsten?

Das ändert sich immer. Im Winter gehe ich gerne und oft Eisklettern. Letzten Frühling habe ich Lust zum Sportklettern bekommen, auch weil ich eingesehen habe, dass das fürs Alpinklettern hilft. Im Sommer war ich besonders gern Alpinklettern, im Herbst dann wieder Sportklettern, jetzt haben wir mit Drytoolen anfangen.

Ich war nie so die ambitionierte Sportkletterin. Aber das ändert sich gerade. Auch zum Bouldern komme ich im Moment kaum, dabei ist so ein Boulderurlaub, z.B. in Fontainebleau, wirklich was extrem chilliges J

 

Wo magst du noch was lernen?

Schon seit zwei Jahren denke ich, dass ich gerne mal das technische Klettern lernen würde, mit Hakenschlagen und den ganzen Finessen. Oder mal eine Tour einbohren, natürlich von unten, mit Hängen im Skyhook. Beim Sportklettern hätte ich wahrscheinlich schon noch Potenzial, aber das ist für mich immer sekundär gegen größere Aktionen.

 

Hast du da bestimmte Ziele?

Im Winter möchte ich viel Mixedklettern, auch mal mit selber absichern und Haken schlagen. Aber generell möchte ich nicht vorher groß rumerzählen, zum Beispiel: Ich will die Eiger Nordwand machen. Sonst steht das so im Raum – vor den anderen und vor dir selbst. Dann nervt es einen, dass man’s noch nicht gemacht hat. Und womöglich setzt du dich dann selber unter Druck. Natürlich habe ich Traumtouren, die schön wären, wenn es mal passt. Aber ich nehme sie mir nicht konkret vor.

 

Reizt es dich, den Bergsport zum Beruf zu machen?

Ich habe ja schon diverse ehrenamtliche Ausbilderzertifikate: Tiroler Bergwanderführer, Skilehrer-Anwärter, Kletter-Übungsleiter. Es macht mir Spaß, den Leuten meine Begeisterung mitzugeben, ihre Fortschritte mitzuerleben. Besonders viel Spaß macht mir Skiausbildung: Da kommen Leute, die nichts mit Skifahren zu tun haben und es lernen wollen. Die interessiert nicht, wie super du fährst, die wollen einfach nur lernen. Beim Kletterkurs stehst du viel rum und gibst Tipps, beim Skikurs fährst du selber.

Ich würde auch gerne schwierigere Touren führen – aber mal sehen. Vielleicht habe ich ja auch irgendwann keinen Bock mehr, weil ich jetzt gerade so Gas gebe. Als Bergführer ständig Kunden irgendwelche Normalwege hochschleifen müssen, das interessiert mich nicht. Eher könnte ich es mir als Ergänzung vorstellen, so dass du die Freiheit hast, neben einem „normalen“ Beruf gelegentlich diese Verantwortung zu übernehmen.

 

Du studierst „Gesundheit und Leistungssport“ – wäre das auch eine berufliche Perspektive für dich?

Zuerst habe ich ja Sport und Mathe auf Lehramt studiert. Mathe habe ich in der Schule immer gut gekonnt – aber im Studium geht’s nicht ums Lösen von „praktischen“ Problemen, sondern nur um Definitionen und Beweise, das gefällt mir nicht so gut. Ich mache das allerdings schon fertig, vielleicht möchte ich ja später doch noch als Lehrerin arbeiten. Vielleicht finde ich aber auch eine interessante Stelle mit meinem Studium „Gesundheit und Leistungssport“, etwa in Richtung Trainingstherapie an einer Klinik.

 

Was tust du, wenn du nicht am Berg bist?

Studieren, Joggen, Mountainbiken, Slacklinen,…. Wenn es mal kein Sport ist: Kuchen backen, mit Freunden Kaffee trinken oder auf ein Bier gehen. Und Spieleabende – ich habe total liebe Nachbarn, die keine Bergsportler sind, gemeinsam mit denen koche ich oft und danach schauen wir einen Film oder ratschen.

 

Deine Botschaft an Berg-Mädels?

Traut Euch und macht einfach! Nicht immer zögern und sagen: Mach mal du.

Am Geierkopf bin ich die erste Eislänge vorgestiegen, dann kam eine lässige Säule und Maria hat mich vorgehen lassen, weil sie nach dem ersten Stück auf Nachstieg eingestellt war. Das Vorsteigen hat mir richtig Spaß gemacht. Am nächsten Tag waren wir zusammen im „Problem“; und da habe ich ganz bewusst die Maria vorgeschickt, denn ich wusste, sie kann das, man muss sie nur lassen!

 

Susanne Süßmeier (* 2.1.1991, Sektion Schorndorf) studiert Sport, Mathematik und „Gesundheit und Leistungssport“ in Innsbruck.

Highlights

"Hängende Gärten", (WI 6, 140m), "Das Problem", (WI 5+, 150m)

"Cassin", Piz Badile (VI+, 800m)

"Fiore di Corallo", Sarcatal (VII, A0, 350m)

"L'aspettativa dei mondi superiori", Monte Brento (VI+, A0, 800m)

"Scotch on the Rocks" (WI5-, M3, 800m) und "Direkte Nordwand" (WI4, M5, 600m), Geierköpfe