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„Dumme Sprüche teile ich selber aus“

„Morgens Kletterschuhe, abends High Heels“: Christina Huber steht im Bergsteigerort Garmisch-Partenkirchen ihre Frau – selbstbewusst und auf Augenhöhe mit den Männern.
 

Was und wo studierst du?

Ich studiere Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt BWL in Innsbruck an der Sozialwissenschaftlichen Uni. Und ich versuche, es mir so einzurichten und es zu genießen, dass Zeit zum Trainieren, Klettern und für den Kader bleibt.
Vielleicht werde ich hinterher noch das Masterstudium anhängen; als Berufsperspektive könnte ich mir was mit Marketing vorstellen, zum Beispiel bei einer Sportfirma.
 

Kannst du die günstige Lage in GAP so fürs Bergsteigen nutzen wie du es dir wünschst?

Ich wohne in Partenkirchen und fahre zu den Vorlesungen mit anderen zusammen nach Innsbruck, manchmal übernachte ich auch dort bei einer Freundin. Die meisten Touren mache ich von GAP aus. Ich teile mir meine Zeit recht gut ein; wenn man gut plant, dann geht sich auch viel aus.
Nebenher arbeite ich noch als Bedienung im Cafe, im diesem Sommer helfe ich gelegentlich an Wochenenden auf der Weilheimer Hütte aus, und für die Bergwacht bin ich auch noch aktiv – es ist also genug zu tun. Es läuft; nicht locker-lässig, aber es geht. Bergwacht, Arbeit, Studium, Kader und Klettern unter einen Hut zu bringen braucht gutes Zeitmanagement. Ich bin zwar manchmal verplant, bring’s aber ganz gut auf die Reihe.
 

Christina-Huber-2 Du bist ja sozusagen über Deinen Vater zum Bergsteigen gekommen. Wie lief das?

Mein Vater war früher ein sehr aktiver Bergsteiger, später auch bei der Bergwacht engagiert – und irgendwann hat er mal gesagt: Wenn in Garmisch-Partenkirchen die erste Frau zur Bergwacht kommt, tritt er aus. Ich war damals gerade in meiner Sturm-und-Drang-Zeit und habe das als Motivation gesehen; allerdings wollte ich eh zur Bergwacht. Wenn Du dann als Frau, noch dazu als erste, dort bestehen willst, musst Du besser sein als der Durchschnitt, um als erste Frau akzeptiert zu werden. Deshalb habe ich mehr fürs Klettern trainiert und bin dann besser geworden.
 

Wie geht’s dir heute als Frau in der Bergwacht – und mit deinem Vater?

Am Anfang war’s ungewohnt für alle. Mittlerweile hat es sich aber normalisiert und ich fühle mich voll akzeptiert in unserer Bereitschaft. Der Chef unterstützt das, mittlerweile sind wir sieben, acht Frauen unter etwa achtzig aktiven Mitgliedern.
An Zeitaufwand bedeutet das für mich etwa vier bis fünf Freitagabend-Treffen pro Sommer und pro Winter, außerdem in Sommer und Winter je drei oder vier Wochen Dienst, meistens als Einsatzleiter. Das ist schon ein ziemlicher Zeitaufwand, aber man lernt dabei auch viel für den Berg.
Und mein Vater unterstützt mich mittlerweile voll und ganz. Er hat mir sogar sein altes Material überlassen.
 

Und wie geht’s dir als starke Frau unter den anderen Bergsteigern in Garmisch-Partenkirchen? Ist so ein Bergdorf nicht recht männlich geprägt?

Naja, ich bin sowieso eher mehr mit Jungs alpin unterwegs; es gibt brutal wenig Mädels hier, vor allem wenig reine Frauenseilschaften. Aber nicht deshalb, weil es keine unterschiedliche Förderung gäbe; es ergibt sich einfach so.
Die ungleiche Verteilung bedeutet aber nicht, dass man es als Frau schwerer hätte. Wenn ich was schweres klettere im Oberreintal, dann heißt es vielleicht schon „du wildes Huhn“. Das ist aber positiv gemeint, wie wenn man sagt „du bist a Hund“, es wird als cool empfunden, wenn eine Frau gut klettert. Keiner sagt zu mir: „Bleib doch daheim und koch.“ Und wenn ich mal dumme Sprüche höre, dann hab ich oft vorher ausgeteilt. Das ist so ein Geben und Nehmen.
 

Welche Disziplinen gefallen dir besonders gut?

Das ist ganz unterschiedlich, ich habe keine Lieblingsdisziplin. Eisklettern macht mir sehr viel Spaß, vor allem auch das Mixedklettern an Geräten. Am Saisonanfang gehe ich auch ganz gern zum Sportklettern, der Spaß legt sich dann aber im Lauf des Frühlings. Ich mache lieber eine ganztägige Bergtour mit vielen Seillängen statt dass ich achtmal ein Projekt berenne. Bei einer Bergtour habe ich immer noch einen Gipfel und ein Gesamterlebnis. Und ich fühle mich besser verausgabt durch den Zu- und Abstieg.
Natürlich ist es schon auch mal ok, sich nach Schwierigkeiten zu strecken. Man muss ja mal was über seinem Niveau probieren, um besser zu werden. Man lernt auch viel dabei, wenn man schwerere Züge probiert. Und man kann mal ein Erfolgserlebnis einfahren, wenn ein Projekt klappt. Aber eigentlich ist Sportklettern für mich eine Hausaufgabe, wie Joggen oder Körperspannungs-Training. Meine Ziele sind eher alpin. Dafür ist das Oberreintal ein schöner Ort, aber man findet mich bisher wohl mehr in anderen Gebieten. Dieses Jahr habe ich vor, öfter bei uns zu klettern.
 

Hast du Vorbilder? Und was fasziniert dich an ihnen?

Die Ines Papert finde ich cool; aber noch mehr begeistert hat mich Chloé Graftiaux, die leider vor zwei Jahren tödlich abgestürzt ist. Sie war so ein Allrounder: hat in einem Jahr beim Boulder- und Eis-Weltcup gewonnen, den Freerider am El Capitan geklettert, war mit der Bergführerausbildung fast fertig und stand ganz schön gut auf dem Ski.
Generell finde ich es cool, wenn man seine Touren auf ehrliche Art und Weise durchzieht und nicht so nachrüstet, dass man raufkommt. Alpin ist mein Ideal die Rotpunkt-Begehung. Klar gibt es tolle Linien, bei denen einfach ein, zwei Technolängen dazu gehören – aber wenn es irgendwie geht, möchte ich die ganze Route frei klettern. Da steige ich durchaus auch ein zweites Mal in eine Länge ein – sonst ist die Tour ja nicht geklettert, sondern nur irgendwie begangen.
 

Und welche Touren-Erlebnisse sind dir besonders in Erinnerung?

Das eindrucksvollste war sicher die Aguja Poincenot (Whillans-Cochrane), da ist alles geboten: Fels, Eis, Anspruch. Egal auf welchem Weg, ein Gipfel in Patagonien ist immer super. Beim Eisklettern ist mir der „Mordor“ im Gasteinertal als wahnsinniges Erlebnis im Gedächtnis geblieben, obwohl ich nur nachgestiegen bin. Das war so ziemlich eine der ersten Touren die ich gemacht habe.
Und die internationalen Eiskletterwettkämpfe machen mir auch Spaß: Beim Europacup ist es mir nicht schlecht gegangen, da wurde ich 2011 Zweite der Gesamtwertung. Diese Art von Wettkampf macht Spaß: es ist ein kleiner Kreis von Bekannten; das Publikum feuert lautstark an; du musst onsight klettern ohne Info über andere; die Routen sind technisch und tricky, da kannst du nichts auschecken, sondern musst Vollgas durch.
 

Was gehört zu einem gelungenen Bergtag?

Ein cooler, lustiger Partner oder eine Partnerin, geiler Fels und Spaß am Berg. Dass alle heil und ausgepowert runterkommen und happy sind. Das darf keine einseitige Sache sein, beide müssen zufrieden sein. Auch wenn man vielleicht nicht gleich schwer klettert, muss jeder auf seine Kosten gekommen sein.
 

Bist du eher Kampfsau oder Genuss-Specht?

Beides: Das kommt drauf an wie ich drauf bin. Es gibt Tage wo ich mich quälen kann. Wo ich glücklich bin, wenn ich acht, neun Stunden in der Wand hänge, die Finger offen sind. Wenn ich was größeres machen möchte, soll es auch grenzwertig sein.
Aber nach zehn Stunden Spuren am winterlichen Jubiläumsgrat brauch ich am nächsten Tag nicht wieder Vollgas. Oder wenn ich mit schwächeren Partnern unterwegs bin, dann kann‘s auch was Leichteres sein; oder man sitzt ins Cafe und lässt sich‘s gut gehen.
 

Passen Kampf und Schinderei am Berg zu deinem Bild von dir als Frau?

Klar, das passt voll zusammen, wo soll das Problem sein? Man kann sich ja schinden und muss danach trotzdem keine Männerklamotten anziehen. Eine Achthundertmeter-Läuferin schindet sich ja auch und ist trotzdem kein Mann.
 

Wie gehst du mit dem Risiko um?

Früher hatte ich weniger Ahnung und hab manches nicht hinterfragt; dadurch war ich wohl risikobereiter, das würde ich wahrscheinlich heute teils nicht mehr so tun.
Gewisse Risiken geht man am Berg immer ein. Aber ich würde nicht in eine Tour einsteigen, wo ich nicht weiß, ob ich wieder zurückkomme. Ein Grundrisiko gibt‘s beim Bergsteigen wie beim Autofahren. Aber bei 180 im Ort ist das Risiko größer als bei Tempo 50.
Natürlich kann ich das Risiko nie komplett ausschließen. Wichtig ist das Bauchgefühl: lieber nicht einzusteigen, wenn s nicht passt. Bei größeren Touren bin ich wohl öfter umgekehrt als eingestiegen. Umdrehen ist kein Problem für mich. Wenn man von der Wand weggeht, ärgert man sich vielleicht, aber es war nicht unbedingt schlecht. Alle guten Bergsteiger mussten umdrehen; wer‘s nicht gelernt hat, lebt nicht mehr.
 

Denkst du, dass Mütter (und natürlich auch Väter) vorsichtiger sein sollten? Dass du es sein wirst, wenn du Kinder hast?

Im Prinzip meine ich das schon. Aber jeder Mensch muss die richtige Entscheidung für seine persönliche Situation treffen.
Für mich persönlich möchte ich das Risiko nicht zu hoch stecken, und möchte auch nicht, dass der künftige Vater meiner Kinder zu riskant unterwegs ist. Ich würde also nicht in den „Zauberlehrling“ einsteigen mit drei Kindern daheim. Allerdings kann ich mich auch nicht im Wohnzimmerschrank einsperren.
Ich denke, dass ich als Mutter etwas vorsichtiger sein werde als heute – aber das entscheidet sich dann, wenn ich Kinder habe. Ich hoffe, dass ich bis dahin genug gemacht habe, um damit zufrieden zu sein. Meine Eltern haben das auch so gemacht.
 

Gehst du lieber mit Frauen oder Männern bergsteigen?

Das ist mir prinzipiell wurscht. Aber die meisten meiner Partner sind Männer – einfach weil es da mehr Auswahl gibt. Mit Männern hat man dann andere Gesprächsthemen und andere Umgangsformen, einen raueren Umgangston, den sie auch besser vertragen als Frauen. Nicht dass man Frauen gegenüber unbedingt die Samthandschuhe auspacken muss, aber die Ausdrücke sind sanfter. Wenn ich zum Beispiel mal „für kleine Mädchen“ muss, kann ich das Jungs gegenüber drastischer ausdrücken. Andererseits: Mit meiner besten Freundin Franzi kann ich über alles reden, und auch mal gradraus. Da weiß man, was passt und was nicht.
 

Wenn du mit Männern unterwegs bist: wer kocht? Und wer feilt die Eisgeräte?

Oft bin ich der Koch, aber vor allem deshalb, weil ich extrem gerne koche. Manchmal kochen auch die Jungs. Und meine Geräte schleife ich selber. Ich habe es auch nie erlebt, dass Jungs solche Klischees leben würden – eher versuchen sie, diese veralteten Rollenbilder zu vermeiden. Die Jungs leben das bewusst und sehen mich als ebenerdigen Partner.
Eine Ungleichheit finde ich gut: wenn die Jungs mehr tragen. Mit meinem Körpergewicht fällt ein Fünfundzwanzig-Kilo-Rucksack eben schwerer ins Gewicht.
 

Empfindest du Unterschiede im Bergsteigen von Frauen und Männern?

Das kommt hauptsächlich auf den Partner an, auf die individuelle Person. Aber tendenziell sind Frauen etwas zurückhaltender und fragen „schaff ich das?“, während die Jungs eher die „geht schon“-Mentalität leben.
Ich selber war auch so zurückhaltend: Drei Jahre lang bin ich nicht schwerer geklettert als Sechs. Ich konnte mich nicht in Projekte reinhängen, bin ein Nicht-Auschecker. Das war auch so der Style in meiner Gruppe damals. Bis ich mal mit anderen Leuten zum Klettern gegangen bin und mich einer angespornt hat, etwas Schwereres zu probieren. Dann bin ich ziemlich schnell VIII+/IX- geklettert.
 

Wie taugt dir der Expedkader?

Das ist eine ziemliche Umstellung, mit so viel Frauen unterwegs zu sein, wenn man sonst meistens mit Männern klettert. Ich war auf einer katholischen Mädchenschule, das hat mir nicht getaugt. Aber ich habe im Kader extrem viel gelernt, das ist der Wahnsinn.
Die Entscheidungsphasen allerdings dauern im Kader deutlich länger. Mit Jungs gibt’s mehr Spontanentscheidungen. Aber mit sechs Leuten ist auch die Organisation anders, aufwändiger.
 

Hast du eine Wunschvorstellung für die Abschluss-Expedition?

Ich bin da offen. Unser derzeitiger Diskussionsstand heißt: Indien oder Pakistan, Gipfelhöhe wohl um die 6000 Meter, damit die Akklimatisation schneller geht. Ich hätte Bock auf reinen Fels, werde aber auch an ein Mixed-Ziel motiviert rangehen. Es ist einfach genial, so eine Gelegenheit zu bekommen; dafür hau ich voll rein.
 

Und wie sehen die Lebenspläne für danach aus?

Solange ich studiere und das Geld reicht, möchte ich voll am Bergsteigen dranbleiben, solange es geht. Drei Jahre brauche ich auf jeden Fall noch bis zum Master. Einen Job hätte ich am liebsten im Bereich Klettern, aber eine genaue Vorstellung dazu habe ich noch nicht. Das lass ich mal auf mich zukommen.
Jedenfalls gibt es eine Zeit fürs Klettern, aber irgendwann muss ich mich selber finanzieren. Und dann, denke ich, kann ich mich genauso in einen Vollzeitjob reinknien wie jetzt in meine Tourenprojekte.