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Ehemaliges Mitglied des DAV-Expedkaders im Interview: Felix Sattelberger

"Mit dem Wissen, Gletscher sind eben nicht das ewige Eis, steigt vielleicht die Wertschätzung des Bergsteigens wieder."

Im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums haben wir Felix Sattelberger zum Interview getroffen. Felix war von 2010 bis 2012 Mitglied des DAV-Expedkaders.

 

Das Internet startete Anfang der 2000er Jahre richtig durch – genau wie der Expedkader. Ab 2007 revolutionierte das Smartphone die Welt in allen Belangen. Wie hat der digitale Fortschritt beim Bergsteigen Einzug gefunden?

Der digitale Fortschritt hat massiv Einzug gefunden und ist nicht weg zu denken. Ich vergleiche das mit anderer moderner Ausrüstung, die auch niemand missen möchte. Sie bietet einfach sehr viele Vorteile und am Ende auch ein Plus an Sicherheit, wenn man an den Wetterbericht oder GPS-Tracks auf Uhren für den Abstieg usw. denkt. Über digitale Weltkarten sind unbestiegene Berge und deren Umgebung vom Schreibtisch aus sichtbar. Die Planung geht also wesentlich präziser als vor der Zeit des Internets. Vermutlich nimmt dieser Teil der Vorbereitung auch einen gewissen Teil der Anspannung des Abenteuers heraus, wobei es sicher zum Erfolg beiträgt.

 

Ist ein Smartphone am Berg heutzutage Pflicht, oder eher Luxus?

Ich würde eher sagen eine Gewichtsfrage. Und einen Lieblingsinterpreten im Biwak dabei zu haben ist natürlich Luxus.

 

Nutzt du auch noch analoge Tools wie Karten und Kompass?

Analoge Tools bestehen wenn dann aus einem Topoführer bei der Planung einer Tour. Kartenausschnitte drucke ich mir bei längeren Touren aus, um nicht eine komplette Gebietskarte mitführen zu müssen. Einen Kompass habe ich tatsächlich erst einmal im Schottischen Winter benutzt. Da hier im Winter Schlechtwetter-Tage der Standard sind, muss man sich anpassen um überhaupt unterwegs sein zu können. Hier war der Kompass für den Zustieg zur Wand eine große Hilfe.

Schuhe und Seile wiegen heute nur noch einen Bruchteil von damals und bieten auch noch mehr Sicherheit und Komfort. Das sind wirklich tolle Entwicklungsschritte.

 

 

Auf welche drei Ausrüstungsgegenstände würdest du niemals verzichten wollen?

Stirnlampe, Messer, Helm

 

Die hochalpine Landschaft wird durch den Klimawandel ganz besonders stark beeinflusst. Wo fallen dir persönlich die größten Veränderungen der letzten 20 Jahre auf?

Die größten Veränderungen sind mir am "Mer de glace" in Chamonix aufgefallen. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Leitern hier schon installiert wurden, um von der Bahnstation, wo einst der Gletscher angeschlossen hat, runter auf die aktuelle Gletscherbasis zu gelangen.

 

Hat das veränderte Klima Auswirkungen auf die Art und Weise des Bergsteigens?

Mit dem Wissen, Gletscher sind eben nicht das ewige Eis, steigt vielleicht die Wertschätzung des Bergsteigens wieder und die Demut gegenüber dem Berg an sich.

Die objektiven Gefahren verändern sich. Das Auftauen des Permafrostes macht sich an Stellen bemerkbar, an denen man es vor einigen Jahren nicht erwartet hätte. Felsstürze in hochalpinen Gelände kommen gefühlt immer häufiger vor. Auch habe ich selbst erfahren, dass Seracs in Chamonix beispielsweise mitten in der Nacht brechen, wo es am kältesten ist.

Aber die Veränderung der Art und Weise kann ich schlecht beurteilen, da ich vor 20 Jahren noch im Sandkasten gespielt habe, aber eigenartig ist es schon, am Peuterey Integral im T-Shirt zu klettern, zumindest teilweise.

 

Der Sport wird zunehmend professioneller. Auch der Bergsport. Wie stehst du heute zum leistungsorientierten Bergsteigen und ist die Professionalisierung eher Fluch oder Segen?

Der ursprüngliche Ansporn des Bergsteigen denke ich ist ja, das Unbekannte zu betreten. Die Entwicklung zum leistungsorientierten Bergsteigen ist nur ein logischer und ich denke auch ein natürlicher Schritt des Sports an sich. Je mehr Menschen diesen Sport ausüben, desto mehr Talente wird es geben, die wiederum versuchen die Grenzen des Machbaren zu verschieben.

Das Bergsteigen am Limit ist jedoch häufig ein schmaler Grat, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine Bergtour am Limit des Machbaren birgt natürlicher Weise mehr Gefahren als andere. Mit dieser Problematik müssen sich professionelle Bergsteiger*innen ausseinander setzen. Gleichzeitig ist es der Mythos der dabei wächst und entsteht, was in gewisser Weise den Reiz ausmacht, sich dieser Gefahr bewusst zu stellen und zu versuchen damit umzugehen.

 

Schnellfragerunde

Allrounder oder Spezialist? Allrounder

 

Alpen oder Berge der Welt? Alpen

 

Fels oder Eis? Fels

 

Topographische Karte oder Tourenapp? Tourenapp

 

Reparieren oder neu kaufen? Unbedingt Reparieren

 

Damals oder heute? Heute