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„Klettern erfüllt mich total“

Raffaele Sebastiani ist der „Gastarbeiter“ im Expeditionskader-Team: Er wohnt in Bruneck. Der Wahl-Südtiroler steht auf hochalpines Eis. Das Interview aus DAV Panorama 1/14 in voller Länge.

 

Raffi, mit deinem Wohnort in Bruneck bist du der „Exot“ im Expedkader. Wie hat es Dich nach Südtirol verschlagen?

Mein Vater stammt aus den Abbruzzen und ist als Kind nach Deutschland ausgewandert. Meine Mutter kommt aus dem Rheinland und fuhr in jungen Jahren oft ins Ahrntal zum Skifahren. In meiner Kindheit verbrachten wir oft unsere Familienurlaube hier. So habe ich damals schnell Anschluss gefunden und mich immer hier zu Hause gefühlt.

 

Und wann bist du dann ins Pustertal gezogen?

Im Sommer 2006 habe ich auf der Kasseler Hütte im Ahrntal gearbeitet, weil ich keine klaren beruflichen Pläne hatte und einmal eine längere Zeit in den Bergen verbringen wollte. Dann habe ich einen Ausbildungsplatz beim „Sportler“ in Bruneck gefunden. Seit ich die Ausbildung abgeschlossen habe, arbeite ich dort als Fachverkäufer.

 

Kriegst du dann oft Besuch von Freunden oder Kaderkollegen?

Aus dem Kader war der Sepp diesen Herbst des öfteren zu Besuch. Aber sonst bin ich eigentlich stärker hier verankert, die Kletterszene ist im Pustertal sehr präsent. In Deutschland hatte ich gar nicht so viel mit Klettern zu tun.

 

Wie bist du eigentlich zum Bergsteigen gekommen?

Als kleines Kind hat das angefangen mit meinem Vater, er hat den Grundstein gelegt für meine Begeisterung. Die Mutter ist viel Ski gefahren, und aus diesen beiden Quellen hat sich die Freude am Skitourengehen entwickelt.

Dann bin ich viel mit meiner Alpenvereins-Sektion Überlingen auf Hochtouren gegangen: Wallis, Monte Rosa, Bernina, das hat mir Spaß gemacht. Aber ich stand immer vor der Frage: Wieso machen das nicht mehr junge Leute? Ich war 13 oder 14 und immer mit den Erwachsenen unterwegs. Da fehlt ein bisschen der Gleichgesinnte im gleichen Alter, mit dem man über die gleichen Themen reden kann.

Beim Klettern habe ich schon immer gespürt, dass mir das gefällt. Aber das Donautal war eineinhalb Stunden entfernt, die nächste Kletterhalle eine Dreiviertelstunde, und die örtliche Klettergruppe hat mich nie so richtig angesprochen. Wenn das Finale des Deutschen Bouldercups in Überlingen war, das hat mich fasziniert, und ich bin dann auch gelegentlich alleine zum Bouldern nach Radolfzell gefahren. Aber wenn du das nur zwei-, dreimal im Jahr machst, bist du nach zwei Stunden paniert. Da gab es null Entwicklung.

Richtig angefangen mit Klettern habe ich, als ich nach Südtirol zog – da wurde aus dem Wunschdenken ein echtes Hobby. Und mittlerweile beinhaltet es Tag für Tag – mein Leben. Über einen Freund habe ich drei Kletterpartner gefunden, von diesen durch mehr Erfahrung sehr viel lernen dürfen, mit denen aus der Sportpartnerschaft mittlerweile eine tiefe Freundschaft geworden ist. Es ist ja so: Je besser man sich kennt und je mehr Zeit man miteinander verbringt, desto besser funktioniert’s auch am Berg. Jeder kennt und respektiert die Stärken und Schwächen des anderen.

 

Und dann hat es sich bei dir zum extremeren Bergsteigen entwickelt?

Es hat sich entwickelt. Aber „extrem“ ist ein falsches Wort. Extrem ist etwas, zu dem man keinen Bezug hat. Etwa wenn Leute, die keine Ahnung vom alpinen Klettern haben, plötzlich die Comici in der Großen Zinne Nordwand klettern wollen. Wenn ich weiß, was ich zu tun habe; wenn ich mich mit Seil- und Sicherungstechnik auskenne, gut vorbereitet bin und eine gute Beziehung zum Berg und zum Partner habe, dann ist der sogenannte „Extremsport“ nichts extremes mehr, sondern für mich normal. Für Leute, die keinen Bezug dazu haben, mag es natürlich extrem wirken; die schauen hoch und verstehen das nicht. Für mich ist es mein „normales“ Leben.

 

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Raffaeles Hausberge sind die Dolomiten, Foto: DAV
Und was gehört dann für Dich dazu, damit es eine gute Aktion ist?

Zuerst mal: Zu einem guten Start gehört ein gutes Frühstück und Kaffee. Und dann? Da fällt mir spontan unser Eiskletter-Urlaub letzten Februar in Cogne und Chamonix ein; da hatten wir einige perfekte Tage. Zwar war es immer saukalt, aber wir hatten eine einigermaßen sichere Lawinenlage, gute Eisbedingungen, geile Seillängen mit guten Sicherungen, Gipfelerfolge und immer einen guten Abstieg ins Tal.

Zum Beispiel am Supercouloir, das ist eine der schönsten Linien in Cham. Oder am Drucouloir: Wir waren allein am Berg, am ersten Tag nach einer extremen Kälteperiode, super Wetter, gutes Eis, gute Harmonie mit dem Partner. Unter der Wand gezeltet, nachmittags noch zwei Seillängen vorbereitet, dann durchgezogen und spätabends zurück im Tal. Das ist so eine supergeile Linie, die schreit einfach danach, geklettert zu werden.

 

Und was lief so in letzter Zeit?

Einige Jungs haben hier schon die ersten Skitouren gemacht. Aber der letzte Winter war so lang und der vergangene Sommer so erlebnisreich, dass ich noch nicht realisiere, dass der Winter mit Eis und Schnee vor der Haustür steht. Aber sobald ich dann das erste Mal die Pickel in die Hand nehme, wird die Motivation sicher wieder da sein! Wichtig ist, dass man nichts erzwingt, sondern locker bleibt: Wie’s kommt, so kommt’s.

Ein wunderschönes Wochenende hatte ich im Herbst noch mit Josef aus dem Kader. Am Col Becchei, nördlich von Cortina, gibt es tolle, traditionelle Touren aus den 1980er Jahren; hart bewertet, schlecht gesichert, aber kein Harakiri, sondern super Fels zum klettern, wie an der Marmolada. Dort sind wir zwei Touren geklettert, in super ruhigem Ambiente, es waren keine anderen Kletterer unterwegs, weil der Zustieg lang ist und es schon spät im Jahr war. Anspruchsvolle, aber geniale Kletterei, kein Mensch weit und breit, nur ein super Partner – so gefällt’s mir.

 

Traditionell gesichert, weite Abstände: Wie hältst Du’s mit dem Risiko?

Ich bin ein extremer Hosenscheißer. Deshalb kalkuliere ich extrem vorsichtig.

Einige Dolomitenberge zum Beispiel sind rotbraun, da weißt du gleich, das ist eher ein Sandhaufen. Eine Tour in so einer Wand würde mich nicht reizen, weil ich weiß, da spiele ich mit dem Feuer. In eine Harakiritour steige ich nicht ein. Sonst kannst du gleich das Kreuz machen.

Aber wenn die Tour gut aussieht – zwar vielleicht anspruchsvoll zu klettern und für die Psyche, aber der Fels gut: Dann traue ich mich was, solange der Grad nicht an meiner Grenze ist. Alpines Gelände ist eh schon anspruchsvoll, da möchte ich nicht an meine Grenze gehen.

Und in Routen mit sportlichem Charakter, mit gutem Fels und ordentlichen Haken, da gehe ich auch mal ans Limit, selbst bei weiteren Hakenabständen. Dann geht es vielleicht mal weiter abwärts, aber es wird schon nicht böse enden.

 

Welche Bergsport-Disziplin ist dir denn am liebsten?

Die großen kombinierten Touren in den Westalpen gefallen mir schon extrem: Fels und Eis in großen Nordwänden. Aber ich will mich nicht festlegen: Jede Disziplin hat ihren Reiz.

 

Und wo möchtest Du noch besser werden?

Ich würde mich als einen Allrounder bezeichnen. Aber da gibt es sicher noch Dinge, die ich lernen kann – ehrlich: Es sind doch ziemlich kleine Brötchen, die ich backe. In jeder Sparte kann ich mich noch weiterentwickeln: Seiltechnik, Taktik und das Niveau noch steigern. Ich stehe ja erst am Anfang.

 

Naja, für manchen Alpinisten wäre das Drucouloir ein Lebens-Höhepunkt…

Es kommt ja immer drauf an, wie man sich motiviert. „Höher, weiter, schneller“ gilt auch beim Bergsteigen. Wenn man so viel damit zu tun hat, kommt automatisch immer wieder das nächste Projekt.

 

Zum Beispiel? Was steht auf der Wunschliste?

Große namhafte Ziele können mich schon motivieren. Die großen Nordwände, der Eiger… der steht schon länger auf dem Programm; ich möchte einfach mal sehen, was die Herren 1938 geleistet haben. Dagegen sind wir heute ja alle Warmduscher.

Es gibt so Sachen, die man als Alpinist mal gemacht haben muss. Aber ich habe ja noch das ganze Leben vor mir, und es kommt immer auf die Bedingungen an. Man sollte sich keinen Stress antun. Immer gut drauf sein, und wenn’s die Bedingungen zulassen, dann wird schon was gehen. Desweiteren schweben meinem Partner Ulli und mir seit geraumer Zeit so einige Linien vor, die verwirklicht werden wollen.

 

Und wie ist’s mit Expeditionen? In Nepal warst du ja schon.

Dort war ich mit meinem Vater unterwegs; es war eine Freude, ihm Nepal zeigen zu dürfen. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, kann kein Englisch, ist nicht mehr der allerjüngste – und wollte schon immer gerne mal nach Nepal. So sind wir zum Abschluss meiner Abendschulzeit 2012 zusammen dorthin gefahren: drei Wochen Trekking, Land, Leute und Kultur, es war extrem interessant. Und am Schluss standen wir gemeinsam auf dem Kala Pattar, das war das größte für ihn.

Ein Berg, der mich dort extrem angesprochen hat, war der Pumori, diese steile Pyramide. Oder auch der Nuptse, man steht in Lobuche auf knapp 5000 m und steht vor einer Dreitausendmeterwand – beeindruckend! Es gibt aber auch tolle Sechstausender dort, Tawoche, Cholatse, Tamserku, Kangtega. Die kennt kaum jemand, das ist tolles Bergsteigen, Westalpen in großer Dimension. Früher oder später wäre das mal was. Man muss sich ja motivieren, sonst bleibt man stehen.

Auch Pakistan würde ich gerne kennenlernen. Das ist durch das Nanga-Parbat-Attentat verrufen. Dabei ist es so ein wunderschönes Land. Friedvolle Menschen, die mit eigentlich nichts leben. Reizen würde mich noch vieles…

 

Welche Rolle spielt der Bergsport in deinem Leben? Reicht der Begriff Hobby noch aus?

Viele sehen Klettern als Hobby, als Ausgleich. Für mich ist es kein „Daneben“, sondern der Mittelpunkt. Die letzten Jahre habe ich die Abendschule besucht und hatte wenig Zeit zum Klettern. Danach habe ich mir geschworen: Nutze jeden Moment, noch besser.

Ich weiß nicht, was das Klettern für mich ausmacht. Momentan ist es am ehesten eine Lebenseinstellung. Mein ganzes Leben ist darauf ausgerichtet, von der Arbeit bis in die Freizeit. Wenn ich klettern müsste, würde es mir keinen Spaß machen. Aber weil ich es freiwillig und gerne tue, erfüllt es mich total. Es ist heute das für mich, was vielleicht irgendwann einmal eine Familie sein wird.

 

Wie viel Zeit investierst du? Trainierst du regelmäßig

Im Herbst halten sich klettern und laufen die Waage, je nachdem was mich als nächstes Projekt motiviert. In den letzten Monaten bin ich mehr gelaufen, nach 2-3 Monaten mach ich dann wieder eher was Spezifisches für die Saison, zum Beispiel fürs Eis gezielt Kraftausdauertraining durch längere Boulder. Aber das geht nicht strikt nach Plan, mehr nach Gefühl. Wenn Du nicht gut aufgelegt bist, ist es gescheiter, du gönnst Dir einen Tag Ruhe. Sonst machst du die Motivation und den Körper kaputt.

 

Wie verträgt sich der Zeitaufwand mit der Arbeit?

Meine Chefin ist sehr zuvorkommend und unterstützt junge dynamische Menschen, begeistert! So ist es für mich nie ein Problem, mal einen Tag frei zu nehmen. Natürlich arbeite ich dann zu anderen Zeiten mehr, dafür weiß ich auch, dass ich zum Beispiel für die Kaderkurse frei bekomme. Ein Teilzeitvertrag gibt mir da viel Spielraum, aber natürlich achte ich auch darauf, dass es für beide Seiten ok ist.

 

Wäre Profibergsteiger eine Perspektive für dein Leben?

„Wer sein Hobby zum Beruf macht, der hat das Leben erfunden“, heißt es bei uns – der hat’s ideal erwischt. Andererseits hat er kein Hobby mehr.

Ich wüsste auch gar nicht, ob mir das wirklich zusagen würde. Der erlesene Kreis, der wirklich davon leben kann – mir kommt es oft so vor, als ob man da schon mal Erfolge erzwingen muss, um den Sponsoren was zu Fressen zu geben. Ich schaue bei niemandem hinter die Fassade, aber ich hätte Angst, dass ich mit dem gefühlten oder eingebildeten Druck nicht zurecht käme. Vielleicht als Bergführer nebenberuflich arbeiten als Ausgleich zum Alltag, das wäre eine super Sache. Aber ständig auf Expedition wie ein Gejagter: Dazu bin ich ohnehin viel zu schwach, aber ich würde es auch nicht wollen. Schon gar nicht, wenn ich mal Familie haben sollte.

 

Trotzdem nennst du Ueli Steck als Vorbild – warum?

Nicht weil er Profi ist, sondern wegen seiner Einstellung, seiner Größe. Seine Solo-Erstbegehung an der Annapurna-Südwand steht für mich auf einer Stufe mit der Begehung der Rupalwand im Alpinstil von Steve House – und in einem Interview sagt er dazu: Es ist nicht wert, dass weiter drüber geschrieben wird. Diese Bescheidenheit macht einen großen Bergsteiger aus. Ihm gefällt das Bergsteigen, es ist sein Lebensinhalt. Aber er weiß: Die Welt dreht sich unabhängig davon. Was wir Bergsteiger machen, ist unbedeutend für die Menschheit. Deshalb spielt er sich nicht auf mit seinen Leistungen. Leute, die das Plauschen nötig haben, habe ich schon zu viele erlebt, da könnte ich kotzen.

 

Im DAV-Expedkader zählst du trotzdem zu einer Elite und bekommst Publicity; was bedeutet dir das?

Dass wir eine Elite sind, würde ich nicht sagen. Es ist vielleicht eine Bestätigung, dass man gewisse Voraussetzungen besitzt. Es ist wichtig, auf dem Boden zu bleiben und nicht abzuheben – wie immer im Bergsport.

Wichtig ist, aus eigener Passion und Motivation bergsteigen zu gehen. Nicht für jemand anders, oder um irgendwem zu gefallen.

 

Was erwartest du von eurem nächsten Training, dem Eisklettercamp?

Das wird sicher eine spannende Zeit, wahrscheinlich fahren wir ja nach Argentière-la-Bessée im Durancetal, dort gibt es mit die längsten Eislinien der Alpen. Es wird sicher cool, zu siebt im Eis pecken. Und ich bin gespannt auf die Tipps von David und den Locals. Bisher war ich nur mit Tobi, Sepp und Andi unterwegs; jetzt sind hoffentlich alle beieinander.

 

Und hast Du schon Träume für die Abschluss-Expedition?

Da will ich mir noch nicht den Kopf zerbrechen – erst mal die Zeit genießen, dann werden wir schon noch rechtzeitig drüber nachdenken.

 

Bleibt in so einem Bergsteiger-Leben noch Platz für Hobbys?

Braucht’s das? Bergsport ist so facettenreich: Dass man von allem nichts mehr wissen will, dazu müsste man es extrem betreiben.

Vergleich es mal mit einem Wettkampfschwimmer: Egal wo auf der Welt „er“ antritt, ob in Paris oder Tokio, er hat immer 50 Meter Wasser vor sich und sieht immer die gleichen Fliesen auf dem Boden.

Den Berg, das Massiv dagegen kannst du dir aussuchen: Ob Dolomiten oder die Anden, ob Nordamerika oder der Himalaya – jede Route, jeder Berg ist anders, Bergsteigen und Klettern ist so vielseitig – der Stoff geht nie aus.

Wichtig ist allerdings ein gewisses Auf und Ab, sonst bist du irgendwann ausgebrannt. Zwei drei große Ziele fürs Jahr, danach auch wieder kürzer treten, damit das Feuer nicht ausgeht.

Und ganz wichtig im Leben sind Freunde, und mit denen etwas zu unternehmen. Im Winter, wenn’s kalt ist, nach der Skitour schwimmen, in die Sauna gehen, entspannen. Oder Freunde einladen auf ein gutes Essen. Kochen macht mir Spaß: Italienisch, ganz einfach. Selbergemachte Pizza, ein guter Wein dazu, zusammenhocken bis spät, und der Tag ist gerettet.

 

Raffaele Sebastiani

(Sektion Überlingen)

*20.9.1988

 

Highlights

 

Eis

“Crack Baby” WI IV, 6, Kandersteg

“Nuit Blanche” WI II, 6, Chamonix

“Glacenost” WI III, 6, Modane (Haute Maurienne)

„Repentance Super“ WI III, 6, Cogne

 

Fels + Bouldern

7c / Fb7b

 

Fels alpin

Moulin Rouge (350 m, IX-), Rotwand (Rosengarten)

Sognando D’Aurora (650 m, IX-), Tofana

 

Eis/Mixed alpin

Supercouloir (400 m, ED 1), Mont Blanc du Tacul

Dru Nordcouloir (800 m, ED 2)

Rébuffat–Terray (500 m, ED 1), Aiguille des Pèlerins

Sorenson-Eastman (400 m, ED 1), Requin