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Christof Nettekoven und Seilschaft besteigen P3 im Shuijerab Tal

21.10.2013, 16:59 Uhr

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Das Ziel im Blick: Erfolgreiche Besteigung im Karakorum

 

Unsere Planung und Vorbereitung für Pakistan ist am 23. Juni 2013 eigentlich schon abgeschlossen, da platzt eine Meldung in die Nachrichten, die uns alle schockiert: „Zehn Bergsteiger und ein Einheimischer im Basislager auf der Diamirseite des Nanga Parbat von Taliban erschossen“. Das liegt auf unserer Route. Um nach Shimshal zu kommen muss man unweigerlich am Nanga Parbat und dem Problemgebiet Chilas vorbei. Aber wie hat ein einheimischer Bekannter mir vor Jahren beruhigend gesagt: „Dont worry, only local people killing, no tourist killing“. In der Tat, Touristen waren bis dato aus den Konflikten ausgeschlossen. Aber die aktuellen Anschläge haben eine ganz neue Qualität erreicht. Die Botschaft ist ganz klar gegen Touristen, speziell die Bergtouristen gerichtet, die einzige Touristengruppe, die auch nach den Anschlägen vom 11.09.2001 Pakistan und seiner faszinierenden Bergwelt treu geblieben ist. Können wir es jetzt noch verantworten nach Pakistan zu fahren?

 

Eine Lawine von gut gemeinten Warnungen von unseren Familienangehörigen bricht über jeden Einzelnen von uns herein. Alle, die uns vorher schon von Pakistan abgeraten haben, fühlen sich jetzt bestätigt. Viele Telefonate mit Freunden in Pakistan und Gespräche innerhalb des Teams bestätigen uns aber an unseren Plänen festzuhalten. Eine Minderheit von Radikalen darf nicht den Ruf einer der schönsten Bergregionen dieser Erde zerstören. Die Einheimischen ab Hunza aufwärts leben vom Tourismus und lehnen jeden Extremismus ab. Die Tour einfach absagen, das ist es was die Terroristen erreichen wollen. Nein, wir sind uns einig, wir fahren nach Pakistan!

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Anreise

Noch bevor wir am 10.08.2013 pakistanischen Boden betreten können, setzten sich die Probleme fort. Ein starkes Unwetter durch den einsetzenden Monsun verhindert eine Landung in Islamabad. Unser Flug wird nach Lahore an die indische Grenze umgeleitet. Nach einigen Stunden Wartezeit können wir, d.h. Harry und Christof nach Islamabad weiterfliegen. Unser Teamkollege Michael hat leider nicht soviel Glück – sein Flug endet in Lahore und die Airline bittet ihn höflich selbst weiter zu sehen wie er denn nach Islamabad kommt. Statt um 1:25 landen Harry und Christof um 6:00 morgens in Islamabad. Unser pakistanischer Freund und Logistik-Organisator Mirza Ali begrüßt uns am Flughafen. Birgit ist aus China kommend schon zwei Wochen vor uns in Pakistan angekommen. Wir werden sie in Hunza treffen und von dort gemeinsam nach Shimshal fahren. Mittags starten wir endlich per Minivan Richtung Norden, das Abenteuer kann beginnen!

 

Am 13.08.2013 um 8:00 morgens beginnen wir mit samt unseren dreißig Trägern und vier Eseln unseren Anmarsch. Kurz vor der Yazghil Gletscherzunge biegen wir östlich ab in das enge Tal des Pamir-i Tang. Der Gang mit vollem Gepäck über den extrem ausgesetzten Felspfad mit den knorrigen Astbrücken 300m über den bodenlosen Abgrund gelegt, verlangt höchste Konzentration, ist aber ein toller Anblick, der höchsten Respekt vor der Ingenieurskunst der Shimshali verlangt! Am späten Nachmittag erreichen wir Past Furzin auf 3.650m Höhe, eine Schlucht mit einem Gletscherbach, der es zu einem bevorzugten Rastplatz der Shimshali macht.

 

In der Nacht setzt starker Regen ein, der auch den gesamten Folgetag, den 14.08.2013, nicht aufhört. Die Temperaturen fallen stark ab und wir entscheiden uns einen Ruhetag einzulegen, weil uns ein Weiterkommen bei diesem Dauerregen als nicht sinnvoll erscheint. Am 15.08.2013 brechen wir aber alle gemeinsam wieder auf. Nach einem kurzen steilen Aufschwung fällt der Weg wieder ab bis zu dem einheimischen Lagerplatz Wuch Furzin. Kurz danach überqueren wir den Pamir-i Tang auf einer Hängebrücke und folgen dem teils nur fußbreiten Ziegenpfad in einem  Auf und Ab bis Purin-e Ben. Hier erfolgt ein sehr steiler Aufstieg durch einen Schuttkegel, gekrönt von einem felsigen Sandgemisch, durch das die Shimshali ein Labyrinth von Holzleitern aus Baumstämmen gelegt haben. Einmal überwunden flacht das Gelände wieder ab und wir rasten an der Schäferhütte von Purin-e Sar zu Mittag. Ab hier wird der Weg wieder einfach und wir erreichen schließlich unser Nachtlager bei Arab Purian auf knapp 4.000m. Während Christof am 16.08.2013 einen Ruhetag in Arab Purian einlegt und auf Genesung hofft, marschiert das Team weiter an den Schäferhütten von Shuijerab (4.300m) vorbei in das gleichnamige Tal, um nahe der Gletscherzunge das Basislager auf ca. 4.600m zu beziehen.

 

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Die Träger werden mit Dank und Trinkgeld verabschiedet, die Zelte eingerichtet. Unser Sirdar Arshad, Wazir der Chefkoch und Ali Shah verbleiben als permanente Basislagerbesetzung.

 

Basislager – Hochlager - Gipfel

 

17.08.2013 Michael hat es mit einem Brechdurchfall erwischt, während Birgit und Harry erste Erkundungen im Tal vornehmen. Ein Weg durch die Felsmoräne bis zum Gletscheranfang, sowie ein Einstieg auf den Gletscher muss gefunden werden. Die großen Eisabbrüche sind schwer zu begehen, weil die dünne Auflage aus Schotter auf dem Eis sehr rutschig ist. Während dessen hat der Ruhetag für Christof nur eine weitere Verschlechterung der Symptome gebracht. Eine schlaflose Nacht mit Schluckbeschwerden und verschleimten Bronchien hat keine Besserung gebracht. Trotzdem versucht er Shuijerab zu erreichen – am Eingang zu dem Ganj-i Tang Tal (Ganj Dur) muss er entkräftet aufgeben und beschließt den Abstieg bis Shimshal um sich dort zu kurieren. Die Höhe erlaubt keine Besserung mehr. Arshad wird krank und liegt die nächsten drei Tage flach.  Es folgen Erkundungstouren, Einrichtungen von Depots sowie weitere Ruhetage.

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Um ca. 10 Uhr am Vormittag des 21.08.2013 steigen wir mit bis zu 30kg schweren Rucksäcken den Gletscher hoch. Auf einer Mittelmoräne in dem Zusammenfluss von fünf Gletscherströmen finden wir einen geeigneten Lagerplatz. Ein Gletscherbach bietet tagsüber frisches, sauberes Wasser und eine absolut geschützte Lage machen den Platz zu einem perfekten Hochlager auf 5.200m mit den Koordinaten N36°33.514‘  E075°42.416‘. Wir verbringen die Nacht im Hochlager. Der Gletscherverband im Shuijerab Tal ist der größte seiner Art im nördlichen Shimshal Gebiet.

Am 22.08.2013 beginnen wir unsere vier möglichen Bergziele nach Besteigungsrouten abzusuchen. Wir dringen auf dem Hauptgletscher zwischen den Gipfeln P1 und P3 bis auf 5.400m vor, studieren die Wände, machen Fotos um uns später im Lager noch genau besprechen zu können. Ab jetzt zeichnen wir unsere Wege mit GPS auf, um auch bei schlechten Wetterverhältnissen und speziell am Gipfeltag bei Nacht losgehen zu können.

 

Auch wenn die Gletscherverhältnisse mit wenig Schnee perfekt sind, so sind es doch extrem lange Wege mit vielen Gletscherbächen und ausgewaschenen Rinnen. Der östliche Gletscher um den zentralen P1 herum können wir an dem Tag nicht mehr gehen. Laut Planung erwarten wir dort eine passable Aufstiegsroute, die dann über einen langen Grat bis zum Gipfel führen soll.

Stattdessen gehen wir auch am Folgetag, den 23.08.2013, in Richtung P3, den wir als leichter einschätzen als P1. Wir arbeiten uns einen Weg durch und über die Gletscherflüsse und die vielen Spalten und erreichen auf 5.492m (N36°34.740‘  E075°42.931‘) den Fuß von P3. An der Süd-West-Seite haben wir eine vielversprechende ca. 50m breite Firnrinne entdeckt, die uns als die beste Route auf den Grat und von dort weiter zum Gipfel erscheint. Guter Dinge kehren wir wieder zurück ins Hochlager – wir haben einen Weg auf den Gipfel gefunden! Für den Folgetag planen wir, d.h. Birgit, Harry und Michael, den Gipfelsturm.

Am 24.08.2013 um 2:00 Uhr reißt uns der Wecker aus dem Schlaf. Gegen 3:00Uhr sind wir startklar. Der Himmel ist sternenklar, es scheint ein perfekter Tag zu werden.

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Dank unserer GPS Markierungen kommen wir im Dunkeln schnell voran. Nach 2,5h erreichen wir den Wandfuß und steigen in die Firnflanke ein. Die Eiswand ist mit einer 2-3cm dünnen Firnauflage belegt, das erleichtert uns den Aufstieg mit den Frontalzacken nur unwesentlich. Harry steigt die ca. 50° steile Flanke ungesichert vor, Birgit wird von Michael gesichert. Nach 350 Hm erreichen wir den Grat, der hier einen breiten Rücken bildet und folgen diesem in östliche Richtung. Auf 5.950m Höhe versperrt uns ein Felsriegel den Weg. Wir überwinden das Gelände im IIer Bereich und folgen dem breiter werdenden Rücken weiter in Richtung Gipfel. Auf ca. 6.100m überrascht uns eine große, quer gezogene Spalte, die auf Schneebrücken zu überschreiten ist. Danach legt sich der Gipfelhang seichter nach hinten. Der Schnee wird weicher und verlangt viel Spurarbeit. Um 10:55Uhr erreichen Birgit, Michael und Harry endlich das ca. 30m große Gipfelplateau. Unser GPS gibt eine Höhe des Gipfels von 6224m mit den Koordinaten von N36°35.525‘  E075°43.305 an. Wir beurteilen die Schwierigkeit für die Firnflanke mit AD- und den Grat bis zum Gipfel mit PD+, 8h, 1070Hm.

 

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Dank eines wolkenlosen, strahlend blauen Himmels bietet sich uns ein perfektes Gipfelpanorama. Weiter im Süd-Westen glauben wir die Pasu Gruppe (7.478m) und die markante Pyramide des Shispare (7.611m) zu sehen. Weit im Osten ist sogar die unverkennbare Gipfelpyramide des K2 (8.611m) von seiner Nordseite zu erkennen. Ein unbeschreiblich schöner Anblick!

 

Beim Abstieg folgen wir dem West-Grat an unserer Aufstiegsrinne vorbei weiter hinunter, um die daneben liegende flachere Rinne für den Abstieg zu wählen. Wieder auf dem Gletscher angekommen, müssen wir aufgrund der tageszeitlichen Erwärmung am Seil gehen. Die Schneebrücken sind einfach nicht mehr tragfähig. Nach 3,5h Abstieg erreichen wir wieder das Hochlager.

 

Nach dem erfolgreichen Gipfeltag haben wir uns am 25.08.2013 einen Ruhetag im Hochlager redlich verdient. Aber noch haben wir drei weitere unbestiegene Gipfel die auf uns warten. In der Nacht auf den 26.08.2013 erfolgt der erste Schneefall. Wir fahren mit unserer Erkundung fort und wollen den Ostgrat von P1 erforschen und falls möglich den Gletscher bis zur Firnflanke des Nordgrats folgen. Dort vermuten wir laut Planung eine gute Aufstiegsmöglichkeit. Der Gletscher bricht allerdings an der Ostseite von P1 derart steil ab, dass uns der Eisbruch mit seinen riesigen Eistürmen dazu zwingt das Gebiet weiträumig zu umgehen. Der Weg wird immer länger und wir sind einfach noch zu erschöpft um bis zum Nordgrat zu gelangen. Gleichzeitig kündigen die hohen Zirren-Wolken eine Wetterverschlechterung an. Die nahende Schlechtwetterphase bestätigt sich bereits in der Nacht mit einem Sturm und Schneeregen. Wir beschließen am 27.08.2013 in das Basislager abzusteigen. Der Himmel zieht komplett zu und Regenfälle setzen immer wieder ein. Im Basislager angekommen werden wir überschwänglich von unserer Crew empfangen.

 

Das gesamte Messtent ist bunt mit Blumen dekoriert und jeder von uns bekommt einen lila-blauen Blumenstrauß in die Hand gedrückt. Wazir verwöhnt uns mit einem leckeren Empfangsessen. Die bunte Blumenvielfalt um das Basislager herum bringt uns auf die Idee für die Namensgebung von P3 – der Berg im Blumenland, auf Wakhi „Koh-e Gulistan“!  Ein passender Name in einheimsicher Sprache, der auch unseren Respekt vor den Shimshali ausdrücken soll.

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Der Abend endet mit einer zünftigen Feier am Lagerfeuer mit Tanz und Gesang.

Aufgrund ständiger Regenfälle mit jeder Menge Neuschnee brechen wir am 29.08.2013 unser Basislager ab und brechen mit unserer Lagercrew bestehend aus Arshad, Wazir und Ali Shah, zum Pass auf. Der Shimshal Pass verläuft über die Wasserscheide zwischen Zentralasien und der indischen Tiefebene und war Ausgangspunkt der vielen Raubzüge des Hunza Königreichs auf die reich beladenen Karawanen, die auf der Durchreise zwischen Leh und Yarkand entlang des Shaksgam unterwegs waren.

 

Auch wenn uns die Wolken und der Regen den ersten Eindruck vom Pass verhageln, so werden wir doch von der warmherzigen Gastfreundschaft der Shimshali überwältigt. Für die obligatorische Gipfelfeier spendieren wir traditionell den Shimshali eine „Gipfel“-Ziege. Da Fleisch nur selten auf den Tisch der Einheimischen kommt, ist dies für uns auch ein schöner Weg Danke zu sagen. Besonders für die Träger ist dies das Highlight einer jeden Bergexpedition. Wir werden uns schnell über einen kapitalen Bock einig. Nach einem Gebet als traditionelle Reinigungszeremonie durch den Kazi gehalten, wird die Ziege geschlachtet und von den Frauen gekocht.

 

In der Nacht zum 31.08.2013 wandelt sich der permanente Regen in Schneefall und Wolfsgeheul ist zu vernehmen. Es gibt tatsächlich Wölfe hier. Laut Aussagen der Einheimischen reißen sie im Winter besonders häufig Jungtiere. Wir marschieren zurück in Richtung Shimshal und übernachten in Arab Purian and erreichen am 01.09.2013 nach einem 6h Leistungsmarsch wieder Shimshal. 02.09.2013 Auf der Rückfahrt nach Karimabad/Hunza ist auf der Shimshal Road hinter Dut ein Stück der Jeeppiste weggespült worden. Der Versuch Teile des Schuttkegels zur Verbreiterung der Jeeppiste wegzuschaufeln ist durch ständig nachrutschendes Material hoffnungslos. Wir errichten zwei Stützmauern aus Naturstein und füllen diese mit dem Schutt auf. Die Fahrt kann weiter gehen und führt über den Attabad Lake wieder nach Karimabad, wo wir die erfolgreiche Expedition feiern.

 

Ansonsten lassen wir die letzten Tage vor der Rückfahrt nach Islamabad mit Walnusskuchen und Chai ausklingen. Aufgrund der Konvoiregelung brauchen wir fast zwei Tage. 08.09.2013 erfolgte ein Fernsehinterview für den pakistanischen Staatssender PTV World für lobende Worte über die Sicherheit und Werbung für den Bergsport in Pakistan. Schließlich ging es dann am 10.09.2013 wieder per Flieger zurück nach Deutschland.

 

Ausführliche Informationen zur Expedition samt Kartenmaterial finden Sie im folgenden PDF-Dokument:

 

DAVPakistanExpedBericht13 nettekoven.pdf , 2,3 MB

 

Darüber hinaus finden Sie das Fernseh-Interview mit den Expeditionsbergsteigern auf YouTube unter: www.youtube.com