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Starke Frauen, große Ziele

16.11.2012, 12:28 Uhr

Seit 2011 gibt es beim DAV-Expeditionskader ein Frauenteam. Nun mag mancher fragen: "Braucht's das?", manch anderer: "Warum gibt's das nicht schon immer?" Berg 2013 diskutierte mit dem Team darüber, ob und wie sich "weiblicher" und "männlicher" Bergsport unterscheiden.
Die Originalversion des Gesprächs, das für das Alpenvereinsjahrbuch "Berg 2013" noch gekürzt werden musste.

 
Warum geht ihr in die Berge? Ist es Sport oder Lebensform?
Caro: Beides! Ist doch klar, oder? Einerseits ist es Sport, dass du körperlich was tust und dich auspowerst. Es gibt nichts geileres, als voll platt zu sein. Aber andererseits ist es auch die Lebensform, draußen sein, in den Bergen sein und mit den Leuten zu leben. Schon das Bouldern ist eine Lebensform – sicher auch Sport, aber das Drumherum ist mindestens genauso wichtig.
Chrissi: Fürs Bouldern kann ich mich nicht so begeistern Ich will nicht an Kieselsteinen rumturnen, wenn daneben große Wände stehen. Für mich ist das Gesamterlebnis wichtig, der gemeinsame Zustieg, eine Wand klettern, auf einem Gipfel stehen, miteinander absteigen, platt sein, die Eindrücke unterwegs.
Yvonne: Es sind nicht nur Eindrücke, die man im Kopf speichern kann wie das Foto einer schönen Landschaft – genauso kann man Gefühle speichern, zum Beispiel wenn man voll Angst hatte, dann ging es aber trotzdem. Solche gespeicherten Gefühle behält man. Das habe ich beim Spazierengehen nicht.
Mia: Für mich ist die sportliche Herausforderung meine externe Motivation: ein Ziel, ein Gipfel, eine Tour. Der Risikoaspekt kann mich zusätzlich anspornen. Dass ich sagen kann, boah, ich hab’s geschafft. Bei Mannschaftssportarten geht es darum, den Gegner zu besiegen. Beim Bergsport geht es darum, sich selbst zu besiegen.
Ursi: Vor allem das Klettern bietet da für mich eine tolle Mischung. Es ist Gemeinschaft, man ist ein Team, muss zusammenarbeiten. Aber wenn ich an einer schweren Stelle klettere, da bin ich alleine. Da kämpfe ich nur mit mir. Der Partner kann höchstens motivieren: „Hey, komm, mach, geht schon“.Diese Ambivalenz macht das Bergsteigen besonders: man ist als Gemeinschaft unterwegs, aber an den schweren Stellen muss man mit sich selbst kämpfen.
Mia: Und auch an die eigenen Grenzen gehen.
Yvonne: Du kommst ja nicht aus. Wenn du an der Stelle hängst und dir geht die Kraft aus, dann fällst du runter. Wenn einem von elf Fußballspielern die Kraft ausgeht, gewinnen sie vielleicht trotzdem noch.
Chrissi: Oder die Ersatzbank kommt dran.
Mia: Aber das gibt’s am Berg nicht. Da musst du die Zähne zusammenbeißen. Und das finde ich gut daran – der Sport verlangt dir einfach ab, dass du dranbleibst.
 
Ein sonniger Frühlingstag in München. Doch statt im Freien den Fels zu genießen, sitzt man im DAV-Haus und theoretisiert: die sechs jungen Frauen des DAV-Expedkaders, ihre Trainerin Dörte Pietron und drei Interviewer. Die Frauen, die sich selbst "Mädels" (und natürlich ihre männlichen Pendants "Jungs") nennen, sollen Einblicke ermöglichen: In den Sinn des DAV-Expedkaders überhaupt, seine "Damenversion" – und in das, was moderne Frauen vom leistungsorientierten Bergsteigen erwarten.
Die Antworten auf die Einstiegsfrage hätten ganz ähnlich aus dem Männerteam kommen können. Doch als das Schlagwort "Leistungsbergsteigen" fällt, wird die andere, weibliche Sicht greifbar.
Mia: Mir ist immer wichtig zu betonen, dass ich Nachwuchs bin, keine Ines Papert oder Gerlinde Kaltenbrunner. Auch wenn wir jetzt als Leistungsbergsteiger gehandelt werden, sind wir immer noch in der Förderung.
Ursi: Ich sehe mich als ganz normale Studentin, die gern ambitioniert klettert und jetzt eine Möglichkeit hat, gefördert zu werden und nächstes Jahr eine coole Expedition zu machen – hoffentlich. Ich sehe mich weder im Spitzen- noch im Leistungssport.
Caro: Man hat vielleicht eher so ein bisschen den Wunsch oder den Traum, da vielleicht irgendwann mal reinzurutschen.
Alex: Die Jungs sagen alle, sie sind Leistungsbergsteiger. Da ist es interessant, dass ihr euch so gar nicht damit identifiziert.
Mia: Wir identifizieren uns schon damit, aber wir würden uns nicht anmaßen zu sagen, he, wir sind schon so weit, wir sind die Profis.
Alex: Vielleicht ist das sowas "typisch Weibliches" – die falsche Bescheidenheit.
Yvonne: Was heißt da falsch? Schau dir mal an, wer in Deutschland die international bekannten Spitzenbergsportler sind. Da sind Millionen von Welten dazwischen.
Caro: Ich wohne nicht weit von Chamonix, wo es viele starke Leute gibt. Und ich bin eine unter denen, aber längst nicht so stark wie viele von denen. Da kann ich mich nicht als Leistungssportler sehen.
Mia: Wir sind vielleicht in einem gewissen Grad Leistungsbergsteiger, weil wir eine relativ hohe Leistung bringen im Vergleich zur Grundgesamtheit, also den Frauen in unserem Alter, die irgendwie in Richtung Kletter- oder Bergsport unterwegs sind. Wir klettern ja nicht nur alpine Dreier. Aber wir sind weit weg vom Niveau des Profi-Bergsports. Klar, wir sind in Deutschland ausgewählt, würden also per Definition in den Leistungsbereich fallen, aber es fällt uns schwer, uns so zu nennen.
 
Unangebrachte Bescheidenheit? Understatement? Frauen als Opfer ihres mangelnden Selbstbewusstseins? Oder im Gegenteil souveräne, realistische Selbsteinschätzung? Immerhin weist Mia darauf hin: "Wenn ich mit meinen eingefleischten Bergkollegen unterwegs bin: Da hat sich eine Dynamik entwickelt, dass die immer Touren vorgeschlagen haben, die eigentlich zu schwer waren. Und ich dann immer den Gegenpol spielen musste und sagen: Meine Herren, das ist zu schwer, lasst uns lieber mal da schauen – und dann wurde ein Mittelweg gefunden."
Dass der DAV-Expedkader nicht als "Nationalmannschaft Alpinismus" missverstanden werden darf, ist allen klar. Die Trainerin Dörte Pietron erklärt es: "Wenn der Expedkader eine Nationalmannschaft sein sollte, müsste die Altersbegrenzung aufgehoben werden, denn im Bergsport ist es nun mal nicht so, dass die Spitzenleistungen mit achtzehn erbracht werden." Das zeigen auch die Erfahrungen der bisherigen Kader, die bei ihren Abschlussexpeditionen durchaus anspruchsvolle Touren erstbegehen konnten, aber erst anschließend noch eine markante Leistungsentwicklung erlebten.
Dörte war 2005 die einzige Frau in den Männerteams – "Mit meiner Körpergröße kann ich zwar keinen 50-Kilo-Haulbag tragen. Aber vom Kletterniveau her war es bei uns recht homogen." Die Idee, ein reines Frauenteam zu bilden, geisterte schon lange in den Köpfen der Funktionäre, nun gab es gleich mehrere Auslöser, sie zu realisieren. Dörte: "In der Kommission Leistungsbergsteigen hatten wir einen Antrag auf Expeditionsförderung von einem Frauenteam, die wollten den Alpamayo machen. Ich habe gesagt, das ist nichts Interessantes; wir sollten lieber ein Frauenteam beim Expedkader machen, um später richtig anspruchsvolle Anträge zu bekommen."
Damit wurde nun auch eine Ungerechtigkeit beseitigt, die einige der Frauen im Team zu merken bekamen, als sie in Sichtungscamps gemeinsam mit den Männern antreten mussten.
Caro: Das war ganz anderes Kino, aber auch eine megageile Stimmung. Wir konnten viele große Touren gehen – waren drei Tage oben und haben in der Wand gepennt und so.
Andi: Wie habt ihr das empfunden, dass ihr praktisch die gleiche Leistung bringen musstet wie die Männer?
Yvonne: Wir bringen unsere Leistung, weil es uns Spaß macht. Aber um in den Kader reinzukommen, hat man natürlich schlechtere Chancen.
Caro: Die Woche hat mir so viel gebracht, für mich selber – ich habe so viel gelernt. Es hat mich so motiviert, mit den Jungs unterwegs zu sein, das war einfach genial. Für mich war von Anfang an klar, in den Kader werde ich wohl nicht kommen, aber ich nehme einfach das Beste mit.
Yvonne: Die Trainer haben zu uns gesagt: Wir würden euch gerne fördern, aber vom absoluten Niveau her geht das nicht, weil die Jungs 8a, 8b klettern und wir einen kompletten Grad drunter.
Caro: Das heißt, dass du für die Abschlussexpedition zwei Expeditionsziele haben müsstest – eines, das ein bisschen leichter ist, und eines, das für die Jungs am Limit ist.
Yvonne: Und das lässt sich einfach schlecht in einer Expedition vereinbaren.
Caro: Auch konditionell bist du als Frau immer ein Stück hintendran. Und dann macht’s keinen Spaß.
Chrissi: Du gehst jedesmal mit dem Gefühl raus, du musst Vollgas geben. Sie sind im Fels besser, haben mehr Erfahrung – wenn sie zurückstecken müssen, weil wir nicht fit genug sind, gibt’s eine ungute Stimmung.
Mia: Es gibt in fast jedem Sport eine geschlechtsspezifische Förderung oder getrennte Kader oder sonstige Wettkampfaufteilung. Warum sollte es im Bergsport nicht so sein? Unabhängig vom Charakter, Willen oder sonstwas: Von physiologischen oder anatomischen Gesichtspunkten aus sind Männer häufig überlegen.
 
Und damit bringt die Sportwissenschaftlerin eine Erkenntnis auf den Punkt, die seit jeher das Bild vom "Frauenbergsteigen" verzerrt und die Anerkennung weiblicher Leistungen am Berg beeinträchtigt hat: Beim Hundertmeterlauf und Kugelstoßen ist es selbstverständlich, dass Männer und Frauen getrennt gewertet werden – warum müssen Frauen am Berg sich immer mit den Männern messen? Selbst beim Wettkampfklettern und Skibergsteigen schlägt niemand eine gemischte Wertung vor – warum bekommen Alpinistinnen nur dann große Aufmerksamkeit, wenn sie ähnlich Schwieriges leisten wie die stärksten Männer? Mary Varale, Paula Wiesinger, Lynn Hill, Josune Bereziartu, Gerlinde Kaltenbrunner ließen und lassen die allermeisten Männer hinter sich – aber mit den allerstärksten Männern – Comici, Solleder, Caldwell, Sharma, Urubko – konnten sie nicht mithalten.
Wer die Leistungen von Frauen gerecht würdigen will, muss sie mit Frauen vergleichen. Männer- und Frauenbergsteigen sind so unterschiedlich wie männliches und weibliches Gewichtheben. Was spitzensportlich zählt, sind die Topleistungen in der jeweiligen Geschlechtskategorie. Und wenn man leistungsorientiertes Bergsteigen fördern will, muss man Männer und Frauen getrennt behandeln. Mit dem Frauenteam des Expedkaders hat der DAV den Gender-Mainstream-Gedanken für die Alpinismusförderung umgesetzt: die Menschen da abzuholen, wo sie sind, und ihnen ohne geschlechtsbedingte Benachteiligung die beste Entwicklung zu ermöglichen.
Unterschiede bleiben ja genug: So müssen sich Mütter grundsätzlich mühsamer rechtfertigen als Väter, wenn sie trotz Kindern ihre Leidenschaft Berg leben wollen. Wobei die Kader-Mädels – so weit die Perspektive Familie auch in der Zukunft liegen mag – alle davon ausgehen, dass sie zurückstecken werden, wenn sie Kinder haben werden:
Mia: Das machen wahrscheinlich die Hormone aus, dass man einen Beschützerinstinkt hat.
Chrissi: Ich glaube, das erfüllt einen schon ziemlich, wenn man eine eigene Familie hat. Aber es ist wichtig, dass man in etwa das durchgezogen hat, was man durchziehen will, bevor man Kinder kriegt. Dass man selber so glücklich und so ruhig ist, dass man nicht mehr das Gefühl hat, man verpasst was. So haben es meine Eltern gemacht.
Yvonne: Oder du machst es wie meine Eltern, hängst die Kinder in einen Baum, gibst ihnen eine Banane und gehst klettern.
Caro: Ich glaube, dass eine Familie auch für mich irgendwann eine Erfüllung sein kann. Aber das ist halt noch ewig weit weg.
Alex: Männer haben als Väter das Problem genauso; sie spüren auch Angst und wollen nicht, dass die Kinder keinen Vater mehr haben.
Caro: Korra Pesce, unser Co-Trainer in Chamonix, hat ganz klar gesagt, er lebt getrennt von seiner Frau und ist weiter Bergführer. Und es sei gut, dass er seine Tochter nicht die ganze Zeit sieht. Weil wenn sie mal ihren Papa verliert, dann ist es nicht so schlimm. Das finde ich schon ganz schön krass.
Mia: Thomas Huber dagegen hat von sich aus mal ganz klar gesagt, dass er als Vater das gleiche Problem hat, mit seinem Risiko zu leben.
Chrissi: Trotzdem gehen die Außenstehenden stärker auf die Frauen los. Wenn ein Vater von drei Kindern auf Expedition fährt, sagen die Leute maximal: Puh, ganz schön krass. Wenn eine Mutter das gleiche tut, geht die Meute drauf los.
Alex: Das ist in der Gesellschaft nach wie vor so, da musst du gar nicht Bergsteigen gehen, da reicht eine Dienstreise, dass die Leute sagen: Oh Gott, die armen Kinder.
 
Wobei Bergsteigen natürlich tendenziell mehr Gefahren bietet als eine Dienstreise. Wie gehen die Kaderfrauen mit dem Risiko um?
Caro: Ich glaube, dass wir Mädls generell nicht so draufgängerisch damit umgehen.
Dörte: Ich stelle fest, dass ich das Risiko unterschätzt habe. So viele meiner Freunde sind in den letzten Jahren tödlich verunglückt. Und nicht durch Unfälle, wo man sagen würde, um Gottes willen, der Idiot, das hätte ich ja nie gemacht. Sondern durch Unfälle, die jedem passieren könnten.
Andi: Ihr geht bewusst Risiken ein. Mit dem Gedanken: Ich weiß, wenn es blöd läuft, dann komme ich vielleicht heute Abend nicht mehr heim?
Caro: Wenn ich weiß, dass ich von der Tour vielleicht nicht mehr wiederkomme, dann steige ich lieber nicht ein.
Chrissi: Du hast immer objektive Gefahren, die du vorher kennst, etwa den Gletscherbruch am Bumillerpfeiler. Dann ist es wichtig, dass beide Seilpartner wissen, worauf sie sich einlassen. Das muss beiden vorher klar sein.
Ursi: Uns war am Bumiller klar, wenn das Ding jetzt kommt, dann kommt’s. Also Joggingschritt und Gas geben. Das sind aber sehr wenige, bewusste Situationen. jedenfalls habe ich bei meinen Touren noch nie gedacht, ich bin froh, wenn ich abends lebend heimkomme.
Yvonne: Dann würde es auch keinen Spaß mehr machen.
Dörte: Da überlege ich mir sehr genau, wie viel mir das Erlebnis wert ist, das dahinter auf mich wartet. Aber die meisten sind auch nicht durch objektive Gefahren ums Leben gekommen.
Chrissi: Menschen machen Fehler …
Dörte: … wie oft hat man schon seinen Geldbeutel vergessen, wie oft ist man schon gestolpert …
Chrissi: … und wie oft hat man vergessen, den Schrauber zuzuschrauben. Das passiert den besten.
 
So sehr unterscheiden sich da die Frauen doch nicht von den Aussagen, die ihre männlichen Kollegen von sich geben. Bescheidene Akzeptanz der menschlichen Fehlbarkeit, Werte-Abwägung der alpinen Träume, sachliche Analyse der Gefahren und modernes Risikomanagement. Ein anderes Thema verspricht mehr Differenzen: Auch heute noch werden Frauen oft unter dem Aspekt "Schönheit" betrachtet.
Andi: Meine Frau sagt oft, ihre starken Muskeln sind ihr peinlich; ich sag dann immer, Muskeln sind geil. Wie geht’s euch damit?
Dörte: Ich hätte gern welche, krieg aber keine.
Caro: Ja, ich auch.
Charly: Der beste Kommentar von meinem Freund war: Boah, du bist so ein Schrank geworden.
Ursi: Es kommt immer auf die Perspektive an. In einem Klettertop machen sich Muskeln sehr gut. Wenn man allerdings in einem kurzen Schwarzen mit Spaghettiträgern und tiefem Ausschnitt dasteht, schauen Muskeln vielleicht nicht so gut aus.
Caro: Also ich finde das cool, wenn ein Mädl Muskeln hat.
Chrissi: Ich hab’ ein Problem beim Hemdenkauf. Das ergibt sich halt, wenn man viel trainiert. Aber ein Problem ist was anderes.
Yvonne: Wenn die Muskeln nicht da wären, wäre es auch okay. Und wenn sie da wären ohne Klettern, wär’s okay. Wenn man dicke Arme hat, hat man halt dicke Arme. Ist doch völlig egal.
Chrissi: Ab und zu ist es schon ein bisschen doof – wenn man zum Beispiel die Männer wieder beim Armdrücken schlägt.
Yvonne: Aber kennst du irgendeine Frau, die nicht zum Bergsteigen oder Klettern geht, weil sie Angst hat, dass sie dann nicht mehr attraktiv ist?
Chrissi: Also ich kenne welche, die aufgehört haben, weil sie zu viel Oberarm bekommen haben und weil die Füße so eklig ausschauen.
Yvonne: Aber glaubst du, dass ihnen dann das Klettern überhaupt wirklich ernsthaft getaugt hat?
Mia: Man kriegt ja schon manchmal so charmant gesagt: Naja, du siehst ja trotzdem schon noch einigermaßen weiblich aus. Die Männer achten da schon drauf. Aber mein Gott, da muss man sich halt entscheiden: Sport oder extrem filigran.
Andi: Nicht nur Muskeln braucht man beim Bergsteigen, auch mentale Stärke. Und Selbstbewusstsein ist auch etwas, das nicht allen Männern an Frauen willkommen ist. Merkt ihr etwas in der Richtung?
Yvonne: Dann gefällt's ihnen halt nicht, ist doch mir egal.
Anette: Fühlt ihr euch stärker durch die Erfahrungen, die ihr im Kader oder am Berg gemacht habt? Selbstbewusster?
Caro: Also bei mir ganz sicher. Für mich war das Bergsteigen in der Jugendgruppe so richtig Freiheit. Weil wir immer allein weg sind, ohne meine Eltern – das hat mir voll Selbstbewusstsein gegeben.
Anette: Und dieses Herausforderungen annehmen, Angst überwinden, sich Exponieren – kannst du das in den Alltag übertragen?
Caro: Ich finde schon. Meine Mama hat oft gesagt, wenn ich zu Hause vor etwas Unangenehmem kneifen wollte: Hey, du hast schon ganz andere Dinge gemeistert – und das stimmt auch.
Yvonne: Man kann das nicht ganz so pauschal sagen, nicht jeder kann das übertragen. Ich kenne einige super Kletterer und Bergsteiger, wenn du die im Alltag erlebst, fragst du dich: Wie kommt denn der einen Berg hoch?
Andi: Hat der Kader etwas verändert am Selbstbewusstsein und an den Einstellungen, wie ihr bergsteigt?
Caro: Der Kader gibt schon zusätzlich Motivation.
Chrissi: Es pusht einen, ja
Ursi: Für mich gab es ein Schlüsselerlebnis: Die letzte Tour in den Dolomiten, die Moulin Rouge. Die hatte ich mir schon mal angeschaut, aber gedacht, da habe ich die Hose noch zu weit unten, das schaffe ich noch nicht. Dann sind wir eingestiegen und auch bis zum Gipfel gekommen. Das war für mich der Punkt, wo ich mir gedacht habe, he, da ist noch mehr drin, da geht noch was, da kann man noch eine Schippe drauflegen. Das war für mich so ein bisschen ein Augenöffner.
Andi: Die Kader-Aktionen haben euch also mehr Selbstvertrauen gegeben?
Chrissi: Auf jeden Fall, ja.
 
Auch dazugelernt haben sie schon viel im ersten Jahr, vor allem im Eis- und Mixedklettern, trotz des eher mäßigen Winters, und auch im technischen Klettern. Und sie sind gierig darauf, mehr mitzunehmen: "Das ist eine Riesenchance", schwärmt Caro. Wem das ambitionierte alpine Bergsteigen am Herzen liegt, den muss die Leidenschaft begeistern, mit der diese jungen Frauen dafür brennen. Und der muss sich freuen, dass der Kader ihnen dabei hilft – wobei sie wieder als Rollenmodelle andere Frauen zum Aufstieg in dieser Disziplin motivieren können.
Dörte: Beim Männerkader ist das Niveau von Kader zu Kader gestiegen. Das kann jetzt bei den Frauen genauso passieren.
Chrissi: Ich glaube auch, dass viele jetzt die Chance sehen. Die lesen mit 14, 15 im DAV-Magazin: Boah, da gibts einen Expeditionskader, und denken sich: Da mag ich hin. Was muss ich dafür tun?
Alex: Hätten bessere Strukturen in deiner Sektion dich stärker gefördert?
Chrissi: Wenn zu meiner Zeit genug Nachfrage dagewesen wäre, dann wäre sicher in der Sektion auch eine ambitionierte Gruppe entstanden. Aber wegen ein oder zwei Leuten, die zum Klettern motiviert sind, passiert da nichts. Auch mit mehr Eigeninitiative wäre etwas gegangen. Aber der Einstieg ist nicht so einfach.
Caro: Bei mir war es vor allem das Distanzproblem – bei Darmstadt gibt es halt keine Berge. In der Pfalz sind wir zwar schnell ins selbständige Absichern mit Cams und Klemmkeilen reingekommen, Mädls und Jungs – alle gleich. Aber in die Berge zu kommen war einfach schwer.
Anette: Habt Ihr es so empfunden, als ob für die Jungs der Weg ins Alpine offener wäre als für die Mädels?
Chrissi: Mein Papa ist früher selber viel geklettert, aber er wollte eigentlich nicht, dass ich ins alpine Klettern reingehe; vielleicht hat er Angst um mich. Zu Jungs sagt man eher: Komm mit Bua, du packst das schon, bei Mädels ist man eher behütend.
Alex: Denkst du, dass dein Vater dich beschützen wollte, oder dass er dachte, du bist ein Mädchen, da passt das Alpine nicht?
Chrissi: Das denkt er immer noch, aber ich erzähle ihm halt nicht alles, wo ich hingehe.
Alex: Habt ihr das auch so erfahren? Dass man denkt, ambitioniertes Bergsteigen ist nicht das Richtige für Frauen?
Dörte: Ich glaube, das ist einfach traditionell so und unsere Erfahrung. Ich merke das selber auch bei schwereren alpinen Sachen, dass mich jemand anschaut: Du, Alpin, was? Da muss man sich erstmal beweisen und zeigen, okay, man kann es. Und dann ist es okay.
Chrissi: Letztes Jahr war ich mit einer Freundin auf der Haute Route unterwegs. Da hat jeder Hüttenwirt bei der nächsten Hütte angerufen und gesagt, sie sollen Bescheid sagen, wenn die zwei Frauen angekommen sind.
Dörte: Ich merke es ja bei mir selber. Wenn ich an einer schweren Tour stehe und in der Seilschaft vor mir ist eine Frau, dann denke ich: Das kann ja noch ewig dauern.
Yvonne: Das ist gerade für jüngere Mädels, die anfangen wollen, total frustrierend. Man wird immer erstmal schief angeschaut: Das kannst du ja eh nicht. Dass man das durchsteht und trotzdem sagt, jetzt gehe ich aber mit: Ich glaube, da braucht es einfach nochmal ein Stück mehr Ausdauer.
Caro: Das war bei mir extrem so. Es war voll unfair, auf die erste Hochtour durften nur die Jungs mit, wir Mädels nicht.
Yvonne: Bei mir wars krass, weil ich über Jahre das einzige Mädel in der Jugendgruppe war. Und da ging es einfach nicht, dass ich gejammert hab’ oder dass ich nach 1000 Höhenmetern nicht mehr konnte. Deshalb habe ich mich durchgebissen und es war mir lieber, wenn wir wegen einem von den Jungs umgedreht haben.
Ursi: Für mich war das größte Problem, so viel Selbstvertrauen aufzubauen, dass ich irgendwann mal sage: So, das mache ich jetzt und ich gehe mit. Dann funktioniert’s auch, aber das muss man sich erarbeiten oder erkämpfen.
Mia: Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke, war ich immer mit Männern unterwegs. Aber die haben eher gesagt, geil, mal ein Mädel, das auch was drauf hat.
 
Sie hatten es nicht leicht, die DAV-Frauen fürs Grobe. Wie viele ihrer Geschlechtsgenossinen fangen für sie die Mühen der Bergtour schon vor der Abfahrt an. Kein Wunder, dass sie ihre Vorbilder – wenn sie nicht ohnehin statt Personen nur gelungene Aktionen bewundern – am liebsten unter Frauen suchen: "Was andere starke Mädels machen, finde ich schon eher ein Vorbild als das, was ein Mann macht", sagt Caro. Die Spanierin Silvia Vidal, die wochenlang solo Bigwalls erstbegeht, und die vor zwei Jahren tödlich verunglückte Belgierin Chloé Graftiaux, die den Eis- und einen Boulderweltcup gewann, den "Freerider" am El Capitan (1000 m, IX) freikletterte und in der Bergführerausbildung war – von ihnen lassen sie sich inspirieren.
Doch nochmal zur Frage: gibt es einen "weiblichen" Stil am Berg, der sich vom "männlichen" unterscheidet?
Yvonne: Allein vom Physischen her ist es anders. Ich halte beim Klettern vielleicht mal drei kleine Leisten und er macht einfach sooooo einen Längenzug, weil er längere Arme hat.
Ursi: Männer oder Frauen am Berg, das sind zwei verschiedene Atmosphären, es läuft komplett anders ab. Aber ich genieße beides und ich bin froh, dass ich beides habe.
Yvonne: Ich finde, dass es immer auf die Persönlichkeit ankommt. Wenn es passt, passt’s – egal, ob männlich oder weiblich.
Mia: Der einzige Punkt, der mir auffällt, ist die Kommunikation. Die ist in einer Gruppe von sechs Frauen schon massiv anders, als wenn man mit Männern unterwegs ist. Zum Beispiel die Entscheidungsfindung ist ganz anders in unserer Gruppe als in einer gemischten Gruppe.
Chrissi: Männer sagen, was sie wollen. Wenn sie keinen Bock haben, dann sagen sie, das machen wir nicht so. Und wenn sie sagen, sie wollen das, dann machen sie es so. Die sagen mal "Du Arschloch", und gleich ist es wieder gut. Frauen tun dann so rum:  "Jetzt brauche ich kurz zehn Minuten meine Ruhe – und ich weiß nicht – und hm – und vielleicht doch…" Oder wenn es darum geht, wer vorsteigt. Wenn du mit einem Buben unterwegs bist, dann sagt der entweder: Steig’ du vor – oder er sagt: Ich würde es gern machen. Bei Frauen: Ja, mir ist das wurst, du kannst schon einsteigen.
Caro: Also wenn ich die erste Seillänge vorsteigen will, dann sag’ ich das auch.
Alex: Auf den zwei Trainingscamps, wo ich dabei war, musste auch manchmal der Trainer festlegen, wer mit wem geht, sonst hätte die Entscheidungsfindung zu lange gedauert.
Mia: Ich glaube, dass Frauen ein stärkeres Harmoniebedürfnis haben. Dieses: "willst du das denn auch und bist du damit einverstanden?" haben Männer, glaube ich, weniger. Und ich habe auch das Gefühl, dass Frauen sich eher unterschätzen und lieber tiefstapeln – und Männer, pauschal gesagt, eher hochstapeln. Also risikobereiter sind.
Caro: An den Unterschied im Sozialen glaube ich auch. Ich mache mir schon immer Gedanken, dass es den anderen auch Spaß macht und gut geht. Und ich glaube, das ist bei Jungs manchmal nicht so stark.
Chrissi: Die Jungs geben auch weniger nach. Frauen versuchen eher zu schauen, dass jeder irgendwie auf seine Kosten kommt.
Mia: Mit euch Mädls kommt man wirklich zu einem Konsens. Dass man am Ende die gleiche Entscheidung trifft. Mit Männern habe ich eher das Gefühl, dass beide Seiten Kompromisse eingehen müssen.
 
Konsens mit den Männern jedenfalls verbindet die Expedkader-Frauen beim Thema Leidenschaft.
Andi: Gibt es ein Leben ohne Klettern?
Mia: Na voll!
Yvonne: Raus!
Mia: Nein! Das war natürlich nicht ernst gemeint!
Alex: Gibt’s für euch was anderes im Leben außer Klettern und Bergsteigen? 
Charly: Ich bin nicht nur Kletterer, ja.
Yvonne: Ich habe ziemlich intensiv Gitarre gespielt und sogar überlegt, ob ich das studiere. Aber wenn du richtig Gitarre spielen willst, dann musst du mit dem Klettern aufhören, weil die Finger so langsam werden, so steif. Dagegen Klettern und ein bisschen Gitarre spielen, das geht.
Ursi: Ich kann mich sehr gut mit anderen Dingen beschäftigen: mit Büchern, mit dem Freundeskreis. Ich studiere ja auch, da habe ich auch viel zu arbeiten.
Chrissi: Das Studium ist ein guter Ausgleich.
Caro: Ja. Manchmal macht es auch Spaß, richtig was für den Kopf zu machen. Du strengst das Hirn schon in den Bergen auch an, aber nicht so richtig intensiv.
Chrissi: Es ist auch mal schön, einfach nur auf ein Eishockey-Spiel zu gehen oder mit Freunden rumzuhängen. Oder Party zu machen.
Caro: Aber ich muss sagen, dass bei mir schon das Klettern der Hauptpfeiler ist und auch das, was mir am meisten Erfüllung gibt – was mich einfach so richtig glücklich machen kann.
Yvonne: Mit jedem Meter, den man klettert, lernt man was, macht man eine Erfahrung.
Caro: Und wird stärker.
Chrissi: Wenn du dich an die Grenze rausforderst.
Caro: Das ist doch genial, oder? Wirklich am Limit sein.
Chrissi: Und geile Aktionen durchziehen und Spaß haben.

Das Gespräch führten: Alexandra Albert (Sozialpädagogin, begleitete für ein Buchprojekt die letzten beiden Männerteams des Expedkaders), Anette Köhler (Chefredakteurin des Alpenvereinsjahrbuchs), Andi Dick (Redakteur von DAV Panorama, staatl. gepr. Berg- und Skiführer, Mitglied der DAV-Trainingsexpedition 1988)