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"Meine Eltern haben nie gesagt, ich darf etwas nicht machen"

20.01.2012, 16:10 Uhr

Hast du den schönen Herbst noch für ein paar gute Touren nützen können?
Hm – mein Sommer ist nicht so günstig verlaufen. Nach dem Expedkader-Sichtungscamp in Chamonix habe ich mir zuerst das rechte Außenband kaputt gemacht. Die Trainingswoche mit dem Kader in den Dolomiten war dann super, auch beim Sportklettern ging es mir gut, aber dann hat sich plötzlich meine Achillessehne entzündet, wohl durch einen neuen Zustiegsschuh. So konnte ich bei dem super Herbstwetter nur den Fuß hochlegen und hoffen, dass die Entzündung abklingt.

 

Dein Vater ist Bergführer in verschiedenen Lehrteams des DAV und war Teilnehmer der Trainingsexpedition 1988. Wie hat das dein eigenes Bergsteigen beeinflusst?
Auch meine Mutter ist eine begeisterte Bergsteigerin. Wir waren als Familie im Urlaub immer draußen, aber nicht nur zum Bergsteigen und Klettern, sondern auch Canyoning, Kanufahren und Ski(hoch)touren. Meine Eltern haben nie gesagt, ich darf etwas nicht machen, und sie haben mir auch gerne Material ausgeliehen, das ich brauchte. Alleine nicht gehindert zu werden im Aufwärtsdrang ist schon viel Hilfe.

Als ich kleiner war, kam’s natürlich schon mal vor, dass ich nach 300 Höhenmetern keinen Bock mehr hatte, dann haben sie mich schon auch mal angetrieben. Aber meine Haupt-Motivation kam aus mir selbst – und aus der Jugendgruppe meiner Sektion. Da bin ich mit 13 eingestiegen und wir haben viel gemacht, auch anspruchsvolle Skihochtouren oder im Sommer Hochtouren wie das Aletschhorn. Unsere zwei Jugendleiter waren alpin sehr kompetent und sehr engagiert, sie haben da viel Zeit reingesteckt – teilweise zwei Wochen jede Ferien investiert. Ohne die wäre ich nicht da wo ich bin.

 

Yvonne-Koch-Eisklettern Welche alpinen Disziplinen machst Du am liebsten?
Es muss von allem was her. Sportklettern im Sommer war gut, aber jetzt reicht’s mir und ich freue mich wieder auf den Winter – ab April möchte ich dann sicher wieder an den Fels. Besonders gern gehe ich ins Eis, im Sommer ist es mir oft zu warm. Wasserfälle sind super, aber auch eine Nordwand mit Gipfel muss mal sein. Andererseits: Wenn ich das ganze Jahr nur eisklettern würde, würd‘s mir auch nicht mehr so taugen – die Abwechslung macht’s.


 

 

Was sind deine alpinen Highlights und warum?
Ich gehe sehr gerne zum Winteranfang an die Renkfälle, da kann man oft schon früh in der Saison klettern und ist ganz allein. Interessant ist es dann am Winterende, wenn dort zehnmal so viel Eis steht.

Ein großes Highlight war eine Expedition nach Bolivien; an der Illimani-Südseite haben wir – ein Kollege aus der Jungmannschaft und ich – eine Erstbegehung gemacht mit zwei Biwaks in der Wand. Es ging über einen Gletscherbruch, bockhartes Eis mit Grieselschnee drauf; das Eis war so hart, dass wir die Schrauben teils mit dem Eisgerät eindrehen mussten. In den Biwaknächten haben wir nur drauf gewartet, dass es wieder hell wird; auf 5800 Metern sitzend schläfst du nicht so besonders gut – du döst mal weg, aber erholst dich nicht richtig. Auch der Abstieg war ein Abenteuer: über den Nordwestgrat, der ganz anders aussah als in unserer zwanzig Jahre alten Beschreibung, und dann auf einer Art Forststraße um den halben Berg herum zurück ins Basislager.

Alles reichlich mühsam und wild – und dazu der Blick raus ins Tiefland, keine hohen Berge rundherum; du bist so weit draußen, das war großartig.

 

Was macht für dich einen gelungenen Bergtag aus?
Dass man sich herausgefordert hat, sich selber auch mal einen Arschtritt gegeben hat. Wandern mag schön sein, aber es ist nicht so erfüllend, wie wenn man mal richtig angezogen hat: um drei Uhr früh aufgestanden ist, eine komplexe Logistik durchgezogen hat, technisch gefordert war… Diesen Anspruch möchte ich immer mal wieder erfüllen; zwischendurch mal eine gemütliche Tour ist auch ok, aber nicht immer. Dann fehlt mir die Motivation.

Dabei geht’s für mich immer um alpine Ziele. Ich gehe auch mal Sportklettern und freue mich, wenn ich mich verbessere, klettere auch mal Projekte in Gebieten, wo ich häufig hinkomme. Aber nicht, um diese bestimmte Tour zu klettern, sondern um besser zu werden für die Berge.

Frauenbergsteigen – ist das für dich ein Thema? Was ist anders als bei Männern? Bist du lieber mit Frauen unterwegs
Zu diesem Genderzeug habe ich eine politisch unkorrekte Meinung: Jeder muss schauen, wo er bleibt. Wenn ein Mann stricken will, soll er‘s machen, und die Frau soll eisklettern, wenn sie will, aber nur dann. Natürlich ist das nicht einfach, wenn man nicht die Möglichkeit dazu kriegt. Deshalb war der Frauen-Kader mal nötig.

Bisher war ich eher mit Männern unterwegs, weil ich keine starken Frauen gekannt habe. In der Jugendgruppe war ich oft die einzige Frau. Dabei gibt es genug Frauen, die stärker sind als viele Männer. Jetzt mit den Kadermädels bin ich sehr gerne unterwegs – flüchtig habe ich eh schon ein paar gekannt. Aber generell geht es nicht um männlich oder weiblich, sondern dass ich mich mit meinen Seilpartnern verstehe. Es kann mit Männern wie mit Frauen gut oder schlecht gehen – aber ich habe noch keine wirklich schlechten Erfahrungen gemacht.

Der vielleicht einzige Unterschied: Mädels müssen öfter aufs Klo.
 

Wie ist der Eindruck vom Kaderteam nach der ersten gemeinsamen Aktion in den Dolomiten?
Bis jetzt finde ich das super, wir sind total entspannt und haben eine lockere Stimmung. Ich hatte mehr stressige Situationen erwartet. Der DolomitenTrip war natürlich auch deswegen easy, weil wir fast nur schönes Wetter hatten und in den Touren alles glatt lief.

Vielleicht wird es im Team mal Differenzen geben, weil die Leute unterschiedliche Historien mitbringen. Aber wir werden sicher ein Ziel finden, das allen Spaß macht.
 

Was erwartest du von der Zeit im Expedkader?
Viel klettern und bergsteigen, viel lernen, viel unterwegssein; dabei lernt man das meiste, nicht auf Kursen. Das Programm für die nächste Zeit sieht ja schon gut aus: Im Januar haben wir einen Lawinenlehrgang mit Chris Semmel, gemeinsam mit dem Männerkader. Mitte/Ende Februar gehen wir eisklettern – wahrscheinlich im Dauphiné, wenn die Verhältnisse passen. Und im April/März wollen wir ins alpine Eis, wahrscheinlich nach Chamonix.


Hast du schon Vorstellungen zur Abschlussexpedition?
Ein richtig hoher Berg, wo es nur noch ums Hochkommen geht, würde mich selber mal reizen, ist als Abschlussexpedition aber sicher nicht sinnvoll.
Ein konkretes Ziel habe ich nicht. In den Großraum Himalaya wollte ich schon immer mal, aber Grönland oder die Antarktis würden mich auch reizen. Eis liegt mir besonders, aber auch Fels sollte in der Nähe sein.

Neben Deinem Studium bist du in der Bergführerausbildung. Ist das eine Berufsperspektive für Dich?
Ich war beim Sommer-Eignungstest der Bergführer-Ausbildung einen Tag krank, das muss ich jetzt nachholen. Dann möchte ich weitermachen mit der Ausbildung.
Ich weiß nicht ob ich mein Leben lang nur hauptberuflich Führen will, aber als zweites Standbein und Abwechslung zur der Geologie ist es super - oder Geologie als zweites Standbein zum Bergführer?

Was gibt es außer Bergsteigen in deinem Leben?
Ich spiele Gitarre, klassisch und lateinamerikanisch, früher zeitweise sehr viel und auch im Ensemble. Aber das ist nach dem Klettern immer deprimierend, weil die Finger so steif werden.
Ich lese gerne, auch Sachliteratur, und bastle an meiner Ausrüstung herum. Aber prinzipiell sitze ich nicht gerne abends alleine zuhause, sondern treff mich lieber mit Freunden. Neben der Uni arbeite ich – mit Kletterkurse verdiene ich mir zusätzliches Geld fürs Studium und Unterwegssein –, und bis vor kurzem hatte ich eine Jugendgruppe, aber die hatte jetzt Abschlusstour, weil alle Abi machen und sich sonstwohin verstreuen.

Wie steht’s mit Training?
Heute hab ich’s mal wieder geschafft, laufen zu gehen, aber wenn’s zwei Wochen lang regnet, dann mache ich das halt nicht. Aufs Hallenklettern hab ich überhaupt keine Lust. Ich hab’s auch mal mit einem Trainingsplan probiert, aber der Anreiz hat gefehlt und auch ein Trainingspartner, alleine ist’s ziemlich langweilig. Vielleicht starte ich jetzt mit dem Expedkader mal wieder einen Trainingsversuch.