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„Immer nur klettern ist nicht gut“

Josef Pfnür ist einer der stärksten Kletterer im Kaderteam. Aber die Leidenschaft für Fels ist nur eine seiner vielen Interessen. Das Interview aus DAV Panorama 6/13 in voller Länge.

 

Sepp, wie war Dein Kletter-Sommer?

Es war ein guter Sommer. Ich habe an einer neuen Arbeitsstelle angefangen, von der alten hatte ich noch Resturlaub und viel Zeit zum Klettern. Mit Freunden war ich zuerst sportklettern im Verdon, dann in Buoux und Ceüse; Klassiker wie „Rêve de Papillon“ (8a) in Buoux. Später war ich viel zuhause in Berchtesgaden unterwegs und hab ein paar 8bs gemacht und eine 8b+. Man muss nicht immer fortfahren, daheim gibt’s auch Schmankerl, zum Beispiel die „Unendliche Geschichte“ am Untersberg (12 SL, VIII+), die hat großartigen Fels. Ja, und ein paarmal war ich in den Dolomiten mit Raffi aus dem Kader; „Perlen vor die Säue“ (300 m, 7b+) an der Kleinen Zinne haben wir geklettert und gerade erst vor kurzem „Hat Spaß gemacht“ (12 SL, VII+) im Rienztal.

 

Welche Rolle spielt der Bergsport in deinem Leben? Das scheint ja mehr als nur ein Hobby zu sein?

Ja, er spielt eine große Rolle, und das hat noch zugenommen. Früher bin ich nur gebouldert, da gab’s nicht so viele Möglichkeiten. Seit ich auch mit Seil klettere und auch größere Wände, kam immer mehr dazu. Aber ich unternehme auch gerne was mit Freunden, zum Beispiel gemeinsam kochen, grillen oder am Abend in die Sauna gehen – aus meinem alten Freundeskreis klettert fast keiner und den Kontakt will ich trotzdem halten.

 

Josef-Pfnuer-Expedkader Wie viel Zeit investierst Du in Training und Aktion?

Ungefähr 20 bis 30 Stunden pro Woche – aber ich gehe nur klettern, spezielles Training mache ich nicht. In meiner jetzigen Arbeit habe ich Gleitzeit und kann um 15 Uhr gehen, da kann man schon noch was unternehmen. Am Wochenende geht meistens was Alpines.

 

Wie verbindest du dein leidenschaftliches Bergsteigen mit der Arbeit?

Naja, ich bin jetzt im dritten Monat an meiner neuen Arbeitsstelle, das muss sich noch einspielen. Als gelernter Metallbauer arbeite ich bei einer externen Stelle der Bundeswehr als Zivilangestellter, muss untertage Geräte warten und zum Beispiel Sprengtore oder Spezialanfertigungen bauen. Vielleicht kann ich ja irgendwann mal auf Teilzeit reduzieren, um mehr Zeit für die Berge zu haben, aber das hören sie noch nicht so gern. Spätestens wenn ich die Bergführerausbildung mache, muss ich eine Lösung finden.

 

Wäre Profibergsteiger eine Perspektive für Dein Leben oder eher doch ein Normalberuf?

Am liebsten wäre mir eine Kombination: Bergführen und eine „normale“ Arbeit, der Bergführerjob wird im Alter wahrscheinlich mühsam. Jedenfalls will ich spätestens nach der Expedkaderzeit mit der Ausbildung zum Bergführer anfangen. Momentan muss ich zuerst noch das Bafög von der Meisterausbildung zurückzahlen.

 

Welche Gefühle kannst Du beim Bergsport erleben, die Du sonst nicht hast?

Mein wichtigstes Gefühl dabei ist die Freiheit. Draußen in der Natur vergisst du den Alltag: Du kommst aus der Arbeit raus, gehst an den Fels und hast deine Ruhe. Beim Klettern vergisst Du alles, bist nur noch im Machen drinnen. Wichtig ist mir auch das enge gemeinsame Unterwegssein mit dem Kumpel, und dass man auch mal blödeln kannn, solange es nicht gefährlich ist.

Ich mache auch gerne mal Genussklettertage, zwei Grade unter meiner Grenze. Da kann ich mich besser auf die Bewegungen und die Umgebung konzentrieren. Oder eine schöne Linie klettern, unabhängig vom Schwierigkeitsgrad. Ich schaue sowieso nicht nach der schwersten Tour, sondern nach guten Linien. Die Schwierigkeiten sind eh individuell unterschiedlich – sie sind nur ein ungefähres Maß, um eine passende Route auswählen zu können.

 

Was gibt es sonst noch in Deinem Leben? Welche Hobbys?

Ich koche sehr gerne; allerdings fast nur wenn ich Zeit habe, also offen gestanden: eigentlich nur wenn ich verletzt bin. Dabei probiere ich gerne alles was ich nicht kenne; mein Kochstil ist eher asiatisch oder mit Meeresfrüchten, Heimisches eher nicht. In der Wirtschaft bestelle ich eher Sachen, die ich nicht kenne. Und wenn ich in Frankreich bin, genieße ich natürlich, dass es dort den besten Käse gibt.

Überhaupt gehe ich gerne auf Reisen, nicht nur in Klettergebiete: Letztes Jahr war ich mit einem alten Freund drei Wochen auf Europatour, wir haben uns Groß- und Hauptstädte angeschaut in Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und Norwegen. Barockkirchen gefallen mir gut, auch ein paar Museen haben wir angeschaut. In Wien waren wir in einer Ausstellung für moderne Kunst, die war aber nicht so toll, ich mag mehr die Albertina; nach Wien fahre ich jedes Jahr einmal.

Meine Interessen sind halt von überall ein bisschen was. Man braucht auch mal was anderes, immer nur klettern ist nicht gut. Irgendwann ist sonst die Motivation ausgebrannt.

 

Welche Disziplin gefällt Dir denn besonders gut?

Eindeutig das Sportklettern, auch alpin. Lange Routen, die Ausdauer fordern, wo du aber auch in den Flow reinkommst und marschieren kannst, gerne auch in langen Seillängen, die dürfen ruhig 55 Meter haben. Eisklettern gefällt mir immer besser, auch wenn ich es erst diesen Winter angefangen habe, als mich Christian Schlesener und seine Frau als Fotograf zum Eiskletter-Festival nach Ouray mitgenommen haben. Danach waren wir noch eine Woche in Indian Creek zum Rissklettern; das war auch was Ungewohntes und Spannendes.

 

Und wo möchtest Du noch besser werden?

Mixed- und kombinierte Touren habe ich noch nicht viele gemacht. Da werde ich mit dem Kader noch viel lernen.

 

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Josef Pfnür am Untersberg, Foto: DAV

Welche Touren stehen auf Deiner Wunschliste?

Konkrete Ziele habe ich eigentlich kaum. Beim Sportklettern schau ich mal in die Routen rein und sehe ob sie gehen – das heißt, meistens kann ich sie in ein, zwei Monaten klettern. Längere Projekte habe ich kaum; nützt auch nicht viel, weil ich die Bewegungen immer vergesse.

Als alpines Sportkletterprojekt habe ich nur mal die Schwarze Madonna (200 m, 8a, von Ines Ppert am Untersberg) projektiert, vielleicht kann ich die im Herbst noch klettern. Aber generell reizen mich auch die Alpinen Klassiker, den Walkerpfeiler oder der Weg durch den Fisch möchte ich schon gerne mal gehen.

 

Dein Einstieg ins Klettern ging übers Bouldern. Wie kam das?

Ganz früher habe ich beim Kinderklettern der Sektion mitgemacht, aber dann ist mein Kletterpartner weggezogen und ich habe aufgehört. Das Bouldern habe ich mit dem Kumpel angefangen, mit dem ich neulich auf Europareise war, der ging dann auch weg zum Studieren. So langsam habe ich dann Leute beim Bouldern und in Halle kennengelernt, und mit denen kam ich dann auch an den Fels.

 

Und hast am Anfang sehr unter Höhenangst gelitten. Wie hast Du die überwunden?

Eigentlich nur durch Gewöhnung, ich bin immer wieder klettern gegangen und irgendwann hat mir die Höhe nichts mehr ausgemacht. Auch jetzt noch, wenn ich im Frühling raus an den Fels gehe, sind die ersten Stürze gewöhnungsbedürftig. Aber generell macht mir das Stürzen mittlerweile eher Spaß, wenn gut gesichert wird und die Route gut eingebohrt ist.

 

Wie hältst Du’s generell mit dem Risiko?

Es kommt immer auf den Tag an. Ein bisschen Risiko muss man beim Bergsport immer eingehen. Schlauerweise fängt man mit kleinen Häppchen an, dann kann man sich langsam steigern. Dabei muss man immer abwägen, das Risiko muss berechenbar sein. Man weiß ja ungefähr, welche Schwierigkeit man klettern kann. Und man denkt darüber nach, was passieren könnte. Wenn man sich dann fürs Einsteigen entscheidet, sollte man diese Gedanken aber abschalten und mit voller Konzentration klettern.

 

Was bedeutet es Dir, im Expedkader zu sein?

Am Anfang war ich überrascht, weil ich gar nicht gedacht hätte, da reinzukommen. Jetzt ist es total geil, die Truppe passt super. Wir haben beim Auswahlcamp schon zusammengehockt und gesagt, auch wenn wir nicht reinkommen, machen wir was zusammen. Jeder hat ein Gebiet, wo er besser ist, aber das ist kein Konkurrenzkampf, sondern jeder respektiert den anderen und kann was lernen. Man ist nicht neidisch auf den anderen, sondern freut sich für ihn. Ludwig und Andi zum Beispiel gehen wenig Sportklettern, aber von ihnen habe ich alpin schon viel gelernt, zum Beispiel zu den Themen Standplatzbau oder Bergrettung.

 

Wart Ihr auch schon öfter miteinander unterwegs?

Zweimal war ich beim Raffi in den Dolomiten, einmal mit Tobi in Chamonix, mit Ludwig mal in Arco. Neulich war ich mit Andi im Schüsselkar, und zufällig war auch der Xari dort und auch der Ludwig mit einem aus dem Sichtungscamp im Chamonix. Da sind wir natürlich am Abend zusammen essen gegangen und haben am nächsten Tag nebeneinander geklettert. Wenn einer Zeit hat, ruft er die anderen an oder schreibt’s in Facebook.

Natürlich bin ich auch mit meinen bisherigen Kumpels viel unterwegs, wir leben ja im gleichen Eck. Die Jungs aus dem Kader bedeuten jetzt einfach mehr Auswahl an guten Partnern.

 

Reizen dich auch „echte“ Expeditionen an hohen, eisigen Bergen?

Ja, das reizt mich auf alle Fälle. Allerdings zieht’s mich eher weniger ins Eis, aber wenn die anderen was Eisiges angehen wollen, wäre ich natürlich dabei. Ich könnte auch gut irgendwo im Dschungel klettern, in Venezuela vielleicht oder in Madagaskar. Irgendwann mal möchte ich das sicher gerne machen – aber wir werden wohl eher ins Eis oder Kombinierte gehen.

 

Josef Pfnür

(Sektion Berchtesgaden)

*22.5.1990

 

Highlights

 

Eis

Five Fingers (WI I, 5) Ouray/Colorado/USA

Scottish Gullies (WI 1, 3) Ouray/Colorado/USA

Repentance Super(WI IV, 5) Cogne/Italien

 

Fels + Bouldern

Verlängerung Von Katalan Power (X+/XI-;30m) Schattenwand/Endstal

Red Rain (Boulder 8a+) Königssee

 

Fels alpin

Dir. Südkante (VIII-, 350m) Mühlsturzhorn Berchtesgaden

Tandem pour une évidence (VIII, 250m) Gorges du Verdon / Frankreich

 

 

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