logo-dav-116x55px

"Kein anderer Sport könnte mich so begeistern"

Der jüngste im Expedkader machte in diesem Winter mit zwei anspruchsvollen alpinen Mixed-Erstbegehungen auf sich aufmerksam. Dabei legt er Wert auf Sicherheitsreserve. Das gesamte Gespräch zu Panorama 3/14.

 

Du hast am Geierkopf diesen Winter gleich zwei Erstbegehungen gemacht. Wie kam’s dazu?

Wir waren diesen Winter viel in den Ammergauern beim Drytoolen und Mixen, haben die Bayrisch-Schottischen Wintergames und die Direkte Nordwand wiederholt, dabei sind uns Möglichkeiten für neue Linien ins Auge gesprungen – und wir haben uns gedacht, das könnten wir mal probieren. Als ich mit einem Freund in der Direkten unterwegs war, haben wir links eine spannende Eiszapfen-Linie gesehen und ausgemacht, das am Samstag zu versuchen: Ganz früh sind wir los, aber da waren schon Spuren vom Erschließer Ralf Sussmann, der uns einen Tag zuvorgekommen war mit "Scotch on the rocks". Wir wollten nicht leer ausgehen und haben was anderes gesucht. Das war dann der „Marihuanabam“.

 

Franz-Xaver-Mayr-4 Wie fühlt sich das an, eine Erstbegehung in solchem Gelände? Macht es dich stolz?

Am Anfang liegt da so ein Knistern in der Luft, und auch beim Klettern ist es spannend. Du weißt ja nicht was kommt, wie schwer wird es, lässt es sich gut absichern? Wir konnten die einzelnen Passagen zwar von unten ganz gut einsehen, trotzdem blieb’s spannend. Bei der Erstbegehung des Marihuanabams fiel uns eine Verschneidung ins Auge, die wir gleich probiert haben, aber wir kamen nicht rauf. Aus der angefangenen Verschneidung wurde dann eine andere Route, zu der wir später wiederkamen, aber wir mussten nochmal umdrehen, weil es uns ohne Bohrhaken zu gefährlich war. Lieber wäre uns gewesen, wenn wir es ohne Bohrhaken geschafft hätten, aber 30 Meter Mixedkletterei auf kompaktem Fels ohne Sicherung wollten wir dann doch nicht machen, es soll ja auch wiederholt werden. So kamen wir noch einmal mit der Bohrmaschine und mussten drei Bolts setzen. Schade – aber viel ist es dann doch nicht, und der Rest ist alles mit Normalhaken und Keilen zu sichern. Das „Jagdfieber“ ist wohl die anspruchsvollste Route in diesem Wandteil. Es soll ja auch spannend bleiben, es gibt so viele gute Kletterer heute.

 

Letztes Jahr hast du kombiniertes Gelände noch als deine Schwäche bezeichnet. Hat dieser Winter an den Geierköpfen daran was geändert?

Natürlich hab ich viel gelernt – Learning by doing. Am meisten gelernt hab ich in der „Bayerisch-Schottische Wintergames“. Bei den ersten Versuchen konnte ich noch nicht sonderlich gescheit mixedklettern, da bin ich auch einmal weit runtergeflogen. Aber nach drei oder vier Versuchen bin ich dann raufgekommen.

 

Und macht dir das Spaß?

Es ist super – was ganz anderes als im Sommer. Mitten im Winter eine Felswand hochsteigen und auch noch selber absichern. Es fühlt sich fast gegenteilig an wie Felsklettern.

 

Welche Bergsport-Disziplin ist dir am liebsten, was machst du am häufigsten?

Vor diesem Winter bin ich am liebsten felsgeklettert. Jetzt hat mir das Mixen Spaß gemacht, aber ich bin sicher, dass im Sommer auch der Fels wieder gut wird. Spannend wären mal lange Kombirouten mit Wechsel von Eis, Mixed und Fels.

 

Wie viel Zeit steckst du in den Bergsport?

Praktisch meine ganze Freizeit. Samstag und Sonntag mache ich eigentlich immer was. Dazu am Freitag nachmittag vielleicht noch ein bisschen drytoolen oder sportklettern. Und unter der Woche in der Garmischer Boulderhalle bouldern; in die Kletterhalle gehe ich sehr selten, Bouldern ist das bessere Training für Maximalkraft und Bewegung. Außerdem trifft man in Garmisch Freunde und kann was fürs Wochenende ausmachen.

 

Welche Rolle spielt Bergsport für dich?

Eine große Rolle; es hat klein angefangen, wird aber immer mehr. Klettern macht viel Spaß und ist ein genialer Ausgleich zur Arbeit – und fast schon Lebensgefühl. Derzeit kann ich mir keine andere Sportart vorstellen, für die ich mich so begeistern könnte.

Vielleicht weil das Klettern nicht reglementiert ist, mit Linien und Schiedsrichtern; am Berg zählt nur dein Gewissen. Außerdem ist es sehr vielseitig. Als Leichtathlet läufst du immer nur im Kreis rum, Klettern ist jedes Wochenende was anderes.

 

Du bist über deine bergbegeisterte Familie dazu gekommen?

Ja, mein Papa und meine Mama klettern auch, vor allem alpin, etwa bis zum siebten Grad. Da hatte ich praktisch keine andere Wahl. Anfangs haben sie mich in der Kraxe zum Radeln und Wandern mitgenommen, dann an den Fels und später ins Oberreintal, irgendwann bin ich selber mit Freunden losgezogen. Lästig war es mir nie, mit den Eltern an den Berg zu gehen. Aber bei meinen beiden jüngeren Schwestern ist der Funke nicht übergesprungen.

 

Franz-Xaver-Mayr-3

 

Und unternimmst Du noch was gemeinsam mit deinen Eltern?

Wir gehen mal zusammen auf Skitour, gelegentlich zum Sportklettern oder eine Mehrseillängen-Tour. Diesen Winter war ich zweimal mit Papa eisklettern, einmal im Stubaital, einmal an den Renkfällen. Natürlich ist das was anderes als mit Kumpels: Mit Freunden machst du auch mal ne Schnapsidee, mit dem Papa ist alles realistischer, sicher und gemütlich.

 

Tut das auch dem Verhältnis zu deinen Eltern gut?

Naja, daheim ist es auch griabig, wir kommen gut miteinander aus; und auch am Berg gibt’s keinen Stress.

 

Unterstützen sie dann auch gefährlichere Aktionen?

Ausreden können sie’s mir eh nicht. Die Mama sagt schon mal „spinnst jetzt?“, aber im Prinzip sagen sie nichts dagegen und helfen mir auch immer, zum Beispiel wenn ich wegen der Arbeit nicht zum Einkaufen komme.

 

Was motiviert dich, zu trainieren und dich am Berg anzustrengen?

Die vielen schönen Erlebnisse: durch die Pampa spuren; ein schöner Sonnenaufgang; wenn das Wetter besser ist als gedacht; geschafft irgendwo droben sitzen oder in die Sonne kommen. Und danach zurückschauen und sagen: jawoll, da war‘n wir droben.

 

Gibt es Traumziele für dich?

Der Bumillerpfeiler reizt mich, die Eiger-Nordwand natürlich auch, aber eher erst nächstes Jahr – da fühle ich mich noch nicht ganz reif dafür, ich möchte sie lieber super locker klettern können als umdrehen müssen, und es soll kein 1800 Meter Vollkampf werden. Auch im Wetterstein gibt es noch viele interessante Winterziele, zum Beispiel die Wetterkante im Winter, die wir neulich mal versucht haben – aber der Schnee war noch zu tief.

 

Was macht für dich eine attraktive Route aus?

Kombigelände macht mich an. Mitten in der Nacht eine Eisflanke raufsteigen und dann im oberen Wandteil am Fels klettern, wie zum Beispiel bei den drei Pfeilern am Palü. Eine logische Linie muss es sein, und auch eine schöne Bergform kann mich reizen.

 

Und was gehört zu einem guten Tag am Berg?

Gute Freunde, ein cooles Erlebnis. Das muss nicht unbedingt eine super Tour sein, nicht einmal ein Gipfel. Auch etwas Unspektakuläres kann Spaß machen. Allerdings: Ganz ohne Anstrengung war‘s dann meistens doch nichts rechtes. Mittags um zwei schon heimfahren fühlt sich seltsam an, außer wenn man komplett fertig ist, oder wegen Eis und Spalten richtig früh losmusste. Im Sommer möchte ich den ganzen Tag ausnutzen, aber nicht indem ich langsam bin, sondern halt zwei Touren machen, wenn noch was vom Tag übrig ist.

 

Welche Erlebnisse sind dir als Highlight im Gedächtnis?

Zum Beispiel die „Locker vom Hocker“ im letzten Sommer; wir sind zwar nicht durchgekommen, weil wir uns oben im Gamsbockgelände verklettert haben. Aber ich hab alle schweren Längen onsight klettern können. Das war ein toller Tag. Auch in den Dolomiten gab’s letztes Jahr ein paar Highlights: die Scotoniwand, der Pilastro, eine Da-Pozzo-Route an der Tofana…

Diesen Winter bin ich die Hängenden Gärten gleich zweimal geklettert, so super haben die gestanden. Ein anderes Kaliber war die „La Linea“ an den Renkfällen, 150 m senkrechtes Eis, da hauts dir den Schalter raus. Ich hab alles neu einpickeln müssen und bin alle Längen vorgestiegen – und weil ich im Eis nicht so super fit bin, hat’s mich ganz schön aufgeblasen. Und natürlich waren auch die zwei Erstbegehungen am Geierkopf etwas Besonderes.

 

Gibt es auch Erinnerungen, auf die du gerne verzichten würdest?

Nein, wirklich Gefährliches habe ich noch nicht erlebt. Nur eins war mal peinlich: Da haben wir zum Geierkopf Bohrhaken mitgenommen, die nicht zum Bohrer gepasst haben. Aber sicherheitsmäßig hab ich alles immer ganz gut im Griff gehabt, Harakiri starten wir normal nicht.

 

Wie kommt’s, dass du im „Draufgängeralter“ von 18 so solide drauf bist?

Ich war halt viel mit meinen Eltern unterwegs, und Ältere sind oft vernünftiger in Sachen Schwierigkeitswahl und Zeitplan. Ich käme nicht auf die Idee, vor einer schwierigen Mixedroute erstmal auszuschlafen. Oder einen Neuner an meinem Limit zu klettern, den ich auch noch selbst absichern müsste. Ich habe immer gerne Reserve – in der Schwierigkeit wie im Zeitplan.

 

Trotzdem sagst du: „In jeder Unternehmung steckt noch ein kleines Abenteuer“ – welche Art von Abenteuer am Berg findest du gut?

Ein bisschen Abenteuer muss sein, sonst wär‘s nicht interessant. Bei einer perfekt eingerichteten Plaisirroute ist ziemlich klar, was mich erwartet. Dann ist nur noch die Schwierigkeit eine Frage, ob ich die raufkomme. Wenn du dagegen eine Alpinroute im Winter gehen willst, bekommst du kaum Informationen über die aktuellen Verhältnisse, kennst sie höchstens vom Sommer. Also weißt du nicht, wie komm ich zeitlich hin und hoch, finde ich die Stände, kann ich’s gut absichern? Komm ich wieder runter? Auch "Points of no return" machen’s spannend. Im alpinen Gelände bist du einfach auf dich allein gestellt.

 

Und wann wird das Risiko oder das Abenteuer zu groß?

Ich wähle meine Touren mit aller verfügbaren Vorinfo so aus, dass ich sagen kann, das liegt im Machbaren. Mit Steigeisen und Pickel bin ich nicht scharf auf einen Mega-Abflug, im steilen Fels kann das schon mal ok sein. Und natürlich achte ich auch auf das Steinschlag- und Lawinenrisiko. Wobei ich den Lawinenlagebericht mit meiner Erfahrung aus der Region abgleiche. Eine für Steinschlag berüchtigte Tour wie den Eiger würde ich am ehesten im Winter oder Spätwinter gehen, wenn alles festgefroren ist, im Sommer wär‘s mir das Risiko nicht wert.

Auch Free Solo klettere ich nicht gerne. Manche sagen: komm, die kurze Eisstufe hier gehen wir noch solo und fangen erst weiter oben zu sichern an – mir ist es das nicht wert, vor allem in Touren, in denen es sowieso um nichts groß geht: Wenn man ein Seil dabei hat, kann man auch gleich sichern.

 

Du nennst keine Vorbilder, aber „Aktionen die mir gefallen“ – Beispiele?

Mir gefällt das Prinzip „by fair means“, weil es komplett deine eigene Leistung ist, nur mit dem was du tragen kannst. Das gibt dem Berg einen anderen Anreiz, als wenn der Heli das Material transportiert oder wenn du mit der Seilbahn rauffährst – damit fängt es ja schon an.

An Routen in letzter Zeit beeindrucken mich zum Beispiel Roger Schälis Begehung des „Zauberlehrling“ an der Scotoni – und auch was David Lama und Dani Arnold am Moose‘s Tooth gemacht haben, war ziemlich sportlich.

 

Was gefällt dir an den Menschen am Berg?

Normalerweise grüßt man sich am Berg, in der Fußgängerzone tut man das nicht, auch im Dorf oft nicht mehr. Man sagt Du und ist hilfsbereiter untereinander, es ist wie eine kleine Gemeinschaft. Im Klettergarten vielleicht nicht mehr so stark, aber im Oberreintal oder Schüsselkar schon noch. Und auch wenn man sich mal im Weg ist, findet man immer eine Lösung, wenn man locker aufeinander zugeht, nicht mit einer Grund-Verbissenheit.

 

Wie geht es dir als Jüngstem im Expedkader?

Ich kann da nur gewinnen, und viel lernen von den anderen, die mehr Erfahrung haben, ob von der Bergwacht oder im Klettern. Wenn ich zum Beispiel mit Tobi eine Mixedtour gehe, die ich nicht selber vorsteigen würde, da kann man sich eine Menge abschauen.

Außerdem sind das super neue Partner und Freunde. Fast jeder von uns hat schon mit jedem was gemeinsam unternommen, ich war am bisher häufigsten mit Andi oder Ludwig beim Sortklettern oder auf Skitouren.

 

Hast du schon was gelernt, und was willst du noch lernen?

Vor einem Jahr war ich beim Klettern in einer vergleichbaren Schwierigkeit unterwegs wie heute, aber jetzt fühle ich mich sicherer dabei. Richtig neu dazugekommen ist das Mixedklettern. Da und aber auch beim Sportklettern würde ich gerne noch dazulernen.

Aber eigentlich kann ich mich in allem noch verbessern. Vielleicht besonders im Kopf: Die Moral für mäßig gesicherte Passagen bringe ich nicht immer zusammen.

 

Hast du schon Vorstellungen zur Abschlussexpedition?

Wir haben im Team schon ein bisschen darüber geredet. Irgendwas Kombiniertes wird es wohl werden, mit Schnee und Eis, vielleicht im Karakorum. Das ist ja eine ganz andere Liga, die Berge sind höher, allein schon Anreise und Logistik sind eine Herausforderung. Eine Neutour im Dschungel könnte ich vielleicht auch mit Freunden machen. Im Himalaya und Karakorum dagegen braucht man ein Permit und muss viel komplizierter planen, da könnten wir einen Einblick gewinnen. Das Prinzip der letzten Kader-Jahrgänge, ein Expeditionsgebiet mit mehreren Alternativ- und Nebenzielen auszuwählen, ist sinnvoll. So kannst du immer ein bisschen was machen, auch wenn Wetter oder Verhältnisse nicht so toll sind.

 

Bleibt dir noch Zeit für Hobbys außer der Diatonischen Ziehharmonika?

Mit der Ziach habe ich ja schon früh angefangen, und auch jetzt spiele ich noch ein bisschen, aber mehr für mich. Musik machen ist mir wichtig, es macht Spaß und hört sich auch gut an – auch wenn ich vielleicht nicht auf der Oberreintalhütte aufspielen möchte. Meine Stücke sind eher traditionell, aber ich mag auch mal was moderneres, etwa vom Herbert Pixner.

Für andere Hobbys bleibt nicht viel Zeit – aber der Bergsport ist ja vielseitig genug.

 

 

Sponsorenbanner-Exped