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Frauen am Berg – Große Leistungen

23.10.2021, 11:52 Uhr

Wenn man die Geschichten aus den frühen Zeiten des Alpinismus liest, könnte man fast meinen, es hätte gar keine Frauen am Berg gegeben. Dabei lag es weniger an ihrer Abwesenheit als daran, dass ihre Leistungen nie veröffentlicht wurden. Im Folgenden haben wir euch eine exemplarische und auf keinen Fall vollständige Sammlung von Bergsteigerinnen zusammengestellt, die außergewöhnliches geleistet haben und immer noch leisten und Alpinistinnen bis heute den Weg ebnen.

Der Beginn des Alpinismus

Im 19. Jahrhundert werden die Gipfel erstmals um ihrer selbst willen bestiegen – der Beginn des Alpinismus, auch wenn schon vorher vereinzelte Leistungen bekannt sind.

 

Im Frauen-Alpinismus ist eines der wichtigsten Daten der 3. September 1838: Henriette d’Angeville (1794-1871) besteigt aus Eigeninitiative den Mont Blanc – vorher, fast 30 Jahre früher, war zwar schon Marie Paradis oben, aber nicht aus eigenem Antrieb und mit viel direkter Hilfe.

 

Die etwas jüngere Margaret Claudia „Meta“ Brevoort (1825-1876) ist uns dank ihrer Wintererstbesteigungen von Jungfrau und Wetterhorn bis heute bekannt. Außerdem stand sie als erste Frau auf Gipfeln wie Weißhorn, Dent Blanche und Bietschhorn; an der Meije gelang ihr die Erstbesteigung des Pic Central. Bereits 77 Jahre vor der Erstbesteigung des Everests dachte Brevoort eine derartige Unternehmung an. Während Frauen zu ihrer Zeit in Kleidern zumindest aufbrechen mussten (manche legten sie unterwegs ab und gingen in Hosen weiter), stieg sie bewusst in Hosen. Ihre Hündin Tschingel, die sie auf vielen Touren begleitete, wurde Ehrenmitglied im Alpine Club, sie selbst wurde als Frau nicht aufgenommen.

 

Lucy Walker (1836-1916) stand als erster Mensch auf dem Balmhorn und als erste Frau auf Wetterhorn, Liskamm und Piz Bernina. Am Matterhorn kam sie 1871 Meta Brevoort um wenige Tage zuvor. Im englischen Ladies‘ Alpine Club war sie von 1913-1915 zweite Vorsitzende.

 

Elizabeth Alice Frances Hawkins-Whitshed, verwitwete Burnaby (1860-1934) – auch bekannt als Lizzie Le Blond – schloss sich 1883 mit Vittorio Sella zusammen, einzig aus dem Grund, dass er ihr nicht die Wintererstbesteigung des Monte Rosa wegschnappt. Weitere Wintererstbesteigungen führten sie auf Piz Palü, Piz Scerscen und Monte Disgrazia. Auf dem Ostgipfel des Walliser Bishorns (4135m) war sie der erste Mensch. Sie machte sich als Fotografin (ausgezeichnet von der Royal Photographic Society) und Buchautorin einen Namen und nahm an Autorennen teil. Auf dem Dent du Géant war sie als dritte Partie, an einem Wartetag bestieg sie die Vierge, wobei sie „fondly believed“, dass sie dort die erste war. Zwischen 1897 und 1899 gelangen ihr in den norwegischen Lyngen Alpen 29 Erstbesteigungen und weitere neun Erstbegehungen. 1907 gründete sie den Ladies‘ Alpine Club und war viele Jahre Vorsitzende.

 

Eleonore Noll-Hasenclever (1880-1925) bestieg mit dem Bergführer Alexander Burgener 21 Viertausender; als er ihr sagte, er könne ihr nichts mehr beibringen, kletterte sie führerlos und führte auch andere. Sie war mit Topleuten wie Alfred Horeschowsky und Hans Pfann am Seil und durchstieg die Nordwand des Zermatter Breithorns.

 

Schwierige Routen und erste Frauenseilschaften

Zum 20. Jahrhundert hin werden die Routen immer schwieriger, immer mehr Menschen sind eigenverantwortlich in den Bergen unterwegs und reine Frauenseilschaften feiern erste Erfolge.

 

Jeanne Immink (1853-1929) meisterte die Erstbesteigung des Sasso di Toanella und forderte mit einem am Gipfel zurückgelassenen Zettel „die Herren Alpinisten auf, meinen Schritten zu folgen“. Sie erfand einen Abseilgurt, kletterte in Hosen und manchmal auch solo; die schwersten Touren ihrer Zeit ergänzte sie oft um Varianten, Überschreitungen oder Schnelligkeitsrekorde.

 

Paula Wiesinger (1907-2001) kletterte den in den 1920ern und 30ern revolutionären "sechsten Grad" auch im Vorstieg und eröffnete mit ihrem Mann zwei legendäre Routen: die Direkte Ostwand der Rosengartenspitze und den "Weg der Jugend" am Einserkofel. Als Skirennläuferin war sie 15-Mal italienische Meisterin.

 

Mira Marko Debelakova (1904-1948) gelang 1926, woran viele Männer vor ihr gescheitert waren: die erste Durchsteigung der Nordwand des Spik in den Julischen Alpen. Außerdem erklomm sie den Ben Nevis in Schottland über die Nordwand.

 

Miriam O’Brien Underhill (1898-1976) und Alice Damesme (1894-1976) bildeten die erste bedeutsame Frauenseilschaft und überschritten als erste Frauen 1929 gemeinsam den Grépon. Drei Jahre später waren sie die erste Frauenseilschaft am Matterhorn.

 

Loulou Boulaz machte einige erste reine Frauenbegehungen wie die Südwestwand des Dent du Géant. Gemeinsam mit Pierre Bonnant beging sie als erster Mensch die Zinalrothorn-Nordwand und die Studerhorn-Nordwand. Als erste Frau durchstieg sie den Aiguille Noire Südgrat, die Petit Dru Nordwand, die Poireroute in der Brenvaflanke und an den Grandes Jorasses den Croz- und den Walkerpfeiler.

 

Frauen an großen Zielen

Mitte des 20. Jahrhunderts bricht die erste Frauenexpedition auf, und zwar in den Himalaya. Auch sonst sind immer mehr Alpinistinnen so ambitioniert wie selbstverständlich am Berg unterwegs.

 

Betty Favre (1918-1977) schaffte als Trio mit ihrem Mann Ernest Favre und Louis-Maurice Henchoz rund 20 Erstbegehungen im Massiv der Gummfluh und in den Waadtländer Alpen. Auch der legendäre Salbitschijen-Westgrat geht auf ihr Erstbegehungskonto.

 

Monica Jackson (1920-2020) organisierte 1955 die erste Frauenexpedition in den Himalaya – ohne es zu wissen. Dort schafften sie im bis dahin unerforschten Jugal Himal nordöstlich von Kathmandu die Erstbesteigung des Gyalgen Peak (6151 m). Auch ihr wurden Steine in den Weg gelegt: Am Matterhorn musste sie mit ihrer Seilgefährtin in einer Hütte neben der Hörnlihütte übernachten, da die männliche Begleitung fehlte


Die russische Meisterin des Alpinismus, Elvira Shataeva (1938-1974), führte zahlreiche Frauenseilschaften und hatte es sich zum Ziel gesetzt, den weiblichen Stil am Berg zu fördern. Ihr größter Erfolg sollte der Pik Lenin sein, der 7134 Meter hohe Gipfel im Pamirgebirge wurde jedoch ihr Grab. Dies zog die Diskussion nach sich, ob sie starben, weil sie als Frauen zu viel beweisen wollten (als sie sich entschlossen die geplante Überschreitung durchzuziehen, zog das schlechte Wetter schon heran) - oder ob sie (aus finanziellen Gründen?) schlechtere Ausrüstung als ihre männlichen Kollegen hatten.

 

Achttausender und der französische 8. Grad

In den 1950er Jahren (bis 1964) werden die Achttausender erstbestiegen - von rein männlich besetzten Teams. Erst zwanzig Jahre später sind auch Frauen häufiger an den höchsten Gipfel der Erde zu sehen. Als sich in den 1970ern in den USA nach dem Bigwall- das Freiklettern entwickelt, sind auch Frauen dabei.

 

Wanda Rutkiewicz (1943-1992) war die "große Achttausenderfrau" der 1980er Jahre - acht der 14 großen Gipfel gelangen ihr. Als erste Frau stand sie ohne Hilfssauerstoff am Gipfel des K2. Der Gasherbrum III (7952 m) war der höchste Gipfel, der je von einer Frau erstbestiegen wurde – sie leitete die Expedition und gehörte zum Gipfelteam.

 

Arlene Blum (*1945) erreichte als erstes Frauenteam den Gipfel des Denali, Alaska, die Teilnahme an einer Männerexpedition wurde ihr verweigert. Ihre spätere Idee einer Frauenexpedition auf einen Achttausender setzte sie an der Annapurna um; es war die erste US-amerikanische Expedition und die erste Frauenexpedition, die den Gipfel erreichte.

 

Renata Rossi (*1953) war 1984 die erste Bergführerin Italiens. Bereits zehn Jahre vorher bewirtschaftete sie für einen Sommer die Capanna Sasc Furä, unter „ihrem“ Berg, dem Badile. Aus dem einen Sommer wurden drei und sie beschloss, das Klettern und Bergsteigen zum Beruf zu machen.

 

"Walls without balls" betitelte Sibylle Hechtel einen Artikel, nachdem sie 1973 gemeinsam mit Beverly Johnson die "Triple Direct" am El Capitan durchstiegen hatte; das erste Frauenteam in einem Bigwall. Die legendäre "Nose" ging 1977 an Molly Higgins und Barb Eastman. Und Johnson stieg 1978 gar in einem zehntägigen Solo durch die Dihedral Wall.

 

Gerlinde Kaltenbrunner (*1970) ist die erste Frau, die alle 14 Achttausender ohne Hilfssauerstoff schaffte. Ihren letzten Gipfel, den K2, bestieg sie nach sechs gescheiterten Expeditionen über den schwierigen Nordpfeiler; dabei spurte sie fast die ganze Gipfeletappe in knietiefem Schnee.

 

Catherine Destivelle (*1960) machte als erste Frau Solo-Winterbegehungen der Heckmair-Route am Eiger, des Walkerpfeilers an den Grandes Jorasses und der Bonatti-Route am Matterhorn. In der Westwand des Petit Dru eröffnete sie solo in elf Tagen eine Extremroute (VIII, A5), das Sportklettern trieb sie gemeinsam mit Lynn Hill in den zehnten Grad. An der Shishapangma gelang ihr die schwierige Südwestwand. Sie erhielt 2020 einen piolet d'or für ihre Lebensleistung.

 

Lynn Hill (*1961) kletterte als erste Frau den Grad 8b+ (X+) rotpunkt und 8a+ (X-) onsight, auch am legendären Boulder "Midnight Lightning" war sie die erste Frau. Als erstem Menschen überhaupt gelang ihr eine der bis heute schwierigsten Free Big Walls: Die "Nose" am El Capitan (900 m, X+) konnte sie 1993 erstmals rotpunkt klettern; ein Jahr darauf wiederholte sie die Begehung in nur 24 Stunden. Diese Leistung wurde erst elf Jahre später wiederholt.

 

32 Tage allein in der Wand, 16 davon mit schlechtem Wetter: das war Silvia Vidals (*1970) Einsatz für die Erstbegehung "Espiadimonis" (1300 m, VII, A4) in Chile. Sie sucht sich immer Wände aus, zu denen es noch keine Karten oder Infos anderer Kletternder gibt, so abgelegen als wären sie von einem anderen Planeten. Bei den piolets d'or 2021 erhielt sie eine "spezielle Erwähnung" für ihren "enormen Beitrag zum Bigwall-Soloklettern für über zwei Jahrzehnte".

 

In die breite Öffentlichkeit

Das Klettern und Bouldern wird auch für die Öffentlichkeit immer interessanter, die Athlet*innen dokumentieren und inszenieren sich und ihre Leistungen online und in den aufstrebenden Medien – ein massiver Fortschritt für die Sichtbarkeit von Frauen am Berg und im Fels.

 

Josune Bereziartu (*1972) kletterte als erste Frau die Schwierigkeitsgrade 8c (X+/XI-, "Honky Tonky", 1998), 8c+ (XI-, "Honky Mix", 2000), 9a (XI, "Bain de Sang", 2002) – und mit "Bimbaluna" (9a/9a+, 2005) sogar noch einen Tick schwerer.

 

Um ihre beiden Leidenschaften, Klettern und Basejumpen, zu kombinieren, intensivierte Steph Davis (*1973) ihre Free Solo-Touren. Schon vorher machte sie sich mit mehreren Erstbegehungen in Kirgisistan, Pakistan und Baffin Island einen Namen.

 

Ines Papert (*1974) hinterlässt eigene Spuren im Fels, steilen Eis- und Mixed-Routen und an den Bergen der Welt. Ihr gelangen Erstbegehungen und Erstbesteigungen auf der ganzen Welt, bei vielen High-End-Routen in Fels (bis X) und Mixed (bis M13) sicherte sie sich frühe Wiederholungen. Viermal war sie Weltmeisterin und mehrfach Weltcupsiegerin in Eiskletter-Wettbewerben.

 

Dörte Pietron (*1981), Mitglied des DAV Expedkader 2003-2005, konnte sich als bisher einzige Frau im Vergleich mit den männlichen Konkurrenten für den dreijährigen Förderlehrgang qualifizieren. Heute ist sie Cheftrainerin des Frauen-Expedkaders und macht alpine Erstbegehungen im zehnten Grad. In Patagonien gelangen ihr zum Beispiel schwere Routen an Cerro Torre und Fitz Roy.

 

Wenn Träume wahr werden: Nina Caprez (*1986) durchstieg als erste Frau die Mehrseillängenroute Silbergeier im Rätikon (8b+) – bis heute eine der anspruchsvollsten Alpinklettereien im Alpenraum. Zu vielen weiteren High-End-Routen gehörte auch die "Unendliche Geschichte“ (X+) im Rätikon, gemeinsam mit Barbara Zangerl.

 

Sie gilt als eine der stärksten und am meisten diversifizierten Kletterfrauen: Barbara Zangerl (*1988) gelangen Sportkletterrouten bis zum Grad 9a (XI) und Tradrouten bis X+/XI-, als erste Frau boulderte sie 8B. Doch vor allem Mehrseillängenrouten faszinieren sie: Sie komplettierte als erste Frau die „alpine Trilogie“ (Silbergeier, End of Silence, Des Kaisers neue Kleider) und etliche free big walls am El Capitan. 2019 wurde sie mit dem National Geographic Award „Adventurer of the Year“ ausgezeichnet.

 

Angela „Angy“ Eiter (*1986) war die erste Frau, die eine Route im Grad 9b (XI+/XII-) erstbegehen konnte. Die vierfache Weltmeisterin, sechsmalige „Rock Master“-Siegerin und 25-fache Weltcupgewinnerin im Lead kletterte 2017 als erste Frau den Grad 9b mit „La Planta de Shiva“ in Spanien – 2020 setzte sie dann mit „Madame Ching“ in Tirol ihre eigene Duftmarke; eine Erstbegehung fordert viel mehr Engagement und Selbstvertrauen, denn man weiß nicht, ob die Route überhaupt möglich ist.

 

Die derzeit stärkste Sportkletterin ist die Italienerin Laura Rogora (* 2001). Wie kraftvoll und energisch sie nach nur sechs Tagen Training "Erebor" (9b/9b+ = ca. XII-) durchzog, beeindruckte Adam Ondra und den Erstbegeher Stefano Ghisolfi, der 20 Tage für die Route gebraucht hatte. Nur sechs Männer haben bisher vergleichbare Schwierigkeiten geklettert.

 

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