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„Wenn man aufsteht, muss das Feeling passen“

Abwechslung ist für Tobias Karpinski das Beste am Bergsport. Deshalb zieht es ihn nicht nur in die Boulderhalle oder in den Klettergarten, sondern auch in alpine „Abenteuerrouten“. Das Interview aus DAV Panorama 5/2013 in ganzer Länge.

 

Was hast du denn in letzter Zeit so geklettert?

Nach der Droites-Nordwand (Ginat) mit Sepp im Mai (s. DAV Panorama 4/13) ist nichts Größeres mehr gelaufen; im Frühsommer war ja das Wetter nicht so gut. Da war ich hauptsächlich Sportklettern und an Pfingsten im Verdon – dort war es so kalt, dass wir nur zwei Touren machen konnten. Aber letztes Wochenende war ich im Kaiser und konnte die Mythomania klettern.

 

Eine legendäre Psychotour an der Fleischbank.

Es ist eine der anspruchsvollsten Touren dort, natürlich hat sie einen Namen für ihre relativ kühne Absicherung, und der macht auch einen Teil der Motivation aus. Wenn sie alle Meter einen Haken hätte, hätte sie nicht diesen Namen.

 

Motiviert dich das, diese berüchtigte Route zu versuchen?

Es ist schon auch super Kletterei. Die Schlüsselseillänge bietet kompakte Wandkletterei, die eben sehr schwer abzusichern ist, im Rest hat man meistens gute Risse für Friends und Keile. Ich mache so etwas gerne; natürlich geht das nicht immer, es muss stimmen vom Kopf her. Wenn man aufsteht, muss das Feeling passen. Wenn ich mich unwohl fühlen würde, würde ich nicht einsteigen. Aber wenn es passt, macht mir das schon Spaß; schließlich macht es das Alpinklettern aus, dass man selber was legt oder ein paar Meter wegsteigen muss. Ich gehe auch gerne mal eine Plaisirtour, aber die anspruchsvolleren Routen müssen halt auch mal sein.

 

Tobias-Karpinksi-2 Reizt dich an solchen Routen speziell das Risiko?

Ganz reizlos ist es sicher nicht, aber es ist eher so, dass man es eben auf sich nimmt. Worum es mir geht, ist meine Fähigkeiten und Grenzen auszutesten: physisch beim Sportklettern, und in solchen Routen das Psychische. Voraussetzung ist, dass das Sportkletterniveau dazu passt, ich möchte da vom technischen Können her ein, zwei Grade Reserve haben. Und die Route muss verantwortbar sein. Ich will nicht dabei sterben, weil ich sie nicht drauf habe.

 

Wie hältst Du’s mit dem Risiko generell?

Zu behaupten, man gehe gar kein Risiko ein, wäre falsch. Wenn man in der Mythomania fällt, stirbt man nicht unbedingt, denn der Stand hält, aber man kann sich ziemlich wehtun. In Chamonix oder ähnlichem hochalpinem Gelände kommen Stein- und Eisschlag dazu; die hat man nicht in der Hand. Mehr oder weniger Risiko ist beim Bergsport immer dabei, aber es muss kalkulierbar sein. Wenn mir vorher einer sagt, da drin brichst du dir den Fuß, würde ich nicht einsteigen. Aber auch beim Sportklettern kann man nichts ausschließen. Meine Freundin hat sich beim Bouldern einen Kreuzbandriss geholt, bei einem Sprung aus einem Meter Höhe auf die Matte.

 

Sind die „Jungen“ risikobereiter, aggressiver, wilder?

Als Älterer wird man vielleicht etwas ruhiger und hat mehr Übersicht. Mit 17, 18 war ich hitziger und habe mehr mit der Brechstange gemacht. Vielleicht war’s gut, dass mein Sport damals Motorradfahren war; da kann man sich zwar auch weh tun, aber man ist viel besser geschützt als am Berg.

 

Du bist im Kader der Älteste – wie geht’s dir damit?

Naja, es sind ja keine fünfzehn Jahre Abstand, wir sind schon ziemlich nah beieinander. Vielleicht habe ich ein bisschen mehr Erfahrung als einige andere – aber vor allem weil ich viel unterwegs war, angefangen zu klettern habe ich ja erst vor fünf Jahren.

 

Was bedeutet es Dir, im Expedkader zu sein?

Das ist eine coole Sache vom Alpenverein, junge Bergsteiger zu fördern. Man kann nur dazulernen. Wenn meine Kumpels Michi (Dürr, Kader 2005) oder Dario (Haselwarter, Kader 2011), mit dem ich in einer WG wohne, erzählen oder Bilder zeigen, das spricht für den Kader. Die haben einfach coole Aktionen gemacht, drei Jahre lang.

Und natürlich habe ich mich auch gefreut, dass ich ausgewählt wurde. Ich fühle mich deswegen nicht gleich als Weltklasse-Athlet, aber es ist eine Bestätigung fürs Können, dass man nicht total umeinanderdümpelt. Auch vom Team her fühlt es sich schon lässig an. Wir kennen uns noch nicht lange, aber es sind super Leute, jeder wirkt auf Anhieb ziemlich sympathisch. Ich glaube, wir werden drei gute Jahre haben.

 

Habt Ihr schon einiges miteinander gemacht?

Bis auf die Chamonix-Aktion mit Sepp noch nichts. Vier von den anderen waren mal gemeinsam am Schüsselkar. Sonst kommt man selten zusammen, jeder hat ja seinen eigenen Freundeskreis, den man nicht einfach aufgeben will. Aber jeder hat jetzt fünf neue potenzielle starke Partner: Das ist cool.

 

Zum Klettern gekommen bist du durch deine damalige Freundin, etwas anders als bei den meisten Kletterpaaren…

Vorher bin ich viel Motocross und Mountainbike gefahren, aber nicht auf dem Level wie ich jetzt klettere. Wir wollten etwas gemeinsam machen, also bin ich mitgegangen zum Klettern. Es hat mir vom ersten Tag an Spaß gemacht, und irgendwie bin ich dran hängengeblieben. Es ist ja auch logistisch so einfach: Man nimmt sein Zeug, fährt an den Fels und klettert los – viel einfacher als Biken, wenn man wie ich direkt vor den Bergen wohnt.

 

Bist du mit deiner jetzigen Freundin auch gemeinsam unterwegs?

Ja, sie klettert auch stark, war zum Beispiel meine Seilpartnerin bei der Mythomania. Allerdings ist sie wegen der Absicherung nur die leichteren Längen vorgestiegen, obwohl sie sehr stark im Sportklettern ist. Ungefähr die halbe Zeit sind wir miteinander unterwegs, die andere Hälfte jeder mit seinen Freunden. Für mich ist es wichtig, dass die Freundin das Hobby teilt. Sonst würden wir uns vielleicht nicht viel sehen.

 

Du nennst das Bergsteigen Hobby – aber steckst schon viel Zeit rein?

Naja, der Beruf muss schon sein: Zur Zeit mache ich meine Ausbildung zum Zimmerermeister. Aber nebenher gibt’s nicht viel anderes als Berge; zumindest nehme ich mir wenig Zeit für andere Sachen. Einfach weil mir das Klettern und Bergsteigen so viel Spaß macht und so wichtig ist. Ob es jetzt Sportklettern ist mit den Freunden, wo man den ganzen Tag gemütlich am Einstieg in der Sonne liegt und zwischendurch mal ein bisschen an den Fels geht. Oder ob’s das Alpine ist, mit seinem ganz anderen Anspruch. Die Mischung macht’s. Jedes Wochenende alpin klettern wäre mir fast zuviel. Vor zwei Jahren war so ein super Sommer und wir waren jedes Wochenende in den Dolomiten, da war im September die Luft raus. Das schöne beim Bergsport ist ja, dass man die Abwechslung hat; es wird nie langweilig. Man kann Alpinklettern, Sportklettern oder Bouldern, und im Winter kommt noch das Eisklettern dazu.

 

Wie viel Zeit investierst Du in deinen Sport? Trainierst du auch gezielt?

Die Bautechnik-Schule ist in München und ich wohne fast direkt neben der Boulderwelt – deshalb gehe ich zwei-bis dreimal in der Woche bouldern, je nachdem wieviel Zeit mir die Schule lässt. Und jedes Wochenende bin ich an beiden Tagen aktiv. Ein gezieltes Trainingssystem habe ich nicht. Höchstens hänge ich mich mal ans Campusboard, weil man sich da so schön platt machen kann. Nebenher laufe ich ein bisschen, aber vor allem um abzuschalten. Wenn ich einen Tag lang keinen Sport gemacht habe, muss ich abends oft noch den Kopf freikriegen; und eine Dreiviertelstunde oder Stunde Laufen geht eigentlich immer.

 

Wie verträgt sich leidenschaftliches Bergsteigen mit Arbeit?

Jetzt, auf der Schule, gibt’s Schulferien. Unter der Woche ist es stressig, weil man eigentlich schon immer etwas tun sollte für die Schule. Aber das erste Jahr ist ganz gut gelaufen.

Gelernt habe ich Zimmerer, und auf dem Bau wird gearbeitet solange es hell ist; da ging tagsüber nichts. Aber abends bin ich oft um acht, neun Uhr noch in die Boulderhalle gegangen. Am Wochenende war der Chef kulant und hat mich gehen lassen, nicht zum Arbeiten gezwungen. Gut am Bauberuf ist der Winter, wo es nicht viele Baustellen gibt – dafür umso mehr Zeit zum Skifahren.

 

Siehst du deine Lebensperspektive möglicherweise als Profibergsteiger oder eher in einem „normalen“ Beruf?

Mehr Zeit fürs Hobby, weniger Arbeit, das wäre nicht schlecht. Aber vom Bergsteigen zu leben ist schwierig. Für eine Profikarriere bin ich schon ein bisschen alt. Ich spiele mit dem Gedanken, die Bergführerausbildung zu machen, das wäre zumindest näher am Hobby dran als Zimmerer.

 

Welche Disziplin gefällt Dir besonders gut?

Am meisten Spaß macht mir das Kletteren in den Dolomiten, in den etwas schwereren Touren, solange sie noch nicht Harakiri sind. Routen wie „Alpenliebe“ oder „Phantom der Zinne“ an den Zinnnen-Nordwänden betrachte ich noch als ok. Es muss ja nicht im onsight sein, wo man mit vollem Risiko ins Ungewisse klettert. Die Schweizerführe an der Westlichen Zinne ist schwer zu klettern, aber schon ziemlich zugenagelt.

Wichtig ist dabei vor allem ausreichend Abstand zur persönlichen Grenze. Schwerer als IX bin ich in alpinen Routen noch nicht geklettert, das ist ein knapper Grad unter meinem Sportkletterniveau; da war meine schwerste Route X-. Es reizt zwar, auch mal was Alpines im unteren zehnten Grad zu klettern. Aber das vielleicht doch lieber mit Bohrhaken; da klettert man noch lässiger fünf Meter weg als beim Schlaghaken.

 

Und wo möchtest Du noch besser werden?

Im Mixedklettern bin ich nicht richtig gut, das mache ich ja fast nie. Und auch im Sportklettern kann man immer noch besser werden; es ist faszinierend, was da die Jungen heute vorlegen. Aber da noch zuzulegen wird anstrengend; am Anfang ist die Leistungskurve schnell nach oben gegangen, jetzt wird’s mühsamer.

 

Was steht noch auf deiner Wunschliste?

Spontan fällt mir das „Phantom der Zinne“ ein. Aber es gibt so viele Routen, die ich gerne klettern möchte. Man muss ja auch einen Partner dafür finden. Und wichtig ist vor allem, dass man gesund bleibt. Jedes Frühjahr nimmt man sich was vor, und oft kommt‘s dann ganz anders – aber es sind eigentlich immer gute Erlebnisse.

Ein großer Traum sind die USA, Yosemite Valley, Rissklettern lernen. Die Nose am El Capitan ist wohl für jeden Alpinkletterer ein Traum. Für nächstes Jahr habe ich eine USA-Reise geplant, und da würde ich schon gerne die Nose oder die Salathe probieren.

 

Reizen dich „echte“ Expeditionen überhaupt?

Es einmal auszuprobieren reizt auf jeden Fall. Ob es einem gefällt, weiß man ja nicht, bevor man es probiert hat – und das ist doch aufwändig. Nach Chamonix fährt man leicht einmal. Aber eine Expedition selbst organisieren machen die wenigsten.

Für großes Expeditionsbergsteigen klettere ich wohl zu gern. Wenn man so lang unterwegs ist, kann man das Kletterlevel nicht mehr hochhalten. Für schweres Sportklettern muss man im Projekt arbeiten. Wenn das ein Zehner ist, bringt ein alpiner Neuner dafür nichts.

 

Hast Du auch schon eine Idee für die Abschluss-Expedition?

Nein, aber Himalaya oder Karakorum reizen mich schon. Die Aktionen des letzten Kaders waren gut: Erstbesteigungen in schwierigerem Gelände. Neuland würde mich mehr reizen als ein viel bestiegener Gipfel oder eine schwere Wiederholung. Eine eigene Linie finden, ausprobieren ob man überhaupt hochkommt: Das ist spannend.